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Ein neuer Joker: Ein neues Lächeln.

Joaquin Phoenix tanzt sich gen Oscar

Lohnt sich Kino: Joker – Grund zum Grinsen oder geschmacklose Gewaltorgie?

Bösewicht im Rampenlicht. Der Joker ist zurück und wahnsinniger denn je. Ob die Neuinterpretation grinsend die Herzen der Fans erobert: In unserer Kritik.

Er ist einer der ikonischsten Antagonisten überhaupt. Er hat unzählige Auftritte in Comics, Film und Fernsehen oder Videospielen und er will die Welt einfach nur brennen sehen. Wohl kaum ein Superschurke genießt eine derartige Popularität wie der Joker und spätestens mit der oscarprämierten Performance von Heath Ledger hat der Psycho-Clown aus dem Hause DC auch seinen Platz im Mainstream-Kino gefunden.

Joker: Bleibt dem Film die Gewalt im Halse stecken?

Nun schlägt jedoch Todd Phillips mit der Idee eines R-Rated-Films auf und präsentiert uns eine weitere, wesentlich bösartigere Interpretation von Batmans berüchtigtem Gegenspieler. Ob diese jedoch dem Ruf der Figur gerecht wird und inwiefern die kursierenden Vorwürfe um die verherrlichende Gewaltdarstellung gerechtfertigt sind, wollen wir in den folgenden Zeilen verraten.

Der Ursprung des Schattens 

Im Gotham City der 1980er Jahre schlägt sich Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) als Teilzeit-Clown durch. Guerilla-Marketing auf der Straße, Kinderunterhaltung im Krankenhaus oder ähnliche Auftritte gehören zu seinen üblichen Machenschaften. Was jedoch auch zu seinem Alltag gehört, sind die regelmäßigen Sitzungen bei seiner Therapeutin. Denn Arthur leidet an psychischen Erkrankungen, die man ihm teils auch körperlich ansieht und ihm sein Zurechtkommen in der Gesellschaft maßgeblich erschweren. Gewalt und Missachtung dominieren seinen Alltag und zermürben die Psyche des sozial isolierten Mannes

Im Mittelpunkt: Die tragische Entwicklung von Arthur Fleck.

Aus dem Leid eines Schwachen erwächst die Kraft eines Starken: die Geburtsstunde des Jokers. Ob man diese Origin-Story nun wirklich gebraucht hätte, sei einmal dahingestellt. Doch was diese Neuinterpretation des kultigen Clowns so besonders macht, ist Phillips einzigartige Herangehensweise. Sein Joker genießt eine Freiheit. Und zwar die Freiheit, nicht Part des verunreinigten DC-Filmuniversums zu sein. Wir bekommen eine abgedroschene Figur in einem neuen Gewand. Diese Geschichte des Jokers ist geerdet, ruhig erzählt und distanziert sich von jeglichen Capeträgern und Moralaposteln in Tierkostümen. Die Bühne gehört also ganz allein dem Clown.

Ein Clown sieht rot 

Und auf dieser tobt sich ein wahnsinnig gewordener Joaquin Phoenix in nuancierter Master-Manier aus. Der Film rückt derart nah an seinen Protagonisten, dass selbst ein Robert DeNiro in die zweite Reihe abgeschoben wird. DeNiro ist – obwohl er nach Phoenix die meiste Screentime hat und im Abspann an zweiter Stelle auftaucht – nicht der zweite Hauptdarsteller, sondern nur ein Nebendarsteller. Phoenix reißt Szene um Szene an sich und uns Sekunde für Sekundetiefer in seinen Bann. Man halte sich nur einmal folgenden Kontrast vor Augen: Der Film beginnt, man hat zutiefst Mitleid mit Arthur Fleck. Der Film endet, man verspürt höchsten Respekt und eine exorbitante Verachtung gegenüber dem Joker. Und ein ausschlaggebender, wenn nicht der ausschlaggebende Aspekt ist dabei die Gewalt. Die "verherrlichte Gewalt", wie es momentan in jedem zweiten Blatt heißt. Und ja, tatsächlich ist die Gewalt teils stark verherrlicht. Aber: Mit welcher Figur darf man sich in derart abtrünnige Gefilde wagen, wenn nicht mit dem Joker? 

Wie viel Gewalt darf und muss ein Film zeigen?

Denn wie erkannte ein weiser Butler einst: "Some men just want to watch the world burn." Und genau diesen Aspekt demonstriert uns Phillips hier. Dem Joker wird seine Existenz nur durch eins bewusst: Gewalt. Und exakt diese Gewalt wird uns in einer schonungslosen Härte vorgeführt. Doch der Joker ist weder ein Held noch ein Anti-Held. Er ist ein Schurke, ein wahnsinniger Mörder, ein Geschöpf ohne wirkliche Moral, das von Wahn und Willkür geleitet wird. Und was wäre solch eine Gestalt ohne Gewalt? Vermutlich genauso eine Witzfigur, wie wir ohne unser Reflexionsvermögen, um derartige Gewaltdarstellungen in den "richtigen" Kontext einbetten zu können. Schließlich sollte spätestens beim ersten Gewaltakt Arthurs eins klingeln, nämlich der Warnsinn vor dem Wahnsinn.

Die Wurzel allen Übels 

Entfesselt wird diese Gewalt jedoch nicht vom Individuum, sondern von der Gesellschaft. Arthur Fleck ist das Opfer gesellschaftlicher Unterdrückung. Seine Welt besteht aus Missachtung, Leid und Schmerz. Natürlich rechtfertigt das nicht im Geringsten seine Taten, doch zeigt uns der Film, dass während ein Jack Nicholson damals noch in ein Säurefass fallen musste, um zum legendären Clown zu mutieren, heutzutage die gesellschaftliche Pein genügt, um einen Missetäter übelster Sorte zu erschaffen. Drum macht sich der Unterdrückte daran, aus der Tragödie eine Komödie zu machen – koste es, was es wolle. 

Natürlich liegen dabei die oft genannten Parallelen zu Taxi Driver oder ein Mann sieht rot auf der Hand, doch ist es überaus interessant zu sehen, wie die DNA einer Comicverfilmung mit einem Pool derartiger Crime-Klassiker verwoben wird. Ein Gedanke, der vor einigen Jahren wohl noch genauso verrückt erschien wie der Joker selbst. Aber auch zu The King of Comedy gibt es eine interessante Parallele, die über DeNiros Rolle als Show Host hinausgeht: Der bitterböse Humor (der im Gegensatz zu manch anderen Comicverfilmungen bedacht eingesetzt wird). Denn dieser ist so zynisch und so messerscharf, dass man sich an diesem beim Lachen die Mundwinkel aufschneiden könnte. 

Keine Neuauflage ohne eigenen Humor. Hier wird's bitterböse.

Wenn Arthur etwa als Teilzeit-Clown in einem Kinderhospital auftritt und ihm bei seinem „If you`re happy and you know it“-Tänzchen etwas aus der Tasche fällt, was junge, unschuldige Kinder nicht sehen sollten, dann geschieht das mit einer Situationskomik, bei der man sich im Nachhinein für das kleinste Schmunzeln schämen möchte. Wie auch der Joker lachen wir in vollkommen unangebrachten Situationen und werden so von Phillips gewissermaßen selbst zum Clown gemacht.

Wie kreiszeitung.de* berichtet, sorgt der "Joker" für kontroverse Diskussionen.

The King of Tragedy 

Und Phoenix? Der spielt sich erneut die Seele aus dem Leib, sodass er perfekt für die Rolle des geschminkten Psychos von allen guten Geistern verlassen wirkt. Vom ulkigen Laufstil über das psychopathische Grinsen bis hin zu den skurrilen Tanzszenen, die sich immer wieder als Momente der ekstatischen Glücksempfindung entblößen. Eine derartige Sogwirkung beweist erneut, dass dieser Darsteller zur Führungsriege der Hollywood-Garde gehört. Phoenix tanzt sich dieses Jahr ins Oscar-Rennen und serviert für Interessenten seines öffentlichen Lebens zudem noch eine extradiegetische Kirsche auf der Torte in Form einer Reminiszenz an einen berühmt-berüchtigten Talk Show-Auftritt.

Und spätestens, wenn zum Finale im wahrsten Sinne des Wortes der Vorhang fällt, sind wir von der Show des geschminkten Sprücheklopfers derart gefesselt, dass wir inmitten der Gewaltorgie realisierten, was für einen Respekt und welch Verachtung wir mittlerweile gegenüber der Figur pflegten, wo diese doch noch eine Stunde zuvor zusammengeschlagen in der Gosse lag und unsere Empathie erhielt. Joker ist in dieser Hinsicht eine wunderbar funktionierende, vollkommen neue Interpretation einer altbekannten Figur und wir lieben sie in all ihren verabscheuenswerten Facetten – auch, wenn man mit der Formulierung in Hinblick auf die Glorifizierung der Figur aktuell vorsichtig sein sollte.

Joker: Grinsen im Gesicht, Kloß im Hals.

Fazit 

Bei all dem Lob fällt es uns nach wie vor schwer zu glauben, dass Todd Phillips, der Mann, dem wir Filme wie Road Trip, Stichtag oder die Hangover-Trilogie zu verdanken haben, für diesen majestätischen Trip durch die Hölle verantwortlich ist. Dass er eine derartige Konsequenz und Raffinesse bewiesen und uns 121 Minuten in einen abstrusen Bann des Unbehagens gezogen hat. Wir sind aus dem Kino marschiert und haben trotz aller Fragwürdigkeit und Abscheu gegenüber dem Protagonisten eins getan. Und zwar Jokers Leitspruch bedient: „Put on a happy face.“

Nicht nur auf der Leinwand feiert der geschminkte Wahnsinnige sein Comeback. Es kursieren derzeit Gerüchte um ein mysteriöses Joker-Item in Fortnite.

Von Oliver Koch

*kreiszeitung.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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