Lieber nicht falsch abbiegen

Nightmare Alley: Von Scharlatanen & Rattenfängern

  • Jonas Dirkes
    VonJonas Dirkes
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Guillermo del Toro meldet sich 4 Jahre nach Shape of Water zurück und schickt uns auf die Nightmare Alley. Obacht: Hier tummeln sich die Scharlatane nur so.

Hamburg – Der Karneval ist in der Stadt. Alle sind sie dabei: Wolfsman, Spinnenfrau, stärkster Mann der Welt und Elektra – Bändigerin des Stroms. Es riecht nach billigem Nervenkitzel und ranzigem Frittierfett. Rechts staunt man über die Verrenkungen des Schlangenmanns, links wird der Geldbeutel aus der Tasche gezogen. Manegenführer Guillermo del Toro lädt Kinofans 4 Jahre nach seinem überraschenden Oscar-Darling The Shape of Water abermals zu seiner ganz persönlichen Freakshow ein. Mutige, die sich auf die Nightmare Alley trauen, sei geraten, hier bloß nicht falsch abzubiegen.

Nightmare Alley: Von Scharlatanen & Rattenfängern

Nightmare Alley: Muskelmänner & Scharlatane

Stanton (Bradley Cooper) hat sein altes Leben in Flammen hinter sich gelassen. Auf der Asche lässt sich für ihn nichts Neues mehr bauen, also flieht er ziellos durch ein wirtschaftskrisengeplagtes Amerika. Die bunten Lichter des gerade im Abbau befindenden Karnevals locken ihn wie eine Motte. Starke Hände werden von Clem (Willem Dafoe) immer gebraucht. Dafür gibt es etwas Warmes für den Bauch und etwas Weiches für den Rücken. Schnell findet Stanton Interesse an den Scharlatanen, die hier den Laden am Laufen halten und Gefallen an den süßen Früchten der Hellseherei. Ob Muskelmann Bruno (Ron Perlman) oder Medium Zenna (Toni Collette): In dieser Parallelwelt ist alles, aber auch wirklich alles Illusion. So lernt Stanton ohne Umschweife, dass das eigentlich größte Kunststück von allen ist, jemanden glauben zu lassen, etwas Besonderes zu sein. Ich spüre es, ihnen muss ein großes Leid widerfahren sein... tief im Inneren lieben sie ihren Vater, aber unter ihm haben sie auch gelitten. War es nicht so? – Woher wissen sie das nur! 

Darf bei Guillermo del Toro einfach nicht fehlen: Ron Perlman

Die zahnlosen und träumenden Schausteller in Nightmare Alley sind dabei aber keineswegs am längeren Hebel, auch wenn sie es vielleicht denken. Es ist keine schrullige wie liebenswerte Gemeinschaft, die Del Toro unter seinem Zylinder versammelt. Hier wohnt kein lynchesquer Elefantenmensch, dessen Feingeist und Humanismus nur darauf wartet, entfesselt zu werden. Vielmehr sind es gescheiterte Existenzen, gefangen in Formaldehyd, die in ihren Einmachgläsern vor sich hin und her strampeln – stets im Glauben dabei selbst etwas Besonderes zu sein. Raus schafft es hier aber nur, wer seine eigene Geschichte wirklich glaubt. Wer davon überzeugt ist, Wunder zu vollbringen. Wer wirklich denkt, die 10.000 Kilo Hantel zu stemmen. 

Nightmare Alley: Hellseher & Rattenfänger

Nur für wen die eigenen Lügen Wahrheit sind, der schafft es auch die gehobenen Kreise in seinen Bann zu ziehen. Stanton ist der einzig wirklich Gläubige von Del Toros Gemeinschaft der Verlorenen. Er glaubt, endlich seine Bestimmung gefunden zu haben und steigt als großer Hellseher im Stande empor. Er lullt nicht nur das übliche Gesindel und Packvolk ein, sondern schafft es auch Polizisten wie Richtern das Gefühl zu verkaufen, der Protagonist in ihrer Geschichte zu sein. Ist das Verlangen des Gegenübers erst einmal enttarnt, wird Wasser für seine verzweifelten Opfer schneller zu Wein, als sie trinken können. So wird der im Niemandsland gefallene Sohn für betuchte Damen wieder lebendig und Stantons Tasche voll. Man arbeitet sich damit aber keineswegs nur an den Illusionen einer heute endgültig untergegangenen Welt der Betrüger und Halunken ab. Es sind die Rattenfänger unserer Zeit, auf die es Del Toro mit Nightmare Alley abgesehen hat.

Nightmare Alley geizt nicht mit Scharlatanen und Halunken.

Der mittlerweile fast 80 Jahre Stoff des gleichnamigen Romans von 1946, auf dem Nighmare Alley fußt, ist noch immer brennend aktuell. Seien es Telegramm-Gruppen, vermeintliche Spaziergänge oder entzweiende Populisten: Auch die Scharlatane unserer Zeit sind am erfolgreichsten, wenn sie ihre eigenen Lügen fressen. Mantrahaft blitzt diese Spaltung in der Rot/Grün-Kodierung des dreckig und wunderschön geschossenen Nightmare Alley immer wieder auf. Del Toro verbreitet für die verführerisch wie gefährlichen Heilsbringer in seinem Film nur wenig Hoffnung und attestiert ihnen erst recht keine Chancen auf Heilung. Ist die Wunde erst einmal offen, eitert sie ewig weiter. Nur wer sehenden Auges ins Messer rennt und das eigene Menschsein aufgibt, kann hier noch dem Schlund der Nightmare Alley entkommen – eine zweite Chance gibt es dann aber trotzdem nicht.

Nightmare Alley startet am 20.01.2022 in den deutschen Kinos.

Rubriklistenbild: © Twitter @RealGDT

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