Vorschau: Crackdown 3

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Was hat Crackdown 3 abseits von Terry Crews zu bieten? – Bildquelle: Microsoft Studios

Lockere Sprüche und brutal-chaotisches Fratzengeballer – Mit dieser Grundformel schaffte es das erste Crackdown in Deutschland nicht nur auf den Index, sondern auch in die Herzen findiger Spieler, die damals ihre Hände an den schnellen Shooter bekamen. Eine semi-erfolgreiche Fortsetzung und zwei verschobene Release-Termine später, erscheint nun Teil Drei der Serie und hat mit Werbe-Ikone Terry Crews ein kräftiges Zugpferd an Bord. Wir konnten Crackdown 3 in London erstmals anspielen und verraten euch, wie viel POOOOOOWER im Over-the-top-Blockbuster steckt.

Vom Lieblingskind zum verlorenen Sohn

Was eigentlich zur Erfolgsgeschichte aus dem Hause Microsoft werden sollte, hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr in eine Nische zurückgezogen, aus der Crackdown 3 kaum zu entrinnen vermag. Ursprünglich sollte der Titel bereits 2016 zum Release der Xbox One X erscheinen und als Aushängeschild der kraftvollen Konsole dienen. Schließlich versprach die innovative Cloud-Technologie – powered by Microsoft Azure – effektvolle Zerstörungsorgien ohne Grenzen. Die komplette Spielwelt des Open-World-Shooters galt es bis zum letzten Backstein zu zertrümmern und das ganz ohne Ladezeiten oder Ruckler – zumindest im Multiplayer.

Auf unserer rund 3-stündigen Anspielsession konnten wir das ganze Ausmaß der Zerstörung erstmals am eigenen Leib erfahren. Der Fokus lag dabei allerdings weniger auf einstürzenden Neubauten als auf der offenen Spielwelt, kurzen Einblicken in die Kampagne und einem explosiven Abstecher in den kompetitiven Multiplayer. Soviel vorab: Vom AAA-Charme, der Crackdown 3 noch vor zwei Jahren umgab, ist nicht allzu viel übrig geblieben. Stattdessen versuchen sich die Entwickler von Sumo Digital an glattpoliertem Edeltrash und einem überzeichneten Effektgewitter, das lauter schreit als jede Old Spice-Werbung.

Das Böse trägt Anzug

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Überdrehte Weltenrettung: Klappe, die Dritte – Bildquelle: Microsoft Studios

Aber immer schön der Reihe nach. Bereits die Vorgänger haben sich in puncto Geschichte an allen Action-Klischees bedient, die sie in der zeitgenössischen Popkultur so ausgraben konnten. Auch Crackdown 3 bildet hier keine Ausnahme. Nach marodierenden Verbrecherbanden und hirnlosen Zombies haben wir es im dritten Teil nun mit Bösewichten in Anzügen zu tun: Der TerraNova Corporation. Unter dem Deckmantel dieser vermeintlichen Hilfsorganisation stecken machtgierige Schurken, die wirklich alles tun, um die Bevölkerung von New Providence zu willenlosen Sklaven heranzuzüchten. Sie sind unter anderem für einen Terroranschlag auf die Stadt verantwortlich, der die Stromversorgung der ganzen Region lahmgelegt hat.

Als Elitesoldat der Agency trefft ihr sogleich auf der Insel ein und werdet prompt mit einem der Drahtzieher konfrontiert. In der Haut von Terry Crews oder einem anderen von 20 ansonsten recht blassen Agenten tretet ihr dem ersten Gegner natürlich ohne Probleme in den Arsch, nur um festzustellen, dass eine ganze Reihe weiterer Superschurken nur darauf wartet, von euch niedergemäht zu werden. In der rund 12- bis 15-stündigen Kampagne ballert ihr euch so ohne viel Tiefgang durch die Stadt und dezimiert die Truppen von Terranova, bis ihr schließlich der fiesen Vorstandsvorsitzenden höchstpersönlich gegenübersteht. Die Reihenfolge, in der ihr die drei großen Abteilungen (Logistik, Industrie, Security) von TerraNova zu Fall bringt, liegt dabei in eurer Hand, denn abhängig davon, was ihr in der Welt anstellt, trefft ihr in dynamischen Zeiträumen auf die Abteilungsleiter des Bösen.

Vertikal genial

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Mit POWER durch New Providence – Bildquelle: Microsoft Studios

Spielerisch bedeutet das für Crackdown 3 vor allem eins: Solide und vor allem schnelle Shooter-Kost. Wer das kompromisslose Gunplay der Vorgänger geliebt hat, dürfte in der Theorie auch in New Providence auf seine Kosten kommen. Die Waffenauswahl, sobald freigeschaltet, ist riesig und wird nur von der Menge an Kugel-schluckenden Gegnern getoppt, die euch an jeder Straßenecke über den Weg laufen. Auch die Vertikalität der Kämpfe ist schon jetzt eine der großen Stärken des Spiels, denn ihr könnt im Sprung Fässer, Autos und andere Items herabregnen lassen, um danach mit Schrotfline, Laserpistole oder Singularity Gun zu Werke zu gehen und alles um euch herum in ein schwarzes Loch des Chaos zu ziehen.

Dennoch wollte der Funke bei uns nicht so recht überspringen. Trotz irrer Movement-Stafetten, die mit Doppelsprung und einem neuen, seitlichen Dash möglich sind, fühlt sich die Bewegung durch die Stadt noch zu stockend an. Nur selten schafft es Crackdown 3, uns in einen Flow zu versetzen. Nicht zuletzt deshalb, weil wir häufig an Fassaden hängenbleiben, die für unseren Agenten eigentlich keine Herausforderung darstellen sollten. Gleiches gilt für die Inszenierung der Kämpfe. Wie kaum eine Reihe zuvor steht CD für völlig überzogene Action, die uns jederzeit das Gefühl gibt, der krasseste Motherf***** des Universums zu sein. Dank generischer Bosskämpfe aus der Retorte und einschläferndem Gegnerdesign blieb dieses Gefühl bei uns leider aus. Einzig der Terry-Crews-Faktor mit lauten Ansprachen und überdrehtem Werbe-Flair sorgt beim Spielen für launige Atmosphäre.

Viel zu tun, wenig zu feiern

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Explosiv und doch generisch – Bildquelle: Microsoft Studios

Stellt sich natürlich die Frage: Kann Crackdown 3 denn wenigstens mit einer vielfältigen Spielwelt punkten? Nach rund zwei Stunden Spielerfahrung lässt sich das natürlich schwer beantworten. Was wir allerdings bis dato von New Providence gesehen haben, schreckt mehr ab als dass es Lust auf ausgedehnten Ballerurlaub in der technokratischen Metropole macht. Entweder geht es darum, zentrale Knotenpunkte von TerraNova in die Luft zu jagen oder eine bestimmte Anzahl von Schergen über den Jordan zu ballern – weder innovativ noch befriedigend. Als mobiler Held habt ihr jede Menge zu tun, die Motivation abseits von „Wann darf ich gegen den nächsten Endboss ran?“ bleibt allerdings auf der Strecke. In diesen Punkten ist Crackdown 3 derzeit noch zu generisch und altbacken.

Dieses gewisse Maß an Lieblosigkeit spiegelt sich auch im Look und Feel der offenen Spielwelt wider. Optisch erinnert der dritte Teil frappierend an Agents of Mayhem aus dem vergangenen Jahr, krankt allerdings an ähnlichen technischen Problemen: Frame-Einbrüche, matschige Texturen und generisches World-Building sind möglicherweise einem veralteten Build geschuldet, lassen uns allerdings so kurz vor dem Release skeptisch zurück. In die selbe Kerbe schlägt das UI, welches zwar übersichtlich, aber kaum zeitgemäß daherkommt. Anzeigen im uninspirierten Neon-Look lassen die technische Innovation, mit der Microsoft Crackdown 3 vor Jahren angekündigt hat, schnell in Vergessenheit geraten. Außerdem hätten wir uns einen treibenden Soundtrack gewünscht, der jeden unserer Moves mit einem massiven Gitarrenriff oder Doppelbass quittiert – Auch hier: Fehlanzeige.

Mein Held, meine Welt

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Hall of Heroes: Die erste Multiplayer-Karte – Bildquelle: Microsoft Studios

Das ist besonders deshalb schade, weil das Fortschrittssystem der Vorgänger auch nach rund zehn Jahren tadellos funktioniert. Wie schon im ersten Teil habt ihr nämlich die volle Kontrolle darüber, wie ihr euren Charakter Stück für Stück zu einer ultimativen Kampfmaschine macht. Sammelt ihr überall auf der Karte verstreute Agility-Orbs ein, levelt ihr eure Mobilität und könnt schon bald nicht nur ein Stockwerk hoch springen, sondern mit einem Satz gleich das ganze Hochhaus erklimmen. Nutzt ihr ausschließlich Feuerwaffen und lasst eure Fäuste verkümmern, spiegelt sich das nicht nur optisch an eurem Charakter wider, sondern sorgt für einen einzigartigen Spielstil. Nach jedem Spieldurchlauf werdet ihr also einen anderen, kraftstrotzenden Charakter vor euch haben.

Wirklich neu und interessant scheint auch das Speicherfeature, mit dem ihr euch im Grunde euren ganz eigenen Schwierigkeitsgrad schafft. Statt eure Fortschritt nämlich stumpf aneinanderzureihen, könnt ihr Charaktere und Spielwelten unabhängig voneinander abspeichern. In der Praxis bedeutet das Folgendes: Möchtet ihr mit einem voll aufgerüsteten Charakter den Anfang des Spiels erneut erleben und alles plattmachen, was euch vor die Flinte läuft, dann könnt ihr das problemlos tun. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass ihr jederzeit mit einem frischen Helden in eine fortgeschrittene Welt eintauchen könnt und so vor unerwartete Herausforderungen gestellt werdet – Die Möglichkeiten der Variation sind hier enorm, auch wenn aktuell lediglich fünf Speicherstände pro Held bzw. Welt verfügbar sind.

Zerstörung nur im Team

Das größte Potenzial von Crackdown 3 liegt unserer Meinung nach allerdings im Multiplayer. Auch hier prophezeien wir einige Probleme, denn mehr als eine Handvoll Waffen, Fähigkeiten, 3 Karten und 2 verschiedene Spielmodi werden es zum Release nicht ins Spiel schaffen. Trotzdem spielen die Entwickler die Stärken des Spiels hier richtig gut aus. So schnell, abgedreht und over the top die Kampagne in Sachen Gameplay ist, in der „Wrecking Zone“ liegt der wahre Chaosfaktor des Shooters. Nicht nur können wir hier wirklich alles bis auf den letzten Pixel zerstören, sondern die Trümmer der Umgebung somit auch zu unserem Vorteil nutzen. Wir missbrauchen zersplitterte Statuen als Deckung oder brechen unerwartet durch die Decke, um einen schnellen Takedown zu erzielen – hier ist wirklich alles möglich.

Im Agent Hunter Modus treten zwei 5er-Teams gegeneinander an und versuchen, gegnerische Spieler zu eliminieren, um an ihre wertvollen Badges zu kommen. 10 Sekunden habt ihr nach jedem erfolgreichen Takedown Zeit, um die Marke wie im CoD-eigenen „Kill confirmed“ zu sichern und einen Punkt zu holen. Wer nach Ablauf der Zeit die meisten mehr Punkte erzielt oder zuerst 25 Marken gesammelt hat, geht als Sieger vom Platz. Goldene Wirbel schleudern uns wie in Halo von einer Ecke der Map zur nächsten, während die Umrisse unserer Gegner aufleuchten, sobald wir sie einmal ins Visier genommen haben. Das macht die Mehrspieler-Matches unglaublich schnell, dynamisch und vermittelt endlich das Badass-Gefühl der alten Teile. Alternativ dazu tretet ihr im Territory-Modus an und haltet gemeinsam strategische Punkte auf der Karte. Leider stand diese Spielvariante bis dato noch nicht zur Verfügung.

Passabel

Christian Böttcher

Crackdown 3 hätte der überdrehte Bombast-Shooter werden können, den Fans der Reihe seit zehn Jahren herbeisehnen. Nach etlichen Verzögerungen in der Entwicklung spielt sich der dritte Teil aktuell jedoch vielmehr wie der Shooter, den wir vor knapp zehn Jahren zurückgelassen haben. Zu generisch und altbacken kommen Nebenaufgaben und Optik daher, zu viel spielerisches Potenzial bleibt bei den vertikalen, in der Theorie recht spaßigen, Kämpfen auf der Strecke. Schade, denn die innovativen Speicher- und Fortschrittssysteme machen Lust auf mehr und der Multiplayer bietet Potenzial zur zerstörerischen Spielspaß-Granate! Wer überzeichnete Action sucht, bleibt vorerst besser bei Saints Row oder Agents of Mayhem.
Vorschau: The Division 2 Vorschau: Rage 2
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