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SIGNALIS: Für das beste Horrorspiel des Jahres 2022 reichen schon zwei Entwickler

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Von: Joost Rademacher

SIGNALIS hat in diesem Jahr kaum jemand auf dem Schirm gehabt. Dabei hat ein winziges Zwei-Personen-Team damit das beste Horrorspiel 2022 geschaffen.

Hamburg – Eigentlich war 2022 das erste Jahr der großen AAA-Brecher für die PS5 und Xbox Series X. Zahlreiche Blockbuster haben verspätet ihren Weg auf die „neue“ Konsolengeneration gefunden. Viele Leuten schwanken beim besten Game des Jahres zwischen Elden Ring und God of War Ragnarök – ich anfangs auch. Praktisch wie aus dem Nichts stieß ich im Oktober dann auf ein Indie-Horrorspiel namens SIGNALIS, das sich kurzerhand als absolutes Meisterwerk entpuppte. Jetzt stellt euch meinen Schock vor, als ich herausfand, dass das Spiel nur von zwei Leuten entwickelt wurde.

Name des SpielsSIGNALIS
Release (Datum der Erstveröffentlichung)27. Oktober 2022
Publisher (Herausgeber)Humble Games
Entwicklerrose-engine
PlattformPS4, Xbox One, Nintendo Switch, PC
GenreSurvival-Horror, Adventure

SIGNALIS: Ein Leidenschaftsprojekt zweier junger Entwickler*innen

Was ist SIGNALIS für ein Spiel? Wenn man es mal ganz oberflächlich betrachtet, ist SIGNALIS ein klassisches Survival-Horrorspiel durch und durch. Als Elster-Einheit, ein Android, durchstreift man eine Minenkolonie auf einem fremden Planeten, auf der irgendwas schiefgegangen ist und überall mordlustige Zombie-Androide rumrennen. Man löst Puzzles, muss das eigene Inventar managen, fiese Gegner umgehen, die alte Leier halt – sollte man meinen.

Signalis ist das beste Horrorspiel von 2022
SIGNALIS: Für das beste Horrorspiel des Jahres reichen schon zwei Entwickler © rose-engine (Montage)

Wer sich aber Bilder oder Trailer von dem Spiel ansieht, wird etwas Besonderes daran bemerken. Mal spielt man SIGNALIS aus der isometrischen Perspektive, mal aus der Ego-Sicht. Mal sind die Charaktere als grobe Polygon-Modelle dargestellt, mal sieht man sie als detaillierte Zeichnungen mit einem Hauch Anime im Look. Allein die Art, wie SIGNALIS mit verschiedenen Stilen spielt, die alle nahtlos ineinandergreifen, lässt es schon fast unglaubhaft wirken, dass da nur zwei Entwickler*innen hinter sitzen.

Wer steckt hinter SIGNALIS? Nicht nur besteht rose-engine, das Team hinter SIGNALIS, effektiv aus zwei Leuten. Es ist auch das erste überhaupt veröffentlichte Spiel der beiden Entwickler*innen aus Hamburg. Die Geschichte dahinter ist eine lange – Yuri Stern und Barbara Wittmann hatten die ersten Konzepte für SIGNALIS schon 2014 im Studium fertig. Die volle Entwicklung am Spiel begann aber erst 2020, von zu Hause aus und mitten in der Corona-Pandemie.

Screenshot aus SIGNALIS
SIGNALIS: Großer Impact, kleine Mittel © rose-engine

Bis die Entwicklung starten und ein echtes Spiel aus den früheren Konzepten werden konnte, mussten also ein paar Jahre und eine Bachelorarbeit ins Land gehen, wie rose-engine so charmant auf ihrer Presseseite schreiben. SIGNALIS muss aber die ganze Zeit schon in den Köpfen seiner Entwickler*innen gelebt und gereift haben. Anders könnte ich mir nicht erklären, wie Stern und Wittmann daraus ein so schlagkräftiges, eindringliches Kunstwerk machen konnten, das mich noch monatelang verfolgen wird.

SIGNALIS: Das beste Horrorspiel von 2022 – obwohl ich immer noch keinen Plan hab, was abgeht

Warum ist SIGNALIS denn jetzt so geil? Es gibt viele Dinge, die SIGNALIS zu einem sehr guten Spiel machen. Die gesamte Ästhetik des Spiels ist einzigartig. Mit ihren begrenzten Mitteln haben rose-engine und die beiden Komponist*innen (1000 Eyes und Cicada Sirens) ein paar Szenen und Momente geschaffen, die in ein paar Jahren locker ikonisch werden könnten. Die Puzzles sind so clever wie in kaum einem anderen Horrorspiel. Die Gegner zwingen immer wieder zum Abwägen, ob Kampf oder Flucht die bessere Option ist. Die Story ist aber der Grund, warum ich seit Wochen nicht aufhören kann, jeden Tag an SIGNALIS zu denken.

Screenshot von Türrätsel in SIGNALIS
SIGNALIS: Schon früh erfordern die Rätsel ein wenig Hirnschmalz © rose-engine

Ich raffe nichts, muss trotzdem heulen: Ich habe alle Anspielungen auf die Geschichte hinter SIGNALIS bisher bewusst vage gelassen, weil so viel immer noch schleierhaft für mich selbst ist. SIGNALIS erzählt seine Geschichte weder chronologisch noch so, dass sie auf den ersten Blick Sinn ergibt. Es verlässt sich viel auf Traumlogik und erfordert viel Aufmerksamkeit, um die Puzzleteile der Story zusammenzusetzen. Für manche dürfte diese Erzählweise nervig oder sogar frustrierend sein. Auch ich hatte bis zum Schluss nur eine vage Ahnung, was genau denn im Spiel passierte. Trotzdem saß ich am Ende „ugly crying“ vor dem Fernseher.

Das liegt vor allem daran, dass das Spiel ein unglaubliches Feingefühl dafür hat, wann es mich zu eigenen Interpretationen zwingt und wann es seine Karten ganz offen zeigt. SIGNALIS ist offen ein HORROR-Spiel, ein verdammt gutes und spannendes noch dazu. Aber tief in seinem Kern, unter seinen fleischigen, ekelhaften Auswüchsen ist es eine furchtbar, furchtbar traurige LIEBES-Geschichte. Eine, bei der die Bindung zwischen zwei Charakteren weder durch Monster noch durch das Zerfallen der Realität selbst aufgehalten werden kann. Und das ist schlichtweg verdammt schön.

Screenshot von Zwischensequenz aus SIGNALIS
SIGNALIS: Ich werd mich noch lange an Momente wie diesen erinnern © rose-engine

Es ist so erfrischend, dass es in einem Horrorspiel mit so viel Interpretationsspielraum mal nicht um mental Health oder unterdrückte Schuld geht. Immer wieder haben Spiele diesen Approach seit Silent Hill 2 (merke, das ist 20 Jahre her!) versucht, nie hat jemand wirklich an Konami heranreichen können. SIGNALIS dagegen reicht an dieses Level heran, obwohl es ein völlig anderes Ende für seine Art von Höllentrip findet. Dass nur zwei Entwickler*innen so ein kompliziertes Kunststück schaffen konnten, grenzt an ein Wunder.

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