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Lost Sphear: Erinnerungen retten die Welt

Die Erinnerung – ein fragiles Konstrukt, das unserem Gehirn die Möglichkeit gibt, einmal Erlebtes immer wieder abzurufen, auf wichtige Informationen zurückzugreifen oder geliebte Momente mit neuem Leben zu füllen. Square Enix und die Tokyo RPG Factory machen sich unsere Erinnerungen zu Nutze und reiten mit ihrem neuen Titel Lost Sphear, der Anfang 2018 das Licht der Welt erblicken soll, weiter auf der Erfolgswelle japanischer Rollenspiele im Retro-Stil. Der geistige Nachfolger des erfolgreichen I am Setsuna schlägt thematisch in eine ähnliche Kerbe, soll in puncto Gameplay aber einige Verbesserungen mit sich bringen. Wir haben das JRPG vorab angespielt und eine Welt betreten, die Stück für Stück aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet.

Eine Welt verschwindet

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Kein JRPG ohne Taverne

Wie schon das spielerische Debut des Entwicklers zieht auch Lost Sphear den größten Teil seiner Inspiration aus dem goldenen Zeitalter der JRPGs. Dementsprechend beginnt der Titelheld Kanata seine Reise zunächst ganz auf sich allein gestellt. Seine Träume halten eine düstere Zukunftsvision nach der anderen für ihn bereit, doch immer gipfeln sie in einem schicksalhaften Ereignis: Die Heimatstadt des Jungen wird von einer mysteriösen weißen Schicht überzogen und verschwindet im Nichts.

Um dies zu verhindern, trommelt Kanata einige Gefährten zusammen und macht sich auf den Weg, die vergessenen Abschnitte der Welt mithilfe von Erinnerungen wiederherzustellen. Natürlich stößt die Truppe dabei irgendwann auf Widerstand, denn nicht jeder versteht, welche Bedrohung vom Nichts ausgeht. Nur wenn sie ihren Gedanken Substanz verleihen und zusammenarbeiten, können sie die weißen Flecken auf der Landkarte mit neuem Leben füllen, um ihr Dorf und schließlich die ganze Welt zu retten.

Auch wenn uns bisher nur winzige Story-Happen vorgesetzt wurden, macht die Grundannahme von Lost Sphear schon jetzt Lust auf mehr. Die sukzessive verschwindende Welt, welche wir im Spielverlauf mit Erinnerungen wiederherstellen, verspricht einige narrative Kniffe und Twists, die uns nicht nur die Spielwelt selbst näherbringen, sondern auch die Charaktere, die dort auf uns warten. Bleibt die Erzählung auf einem änhlich hohen Niveau wie bei I am Setsuna, sind wir wunschlos glücklich.

Lang ersehnte Dynamik

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Neue Dynamik im Kampfsystem

Die größte Kritik am geistigen Vorgänger hagelte es vor allem in Sachen Gameplay. Die rundenbasierten Kämpfe boten wenig Abwechslung und kaum Raum für taktische Tiefe. Hier haben die Entwickler angesetzt. Das Kampfsystem bekommt eine Grundüberholung spendiert, die für mehr Dynamik und Freiheit sorgen soll, ohne das klassische RPG-System allzu sehr über den Haufen zu werfen. Während ihr euch bei I am Setsuna nur darüber Gedanken machen musstet, welchen Gegner ihr mit welchem vernichtenden Angriff über den Jordan schicken wollt, wird das ATB-Kampfsystem in Lost Sphear mit zwei neuen Komponenten aufgebohrt: Geschwindigkeit und Positionierung.

Begebt ihr euch in ein Gefecht, habt ihr nun nicht mehr ewig Zeit, eure Charaktere durchzuschalten und die Attacken auszuwählen. Die Kämpfe bleiben grundsätzlich rundenbasiert, werden allerdings um einen Echtzeit-Faktor erweitert. Habt ihr jedem Kämpfer eine Aktion zugewiesen, müsst ihr einen Moment warten, bis die Recken wieder einsatzfähig sind. Seid ihr dabei nicht schnell genug, kann es jedoch sein, dass der Gegner übernimmt und ihr seinen Zug abwarten müsst, bevor ihr an der Reihe seid. Anfangs sorgt dieses Feature noch für Hektik und Frust, habt ihr euch aber erst eingespielt, bringt es jede Menge Spannung in die Kämpfe:

Die Echtzeit-Phase, bevor eure Kombos ausgeführt werden, gibt euch in Lost Sphear darüber hinaus einige Sekunden, um die Kampfposition der Charaktere zu bestimmen. Habt ihr beispielsweise einen Bogenschützen im Team, den ihr mit einem durchschlagenden Schuss ausgestattet habt, könnt ihr euch schnell so positionen, dass ihr damit gleich drei, vier oder gar fünf Widersacher auf einmal ausschaltet. Gleichzeitig könnt ihr solchen Situationen vorbeugen, indem ihr euer Team in eine offene Formation bringt, die dem Gegner keine Möglichkeit einer todbringenden Flächenkombo eröffnet. Da die Kämpfe auch in Lost Sphear richtig fordernd ausfallen, kommen diese taktischen Neuerungen wie gerufen und sind ganz nebenbei auch noch unglaublich befriedigend, wenn sie aufgehen.

Lost Sphear – Ein JRPG aus dem Schaukasten

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Lost Sphear: Klassische RPG-Formel

Abseits der Gameplay-Schrauben, die beim ATB-System angezogen werden, geht der Rest der spielerischen Elemente klassisch und solide an den Start. Jeder Charakter verfügt über vier Grundfähigkeiten, einen normalen Angriff und zusätzlich vier Spritnites. Wie schon bei I am Setsuna lasst ihr mit diesen besonders starke Kombos vom Stapel. Auch die Items orientieren sich an Klassikern aus den 90ern. Heiltränke, Manatränke, Tränke gegen Debuffs – für jede Situation ist das richtige dabei. Bei großzügig verteilten Händlern kauft und verbessert ihr das eigene Gear, erschafft neue Waffen und veräußert überflüssige Gegenstände. Hier erwarten euch erprobte Rollenspiel-Feinheiten, die seit 20 Jahren wunderbar funktionieren.

Etwas innovativer geht es beim Erforschen der Welt vor sich. Auf einer großen Weltkarte, die ihr recht früh im Spiel freischaltet, wandert ihr als überdimensioniertes Charaktergrüppchen umher und arbeitet euch von Level zu Level. Anfangs bemerkt ihr jedoch relativ viele weiße Flecken auf der Karte, die ihr erst mit Erinnerungen freischalten müsst. Diese bekommt ihr nach einem erfolgreichen Kampf von Gegnern und Bossen. Habt ihr die erforderlichen Materialen zusammengetragen, um ein neues Gebiet freizuschalten, werdet ihr vor eine interessante Wahl gestellt.

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Die Weltkarte lockt mit Geheimnissen

Jeder neue Abschnitt kommt nämlich mit einem Buff daher, den ihr frei wählen dürft. Hier erinnert Lost Sphear stark an NieR: Automata, denn die Verstärkungen umfassen nicht nur altbekannte JRPG-Features wie Schaden+X oder einen Extra-Zug zum Start eines Kampfes, sondern beeinflussen auch das Meta-Game. So könnt ihr euch HUD-Elemente wie die Gegner-HP anzeigen lassen oder eine Minimap hinzufügen, um lästiges Hin- und Herschalten zu umgehen. Dieser frische Ansatz hat uns schon in Squares Androidenepos gut gefallen und birgt auch hier spielerische Freiheit in Reinkultur.

Weiße Melancholie zu grünem Optimismus

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Vulcosuits: Ein echter Atmo-Killer

Ebenfalls neu, aber deutlich weniger frisch kommen die sogenannten Vulcosuits daher. Dabei handelt es sich um Mech-ähnliche Anzüge, in die wir unsere Charaktere stecken können, um von Felsen versperrte Passagen zu öffnen oder besonders knackige Kämpfe zu bestreiten. Leider wollen die klobigen Schrotthaufen so gar nicht in die düstere Fantasy-Atmosphäre von Lost Sphear passen. Auch ihre Animationen wirken lächerlich leichtfüßig und lassen das ansonsten stilechte Spielgefühl ein wenig verpuffen.

Lassen wir die Roboter einmal beiseite, macht die Retro-Optik des Spiels einen ordentlichen Eindruck. Der Stil blieb über die von uns angespielten Abschnitte hinweg nüchtern und unaufgeregt, wirkt dabei aber nie hässlich. Der düstere Look vom geistigen Vorgänger macht dabei Platz für eine verspielte, postive Grundstimmung, die gelegentlich mit verheißungsvollen Klavierstücken und albtraumhaften Passagen kontrastiert wird.

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Der Schnee ist getaut: Lost Sphear wird bunt

Die verschneiten Winterlandschaften von I am Setsuna werden von grünen Wiesen, mittelalterlichen Tavernen und Holzhütten, sowie staubigen Einöden abgelöst. Dementsprechend wirkt das Spiel schon jetzt deutlich weniger eintönig, was die Farblandschaften anbelangt. Man könnte regelrecht meinen, die Entwickler hätten sich das Feedback der Spieler etwas zu sehr zu Herzen genommen und deshalb werden nun Stück für Stück die weißen Flächen – Erinnerungen an den Vorgänger werden wach – aus der Landschaft getilgt.

Lost Sphear erscheint am 23. Januar 2018 für Nintendo Switch, PlayStation 4 und PC
Vielversprechend

Christian Böttcher

Mit Lost Sphear bringen Square Enix und die Tokyo RPG Factory ein Japano-Rollenspiel nach traditioneller Formel. Als geistiger Vorgänger stand I am Setsuna Modell für eine Geschichte rund um verlorene Erinnerungen und das alles verschlingende Nichts. Dabei versprechen vor allem die Neuerungen in Sachen Gameplay ein deutlich verbessertes Spielerlebnis, das mit mehr Dynamik punkten kann. Ätherische Klaviersounds im Kombination mit einem liebevollen Grafikstil sorgen für die nötige Atmosphäre, auch wenn einige Designentscheidungen fragwürdig bleiben. Abseits von unpassenden Vulcosuits haben die Entwickler ein Spiel geschaffen, das wesentlich bunter, vielseitiger und runder wirkt als das Debüt des Studios. Wenn dann noch die Erzählung stimmt, kann bei Lost Sphear nicht mehr viel schiefgehen. Wir erwarten den Release mit Spannung.
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