Angespielt: Phantom Doctrine

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Seit Jahren zieht XCOM einsam seine Kreise an der Spitze rundenbasierter Strategiespiele. Viele haben versucht, den Genrekönig zu stürzen oder dem Spielprinzip ein neues Gewand überzustülpen. Mit Phantom Doctrine präsentierte CreativeForge dieses Jahr einen Anwärter, der mit innovativen Konzepten nach der Krone greift und dem Sci-Fi-Setting eine Absage erteilt. Stattdessen entführt uns der Spionage-Thriller in die Grabenkämpfe des Kalten Krieges. Grund genug für uns, zum Hard West Entwickler nach Warschau zu reisen und die Geheimnisse des Spiels zu lüften.

Eine eiskalte Verschwörung

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Sprechen wir über die Geschichte von Phantom Doctrine, stoßen wir prompt auf einen der größten Unterschiede zum geistigen Vorbild. Statt sich nämlich wie viele andere Genre-Vertreter auf das Thema Aliens zu stürzen, grenzt sich der Neuling ganz klar vom übersättigten Sci-Fi-Setting ab. Stattdessen rückt ein weltumspannender Konflikt zwischen den westlichen und östlichen Mächten in den Vordergrund: Der Kalte Krieg. Das Wettrüsten ist in vollem Gange und auf beiden Seiten arbeiten verdeckte Agenten, um den geschworenen Erzfeind zu sabotieren. Ideologien treffen aufeinander, der Spionage-Markt boomt – Das perfekte Setting für einen Strategiekracher.

Der polnische Entwickler bedient sich jedoch nicht dreist am historischen Quellmaterial, sondern versetzt die geschichtlichen Grundpfeiler mit einer ganz eigenen Story rund um eine globale Verschwörung. So spielt der Thriller in einer alternativen Zeitlinie, in der die Geheimorganisation Cabal sämtliche Fäden in der Hand hält und nicht nur Staatsmänner, sondern ganze Ideologien kontrolliert, um die Welt ins Verderben zu stürzen. Natürlich seid ihr damit beauftragt worden, unentdeckt Informationen zu sammeln, die Verschwörung aufzudecken und nicht weniger als den gesamten Planeten zu retten.

Liebesgrüße aus aller Welt

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Um das zu bewerkstelligen, benötigt ihr zunächst einmal Informationen – und davon eine ganze Menge. Willkommen im Metagame von Phantom Doctrine. Bevor es in die rundenbasierten Missionen geht, werdet ihr hier eine ganze Menge Zeit verbringen, um neue Agenten zu rekrutieren, die Verschwörung Stück für Stück aufzudröseln oder Nebenmissionen in die Wege zu leiten. Wie es sich für einen erfolgreichen Spion gehört, verfügt ihr deshalb über ein gut ausgestattetes Hauptquartier, das sich in mehrere Abteilungen gliedert.

Auf der Weltkarte schickt ihr eure Agenten auf Reisen in ferne Länder, damit sie Informationen sammeln, feindliche Spione einer Gehirnwäsche unterziehen oder schlichtweg, um zur nächsten Mission fortzuschreiten. In den Crew Quarters heuert ihr neues Personal an, verbessert das eigene Team oder rüstet spezielle Gadgets aus. Der Forger stand in unserem Build leider noch nicht zur Verfügung, wir vermuten allerdings, dass dort State-of-the-art-Waffentechnologie an den Höchstbietenden verhökert wird. Das Zentrum für Analytics wird von all jenen verwendet, die mehr über die Cabal und deren Verschwörung erfahren wollen, während ihr im MK Ultra auf feindliche Agenten trefft, die ihr befragen, foltern, umdrehen oder schlicht exekutieren könnt.

Komplexität nicht nur im Einsatz

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Im ersten Moment fühlten wir uns vom Metagame in Phantom Doctrine etwas erschlagen, fanden uns jedoch nach einigen Versuchen ganz gut zurecht. Besonders gelungen ist dabei die Suche nach weiteren Indizien, um die Drahtzieher hinter der globalen Verschwörung aufzudecken. Haben eure Agenten neue Informationen an Land gezogen, liegt es an euch, diese im Stil einer Mindmap neu zu arrangieren und somit relevante Daten aus ihnen zu extrahieren. Das Ganze erinnert an gute alte Detektivarbeit und lockert die Zeit zwischen den fordernden Missionen ein wenig auf.

Für einige Aha-Momente sorgt auch die Tatsache, dass Entscheidungen, die ihr im Metagamer trefft, im späteren Verlauf Einfluss auf die rundenbasierten Missionen haben können. Vor unserem ersten Auftrag haben wir beispielsweise eine feindliche Agentin auf unsere Seite gezogen und ihr eine ordentliche Gehirnwäsche verpasst. Leider hatten wir vergessen, ihr eine Trigger-Phrase, eine Art Selbstmordknopf, zu verpassen, sodass sie uns schon bei der kleinsten Notsituation eiskalt in den Rücken gefallen ist. Solche Interaktionen machen aus den eigenen Agenten mehr als fleischlose Platzhalter und verschaffen Phantom Doctrine einen Hauch emotionaler Tiefe.

Heimlich, still und leise

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Auch wenn ihr die Vorbereitung für Missionen nicht unterschätzen solltet, machen diese natürlich den den Großteil der Spielerfahrung aus. Hier findet sich auch der wohl deutlichste Unterschied zwischen XCOM und Phantom Doctrine: Das Spielkonzept. Während es beim Genrekönig primär darum geht, die eigenen Figuren taktisch korrekt zu platzieren und ein durchdachtes Stellungsspiel aufzubauen, dreht sich beim Anwärter alles darum, nicht entdeckt zu werden. Setting und Gameplay gehen dementsprechend Hand in Hand.

Um die Stealth-Passagen optimal auszunutzen, haben sich die Entwickler beim Nachfolger von Hard West für weitläufige Areale entschieden, die sich dank vieler vertikaler Elemente zu komplexen Leveln zusammensetzen. Damit der Spionage-Gedanke nicht zu kurz kommt, teilen sich die Areale in offene Zonen, die ihr frei erkunden könnt und Sperrgebiete. Ihr kundschaftet also den besten Weg aus, um unbemerkt am Wachpersonal vorbeizukommen und euch dem Missionsziel zu nähern. Das kann ein Attentat sein, eine Evakuierungsmission oder ein Hacking-Versuch.

Wollt ihr bereits zuvor einen Blick in sämtliche Gebäude werfen, habt ihr darüber hinaus die Möglichkeit, einen Agenten in Verkleidung loszuschicken – sehr nützlich, um Überwachungskameras auszuschalten, Türen zu öffnen oder Wachen unbemerkt auszuschalten. Kommt ihr dem Personalchef der Anlage jedoch zu nah, fliegt ihr schneller auf, als ihr Gorbatschow sagen könnt. Für noch mehr Komplexität sorgt die Wahl der Einstiegszone. Ihr könnt eure Agenten nämlich an verschiedenen Orten der Karte starten lassen.

Auf verlorenem Posten

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Dass Phantom Doctrine enorm viel Wert auf die Stealth-Elemente legt, wird vor allem dann deutlich, wenn ihr irgendwann entdeckt werdet. Es lohnt sich, diesen Moment so lange es geht herauszuzögern, denn die Gegner im Spiel sind schlichtweg eiskalte Sadisten. Haben sie euch erst enttarnt, scheinen sie von allen Himmelsrichtungen gleichzeitig auf euch zu schießen – mit Vorliebe durch offene Fenster. Ihr lebt also in ständiger Angst davor, aufzufliegen, was dem ganzen Spiel eine packende, bedrohliche Atmosphäre verleiht. Der Spionage-Thriller hebt sich also ganz klar von anderen Vertretern des Genres ab, deren Fokus zumeist auf der Konfrontation mit Waffengewalt liegt.

Die Kämpfe sind zwar richtig knackig, aber keinesfalls unmöglich zu meistern. Habt ihr eure Truppe in Positionen mit guter Deckung aufgestellt, können sie Stück für Stück zum Missionsziel vorrücken und auf dem Weg etwaige Gegner ausschalten. Besonders hilfreich sind hier die Support-Fähigkeiten, die es euch erlauben, einen unbeteiligten Agenten am Rande der Karte zu platzieren, damit dieser euch mit einem schallgedämpften Sniper-Gewehr, einer Rauchbombe und anderen Gagdets den Rücken frei hält. Im Kampf könnt ihr ansonsten relativ frei vorgehen. Ob Nahkampf oder Maschinenpistole: Erlaubt ist, was euch Luft verschafft.

Rosige Aussichten

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Grafisch ist Phantom Doctrine über jeden Zweifel erhaben. Natürlich bietet die Kameraperspektive von oben keine größeren Experimente an, aber die Texturen sind knackig, scharf und geben den mehrstöckigen Gebäudekomplexen deutlich mehr Authentizität. Der Grafikstil ist recht simpel gehalten, also wie geschaffen für einen unauffälligen Spion im Kalten Krieg.

Seid ihr im Gefecht und wählt einen Gegner zum Abschuss an, kann es gelegentlich passieren, dass Türen oder Geländer die Sicht versperren, nach einem kurzen Wechsel des Ziels ist der Blick auf das Gegenüber allerdings wieder frei. Lediglich die Animationen der Charaktere in Zwischensequenzen könnten etwas mehr Liebe vertragen.

Phantom Doctrine erscheint 2018 für den PC. Eine Version für die Konsolen ist geplant

Vielversprechend

Christian Böttcher

Phantom Doctrine birgt das Potenzial, im Rennen um die heißen Plätze der rundenbasierten Strategiespiele ganz oben mitzuspielen. Und das trotz des unterkühlten Settings, das uns in die schmutzigen Spionage-Abgründe des Kalten Krieges entführt. Wer dabei ein XCOM mit Agenten-Flair erwartet, wird ganz sicher nicht enttäuscht werden. Doch das Spiel liefert darüber hinaus so viele kleine Ideen, die frischen Wind in das Genre bringen. Da wäre zum einen das unterhaltsame und gut durchdachte Metagame, das die Missionen gelegentlich auflockert. Oder aber die Stealth-lastigen Missionen selbst, welche frischen Wind in verstaubte Stellungsgefechte bringen, indem sie Geschichte und Gameplay sinnvoll kombinieren. Wir sind schon jetzt begeistert und fiebern einem baldigen Release entgegen.
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