Meinung

Halloween Games: Sind alle guten Horrorspiele tot? Das Problem des Genres

  • Joost Rademacher
    vonJoost Rademacher
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Passend zu Halloween sind Horrorspiele voll im Trend. Doch hat das Genre ein Problem? Sind alle gute Horrorspiele tot? Wir haben es uns angeschaut.

  • Wenn die Blätter von den Bäumen fallen und die Tage kürzer werden, blüht in manchen Gamern der Horror-Fan auf – auch in mir.
  • Verglichen zu den 2000er Jahren war es um Horrorspiele in den 2010ern aber irgendwie schlecht bestellt.
  • Drei Gründe – oder eher drei Spiele – sehe ich dafür verantwortlich, dass Horrorspiele in den vergangenen 10 Jahren in eine Ecke gefahren wurden.

Hamburg, Deutschland – Es ist wieder Herbst, Halloween lauert mit seiner Kürbisfratze um die Ecke, Pumpkin Spice-Lattes fließen wieder als würden sämtliche Starbucks-Filialen in den nächsten vier Wochen implodieren und ich habe wieder Bock auf Horror. Ich bin eigentlich kein ausdauernder Fan des Genres, aber alle paar Monate habe ich eine kurze Phase, in der ich so viel Gruselkrams wie möglich in mich hinein schaufel. Ganz egal, ob es Serien, Filme oder eben Horrorspiele sind. Aber kürzlich musste ich immer mehr bemerken, dass Horrorspiele irgendwie schlechter geworden sind.

GenreHorror
SubgenresSurvival Horror, Horror-Shooter, Horror-Adventure
Bekannte VertreterResident Evil, Silent Hill, Dead Space, Until Dawn
Ursprünge 1980er Jahre (Haunted House, Asylum, 3D Monster Maze)
KernmerkmaleRätsel, Monster, spooky Stuff

Horrorspiele: Warum waren sie in den 2000ern so viel besser?

Ich habe mal ein kleines Experiment gemacht. Ich hab mir nen Zettel geschnappt, eine Liste eingezeichnet und dann getrennt in ‚Vor 2010‘ und ‚Nach 2010‘ alle Horrorspiele aufgeschrieben, die ich gut fand oder die in der Gamingwelt als „gut“ erachtet wurden. Ratet mal, welche Sektion mir mehr Schwierigkeiten bereitet hat. Die 2000er und die Jahre davor waren ein waschechtes goldenes Zeitalter des Horrors. Silent Hill, Resident Evil, Project Zero, Forbidden Siren; alle diese Reihen haben in den Jahren Banger nach Banger rausgehauen, einige davon gelten als absolute Klassiker des Horror-Genres.

Aber nicht nur in den großen Franchises ging es heiß her. Dazu kamen Erstlingswerke, die aus dem Stand an die Spitze des Genres sprangen. Denken wir nur an Eternal Darkness, F.E.A.R, Dead Space oder das zu Unrecht vergessene Call of Cthulhu: Dark Corners of the Earth. Auch wenn diese Spiele von Grund auf eigenständige Werke sind, ein paar wichtige Gemeinsamkeiten haben sie alle, die sie für mich und viele andere zu so guten und ausdauernden Perlen im Horror-Genre machen.

Horrorspiele: Die Merkmale guten Horrors

Zum einen geht es da um das Gameplay. In jedem der genannten Spiele ist der Protagonist absolut verwundbar, nicht selten sogar schwächlich. ABER: er ist wehrhaft. Es gibt immer die Möglichkeit, sich gegen Monster zur Wehr zu setzen, wenn auch nur mit den rudimentärsten Waffen. Als Spieler fühle ich mich schwach und bedroht, muss mich mit ein paar grotesken, teils furchtbar verstörenden Gegnern auseinandersetzen und die Anspannung wird größer, je knapper Munition und Lebenspunkte werden. Aber ich werde nicht passiv, sondern bleibe aktiv im Spiel involviert und kann selber entscheiden, wie ich Gefahren entgegentrete.

Horrorspiele: Silent Hill 2 ist bis heute einer der Könige des Genres

Sowas nennt man übrigens Player Agency, der Begriff beschreibt die Fähigkeit des Spielers, im Spiel die Kontrolle über sein eigenes Handeln zu haben. Merkt euch das liebe Kinder, das wird später noch einmal abgefragt.

Als nächstes braucht ein Horrorspiel ein gutes oder zumindest brauchbares erzählerisches Mysterium. Ich brauche ja einen Grund, mich durch den ganzen Grusel, den Ekel und die Gefahr eines Horrorspiels quälen zu wollen. Warum zum Beispiel bekommt James Sunderland in Silent Hill 2 einen Brief von seiner toten Frau? Warum verfolgt mich in F.E.A.R dieses kleine Mädchen? Was ist in Dead Space auf der USG Ishimura passiert? Eine gute Prämisse liegt im Kern vieler guter Spiele und im Horror gilt: je rätselhafter, je verstörender, je spookier, desto besser.

Zuletzt gibt es noch einen wichtigen Faktor für effektiven Grusel: die menschliche Psyche. Bekanntlich ist die Angst vor dem Unbekannten eine der Urängste des Menschen. Deshalb sind es häufig nicht die Monster selbst, vor denen ich mich als Spieler fürchte. Es ist viel mehr die Ungewissheit davor, wo sie lauern können. Es ist das Gefühl von Orientierungslosigkeit. Wenn ich Angst davor habe, eine Tür zu öffnen, einen dunklen Flur hinunter zu laufen, wenn ich im Spiel nicht zwischen Realität und Wahn unterscheiden kann, dann macht das Spiel etwas richtig.

Horrorspiele: Wo sind die Spiele in den 2010ern falsch abgebogen?

Eben an diesen Faktoren muss ich ansetzen, wenn ich herausfinden will, warum gute Horrorspiele in den letzten Jahren so rar geworden sind. Ich sage extra GUTE Horrorspiele, denn im Internet fliegen mehr Genrevertreter als je zuvor herum. Vor allem viele kleine Indie-Entwickler haben das Horror-Genre in den letzten Jahren für sich entdeckt, leider haben diese häufig aber aus den falschen Spielen die falschen Lehren gezogen. Genauer gesagt gibt es für mich drei Spiele, die dafür verantwortlich sind, dass mir das Horrorgenre in den letzten Jahren fast ruiniert wurde.

Gehen wir da mal in der chronologischen Reihenfolge durch. Das erste Spiel, das für mich den Niedergang des Horrors losgetreten hat, ist Amnesia: The Dark Descent. Ja ja, das klingt jetzt kontrovers, aber lasst mich ausreden. Das erste Amnesia ist großartig, das will ich direkt einräumen. Das mittelalterliche Setting ist originell und einige Setpieces (siehe Wasserszene) sind geniales Albtraummaterial. Aber es hat einen Trend popularisiert, der sich danach durch große Teile des Genres gezogen hat. Es hat mir die Möglichkeit genommen, mich gegen Monster zu wehren.

Horrorspiele: Amnesia war der Anfang vom Untergang

Plötzlich wurden aus gefährlichen Begegnungen, in denen ich mich für Konfrontation auf Kosten meiner Ressourcen entscheiden konnte, reine Fluchtmechanismen. Mir als Spieler wurde spielerische Freiheit genommen und ich wurde auf einen Spielstil reduziert. Das kann funktionieren, aber in diesem Fall hat es vor allem im Internet für sensationalistische Let‘s Plays gesorgt, in denen verschiedenste YouTuber bei jedem Jumpscare um die Wette schrien und wer lauter schrie, gewann die Views. Das Konzept zog aber und viele Spiele begannen, Amnesias Ansatz zu kopieren. Plötzlich kamen all die Outlasts und die Layers of Fears. Und auch Slender.

Horrorspiele: Die Verbrechen des jungen Slender

Ich sag es frei heraus: Slender ist für mich wahrscheinlich das größte Verbrechen, das in den letzten Jahren an Horrorspielen begangen wurde. Es hat den Gameplayloop von Amnesia genommen, auf ein lächerliches Level heruntergedampft und für sein Setting eine Creepypasta durch den Fleischwolf gedreht. Dann hat es sich wie eine fette, ekelhafte Zecke an den Jumpscare-Geschrei-Hype auf YouTube geheftet bis jeder, aber auch JEDER diese Gruselkuh ausgemolken hat. Slender war überall. Aber ich fand es nicht gut. Es war behäbig, spielerisch uninteressant und lies sich im Grunde in einer Viertelstunde durchspielen.

Horrorspiele: 2012 war Slender der große Horror-Hit im Netz. Warum?

Es war allerdings kostenlos, deshalb hat jeder und seine Mutter dieses Spiel runterladen und spielen wollen. Vor allem war ein Spiel wie Slender verhältnismäßig einfach zu programmieren und im Fahrwasser dessen kamen unzählige Klone und Verballhornungen von Slender im Internet auf, alle in der Hoffnung, den nächsten großen YouTube-Hit zu bringen. Was soll man sich da als Entwickler denken, wenn Spiele praktisch ohne Budget im Internet riesige Reichweite generieren? Ganz einfach: es lohnt sich scheinbar nicht mehr, großes Geld in die Entwicklung von Horrorspielen zu stecken.

Horrorspiele: Das Jumpscare-Fest von Five Nights at Freddy‘s

Im Grunde war Five Nights at Freddy‘s da nur noch ein letzter Sargnagel im vorläufigen Beinahetod der Horrorspiele. Nachdem Amnesia mir die Möglichkeit nahm, mich zu wehren und Slender mir interessante Rätsel oder irgendeine Form von Handlung entriss, nahm Five Nights at Freddy‘s mir auch noch jegliche andere Form der schönen Player Agency. Im Grunde war FNAF fast mehr Strategie- oder Rhythmusspiel, aber hat einfach einen Haufen unnötig lauter Jumpscares draufgepfropft bekommen und tada, alle nannten es das gruseligste Horrorspiel ever, denn YouTuber wissen: laut ist gleich gruselig.

Horrorspiele: Five Nights at Freddy‘s – ist das wirklich gruselig?

Ich kann es mir gut vorstellen: irgendwo sitzt gerade ein hoch talentiertes Entwicklerteam an einem originellen Horrorspiel, dann kommt plötzlich Five Nights at Freddy‘s herum. Das Ding kostet fünf Dollar und verkauft sich auch noch knapp zwei Millionen mal. Das ganze Entwicklerteam schaut auf die Zahlen, alle schauen sich gegenseitig an, einer sagt „joa, ich glaub wir verschwenden unsere Zeit“ und alle gehen nach Hause. Seit ein paar Jahren fluten nun die Kopien und die ohne Mühe oder Leidenschaft gemachten Jumpscare-Bait-Horrorspiele das Internet und die Indie-Plattform itch.io.

Horrorspiele: Wo stehen wir jetzt?

Das klingt jetzt alles ganz schön schwarzseherisch und fatalistisch. Aber das ganz groß in Caps geschriebene ‚FAST‘ steht nicht umsonst in der Headline. Denn das Horror-Genre ist nicht tot. Auch wenn die Releases großer und guter Horrorspiele dünn gesät waren, sie blieben in den letzten 10 Jahren nicht aus. Resident Evil 7 hat das komplette Franchise aus dem nichts wiederbelebt, Alien Isolation war endlich das gute Alien-Spiel, das sich Fans der Reihe so lang gewünscht hatten. Wir hatten das legendäre, wenn auf auch auf PS5 fehlende P.T. Und sogar einige Indie-Entwickler bringen mit Spielen wie Phasmophobia und Paratopic frischen Wind.

Horrorspiele: Resident Evil 7 hat 2017 sein eigenes Franchise wiederbelebt

Das Horror-Genre ist nicht tot. Es hat sich nur für ein paar Jahre unter ein paar fragwürdigen Trends selbst verloren. Die Zukunft sieht tatsächlich rosig aus. Resident Evil 8 bringt das Gameplay von Resi 7 auf die PS5 und die Xbox Series X, letztere bekommt mit The Medium im Dezember auch einen vielversprechenden Exklusivtitel. Mit an Bord: Akira „Mr Silent Hill“ Yamaoka. Sogar kostenlose Horrorspiele können wirklich gut sein. Cry of Fear oder SCP Containment Breach sind da Paradebeispiele, die trotz uralten Engines mehrere Stunden wirklich verstörenden Grusel liefern.

Ich könnt noch stundenlang über Horrorspiele nachdenken, aber ich glaub wenn das hier noch irgendwie länger wird, steigen mir meine Kollegen aufs Dach. Ich schnapp mir jetzt einfach ein Heissgetränk, schmeiße Silent Hill 3 auf meiner ollen PS2 an und hoffe, dass die Horrorspiele der nächsten Jahre so gut werden, wie ich glaube, dass sie es werden können. Schöne Spooky-Season!

Rubriklistenbild: © Capcom / Frictional Games / Scott Cawthon / Parsec Productions (Montage)

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