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E-Sport ist kein echter Sport – Aber muss er das überhaupt sein?

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Von: Janik Boeck

Ob E-Sport als Sport gewertet wird oder nicht, scheint nach wie vor eine unlösbare Frage zu sein. Manche sagen nein, andere sagen doch. Aber muss es Sport sein?

Hamburg – Für mich ist es inzwischen ein leidiges Thema. Die Frage, ob E-Sport jetzt Sport ist, ist in der Kommunikation darüber so präsent wie deutsche Influencer:innen in Dubai. Ich habe nach all den Jahren überhaupt keine Lust mehr mich dazu äußern, ja teilweise sogar rechtfertigen zu müssen. Und doch ist das die erste Frage, die mir in diesem Kontext immer gestellt wird. Und so langsam verstehe ich den Frust aller Veganer:innen, die in jedem neuen Gespräch erklären müssen, warum sie denn jetzt keine Milch mehr trinken möchten. Machen wir mal eine Rundreise.

Verbreitete SpieleLeague of Legends, Dota 2, Counter Strike: Global Offensive
Bekannte TeamsFnatic, Astralis, Optic Gaming, Cloud9, TSM
Bekannte TurniereESL, The International (Dota 2), Worlds (LoL)
Höchster PreispoolThe International 2019 (34,33 Millionen US-Dollar)
Plattformen der Live-ÜbertragungTwitch, YouTube

E-Sport ist kein Sport – sagt der schwedische Sportverband

Auslöser des erneuten Aufschreis ist eine Entscheidung des schwedischen Sportverbandes, der beschlossen hat, E-Sport nicht in den Sportverband aufzunehmen. Ganz konkret hat das gerade dazu geführt, dass eins der größten eSport-Turniere der Welt, The International – Dota 2 Championships, dieses Jahr nicht in Schweden ausgetragen werden kann. Das liegt in erster Linie nicht daran, dass Valve das Event nicht abhalten darf, sondern dass unter den aktuellen Bedingungen die Organisation unnötig erschwert ist.

Durch die Corona-Pandemie gelten auch in Schweden strengere Auflagen, die es bei Events und der Einreise zu beachten gilt. In Anbetracht der Fußball-EM wurden für sportliche Großereignisse allerdings einige Ausnahmeregelungen getroffen. So dürfen Besucher:innen solcher Events beispielsweise aus dem Ausland nach Schweden einreisen. Beim E-Sport sieht das inzwischen anders aus. Bis vor wenigen Wochen hatte Valve laut eigener Aussage noch die Zusage, dass The International in Schweden ausgetragen werden kann.

Da der schwedische Sportverband sich nun gegen eine Aufnahme in den organisierten Sport entschieden hat, gibt es ein Problem. Für Großveranstaltungen im E-Sport gelten nicht die gleichen Regeln wie zum Beispiel für den Fußball. Im Klartext bedeutet das, dass einreisende Fans an der Grenze einzig und allein auf das Wohlwollen der Grenzbeamten angewiesen sind. Die können ihnen nämlich durch die Corona-Auflagen die Einreise verweigern. Eher blöd, wenn man dann viel Geld für ein Ticket ausgegeben hat.

E-Sport ist kein Sport – sagt auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB)

Jetzt könnte man meinen, dass nicht einreisende Fans bei einem Großevent das geringste Problem sind, schließlich ist ja immerhin das Ticket schon bezahlt und hat Geld in die Kasse gespült. Mit einem Hinweis, dass der Kauf auf eigene Gefahr geschieht, wäre dem sicher schnell beizukommen. Wenn der E-Sport aber keine Sonderrechte bekommt, kann es auch sein, dass Spieler nicht einreisen dürfen. Und da wird die Situation dann schon kniffliger.

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eSport ist kein Sport – eSport ist Verzweiflung © Riot Games/David Lee

Das ist übrigens kein Problem, das nur in Schweden oder nur während der Corona-Pandemie besteht. Auch in Deutschland und den USA kommt es im E-Sport immer mal wieder zu Problemen mit einem Visum. In Deutschland, als Teil der EU, ist das seltener ein Problem. Wer hier arbeiten möchte, benötigt als EU-Bürger:in dafür keine Aufenthaltsgenehmigung. Wer nicht aus der EU kommt schon. Berufssportler:innen fallen dafür unter die Kategorie „Spezielle Berufsgruppen“. Dabei handelt es sich um Berufsgruppen mit einem speziellen Qualifikationsprofil oder für die ein öffentliches Interesse vorliegt.

So können Leistungssportler:innen in Deutschland leben und arbeiten. Für E-Sport-Athlet:innen, die nicht aus der EU kommen, ist das deutlich schwieriger. Ohne die Anerkennung als Sport können die nämlich nicht das entsprechende Visum beantragen. So musste das League of Legends-Team von H2K 2016 beispielsweise für sechs Spiele auf einen Stammspieler verzichten. Der Koreaner Yoo „Ryu“ Sang-wook musste mitten in der Saison für drei Wochen das Land verlassen, um sich um sein Visum zu kümmern.

E-Sport ist kein Sport – Aber was ist denn dann Sport?

Für so manche:n mag das nicht so dramatisch sein. Mitten in der Saison einen Stammspieler zu verlieren, ist aber in jedem Wettkampf eine Katastrophe, nicht nur im E-Sport. Man stelle sich einmal vor, Timo Boll, seit Jahren bester deutscher Tischtennisspieler, müsste während Olympia für drei Tage den Wettbewerb verlassen, weil er kein Visum bekommen hat. Da fühlt sich der Wettkampf gleich weniger fair an. Aber was ist denn Sport überhaupt?

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eSport ist kein Sport – eSport ist Faszination © dpa: Daniel Bockwoldt

Dazu ist zunächst einmal wichtig zu wissen, was der DOSB ist und was er macht. Der Deutsche Olympische Sportbund ist der Dachverband des organisierten Sports in Deutschland. Als solcher ist er für sämtliche Sportverbände des Landes zuständig und damit im übergeordneten Sinn auch für jeden Sportverein. Es ist vereinfacht gesagt seine Aufgabe zu entscheiden, was Sport ist und was nicht, also auch ob E-Sport dazu zählt oder eben nicht. Entsprechend fällt auch die jeweilige Förderung in seinen Verantwortungsbereich.

Dazu hat der DOSB zur Vereinheitlichung drei Kriterien aufgestellt, die eine Tätigkeit erfüllen muss, um als Sport anerkannt zu werden:

Im Klartext heißt das: Eine Tätigkeit braucht eine Bewegungsform, die als Alleinstellungsmerkmal gilt. Zweck dieser Bewegungsform muss die Bewegung selbst sein und durch Regeln und Wettkampfsysteme muss ein fairer Wettbewerb gewährleistet werden.

E-Sport ist kein Sport – Wieso eigentlich nicht?

Bei diesen drei Punkten könnte man jetzt jeweils in Detail gehen und individuell hinterfragen, warum das auf eSport zutrifft oder nicht. Fakt ist aber, dass diese Debatte in meiner Wahrnehmung festgefahren ist und nirgendwo mehr hinführt. Während die einen sagen, dass eSport zumindest Fairplay gewährleistet, berufen sich die anderen darauf, dass simulierte Tötungs- und Zerstörungshandlungen nichts mit ethischer Wertevermittlung zu tun haben.

Und auch die beiden Punkte zur motorischen Aktivität sind immer wieder Streitthemen. Befürwortende des eSport berufen sich immer wieder auf Untersuchungen von Prof. Dr. Ingo Froböse, der an der Deutschen Sporthochschule Köln lehrt. Der hat unter anderem festgestellt, dass die Herzfrequenz beim Zocken an die von professionellen Rennfahrern herankommt. Mit bis zu 300 und mehr Aktionen pro Minute kann auch durchaus die Rede davon sein, dass Bewegung im Spiel ist.

2018 Mid-Season Invitational Semifinal Stage league of legends fans
eSport ist kein Sport – eSport ist Ekstase © Riot Games/Michal Konkol

In einer Stellungnahme verschiedener Professor:innen und Doktor:innen an den DOSB steht dazu: „Die sinnhafte Beobachtung von E-Sport erfolgt nicht über die motorische Aktivität der Bedienung des Eingabegeräts [...], sondern über das virtuelle Spielgeschehen und die Bewegung eines Avatars. Es [ergibt] keinen Sinn, E-Sport allein über das Klicken einer Maus oder eines Controllers zu beobachten [...]. Das Klicken ist – zweitens – eben nicht ‚Selbstzweck der Betätigung‘, sondern lediglich Mittel zum Zweck, einen Avatar zu bewegen.“

eSport ist kein Sport – der eSport Bund Deutschland (ESBD) sieht das anders

In Deutschland steht dem DOSB der E-Sport Bund Deutschland, kurz ESBD, gegenüber. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, den E-Sport in Deutschland als Dachverband zu vertreten. Als solcher definiert er E-Sport wie folgt:

E-Sport [...] ist das sportwettkampfmäßige Spielen von Video- bzw. Computerspielen, insbesondere auf Computern und Konsolen, nach festgelegten Regeln.

Satzung des ESBD vom 26. November 2017

Der Verband hält außerdem fest, welche Videospiele in Deutschland für den E-Sport aktuell als relevant gelten. Beispielhaft nennt er dafür unter anderem League of Legends, Counter Strike: Global Offensive und FIFA. Die vom DOSB vorgeschlagene Unterscheidung zwischen E-Sport (Sportartensimulationen) und eGaming (alles andere) lehnt der ESBD, wie auch viele Fans entschieden ab.

Darüber hinaus beruft sich der ESBD in seiner Argumentation für den E-Sport als Sport auf das Urteil des Bundesgerichtshofs von 1998 zur Gemeinnützigkeit von Motorsport. In dieser heißt es, dass „der körperliche Einsatz über das für menschliche Tätigkeiten heute im allgemeinen übliche Maß [hinausgeht]“ und er „eine Körperbeherrschung – z. B. hinsichtlich des Wahrnehmungsvermögens, der Reaktionsgeschwindigkeit, der Feinmotorik- [verlangt], die in der Regel nur durch Training erlangt und aufrechterhalten werden kann“.

eSport ist kein Sport – der Streit nimmt keine Ende

Bei all den Argumenten ist eines völlig klar: Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, ob E-Sport Sport ist. Schon der Sportbegriff an sich ist von einer solchen Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten geprägt, dass es unmöglich scheint, ihn klarer zu definieren. Da mag jetzt manche:r denken: „Ja, aber wieso hat der DOSB sich denn dann einfach hingestellt und diese drei Kriterien bestimmt?“ Die Antwort darauf ist ganz einfach: Es ist seine Aufgabe.

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eSport ist kein Sport – eSport ist Leidenschaft © Riot Games/Colin Young-Wolf

Als Dachverband für den organisierten Sport in Deutschland ist der DOSB dafür zuständig zu entscheiden, welche Aktivität als Sportart aufgenommen und damit gefördert wird. Dafür muss der Verband zwangsläufig eine Definition aufstellen, die das Auswahlverfahren transparent und nachvollziehbar gestaltet.

Ich finde es im Übrigen auch mehr als gerechtfertigt, dass der DOSB sich gegen die Aufnahme des E-Sports in den organisierten Sport entschieden hat. Die Einschätzung der Professor:innen in ihrer Stellungnahme trifft den Nagel meiner Meinung nach auf den Kopf. Dem E-Sport fehlt ein essenzieller Bestandteil des Sports: Bewegung. Er ist nicht gesundheitsfördernd, was ebenfalls ein wichtiges Merkmal von Sport ist. Meiner Meinung nach ist das Problem aber ein völlig anderes.

E-Sport ist kein Sport – das Problem ist eigentlich ein anderes

E-Sport ist kein Sport. In Deutschland und nun auch in Schweden haben die jeweiligen Sportverbände diese Entscheidung getroffen. Diese Entscheidung ist zwar keine für die Ewigkeit, im Moment steht sie aber. Ich halte das wie gesagt für in Ordnung. Nach all den Jahren, in denen ich E-Sport verfolge, ist diese Entscheidung aber gar nicht das Problem. E-Sport muss kein Sport sein.

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E-Sport ist kein Sport – E-Sport ist Konzentration © dpa: Paul Zinken

So mancher Fan mag das anders sehen, aber ich habe ehrlich gesagt nie den Eindruck gehabt, dass E-Sport die Anerkennung als Sport benötigt. Meiner Meinung nach ist das Problem viel grundlegender: E-Sport braucht Anerkennung – Punkt. Und ich spreche nicht von der Anerkennung einiger weniger, sondern von der Anerkennung innerhalb der Gesellschaft.

E-Sport ist – und alle, der sich damit beschäftigen, wissen das – mit enorm viel Aufwand verbunden. Um an die Spitze zu kommen, müssen E-Sport-Athlet:innen ebenso hart trainieren und üben wie Leistungssportler:innen oder Musiker:innen. Und trotzdem ist die erste Amtshandlung von Außenstehenden regelmäßig, dass die Person, die sich mit E-Sport beschäftigt, erstmal hinterfragt wird. „Wieso guckt man sich sowas an?“ Gegenfrage: Warum guckt man Fußball?

E-Sport ist kein Sport – ich will gar nicht, dass er es wird

E-Sport ist kein Sport. Meiner Meinung nach sollte er das auch nicht werden. E-Sport sollte bleiben, was er ist: E-Sport. Denn als solcher ist er schon so vielfältig, so einzigartig und so fantastisch, dass er sich nicht unterordnen sollte. E-Sport ist Leidenschaft. Er ist Spannung, er ist Verzweiflung, Angst und Trauer. E-Sport ist aber auch Freude, Glückseligkeit und pure Ekstase. E-Sport ist Wettkampf und das ist auf gut Deutsch gesagt geil.

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eSport ist kein Sport – eSport ist Wettkampf © dpa: Paul Zinken

Was mich an der aktuellen Entscheidung des schwedischen Sportverbandes traurig macht, ist nicht die Tatsache, dass E-Sport nicht als Sport anerkannt wird. Es ist die Tatsache, dass er nicht als das anerkannt wird, was er ist. Es lässt sich darüber streiten, ob in der aktuellen Lage der Pandemie ein Großevent wirklich sinnvoll gewesen wäre. In Anbetracht der aktuell laufenden Fußball-EM ist die fehlende Anerkennung allerdings umso bitterer.

Es geht nicht um die Anerkennung als Sport. Es geht um die Anerkennung. E-Sport bringt Menschen aus aller Welt zusammen. Er inspiriert sie, gibt ihnen – so schmalzig das auch klingen mag – Hoffnung und lässt sie Freundschaften schließen. Wer schon einmal in einer gefüllten Arena gestanden und die ekstatisch knisternde Luft gespürt hat, weiß, wovon ich rede. Dieses Gefühl, wenn die Menge mit einem Aufschrei auf das reagiert, was auf dem Bildschirm passiert, gibt es nirgendwo sonst. E-Sport es kein Sport – er muss es auch nicht sein.

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