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Elon Musk spielt Gott auf Twitter – Doch ich habe meinen Glauben bereits verloren

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Von: Josh Großmann

Elon Musk vor blauen Flammen
Elon Musk spielt Gott auf Twitter – Doch ich habe meinen Glauben bereits verloren © dpa: Patrick Pleul/Unsplash (Montage)

Seit Elon Musk an der Spitze von Twitter sitzt, habe ich meinen Glauben an ihn aufgegeben. Damals hat er meinen Ehrgeiz und meine Vorstellungkraft geweckt.

San Francisco, Kalifornien – Derzeit ist auf Twitter die Hölle los – mehr als sonst. Seit der Übernahme von Elon Musk setzt der neue CEO beinahe täglich neue „Visionen“ um, die mehr Schaden anzurichten scheinen, als die Probleme der Plattform zu lösen. Früher habe ich zu Elon Musk aufgesehen, doch ausgerechnet die Twitter-Kontroversen haben mich meinen Glauben aufgeben lassen. Du solltest der coole Milliardär sein, Elon.

Name des UnternehmensTwitter Inc.
HauptsitzSan Francisco, Kalifornien
Gründung21. März 2006
Nutzer*innen238 Millionen (Q2 2022)
Gründer*inJack Dorsey, Noah Glass, Biz Stone, Evan Williams

Elon Musk war wie ein Vorbild für mich – Meme-Lord und Menschenfreund

Das war Elon Musk: Schon als Kind habe ich mich außerordentlich für das Ungreifbare interessiert. Zwar haben Drachen, Magie und Heldengeschichten einen besonderen Platz in meinem Herzen, jedoch war es die ungreifbare Wissenschaft, die die Grenzen meiner Vorstellungskraft ausreizte. Elon Musk hat auf mich immer wie jemand gewirkt, der genau so denkt. 

Unternehmen wie SpaceX und The Boring Company drückte er seinen ganz persönlichen Stempel auf und machte Wissenschaft nicht nur interessant, sondern auch lustig. Ich habe zwar keine Ahnung von dem komplexen Shizzle, den Musks Firmen so machen, aber mit Space-Tethern durchs All fliegen klingt schon ziemlich abgefahren.

elon musk mit dem cybertruck
Twitter: Wie hat Elon Musk es geschafft mich vom Cybertruck zu überzeugen? © Ringo H.W. Chiu

Für mich gab es nichts Witzigeres als einen Milliardär, der sich für eine multiplanetare Zukunft einsetzt und gleichzeitig Neon Genesis Evangelion-Memes auf Twitter postet. Musk ist so sehr aus dem Raster gefallen, dass ich mit Freunden jeden seiner Schritte verfolgt habe. Doch amüsanterweise sind es seine Tweets, die mich jetzt reflektieren lassen und mir die Frage aufwerfen: „Wie gehirngewaschen war ich bitte, dass ich den Cybertruck für ein cooles Auto gehalten habe?“.

Elon Musks Kontroversen – Jeder macht mal Fehler, oder?

Red Flags… habe ich gekonnt ignoriert. Kontroversen um den Joint bei Joe Rogan oder den Namen seines Sohnes X Æ A-12 seien mal außenvorgelassen. Aber Aktionen wie 2018 in Thailand, bei der er einen Höhlenforscher als „Pedo guy“ beschimpft hat, weil jener nicht mit Musk klarkam, hätten mich eigentlich schon dann den Glauben verlieren lassen müssen. 

Ein missgeglückter Tweet über Tesla, der in Vorwürfen der Marktmanipulation endete, weil seine Ex-Freundin Grimes den Inhalt lustig gefunden haben soll, konnten mich auch nicht abbringen. Covid-19 kleinzureden, obwohl weltweit Menschen darunter leiden und Familien ihre Liebsten verlieren, hat mir auch nicht die Augen geöffnet. Mittlerweile hat er den kämpfenden Menschen in der Ukraine das Starlink-Internet abgeschaltet. Doch warum ist ausgerechnet Twitter jetzt der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat?

Twitter ist der schlimmste Ort im Netz – Elon Musk hat es noch schlimmer gemacht

Warum Twitter? Schon vor Musk war Twitter ein ziemlicher Scheißhaufen. Ich bin da, weil man mir in meinem Journalismus-Studium beigebracht hat: „Jeder Journalist braucht Twitter.“ Durch einige Gruselgeschichten war mir schon klar, was mich erwartet. Versteht mich nicht falsch, eigentlich ist Twitter gar nicht so übel. Es sind die Menschen, die Twitter nutzen, die mich dazu bringen, mir ein heißes Stück Eisen in meinen Hirnstamm rammen zu wollen.

Doch mit der Übernahme durch Musk haben noch mehr solcher hirnverbrannten Geister ihren Weg auf Twitter gefunden. Am 11. November berichtet der neue CEO, dass die Plattform so viele aktive Nutzer*innen, wie noch nie zuvor verzeichnet. Doch die neuen Nutzer*innen scheinen auf antisemitische Rhetorik und das N-Wort zu stehen.

Das NCRI ist eine Forschungsgruppe, die Content auf Social Media untersucht und hat festgestellt, dass seit Musks Übernahme von Twitter die Nutzung des N-Wortes um 500% gestiegen ist. Antisemitische Tweets erhalten deutlich mehr Engagement. Elon Musk will sich für „Freedom of Speech“ einsetzen, doch feuert er etliche Mitarbeiter*innen, die für die Moderation des Contents zuständig waren.

Als Grund nennt Elon Musk, dass Twitter täglich 4 Millionen US-Dollar Verlust mache. Im gleichen Atemzug präsentiert er Twitter Blue. Kurz erklärt: zahlt 8 Dollar monatlich und erhaltet das Checkmark neben eurem Namen. Außerdem sollten die Tweets und Kommentare der finanziell-verifizierten Accounts Vorrang haben. Tolle Sache, so muss ich immer auf den verfluchten Nutzernamen gucken, um herauszufinden, ob Nintendo jetzt wirklich ein Bild von Mario mit Stinkefinger getwittert hat.

Twitter hat einen neuen Gott: Elon Musk – Aber ich habe meinen Glauben schon verloren

Das große Fiasko: Mit derzeit nur etwa einer halben Million Twitter Blue-Abonnent*innen macht das Unternehmen also 4 Millionen im Monat – genau so viel, wie es täglich verliert. Jeder Blinde hätte ahnen können, was diese „Vision“ von Musk auslösen würde. Die Haken kamen, Trolls ahmten Unternehmen nach, Aktien verloren eine Menge Wert, die Haken wurden deaktiviert – klassisches Musk-Fiasko also.

Twitter wird eine Menge dummer Sachen machen“, schrieb Musk am 9. November – kurz bevor die Checkmarks mit Twitter Blue rausgingen. Das lässt es so klingen, als wäre das erst der Anfang seiner schreckenerregenden Twitter-Odyssee. Mit welchen abstrusen Mitteln er Twitter zur „genauesten Quelle für Informationen“ machen will, kann man sich ausmalen, wenn er im letzten Schritt nur den zahlenden Nutzer*innen eine Stimme geben wollte.

Meine Nähe zu Twitter hat mich vermutlich genauer untersuchen lassen, was Elon Musk für ein Mensch ist. Seine Regeln und Visionen setzt er mit schockierenden wirtschaftlichen Entscheidungen um, die keine Rücksicht auf Verluste nehmen. Musk führt sich auf wie der neue Gott von Twitter – der er zugegebenermaßen auch zu sein scheint.

Elon Musk in Ritterrüstung vor dem Twitter Logo
Twitter hat einen neuen Gott: Elon Musk – Ich kann nicht aufhören, mich zu schämen © Imago (Montage)

Früher habe ich zu Elon Musk aufgesehen, aber heute kann ich mich nur noch schämen. Die Enttäuschung darüber, dass so etwas wie ein Vorbild langsam dahin bröckelt, sitzt schwer. Das Bild vom coolen, milliardenschweren Meme-CEO, der sich für das Wohl der Menschheit einsetzt, ist dahin. Was bleibt, ist das Gefühl, einem gierigen Milliardär, der sich gut verkaufen kann, jahrelang hinterhergelaufen zu sein.

Immerhin habe ich gelernt, dass CEO kein schwieriger Job sein kann, wenn man das bei vier Firmen gleichzeitig machen kann. Die wahren Errungenschaften liegen nicht bei Elon Musk, sondern bei den hart arbeitenden Menschen, die Unternehmen wie Twitter am Laufen halten – die meisten seiner Unternehmen hat er ohnehin nicht gegründet.

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