Wenn die Virtual Reality (VR) dich holen kommt (Nach einer wirklich wahren Geschichte)

  • Jonas Dirkes
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Dreimal klopft es an meine Tür. Klopf, Klopf, Klopf. Eigentlich erwarte ich keinen Besuch, aber wenn heutzutage noch jemand gegen eine verschlossene Tür hämmert, dann muss es wohl dringend sein. Ohne durch das Guckloch zu spicken öffne ich die Haustür und erblicke drei fein gekleidete Männer vor mir. „Hallo Herr Dirkes, haben sie vielleicht ein paar Minuten um mit uns über VR zu sprechen?“ „Also eigentlich muss ich…“ „Sehr nett von ihnen.“

Ohne lange zu zögern bahnt sich der kleine Klub von Anzugsträgern ihren Weg in die Küche und nimmt Platz auf unserem durchgesessenen Sofa. Ein Blinzeln genügt und der älteste der drei Männer bedient sich am Rest-Spekulatius, der noch von der gestrigen Weihnachtsfeier auf dem Tisch drapiert ist. „Mein Name lautet Oculus Rift“, nuschelt er leicht schmatzend, „sie haben vermutlich schon von mir gehört.“ Ich nicke anerkennend. „Das sind meine beiden Kollegen PlayStation VR und HTC Vive.“ Auch seinen beiden Begleitern zolle ich ein respektvolles Nicken. „Wissen sie eigentlich, dass 2016 das Jahr der Virtual Reality sein wird! Wir Leute vom Fach sagen auch gern VR, das klingt schicker. Nichtsdestotrotz sollten sie sich für 2016 wappnen Herr Dirkes! Haben sie sich schon entschieden?“ „Entschieden?“, sabbert es mir aus dem Mund, „Hä, wofür?“

„Sie Scherzkeks, natürlich welches VR-System sie erwerben wollen.“ Ich greife mir auch einen Spekulatius und antworte meinem Gegenüber “Also eigentlich möchte ich mit diesem ganzen VR-Kram gar nichts zu…“ „Marktreif sind wir leider alle noch nicht.“, grätscht mir Herr Oculus Rift dazwischen, „Meine Wenigkeit wird sehr wahrscheinlich, vielleicht im ersten Quartal 2016 erhältlich sein. Also im Grunde fast Morgen! Sehen sie Herr Dirkes“, er zeigt selbstsicher auf seinen Nebenmann, „Herr Vive geht kurz nach mir an den Start und unser PlayStation VR bekommt 2016 bestimmt auch noch seinen großen Auftritt, oder Playsi?“ Alle Blicke sind auf den kleinen Mann ganz rechts auf dem Sofa gerichtet. Langsam nimmt der Ü-50er seine rechte Hand aus der Tasche und setzt zum Surfergruß an. „Groovy.“ Zustimmendes Nicken seiner Kollegen.

„Sehen sie“, so langsam eigne ich mir schon den Staubsaugervertreterslang von Herrn Oculus Rift an, „ich habe wirklich kein Interesse an einer VR-Brille. Ich glaube ihnen ja, dass da eine ganz tolle Technik hinter ihrem Produkt steckt und wer würde ab und an nicht gern in eine andere Realität flüchten. Aber was mach ich mit der Brille, wenn ich sie dann habe?“ Die Männer sehen sichtlich verwirrt aus, scheinbar habe ich der VR nicht die Ehre erwiesen, die ihr gebührt. Während Oculus und PlayStation noch immer ihre Fassungslosigkeit im Gesicht gemeißelt stehen haben, beginnt Vive willkürlich mit dem Kopf zu zucken. „Keine Sorge, ist nur ein Bug, das kann schon mal vorkommen, wir sind noch nicht…“ „ …marktreif. Jaja, ich weiß.“, vollende ich seinen Satz. „Ich finde es ja klasse und vorbildlich was sie hier versuchen zu etablieren, aber nur eine Plattform auf den Markt zu werfen reicht nicht aus. Sie brauchen doch auch eine Seele für ihren Körper.“

„Herr Dirkes, jetzt werden sie aber anmaßend“, schnell schnappt Oculus sich den letzten Spekulatius, “Wenn sie wüssten wie viele Techdemos es schon für unsere Systeme gibt. Sie können virtuell Achterbahn fahren, Zeit in einem Haifischkäfig verbringen oder sich sogar digital durch eine Guillotine köpfen lassen! Das ist die Zukunft Herr Dirkes! Außerdem müssen sie solch eine Brille einmal getestet haben, anders könwwnen sie die Faszination der VR gar nicht richtig verstehen.“ „Aber das sind doch alles nur Beschäftigungen die nach mindestens zehn Minuten langweilig werden, es gibt doch nicht mehr als eine Hand voll echter Spiele, die wirklich für das VR-Konzept entwickelt wurden“ Die Zuckungen von Vive werden immer schlimmer, Mr. PlayStation kann ihn nur mit größter Mühe ruhig auf seinem Platz halten. „Sehen Sie,“ schon wieder dieser Slang „erinnern sie sich an Microsofts Versuch Kinect zu etablieren? Man hatte aus einer bahnbrechenden Idee eine technisch raffinierte Hardware geschaffen, die allerdings auf ganzer Linie versagt hat. Und warum? Weil sich niemand darum gekümmert hat die Plattform mit spaßiger und funktionierender Software zu beliefern. Der WOW-Faktor der Idee hat nicht gereicht um die teure Hardware zu etablieren und ähnlich wird es euch auch ergehen, wenn ihr nicht bald in die Puschen kommt und vollwertige Spiele für eure VR-Brillen bereitstellt. Braucht euer Freund wirklich keine Hilfe?“

Mittlerweile schlägt Vive unkontrolliert um sich. Oculus greift sich seine Beine und PlayStation seine Arme. Beide stehen rasch auf und tragen den, an einen Epileptiker erinnernden, Geschäftspartner in Richtung Tür. Kurz vor der Schwelle dreht sich Oculus noch einmal Um „Passen sie ja auf, dass sie nicht die Zukunft verschlafen Herr Dirkes. 2016 wird das Jahr der VR.“ Hoffentlich behält er recht, denke ich mir im Stillen, aber so wirklich daran glauben kann ich nicht. Wenn ich Heute aber etwas gelernt habe, dann dass es beim besten Willen reicht, nur an die Tür zu gehen wenn es klingelt.

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