Representation matters

Vielfalt im Gaming: Gebt BIPoC und LGBTQIA* endlich den Platz, den sie verdienen

  • Adrienne Murawski
    VonAdrienne Murawski
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Gamer:innen fordern, Politik aus Games herauszuhalten. Warum diese Forderung scheinheilig ist und wir Repräsentation und Diversität brauchen – ein Kommentar.

Hamburg – Gaming und Diversität oder Repräsentation gehen teilweise leider noch nicht so zusammen, wie sich viele das wünschen würden. Das fällt spätestens dann auf, wenn sich Gamer:innen darüber aufregen, dass es Transgender-Charaktere in einem Spiel gibt und Politik doch bitte aus Games herausgehalten werden sollte. Man wolle ja schließlich einfach nur aus dem Alltag mit seinen Sorgen und Problemen fliehen und nicht dort auch noch mit diesen „Problemen“ bombardiert werden. Dabei sind Repräsentation und Diversität enorm wichtig und kommen im Gaming immer noch viel zu kurz.

Vielfalt im Gaming: Der weiße, heterosexuelle Cis-Mann als Dauerparadigma

Wir alle lieben Games, weil wir uns in ihnen verlieren. Wir schlüpfen quasi aus uns selbst heraus und spielen eine komplett andere Rolle und Geschichte, die jenseits unseres Alltags liegt. Das fängt bei krassen Raubüberfällen in GTA 5 an und geht über spannende Schatzsuchen mit Nathan Drake hin zu epischen Kämpfen gegen nordische Götter als Kratos. Und bereits bei dieser Auflistung fällt eines auf: Der Großteil der Hauptcharaktere aus den genannten Spielen sind heterosexuelle, weiße Cis-Männer, also Männer, die sich als Mann definieren und fühlen. Aber wieso? Schließlich bietet Gaming doch die perfekte Grundlage, um endlich auch mal die Geschichten und Probleme von Figuren zu erforschen, die anders sind als wir.

Uncharted mit Nathan Drake ist ein klassisches Beispiel für das vorherrschende Paradigma in Games.

Stattdessen wird als Paradigma der männliche, meist heterosexuelle Cis-Mann gesetzt. Die Spiele sind deswegen nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil. Einige dieser Spiele zocke ich selbst gerne (wer wollte nicht schon immer mal eine Bank ausrauben?). Trotzdem würden sie so viel Fläche und Potenzial dafür bieten, einmal andere Lebensweisen und -umstände zu zeigen. Welchen Problemen müsste sich eine Frau in GTA 5 stellen, um in den gleichen Gefilden interagieren und dominieren zu können? Wie würde die Geschichte aussehen, wenn es eine Goddess of War wäre? Auf welche Probleme und Schwierigkeiten würde Nathan Drake treffen, wenn er eine Person of Color wäre?

Vielfalt im Gaming: Großteil der Belegschaft bei Entwickler:innen sind Cis-Männer

Das alles wissen wir nicht, denn Entwickler:innen nutzen häufig noch obiges Paradigma. Das liegt unter anderem daran, dass auch Spiele hauptsächlich von Männern entwickelt werden. Schaut man sich bei großen Publishern wie Activision, EA oder Ubisoft um, sieht man, dass der Großteil der Belegschaft Cis-Männer sind. Nur 24 Prozent der Mitarbeiter:innen in Entwicklerstudios sind weiblich, knapp fünf Prozent definieren sich als nicht-binär oder anders – das hat eine Studie der International Game Developers Association von 2019 herausgefunden.

Ein anderer Grund für die Überpräsenz des weißen Cis-Mannes liegt aber auch an den Endkonsument:innen. Immer wieder werden Stimmen laut, die sich gegen Diversität aussprechen. Zuletzt geschehen bei der Gamescom 2021. Dort überschattete eine homophobe Hasswelle die Xbox-Präsentation und das nur, weil die Director von Undead Lab ein T-Shirt mit Regenbogenflagge trug. Auch bei Cyberpunk 2077 gab es einen Aufschrei bezüglich der Transgender-Optionen und auch Hogwarts Legacy wurde nach der Bekanntgabe von Transgender-Charakteren im Netz gehatet.

Vielfalt im Gaming: „Haltet Politik aus Spielen raus!“ – Warum diese Forderung Schwachsinn ist

Bei all diesen Aufschreien wird häufig die Forderung laut, die „Politik aus Spielen herauszuhalten“. Toleranz ist jedoch nicht politisch, sondern universell. Denn auch die reale Welt um uns herum besteht nicht nur aus weißen, heterosexuellen Cis-Männern, sondern aus BIPoC (Black, Indigenous Persons of Color), Frauen, Trans-, Inter- und nichtbinären Personen, die LGBTQIA* angehören können oder auch nicht. Die reale Gesellschaft ist bunter als der Regenbogen, daher ist es durchaus ein politisches Statement, wenn diese Realität konsequent nie oder nur selten in Spielen abgebildet wird.

Medien, egal ob TV, Film oder eben Games, tragen aktiv dazu bei, dass Vorurteile und Klischees weiter verstärkt oder entkräftet werden. Dass Medien einen großen Teil in der Verstärkung von Rollenbildern, Klischees und Stereotypen spielen, wird spätestens dann klar, wenn man sich einmal tiefer mit der Materie beschäftigt. So schrieb Carlos Cortes, Professor an der University of California, bereits einen interessanten Artikel zu den Auswirkungen der Massenmedien auf Minderheiten.

Vielfalt im Gaming? Häufig noch Fehlanzeige

Bei einer TV-Show mussten zwei Fremde zusammen Begriffe erraten, ähnlich wie bei Tabu. Beim zu erratenden Wort „Gangs“ gab Teilnehmer:in 1 den Hinweis, dass es davon viele in East L. A. gäbe. Sofort war Teilnehmer:in 2 klar, dass es sich um Gangs handeln müsse. Der Grund dafür liegt in der Darstellung dieses Ortes sowie in der Darstellung von Gangs in den Medien. Bereits 1987, als der Artikel von Cortes erschien, wurden Gangs vor allem mit Mexikanisch-Amerikanischen Mitgliedern gezeigt. Da in East L. A. vor allem diese Minderheit wohnt, wurde der Stadtteil automatisch mit Gangs in Zusammenhang gebracht.

Vielfalt im Gaming: The Doll Experiment zeigt, welche Auswirkungen Massenmedien haben

Doch auch das Puppen-Experiment zeigt, was die Darstellung von Minderheiten in den Massenmedien für Auswirkungen hat. Dabei wurden weißen Kindern und Kindern of Color eine weiße und eine Schwarze Puppe vorgesetzt. Dann wurden sie gefragt, welche Puppe schöner, netter sowie hässlicher oder böser wäre. Auffällig war hier, dass die meisten Kinder die positiven Attribute mit der weißen Puppe verbanden, während sie die Schwarze Puppe auswählten, wenn es um Attribute wie Hässlichkeit und Boshaftigkeit ging.

In einem anderen Versuch wurden die Kinder zunächst auch gefragt, mit welcher Puppe sie lieber spielen würden – der weißen oder der Schwarzen? Ein Großteil der Kinder of Color wählte die weiße Puppe, die sie ebenfalls als die nette und schöne Puppe bezeichneten. Kein Wunder, schließlich werden BIPoC in den Massenmedien nicht annähernd genug repräsentiert und wenn, dann spielen sie häufig Nebencharaktere, die flach und meist auf (negative) Stereotype festgelegt sind. Asiat:innen werden häufig als Nerds dargestellt, während BIPoCs in den Medien nicht selten kriminellen Machenschaften nachgehen oder als gefährlich dargestellt werden. Latinas hingegen werden als exotisch und sexy dargestellt, ebenso wie Bi- und Pansexuelle Frauen.

Und genau diese Darstellungen sind ein Problem. Games sind ein Massenmedium und sollten als solches ein Abbild der Gesellschaft sein. Da hilft es auch nichts, sich hinzustellen und zu brüllen „Haltet die Politik aus Games raus!“, denn Games sind nun einmal immer politisch. Wir als Gamer:innen wollen schon lange von der Gesellschaft ernst genommen und nicht mehr als Sterotyp angesehen werden, verschließen dann aber die Augen vor der Realität und wollen sie nicht in unseren Games abgebildet sehen? Der Rechtsruck ist bereits da und wird durch das Paradigma des weißen Cis-Mannes weiter verstärkt. Wir müssen aktiv unseren Teil dazu beitragen und verhindern, dass sich Rassismus weiter ausbreitet.

Vielfalt im Gaming: Videospiele sind das perfekte Mittel, um Rassismus und Stereotypen abzubauen

Meiner Meinung nach sind Games das perfekte Mittel, um Rassismus aufzubrechen. Gebt uns endlich einen Charakter of Color und zeigt uns, welche Probleme er oder sie tagtäglich durchleben muss. Welche Vorurteile ihm oder ihr begegnen, gegen die sich die PoC behaupten muss. Das gilt natürlich nicht nur für BIPoC, sondern ebenso für LGBTQIA*-Charaktere. Hört auf, diese nur als flache Nebencharakter in die Story zu bauen, damit sie da sind. Wir wollen keine Minderheiten-Charaktere mehr, die nur auf diesen einen Faktor reduziert werden. Wir brauchen keinen weiteren LGBTQIA*-Charakter, der nur LGBTQIA* ist. Wir wollen Tiefe. Wir wollen fühlen, was dieser Charakter fühlt und durchleben muss. Wir wollen mehr Vielfalt.

Alex Chen aus Life is Strange: True Colors ist eine der wenigen BIPoC-Hauptcharaktere.

Wir wollen nicht mehr lange überlegen müssen, bis uns Games mit Hauptcharakteren einfallen, die BIPoC, LGBTQIA* oder auch einfach nur weiblich sind. Wobei letztere in den letzten Jahren stark zugenommen haben. Während uns für Games mit starken weiblichen Hauptcharakteren innerhalb von wenigen Minuten zahlreiche Beispiele eingefallen sind, unter anderem Horizon Forbidden West, The Last Of Us 2 oder auch Returnal, haderten wir bei Games mit BIPoC wesentlich länger. Insbesondere weibliche BIPoC sind völlig unterrepräsentiert.

Vielfalt im Gaming: Gebt BIPoC und LGBTQIA* endlich den Platz, den sie verdienen!

Zu Spielen mit weiblichen BIPoCs sind uns zwei Beispiele eingefallen: Alex Chen aus dem neuen Life is Strange: True Colors sowie Kena aus Kena: Bridge of Spirits. True Colors ist ein tolles Beispiel, wie ein LGBTQIA*-Charakter nicht nur auf seine Sexualität reduziert werden kann. Leider wurde Alex‘ Herkunft im Spiel aber kaum thematisiert, sodass hier viel Potenzial verschenkt wurde. Mehr dazu lest ihr aber auch in unserem Test zu Life is Strange: True Colors. Aber auch männliche BIPoC-Hauptcharaktere waren mit Spider-Man: Miles Morales, Franklin aus GTA 5 oder Lincoln Clay aus Mafia 3 schnell erschöpft.

Massenmedien, und dazu zählen auch Games, bilden und beeinflussen die öffentliche Meinung und Wahrnehmung. Daher müssen sie mehr Chancen, mehr Optionen und mehr Bilder anbieten, um mehr Geschichten zu erzählen. BIPoC und LGBTQIA* müssen endlich mehr Platz in Games finden, denn nur so können die langjährigen Vorurteile und Stereotypen endlich aufgebrochen werden. Gebt ihnen endlich den Platz, den sie verdienen!

Rubriklistenbild: © dpa/Zuma Press (Symbolbild)

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