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Aus Spaß wird Ernst – Wenn sich Videospiele wie Arbeit anfühlen

  • Josh Großmann
    VonJosh Großmann
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Erinnert ihr euch an die Zeiten, in denen man einfach Spaß am Gaming haben konnte? Diese Zeiten sind lange vorbei – es geht nur noch ums Gewinnen.

Magdeburg, Deutschland – Früher konnte man seelenruhig ein Game zocken, ohne sich von Gott höchstpersönlich besiegen zu lassen. Heute geht es in Online-Spielen nur noch um eines: Gewinnen. In jedem Game merke ich, dass es da draußen Leute gibt, die zu viel Zeit haben. Allein an den Stats kann ich sehen, dass der Mensch am anderen Bildschirm nichts anderes mit seinem Leben anfängt, als dieses gottverdammte Spiel zu spielen. Videospiele machen keinen Spaß mehr und ich hasse es, das zugeben zu müssen.

Alle Spiele sind befallen – Selbst das Matchmaking kann uns nicht retten

Ich liebe es zu gewinnen und denke, dass sich so ziemlich jede:r gut fühlt, wenn er:sie einen Sieg holt. Aber ich liebe es nicht, mich machtlos zu fühlen, wenn mein Gegner absolut insane ist. Leider spielen zu viele so, als würde ihr Leben von diesem einen Sieg abhängen – aus Spaß wird Ernst. Es spielt keine Rolle, an welches Game ich mich setze: nach spätestens fünf Runden bin ich ausgebrannt und will eigentlich nur noch aufhören. Und ich weiß, dass ich mit dieser Meinung nicht allein bin. Auch viele Streamer werden Opfer von Stream-Snipern und Epic Gamern, die 8.000 Stunden in diesem einen Spiel haben.

Aus Spaß wird Ernst – Wenn Videospiele zu Arbeit werden

Wall-Jump hier, Slide-Cancel dort – Movement, das man mit menschlichen Sinnen gar nicht mehr wahrnehmen kann. Aim, als würde der Gegner in Zeitlupe spielen. Und das sind keine Einzelfälle, sondern betrifft alle Games. Egal ob FIFA, Call of Duty, Apex Legends, Overwatch, Battlefield oder was auch immer ihr spielt – die nächste verschwitzte Lobby wartet schon auf euch. Alle heulen immer wegen Skill-Based-Matchmaking, aber ich würde mich freuen, wenn es wirklich Skill-Based wäre und ich nicht gegen #15 weltweit spielen muss.

Videospiele machen keinen Spaß mehr – Manche meinen es einfach zu ernst

Warum machen manche überhaupt so Ernst? Wenn man mich fragt, ist es der Stolz – das überbewerteste aller Gefühle. Eigentlich kann man mit 12.000 Siegen doch schon gar keine Endorphine mehr freisetzen, wenn die Zahl um 1 steigt. Du hast das Spiel durchgespielt – geh raus, hast du dir verdient. Aber einige da draußen stehen wohl so sehr auf „pride and accomplishment“, dass sie nicht anders können, als immer gewinnen zu wollen.

Gaming am Ende: Man findet in jedem Spiel Menschen, die es übertreiben

Warum sollte es sonst Smurfs geben? Leute erstellen sich buchstäblich dutzende neue Accounts, um unerfahrenen Spielern den Spaß zu verderben. Ihr habt davon nichts. Niemand wird euch auf die Schulter klopfen und euch sagen, wie lieb er euch hat. Es ist 1:1 das gleiche als würdet ihr Kids auf dem Spielplatz zu Faustkämpfen herausfordern. Trotzdem findet man immer wieder Smurfs, die selbst keine Lust haben, auf ihrer Schwitzer-Elo zu spielen – weil es einfach keinen Spaß macht.

Gebt Videospielen ihren Zweck zurück – Fangt an Spaß zu haben

Wie soll man dieses Problem lösen? Ich schätze, dass es an euch liegt. Spieleentwickler werden wohl kaum gesonderte Gott-Server zur Verfügung stellen, auf denen sich Kratos und Herkules gegen ihresgleichen messen werden. Vernünftiges Matchmaking lasse ich mal gekonnt aus, denn wir wollen ja nicht in unlogischen Fantasien schwelgen.

Eigenes Matchmaking für Halbgötter? Wohl kaum.

Und wenn ich noch einmal „Git gud xD“ höre, dann drehe ich durch. Wenn ich ein Spiel spiele, dann in allererster Linie, um Spaß zu haben. Ich will coole Gunfights, spannende Zweikämpfe und verrückte Situationen, die mich von meinem belastenden Alltag ablenken. Auch wenn ich verliere, will ich mir hinterher denken können: „Hey, dumm gelaufen – da hat er verdient gewonnen, aber hat Spaß gemacht“. Ich würde euch raten genau so zu denken, aber leider sind diese Momente mittlerweile zu selten geworden.

Wenn Entwickler sich dumm stellen und uns die Hände gebunden sind, was bleibt dann noch übrig? Genau so reinschwitzen und mich den unausstehlichsten Gamer:innen anschließen? Ich denke nicht. Alles was bleibt, ist ein Appell an die unter euch, die es zu ernst meinen. Lehnt euch mal ein wenig zurück und habt Spaß am Spielen – ihr müsst nicht immer gewinnen. Euretwegen muss man verdammt viel Arbeit in Games stecken, um besser zu werden. Und ich will nicht, dass sich Games wie Arbeit anfühlen. Denn wenn ich dann mal gewinne, muss ich immer fragen, ob ich jetzt der Schwitzer war. 

Rubriklistenbild: © Sony / Pexels

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