Aus dem Ruder gelaufen

Chefstrobel: Transgender-Kommentar zu Olympia 2020 – Twitch-Streamer kassiert Kritik

  • Janik Boeck
    VonJanik Boeck
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Der Twitch-Streamer Chefstrobel löst einen Shitstorm aus, nachdem er einen Transgender-Kommentar zu Olympia abgibt. Viele Streaming-Kollegen äußern danach Kritik.

Hamburg – In Zeiten der Sozialen Medien und zunehmender digitaler Vernetzung lösen unbedachte Aussagen gerne mal einen riesigen Shitstorm aus. Vor allem Personen des öffentlichen Lebens müssen zum Teil höllisch aufpassen, was sie von sich geben. Manchmal stellt sich dabei relativ schnell raus, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Manchmal – und das durfte der Twitch-Streamer Chefstrobel kürzlich am eigenen Leib erfahren – kommt es allerdings vor, dass es sich nicht um ein Missverständnis sondern um fehlendes Verständnis handelt.

Name der PlattformTwitch
MuttergesellschaftAmazon
Gründung06. Juni 2011
Sprachen28
Web-Adressehttps://www.twitch.tv/
Nutzer:innen pro Tagca. 17,5 Millionen (Stand Oktober 2020)

Twitch: Großer Streamer löst Shitstorm aus und sieht den Fehler nicht ein

Der Shitstorm um den Twitch-Streamer Chefstrobel beschäftigt gerade einige der bekanntesten Influencer der deutschen Szene. Da die Situation extrem schnell eskaliert ist und auf beiden Seiten zu Frust und Anschuldigungen geführt hat, dröseln wir sie einmal auf. Was ist passiert? Am 02. August 2021 kommentierte der Twitch-Streamer und YouTuber Domenic „Chefstrobel“ Strobel einen Tweet über Laurel Hubbard, die als erste Transperson im Gewichtheben der Frauen an den Olympischen Spielen teilnahm, mit folgenden Worten:

Stell dir vor du trainierst Jahre lang um dann von einem Mann besiegt zu werden der sich als Frau identifiziert. Versteh nicht wieso es da nicht sowas wie paraolympics gibt für Leute die ein anderes Geschlecht annehmen. Biologisch ist diese Frau (Mann davor) einfach im Vorteil [sic!]

Chefstrobel via Twitter

Auf diesen Tweet reagierten diverse andere große YouTuber und Streamer aus der deutschen Szene, darunter HandofBlood und Dekarldent. HandofBlood bezeichnete die Aussage von Chefstrobel als „peinlich“ und Dekarldent betitelte sie mit „Deutschland ist 0 transfeindlich“. Durch deren Reichweite wurde der Tweet innerhalb kürzester Zeit so weit verbreitet, dass Chefstrobel sich einem ausgewachsenen Shitstorm gegenüber sah. Statt sich für seine Äußerung zu entschuldigen, begann der Twitch-Streamer aber in der Kommentarsektion mit User:innen zu diskutieren und sie teilweise verbal anzugehen.

Während viele User:innen ihm Transfeindlichkeit vorwarfen und es dabei belassen wollten, gab es auch Stimmen, die einen vernünftigen Diskurs forderten. Denn der Kommentar von Chefstrobel besteht im Kern aus zwei Aussagen. Die eine ist: „Laurel Hubbard ist eigentlich ein Mann“ und die andere lautet „Transmenschen haben einen unfairen Vorteil in sportlichen Wettbewerben und sollten deshalb einen eigenen Wettkampf bekommen“. Über letztere Aussage wird schon länger diskutiert, auch wissenschaftlich. Die erste Aussage ist allerdings, ob es Chefstrobel gefällt oder nicht, transfeindlich.

Twitch: Großer Streamer löst Shitstorm aus – Was ist eigentlich Transfeindlichkeit?

Vor allem der Vorwurf transfeindlich zu sein, regte Chefstrobel sichtlich auf. In seinem Stream bezeichnete er die Personen, die ihm dies vorwarfen als „geistesgestört“. Aber warum ist seine Aussage transfeindlich? Transphobie oder Transfeindlichkeit drückt sich unter anderem durch das Aberkennen der Geschlechtsidentität der oder des Betroffenen aus. Mit der Passage „um dann von einem Mann besiegt zu werden“, tut Chefstrobel genau das, denn Laurel Hubbard ist kein Mann.

Laurel Hubbard tritt bei Olympia 2020 an

Zu sagen sie wäre es – und sei es nur aus Unbedachtheit – ist transfeindlich, denn der Twitch-Streamer erkennt ihr damit ihre Identität ab. Das macht Chefstrobel nicht per se zu einem transfeindlichen Menschen, wie auch Dekarldent im späteren Verlauf der Diskussion auf Twitter klarstellte. Es rechtfertigt aber auch nicht die Aussage an sich. Wer sich weiter zum Thema transgeschlechtliche Menschen informieren will, kann das übrigens auf transinterqueer.org tun.

Twitch: Großer Streamer löst Shitstorm aus – Haben Transmenschen bei sportlichen Wettbewerben einen Vorteil?

Der zweite Teil von Chefstrobels Aussage, Transmenschen sollten einen eigenen Wettbewerb bekommen, kommt keineswegs aus dem Nichts. Die Teilnahme der Transgender-Gweichtheberin an den Olympischen Spielen sorgte für Diskussionen*. Schon mit ihrer Nominierung löste Laurel Hubbard einen sportethischen Diskurs aus: Ist es fair, dass eine Transfrau gegen Cisgender-Frauen antritt? Die Antwort ist gar nicht so einfach.

David Hain brachte einen Artikel von Deutsche Welle in die Diskussion, demzufolge es bisher kaum Studien zur sportlichen Leistungsfähigkeit von Transpersonen gäbe. Zu Transathlet:innen im Spitzensport seien gar keine veröffentlicht. Dieses Feld ist weitestgehend unerforscht. Es gibt allerdings eine Studie von 2020 zu Angehörigen des US-Militärs, die sich während ihrer Dienstzeit einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Ergebnis: Nach zwei Jahren feminisierender Hormontherapie liefen Transfrauen 12% schneller als Cisgender-Frauen. In Disziplinen wie Liegestütze und Situps hatten sie nach der Behandlung allerdings keinen Vorteil mehr.

Der Leiter der Untersuchung, Dr. Timothy Roberts, bekräftigte außerdem im Gespräch mit der DW: „[um] zu den besten zehn Prozent der Läuferinnen zu gehören, muss man 29 Prozent schneller sein als die Durchschnittsfrau. Und um eine Eliteläuferin zu sein, muss man 59 Prozent schneller sein als die durchschnittliche Cis-Frau“ (via dw.com). Eine andere Studie, durchgeführt von Tommy Lundberg, belegt jedoch, dass Transfrauen ihre Kraft behalten haben, wodurch sie im Vorteil sind. Die Problematik, die Twitch-Streamer Chefstrobel anspricht, kommt also nicht von ungefähr.

Twitch: Großer Streamer löst Shitstorm aus – Transmenschen sorgen im Sport für Diskussionen

Das Problem an dieser Diskussion ist: Es gibt bisher zu wenig Daten, um aussagekräftige Erkenntnisse zu bekommen. Die sportliche Leistungsfähigkeit von Transpersonen ist schlichtweg noch nicht ausreichend untersucht worden. Aus diesem Grund ist die Aussage von Streamer Chefstrobel auch so problematisch. Denn sie erkennt Laurel Hubbard nicht nur deren Identität ab. Sie stellt Leistungssportlerinnen auch als grundsätzlich schwächer dar als durchschnittliche männliche Athletinnen, indem sie annimmt, Transfrauen seien der weiblichen Weltspitze in jeder Sportart kategorisch überlegen.

Transmenschen sorgen im Sport für Diskussionen

Twitch-Streamer Chefstrobel hat sich auf seine Weise entschuldigt, indem er näher erläuterte, was er mit seiner Aussage meinte. Und sicher, der eine Teil seiner Aussage sollte diskutiert werden. Denn die Frage ob Transmenschen einen unfairen Vorteil in sportlichen Wettkämpfen haben, betrifft auch die Integrität der selbigen. Wichtig ist allerdings auch, wie man diese Diskussion anstößt. Denn eine Transfrau als Mann zu bezeichnen ist im besten Falle unbedacht, eigentlich aber transfeindlich. Und auch darüber muss diskutiert werden. Twitter stellt sich dafür nur leider oft als der falsche Ort heraus, weil die Emotionen, wie im Fall von Chefstrobel, zu schnell hochkochen. Schade eigentlich.

Ein weiterer Streamer, der laut eigener Aussage nichts falsch gemacht hat, ist der selbsteranannte Twitch-Bad Boy. Der PlayStation-Account von MontanaBlack wurde gebannt. Er selbst weiß nicht so recht warum. Mit einem Bann musste sich auch xQc herumschlagen. Der größte Twitch-Streamer der Welt wurde gebannt, weil er sich im Stream zu viel Olympia 2020 angesehen hatte. – *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Instagram: str0beli/picture alliance/AP/dpa: Mark Schiefelbein

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