Vorschau: Fallout 76 (PC-Beta)

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Fallout 76: Unser Ersteindruck zur Beta auf dem PC

Fallout im Multiplayer – Der Anfang vom Ende oder sinnvolle Ergänzung zum Ödland-Franchise? In den vergangenen Tagen haben wir rund 10 Stunden mit der Beta von Fallout 76 verbracht und sind dieser Glaubensfrage auf den Grund gegangen. Wir blicken mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf den Release in 10 Tagen, denn wir hatten nicht nur mit verseuchten Ghulen, Riesenfaultieren und verbrannte Körpern zu kämpfen, sondern vor allem mit der katastrophalen Performance und Steuerung der Survival-Sandbox. Ob die liebevolle Spielwelt die vielen Fehler des Spiels ausbügeln kann, erfahrt ihr in unserem Ersteindruck zur Beta auf dem PC.

Beta-Chaos der Extraklasse

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Fallout 76: Wenn ein Spiel verschwindet

Im Netz kommt man aktuell nicht an digitalen Hasstiraden vorbei, in denen die PC-Beta von Fallout 76 systematisch auseinander genommen und bis auf den letzten Pixel zerpflückt wird. An allen und Ecken finden sich Probleme, die mit der Performance der Open-World-Sandbox zusammenhängen. Einige berichten davon, dass ihre Version im Vollbildmodus nicht über 15 Bilder pro Sekunde hinauskommt, während der Fenstermodus absolut souverän läuft, bei anderen wiederum (So auch bei uns) zeigt sich genau das umgekehrte Bild.

Klar ist: Der aktuelle Beta-Build läuft alles andere als flüssig. Gelegentliche Framedrops, schier endlose Ladezeiten für jedes noch so winzige Haus und Bugs, die man in dieser Form nur bei Bethesda findet, hinterlassen bereits in den ersten Minuten von Fallout 76 ein flaues Gefühl im Magen. Die kuriose Krone des Ganzen: Kurz vor Start der ersten Betaphase löschte sich auf einigen Rechnern das Spiel kurzerhand selbst und so mussten plötzlich rund 50GB Daten erneut heruntergeladen werden. Kurzum: Vor Release hat Bethesda noch enorm viel zu tun, um Fallout 76 zum 14. November fit zu bekommen.

Break-It Early Test Application

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Fallout 76: Keine Augenweide

Bei all diesem Chaos vergessen viele jedoch, dass es sich – auch wenn lediglich zehn Tage bis zum Release bleiben – um eine Beta-Version des Spiels handelt. Nicht ohne Grund hob Pete Heines vor dem Test warnend den digitalen Zeigefinger und erklärte die Beta kurzerhand zur B.E.T.A. (Break-It Early Test Application). Es sollen ganz bewusst Grenzen ausgetestet werden, um Fallout 76 einen möglichst reibungslosen Start zu ermöglichen. Wie alt der Build letztlich ist, den Vorbesteller und Presse spielen durften, ist ebenfalls nicht bekannt. Trotzdem bleiben Zweifel im Hinterkopf, denn nicht nur bei der Performance, sondern auch in Sachen Präsentation hat Fallout 76 noch massig Luft nach oben.

Abermals kommt die Creation Engine zum Einsatz, die schon in Fallout 4 keinen grafischen Meilenstein darstellte. Bethesda verabschiedet sich vom postnuklearen Ödland wie wir es kennen und setzt stattdessen auf eine lebendige Spielwelt – zumindest in puncto Farbstimmung. Die Landschaften sind größtenteils von den Wehen des Krieges verschont geblieben und erstrahlen in allen Formen und Farbtönen – zumindest, wenn man sie aus der Ferne bestaunt. Aus der Nähe betrachtet offenbart das Spiel jedoch seine grafischen Schwächen, die mit der veralteten Engine einhergehen. Schwammige Texturen, eckige Gräser, Wassereffekte von vor zehn Jahren und nicht zuletzt Licht, das aus allen Richtungen zu kommen scheint, nur nicht von der Sonne selbst. Wenn die Ressourcen also nicht in die Präsentation geflossen sind, wohin dann?

Hier bin ich Mensch, hier darf ich nicht sein

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Fallout 76: Mirelurks statt Menschen

Ein Markenzeichen, das Fallout schon immer ausgezeichnet hat, sind riesige, bis ins letzte Detail mit kreativer Liebe vollgestopfte Spielwelten, die uns immer wieder aus der Sicherheit des Vaults locken. Daran hat sich glücklicherweise auch in Fallout 76 nichts geändert. Auf der Karte wimmelt es nur so vor kleinen Geschichten. Diese wirft euch das Spiel allerdings nicht in den Rachen. Ihr müsst euch darauf einlassen, sie euch Stück für Stück selbst zu erschließen. Die Karte zeigt euch lediglich Points of Interest, ob sich dort eine von den schier unendlichen Nebenquests verbirgt, verrät sie euch allerdings nicht. Soweit so spaßig und typisch Fallout. Der größte Unterschied: Jetzt könnt ihr das Ödland nicht nur allein erforschen, sondern erlebt die Postapokalypse mit Freunden, Fremden oder gar Feinden.

Einziges Problem dabei: Abseits von euren humanoiden Mitspielern trefft ihr in Appalachia (So der Name der Spielwelt) auf keinerlei menschliche NPCs. Stattdessen führt euch die Geschichte von einer Leiche zur nächsten. Da die blassen Burschen aber in der Regel recht wortkarg sind, fällt das Dialogsystem aus vorangegangenen Spielen gänzlich weg, also auch weitreichende Entscheidungen, die damit einhergingen. Diese Lücke sollen Audiologs füllen, die überall in der Spielwelt verstreut und wirklich gut geschrieben sind. Das klappt allerdings nur bedingt, denn einige der Aufzeichnungen sind so lang, dass man entweder die Konzentration verliert oder in der Zwischenzeit ein weiteres Log mit einer neuen Geschichte findet. Den Mangel an einzigartigen Charakteren können leider auch die vielen witzig gestalteten Roboter des Spiels nicht wettmachen, sodass ihr euch im Ödland aktuell so allein fühlt wie nie zuvor – Ob das etwas Gutes oder Schlechtes ist, dürft ihr gern selbst entscheiden.

Überleben und überleben lassen

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Fallout 76: Gemeinsam überlebt es sich am besten

Wenn Fallout 76 auf die klassische Singleplayer-Formel verzichtet und die Geschichte in den Hintergrund rückt, kann es dann wenigstens in puncto Multiplayer überzeugen? Mit Pip-boy im Anschlag erkundet ihr eine Online-Survival-Rollenspiel-Sandbox und müsst jederzeit auf Hunger und Durst achten, um nicht ebenfalls dem nuklear verseuchten Ödland zum Opfer zu fallen. Dementsprechend reiht sich Fallout 76 ein in die endlose Masse von Survival-Spielen wie Rust oder The Forest, die zurzeit vor allem auf dem PC für Furore sorgen – nur eben mit etwas mehr Geschichte hintendran. Gemeinsam spielt es sich am besten und so fällt es enorm leicht, Mitspieler für das eigene Survival-Team zu finden und mit ihnen auf Streifzug zu gehen. Dank gelungener Tutorials (in Audiolog- oder Textform) weiß jeder Mitspieler sofort Bescheid, wie das Spiel funktioniert und kann sich am Basenbau beteiligen oder mehr Feuerkraft zur Verfügung stellen.

Aber auch hier fehlt es an Feinschliff. Man kann den Voicechat zwar im Spiel seinen Vorlieben anpassen, ihn lokal aktivieren, nur für das eigene Team zur Verfügung stellen oder ganz ausschalten, von komfortablen Funktionen wie Push to talk oder Sprachaktivierung hat das Jahr 2102 aber wohl noch nichts gehört. Etwas mehr Flexibilität hätten wir uns hier gewünscht. Wer das Ganze gern solo angehen möchte und Angst davor hat, ständig von Spielern mit höherem Level zurück in den Ladebildschirm geschickt zu werden, darf allerdings aufatmen. Fallout 76 verfügt über ein System, das euch ein paar Freiheiten lässt. Entweder ihr aktiviert den Kampf Spieler gegen Spieler und könnt jederzeit angegriffen werden bzw. angreifen oder ihr deaktiviert das Feature völlig, geht also gemütlich eurem Ödland-Dasein nach. Dazwischen gibt es jedoch auch die Option, dass Spieler nur dann signifikanten Schaden an euch machen, wenn ihr zurückschießt.

Postnukleare Bauinitiative

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Fallout 76: Hier gilt das Jedermannsrecht

Das neue C.A.M.P. Feature erlaubt es euch – anders als in Fallout 4 – überall in der Welt ein Lager aufzuschlagen und nach Herzenslust auszubauen. Dem fröhlichen Basteln steht auf dem PC allerdings die katastrophale Steuerung im Weg. Man merkt Fallout 76 deutlich an, dass es anfänglich für die Konsolen konzipiert wurde, denn im Baumenü nicht per Maus zwischen den einzelnen Reitern wechseln zu können und stattdessen auf Tasten wie „Z“ und „C“ angewiesen zu sein, grenzt schon an eine Beleidigung für alle PC-ler. Ansonsten präsentiert sich der Basenbau so wie ihr ihn in Fallout 4 verlassen habt: Simpel zu bedienen, allerdings mit vielen kreativen Möglichkeiten und einem gut ausbalancierten Fortschritt. Viele Baupläne müsst ihr nämlich zuerst in der Welt finden, um etwa eine Tür zu basteln, die sich abschließen lässt. Dementsprechend viel Langzeitmotivation steckt in Fallout 76.

Greift ein feindliches Squard oder Getier in der Nähe euer Zuhause an, bekommt ihr eine Nachricht über das Questmenü und könnt gratis von überall auf der Welt zurückreisen, um das Camp zu verteidigen. Das funktioniert Fallout-typisch mit allen möglichen Arten von Nahkampf-Waffen oder Schießeisen. Da in einer Online-Umgebung das alte V.A.T.S jedoch zu Problemen führen würde, hat das Zielsystem eine Grundüberholung spendiert bekommen. In Echtzeit visiert ihr nun keine Körperteile an, sondern den Gegner im Ganzen und bekommt, abhängig von Position und Reichweite der eigenen Waffe, Feedback darüber, ob ihr trefft oder daneben schießt. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit habt ihr das fummelige Zielen verinnerlicht und wechselt zwischen V.A.T.S und manuellem Zielen hin und her. Schwammig bleiben die Shooter-Parts dabei aber auch in Fallout 76. Lasches Trefferfeedback und kuriose Hitboxen – mit modernen Ballerorgien kann das Spiel derzeit nicht mithalten.

Karte für Karte zum Ödland-Helden

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Fallout 76: Karten machen euch besser

Dass trotz eingedampfter Spielmechaniken im Großen und Ganzen atmosphärisches Fallout-Feeling aufkommt, liegt nicht zuletzt an den Rollenspiel-Elementen, die den Weg zum Multiplayer größtenteils gut überstanden haben. Das klassische Wertesystem S.P.E.C.I.A.L gibt es weiterhin, allerdings etwas moderner aufgelegt. Statt Fertigkeitspunkten bekommt ihr beim Levelaufstieg Karten für jede der sieben Kategorien. Jede dieser Karte verfügt über einen einzigartigen Perk, den ihr sofort einsetzen könnt. Ob ihr mit Pistolen mehr Schaden anrichtet, zusätzliche Materialien beim Verschrotten von Items erhaltet ode in der Gruppe mehr Erfahrung sammelt: Fallout 76 lässt euch viele Freiheiten, euren Charakter vom Editor bis hin zum Totenbett so zu entwickeln wie es euch gefällt. Deshalb könnt ihr eure Karten auch jederzeit austauschen:

Auch das Crafting kommt natürlich nicht zu kurz. Waffen, Rüstungen, Bauelemente oder Leckereien: Für alles gibt es eine spezielle Werkbank, an der ihr Dinge aus der Spielwelt in nützliche Items umwandelt. Trotzdem müsst ihr Prioritäten setzen, was ihr mitnehmt, denn aktuell ist der Taschenplatz so begrenzt wie Preston Garveys Wortschatz. Um euer Inventar zu verwalten, müsst ihr euch allerdings weiterhin durch die unübersichtlichen Menüs des Pip-Boy klicken. Natürlich gehört diese natürliche Sperrigkeit zum Charme der Reihe, für ein Spiel im Online-Kosmos, das vor allem die jüngere Generation zu waschechten Fallout-Fans machen möchte, fehlt jedoch eine ganze Wagenladung an nützlichen Funktionen, die – so Overlord Todd Howard will – Fallout zurück zu alter Größe verhelfen.

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Fallout 76: Rollenspiel mit Nostalgiefaktor

Ein großes Hindernis auf dieser Reise könnte der Atomic Shop darstellen, in dem ihr für Atome kosmetische Items, Waffen und andere Kleinigkeiten erwerben könnt. Atome erhaltet ihr entweder durch tägliche Herausforderungen oder aber mit Echtgeld. Wie viel Pay to Win letztlich in Fallout 76 steckt, lässt sich aktuell schwer beurteilen. Viele Fans der alten Fallout-Spiele stehen den Mikrotransaktionen derzeit noch skeptisch gegenüber. Fraglich, ob Bethesda mit dem Ingame-Shop den gewünschten Erfolg erzielen kann.

Fallout 76 erscheint am 14. November für PC, PlayStation 4 und Xbox One.

Passabel

Christian Böttcher

Nach rund 10 Stunden mit der PC-Beta von Fallout 76 stehen wir vor mehr Fragen als Antworten. Zu altbacken kommen Optik und Steuerung des Ödland-Epos daher, zu viele Ungereimtheiten in puncto Performance verbleiben. Dabei steckt hinter dem Spiel eine Idee, die durchaus funktionieren kann. Das liebevoll entworfene Appalachia gemeinsam mit anderen Abenteurern zu erkunden, hebt die Atmosphäre und den Charme der Reihe auf ein neues Level, denn die vielen kleinen Geschichten, welche wir in 20 Jahren Fallout so liebgewonnen haben, stecken auch in Fallout 76. Einige Designentscheidungen bleiben sicher fragwürdig und an der ein oder anderen Stelle fehlt dem Spiel noch der Feinschliff, mit ein bisschen mehr Zeit kann Fallout 76 aber zu einer echten Ergänzung des Franchise heranreifen. Ob das zu Release der Fall sein wird, bezweifeln wir jedoch.
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