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Drei ausgelutschte Rollenspiel-Klischees und wie King’s Bounty 2 sie clever aushebelt

  • Christian Böttcher
    VonChristian Böttcher
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King‘s Bounty 2 sagt Rollenspiel-Klischees den Kampf an. Wir verraten euch wie die langersehnte Fortsetzung von 1C Entertainment das Genre völlig neu denkt.

Moskau – Gut gegen Böse, Schwarz gegen Weiß und Worte über Worte: egal wie sehr ihr Rollenspiele liebt, an dem ein oder anderen ausgelutschten RPG-Klischee kommt ihr selbst im größten Blockbuster nicht vorbei. Doch die Rollenspiel-Hoffnung King’s Bounty 2 vom russischen Entwickler 1C Entertainment findet geschickte Wege, um das Genre frisch zu halten. Wir zeigen euch, warum sich ein Blick auf die Fortsetzung lohnt, wenn ihr genug habt vom ewig gleichen RPG-Einheitsbrei.

Name des SpielsKing's Bounty 2
Release (Datum der Erstveröffentlichung)24. August 2021
Publisher (Herausgeber)Prime Matter
SerieKing's Bounty
Entwickler1C Entertainment
PlattformPS4, Xbox One, PC
GenreStrategie, Rollenspiel

King‘s Bounty 2: Legendärer Strategie-Name kehrt zurück und mischt das Rollenspiel-Genre auf

Nach mehr als 20 Jahren kennt eine legendäre Strategie-Marke im neuen Gewand zurück. Was 1990 als klassisches 2D-Strategiespiel begann, wagt sich nun in einen Bereich vor, in dem die ganz großen AAA-Blockbuster regieren: Die Rollenspiele. Mit taufrischer Third-Person-Perspektive und vielen cleveren RPG-Kniffen mischt King‘s Bounty 2 das Genre ordentlich auf – und bleibt sich den eigenen Wurzeln dabei stets bewusst.

Drachen, Feuer und Magie: Vielen RPG-Klassikern bleibt King‘s Bounty 2 treu.

So schnappt sich der russische Entwickler 1C Entertainment ein paar eingefahrene Rollenspiel-Klischees und dreht diese kurzerhand auf Links, um Fans von guten Geschichten und unkonventionellen Erzählstrukturen neues Futter für die kommenden Monate oder sogar Jahre zu verschaffen. Drei Klischees, die King‘s Bounty 2 mit innovativen Ideen aushebelt, möchten wir euch vorstellen und verraten, warum ausgerechnet weniger Freiheit in Rollenspielen das Genre in eine glorreiche Zukunft führen könnte.

Das ewige Gut gegen Böse – King‘s Bounty 2 erzählt in Nuancen

Die Guten sind blond, tragen strahlend helle Kleidung und sind sich für keine Heldentat zu schade. Die Bösen tragen kategorisch schwarz, lachen fies und schlagen Kindern das symbolische Eis aus der Hand. Diese Klischees kennen wir inzwischen nicht mehr nur aus Filmen, auch Rollenspiele malen heuzutage gern in Schwarz und Weiß, lassen dabei aber die Graustufen vermissen. Dabei ist es doch gerade, wenn wir in eine Rolle schlüpfen wollen, doppelt wichtig, dass wir ihre Beweggründe verstehen oder uns eigene schaffen können.

King‘s Bounty 2 hingegen macht von Anfang an klar, dass Schwarz-Weiß-Denken in der Welt von Nostria keinen Platz hat. Bereits in einer der ersten Nebenmissionen bekommen wir es beispielsweise mit einer Gruppe menschlicher Aufwiegler zu tun, die dem örtlichen Regenten abgeschworen hat und nun einen Trupp Zwerge gewaltsam davon überzeugen will, es ihnen gleich zu tun. Wie wir in Gesprächen mit beiden Parteien erfahren, gibt es für die Unzufriedenheit im Camp jedoch stichhaltige Gründe. Die Krone überlässt das Holzfällerlager seit Wochen seinem eigenen Schicksal: Hunger und Leid sind das Ergebnis. Wie gehen wir also mit diesem moralischen Zwiespalt um?

King‘s Bounty 2 stellt euch ständig vor knifflige moralische Entscheidungen.

Am Ende der Konfrontation müssen wir uns entscheiden: Schließen wir uns den Aufwieglern an, wählen Anarchie und müssen mit den blutigen Konsequenzen leben oder schlagen wir den Aufstand gemeinsam mit den Königstreuen nieder, ein Akt der Disziplin, jedoch nicht weniger gewaltsam. In beiden Fällen müssen wir auf kurz oder lang mit den Konsequenzen leben, denn mit jeder unliebsamen Entscheidung lotet sich der Moralkompass unserer Spielfigur neu aus. So entsteht Schicht für Schicht eine Spielfigur, mit der man sich selbst identifizieren kann: Schwarz-Weiß macht Platz für nuancierte Charakterzeichnung, die wir in der eigenen Hand haben. Und das Beste: King‘s Bounty 2 wimmelt nur vor diesen kniffligen Entscheidungen und stellt uns damit ständig auf die Probe.

Nichts als Worte – King‘ Bounty 2 lässt Taten sprechen

In eine ähnliche Kerbe schlägt King‘s Bounty 2 auch bei seinem Dialogsystem. Während uns haufenweise andere Rollenspiele in Gesprächen mit NPCs vor die Wahl stellen, wie wir mit ihnen umspringen, nimmt 1C Entertainment uns diese Freiheit auf den ersten Blick wieder weg. Ein klassisches Dialogsystem mit zwei bis vier Auswahlmöglichkeiten, von heldenhaft hilfsbereit bis grimmig verschlossen, gibt es hier schlicht nicht. Doch das ist auch gar nicht notwendig, denn King‘s Bounty 2 lässt Taten sprechen statt sich in Worthülsen zu verlieren. Die Freiheit entsteht durch das, was wir tun, nicht das, was wir sagen.

Taten statt Worte: King‘s Bounty 2

Die erste Konfrontation mit neuen Questgeber:innen ist also immer vorgefertigt. Sobald wir aber eine Entscheidung getroffen haben, wie beispielsweise zwischen den loyalen Zwergen und rebellischen Menschen, verzweigt sich die Geschichte und wir dürfen erfahren, welche Konsequenzen unsere Entscheidung letztlich hatte. Einige unserer Taten rächen sich erst viel später im Verlauf der Geschichte, genau wie es auch im echten Leben der Fall wäre. Diese Art und Weise, von King‘s Bounty 2 vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, mag viele Rollenspiel-Fans im ersten Moment stutzig machen, doch wir sehen darin die größte Chance, dem Genre neues Leben einzuhauchen.

Schließlich steigert diese Unberechenbarkeit von King‘s Bounty 2 den Wiederspielwert um ein Vielfaches. Und wer direkt wissen will, wie die andere Seite der moralischen Medaille ausgesehen hätte, kann natürlich auf die Speicherfunktion des Spiels zugreifen. In unserem Durchlauf von King‘s Bounty 2 haben wir mehr als 150 Speicherstände erstellt, weil wir unbedingt alle Facetten der zahlreichen Neben- und Hauptmissionen ergründen wollten. Doch auch ein zweiter, dritter oder vierter Spieldurchlauf lohnt sich. Erst dann offenbaren sich euch nämlich die langfristigen Konsequenzen eurer Handlungen.

Offene Welt = Gutes Spiel – King’s Bounty 2 denkt Open World anders

„Je größer desto besser!“ – seit gut 15 Jahren fahren Rollenspiele erfolgreich mit diesem Motto. Eine Open World jagt die nächste und es gilt, die Konkurrenz in Größe und Vielfalt übertrumpfen. Doch führt eine größere Spielwelt automatisch zu einem besseren Spiel? Wir bleiben skeptisch. Am Ende des Tages spielt für uns vor allem eine Rolle, wie lebendig und authentisch eine Spielwelt funktioniert. Wenn wir alle 20 Minuten auf eine:n Questgeber:in treffen, ansonsten aber nur anhand von optischem Blendwerk ziellos durch die Welt geschickt werden, hat das für uns nicht viel mit gutem Rollenspiel zu tun.

King‘s Bounty 2 denkt Open World anders – zugunsten von Geschichte und Charakteren.

King‘s Bounty 2 funktioniert da gänzlich anders. Eine klassische Open World ist Nostria nämlich nicht. Stattdessen bekommen wir es am Wegesrand der vergleichsweise linearen Spielwelt immer wieder mit Nebenquests, Events und spielerischen Highlights zu tun. Geschichte und Charaktere stehen klar im Vordergrund. Die Welt selbst glänzt vor allem dann, wenn das Spiel von der Third-Person in die Iso-Perspektive wechselt. Dann eröffnet sich euch der Blick auf das große Ganze und ihr könnt Nostria nicht nur zu eurem strategischen Vorteil nutzen, sondern auch optisch in vollen Zügen genießen – dank der nach wie vor Genre-prägenden Rundenkämpfe, die eurem Trupp alles abverlangen.

Klar, am Ende des Tages ist es Geschmackssache, ob das Konzept Open World für euch funktioniert. Wenn ihr die Geschichte eines Rollenspiels aber als eine zusammenhängende Einheit erleben und euch voll und ganz auf den eigenen Charakter einlassen wollt, dann funktioniert das unsere Meinung nach in einer linearen Spielwelt mindestens genauso gut wie in einer offenen – wenn nicht sogar besser. King‘s Bounty 2 lebt diesen Gedanken und setzt auf eine dichte, lebendige Welt, die euch an jeder Ecke mit wirkungsmächtigen Entscheidungen konfrontiert, dabei seine High Fantasy-Wurzeln aber nie vernachlässigt. Drachen, Magie und Schwerter: all das erwartet euch auch in King‘s Bounty 2.

Nach über 20 Jahren: mit King‘s Bounty 2 kehrt ein legendäres Strategie-Franchise zurück.

Wer am eigenen Leib erleben will, wie King‘s Bounty 2 das Konzept Rollenspiel anders denkt und ausgelutschte Klischees mit cleveren Ideen aushebelt, kann den Mix aus Strategie und RPG ab sofort auf PS4, Xbox One, PC und Nintendo Switch zocken. Außerdem ist ein Release für PS5 und Xbox Series X angedacht. Ein Datum gibt es dafür jedoch noch nicht. Im Test zu King‘s Bounty 2 haben wir herausgefunden: euch erwartet ein mutiges Rollenspiel alter Güte.

Rubriklistenbild: © 1C Entertainment

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