Lohnt sich Kino: Wunder

  • Christian Böttcher
    vonChristian Böttcher
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Wenn man vor der Entscheidung steht, Recht zu bekommen oder Freundlichkeit zu zeigen, dann sollte man immer die Freundlichkeit wählen. Mit dieser Prämisse wagt Stephen Chbosky in der kommenden Woche einen Ansturm auf die deutschen Kinos und unsere Herzen. Die Festtage sind vorbei und trotzdem gehört Wunder ohne Wenn und Aber in die Kategorie „Winterliche Wohlfühlfilme“. Wir haben das prominent besetzte Drama schon vor dem offiziellen Kinostart gesehen und die eine oder andere Träne der Rührung verdrückt.

Auggie – Der Junge im Astronautenhelm

Das Treacher-Collins Syndrom ist eine extrem seltene Erbkrankheit, die zu Fehlbildung im Bereich des Gesichtes führt. Zu den Betroffenen gehört auch der aufgeweckte August Pullman (Jacob Trembley). Seit seiner Geburt hat der Junge mit einem entstellten Äußeren zu kämpfen und zieht sich deshalb nur zu gern in die schützende Anonymität eines Astronautenhelms zurück. Doch unter dem Visier weiß der neugierige, kluge und mitfühlende Auggie längst, dass er nicht für immer ein Schattendasein führen kann – Schließlich ist er mehr als nur ein gewöhnlicher Zehnjähriger.

Seine liebende Mutter Isabel (Julia Roberts) fasst den Entschluss, den unsicheren Star Wars- und Wissenschafts-Nerd nicht mehr selbst zu unterrichten, sondern ihn auf eine öffentliche Schule zu schicken. Dort soll Auggie den Umgang mit anderen Kindern lernen, um von nun an nicht mehr ein abstoßendes Monster im Spiegel zu sehen, sondern das, was er wirklich ist: Einen von Grund auf freundlichen und offenen Menschen.

Für Auggie wird der schulische Alltag jedoch schnell zum Spießrutenlauf und es fällt ihm sichtlich schwer, Freunde zu finden. Nur mit der Hilfe seines entwaffnend ehrlichen Vaters Nate (Owen Wilson) und einer Schwester (Izabela Vidovic) wie man sie sich nur wünschen kann, gelingt es dem Außenseiter, seine Lehrer, Mitschüler und schließlich sich selbst zu überraschen.

Eine Frage der Perspektive

Wunder erzählt eine Geschichte, die genau deshalb unglaublich bewegend ist, weil Regisseur Stephen Chbosky (Vielleicht lieber morgen) auf kitschige Attitüden größtenteils verzichtet. Stattdessen setzen die Dialoge auf entwaffnende Ehrlichkeit, ganz besonders dann, wenn Auggie mit seinen Familienmitgliedern aneinander gerät. Deutlich fieser und direkter geht es jedoch in Gesprächen mit seinen Mitschülern zu.

Plump oder unrealistisch wie in vielen Filmen dieser Kategorie ist dabei allerdings nichts. Wunder zeigt, wie gedankenlos und hinterhältig Kinder  sein können, verliert sich aber nicht in Klischees, sondern nimmt sich Zeit, auch in die Gedankenwelt der vermeintlichen Täter zu schlüpfen. Diese Perspektivwechsel – optisch in Szene gesetzt durch kurze Schwarzblenden – verleihen dem Film seine emotionale Wucht und wagen sogar den Schritt, gelegentlich Kritik an Auggies selbstsüchtigem Verhalten zu äußern. Chbosky legt Wert auf mehrdimensionale und trotzdem sympathische Figuren.

Ganz besonders rührend wird es, wenn seine Schwester Via in beiläufigem Tonfall davon berichtet, in der Familie nur die zweite Geige zu spielen, weil ihr missgestalteter Bruder permanent im Vordergrund steht.  Im Verlauf von 113 Minuten entwickelt der Film somit ein Geflecht aus kindlichen Beziehungen, deren Essenz in einer wunderbar detailreichen Figurenzeichnung mündet. Das macht so gut wie jede Handlung der Charaktere nachvollziehbar, selbst wenn Wunder gelegentlich etwas dick aufträgt. Im Vordergrund steht dabei jedoch immer das „Sich-in-andere-Hineinversetzen“

Zeitlose Message mit Tiefgang

Das Zielpublikum setzt der Film ähnlich flexibel und vielseitig an wie seine Figuren. Seid ihr selbst Mutter oder Vater werdet ihr Auggies Geschichte zweifellos mit den Augen seiner liebevollen, engagierten Eltern miterleben und euch die Frage stellen wie ihr in deren Situation gehandelt hättet. Gehört ihr zu den jüngeren Zuschauern, fällt die Identifikation mit Auggie oder seiner Schwester Via bedeutend leichter. Den Spagat zwischen den Figuren und das Pacing der wechselnden Perspektiven meistert Regisseur und Drehbuchautor Stephen Chbosky bis kurz vor dem Finale mit Bravour.

In den letzten 20 Minuten reiht Wunder jedoch eine positiv belegte, tiefemotionale Szene an die nächste – allesamt gespickt mit reichlich Pathos. Jede Konfliktlösung versucht dabei, die vorangegangene zu übertreffen, um auch dem letzten Kinobesucher die allgegenwärtige Message von Wunder zu verklickern. Notwendig ist dieses stufenhafte Aneinanderreihen von Happy Ending-Szenen nicht, das eindringliche Statement für mehr Toleranz und Rücksichtnahme funktioniert auch ohne sentimentalen Abschluss hervorragend und rührt euch zu Tränen, wenn ihr es am wenigsten erwartet.

Gelungen und auf den Punkt gebracht ist die Botschaft von Wunder allemal. Zwischen "Taten sagen mehr als Worte.", "Der Klügere gibt nach." und "Verstell dich nicht für andere!" oszilliert der Film in rührender Art und Weise und scheut sich nicht, Probleme wie Mobbing, Respektlosigkeit und familiäre Vernachlässigung offen anzusprechen. Das Drama schafft es sogar, auch nach dem Abspann relevant zu bleiben, wenn sich der Kinogänger fragt, ob er nicht selbst mit etwas mehr Toleranz durchs Leben gehen sollte.

Kleiner Schauspieler ganz groß

Dass die Absage an ignorante Oberflächlichkeit über die ganze Laufzeit funktioniert, verdankt Wunder nicht zuletzt seinem phantastischen Cast. Julia Roberts und Owen Wilson harmonieren als optimistische Eltern hervorragend und lassen auch in den tieftraurigen Momenten des Films ihre schauspielerischen Fähigkeiten durchblicken. Niemand mimt einen glücksseligen, beinahe entrückten Gesichtsausdruck, beim Anblick von Auggie wie er das erste Mal einen Spielkameraden nach Hause einlädt, so berührend wie Julia Roberts.

Das absolute Highlight des Films sind aber zweifellos die Kinderschauspieler. Die aus Homefront bekannt gewordene Izabela Vidovic verkörpert die große Schwester – ewig zurückgestellt und doch nicht nachtragend, mit einer Intensität wie wir sie uns vor dem Kinobesuch nicht hätten erträumen können.

In den Schatten gestellt wird sie nur vom MVA (Most valuable Actor) des Films: Jacob Trembley. Schon im Entführungsdrama Room konnte der kanadische Jungschauspieler sein Talent unter Beweis stellen. Die wahre Herausforderung, das eigene Gesicht komplett von Auggies Maske verdeckt, meisterte er jedoch auf bahnbrechende Art und Weise. Nur mit Gestik, Stimmgewalt und dem zeitweise verschüchterten, zeitweise grenzenlos selbstbewussten Auftreten schafft Trembley es, die Figur zum absoluten Sympathieträger zu machen und gleichzeitig eine Nuance Egozentrik mit einfließen zu lassen.

Fazit

Mit Wunder hat Stephen Chbosky einen Film geschaffen, der so viel mehr ist als nur ein Drama rund um den von Geburt an entstellten Auggie, dessen Leben sich mit dem Besuch der öffentlichen Schule schlagartig auf den Kopf stellt. Stattdessen vermittelt er eine tolle Message, die bis zum Abspann glaubwürdig und konsequent in den Vordergrund gerückt wird. Eine Botschaft, die funktioniert, weil sich der Film Zeit nimmt für die Figurenzeichnung. Hinzu kommen ehrlich verrückte Dialoge und Perspektivwechsel, die förmlich danach schreien, sich in die Lage anderer zu versetzen. Das Ensemble, allen voran Jacob Trembley, sorgt für einen durchgehend positiven Grundton und macht aus Wunder einen waschechten Wohlfühlfilm.

Wunder verzaubert ab dem 25. Januar die deutschen Kinos

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