Vorschau: The Surge 2 – Mehr als ein Sci-Fi-Souls?

The-Surge-2-Kampf

The Surge 2: Endlich konnten es anspielen! – Hier unser Ersteindruck

Alles was nicht aus der Feder von Allvater Hidetaka Myazaki stammt, hat im Bereich der Soulslike-Spiele seit Jahren einen schweren Stand. Schließlich muss sich jeder Neuling zunächst im Vergleich mit dem großen Gleichmacher Dark Souls beweisen. Trotzdem gehörte das Frankfurter Studio Deck13 zu den ersten, die den mutigen Schritt gegangen sind und dem Genre ihren ganz eigenen Stempel aufdrückten – zunächst im Fantasy-Kosmos mit Lords of the Fallen, anschließend auf Robo-Art in The Surge. Rund 500.000 verkaufte Einheiten später steht der Nachfolger mit stolzgeschwellter Blechbrust in den Startlöchern. Wir konnten The Surge 2 endlich selbst anzocken und verraten, ob ihr beim zweiten Teil mit einem Up- oder Downgrade rechnen müsst.

Allein unter Maschinen

Frisch von der Gamescom: The Surge 2-Bild3

Mensch vs. Maschine: Wer ist hier mit wem eingesperrt?

Soviel vorab: An den grundlegenden Prinzipien von The Surge ändert sich auch mit dem zweiten Teil nicht allzu viel. Geschichte und Setting bleiben erfrischend und setzen genau dort an, wo der erste Teil sein spektakuläres Finale fand – nur eben etwas größer und mit mehr Oomph. Vom abgeschotteten Fertigungskomplex aus breitet sich die ominöse Mechano-Seuche nämlich nun auch auf weite Teile der städtischen Regionen aus. Genau dort beginnen wir unser fabrikneues Abenteuer mit einem ebenso taufrischen Charakter. Statt auf einen vorgegebenen Helden zurückzugreifen, schickt ihr in The Surge 2, dank Charakter-Editor, einen handgeklöppelten Weltenretter ins Rennen. Die Auswahl fällt grundsolide aus und lässt genügend Freiheiten, um eine einzigartige Figur ins Leben zu rufen. Frisch frisiert und mit einer soliden englischen Sprachausgabe bestückt, beschreitet ihr also eure ganz eigene Odyssee.

Die Reise spielt sich dabei größtenteils in der Metropole Jericho City ab, wo es vor verseuchten Maschinen nur so wimmelt. Um die Außenwelt zu schützen, steht die komplette Stadt unter einer strengen Quarantäne und es liegt an euch, einen Weg aus der Kuppel zu finden und dabei im Vorbeiflitzen die Welt zu retten. Dieses Unterfangen stellt sich jedoch schnell als spaßiger heraus als zunächst angenommen, denn von den immer gleichen Fabrikhallen des Vorgängers ist kaum etwas übrig geblieben. Optische Vielfalt steht ganz oben auf der Liste der Neuerungen, denn alle Gebiete, die wir bereits zu Gesicht bekommen haben, könnten unterschiedlicher kaum sein. Zunächst zeigten die Entwickler uns einen verschachtelten Level mitten im Großstadtdschungel, den die tobsüchtigen Roboter in Schutt und Asche gelegt haben. Trotzdem regt sich Leben in der urbanen Einöde, denn im Neuling soll die Interaktion mit menschlichen Überlebenden deutlich komplexer ausfallen. Dazu gehören unter anderem Dialogoptionen und Nebenaufgaben.

Stadt, Land, Mech

The-Surge-2-Höhle

Grafik und Atmosphäre: Ein Satz vorwärts!

Platz ist hier Mangelware und so fühlten wir uns sofort in die beengten Korridore des ersten Teils zurückversetzt – nur eben grafisch zwei Stufen darüber. Während der Tour durch die vielschichtige Stadt präsentieren die Entwickler uns eines der brandneuen Online-Features. Ganz wie beim Genreprimus habt ihr nun nämlich die Möglichkeit, anderen Spielern Nachrichten zu hinterlassen und sie so mit wichtigen Tipps zu versorgen. Oder aber ihr führt sie schnurstracks in eine tödliche Falle und lacht euch schlapp – hier wird niemand verurteilt! Statt die Botschaften aber auf den Boden zu klatschen, geht The Surge 2 den eleganten Weg und lässt euch kleine Graffiti überall dort hinsprühen, wo es gerade passt – Eine nette Dreingabe, aber Invasionen und andere Koop-Funktionen bleibt uns auch der zweite Teil leider schuldig.

Doch wer braucht schon Mitspieler, wenn die Welt ohnehin dafür sorgt, dass ihr euch wie der letzte verbliebene Mensch des Planeten fühlt? Im zweiten Teil unserer Session präsentierte Deck13 zu diesem Zweck erstmals ein Areal, das in starkem Kontrast zu allem steht, was die Reihe bisher ausgezeichnet hat. Fabriken, Häuser und beengte Flure sucht ihr dort vergebens. Stattdessen führt uns ein schmaler Pfad tief in ein dicht bewachsenes Waldgebiet. Klapprige Hinweisschilder lassen vermuten: Bevor die Maschinen die Welt an sich gerissen haben, lag hier ein städtisches Erholungszentrum. An der stimmungsvollen Parkanlage zeigt sich, wie viel Deck13 aus dem Vorgänger gelernt hat. Verschachtelt und recht linear kommt zwar auch der Wald daher, dafür belohnt uns das Spiel im Minutentakt mit großen Freiflächen. Selbst innerhalb des Waldes finden sich zwei verschiedene Abschnitte, der eine einladend, hell und offen, der andere düster, bedrohlich, schlicht klaustrophobisch.

Abgehackt und drangeschraubt

The-Surge-2-Waffen

Wer zerlegt, bleibt am Leben.

Der Kontrast zwischen Eng und Weit gelingt deutlich besser als noch im Vorgänger, sodass The Surge 2 in puncto Leveldesign schon fast mit dem großen Konkurrenten mithalten kann – zumindest anhand der 1,5 Stunden, die wir bislang mit dem Spiel verbringen durften. Eine durchdachte und fesselnde Spielwelt ist jedoch nur der erste Schritt zu einem richtig guten Soulslike. Für die großen Sprünge muss vor allem eins stimmen: Das Kampfsystem. So friedlich wie das vernebelte Waldstück auf den ersten Blick scheint, ist es tatsächlich gar nicht. Überall im Dickicht zwischen den Wanderwegen haben sich mechanische Ninjas versteckt, die uns an die verzinkte Wäsche wollen. Und das schaffen sie selbstverständlich – wieder und wieder und wieder! Am knackigen Schwierigkeitsgrad der Kämpfe hat sich nämlich auch in Teil Zwei kaum etwas geändert. Jeder noch so kleine Gegner fordert Konzentration, taktisches Geschick und mechanisches Können von euch.

Dabei hält sich der Nachfolger größtenteils die Treue. Das innovative “Bodypart”-System kehrt zurück und bleibt eines der spielerischen Alleinstellungsmerkmale von The Surge. Es erlaubt euch, einzelne Körperteile des Gegners in den Fokus zu nehmen, Schwachstellen auszumachen und so lange darauf einzudreschen, bis die Robo-Rüstung scheppert. Damit jedoch nicht genug, denn jede Extremität lässt sich mit einem gekonnten Hieb von seinem Besitzer trennen. Das sieht nicht nur spektakulär brutal aus, sondern bringt auch einen spielerischen Nutzen mit sich. Abhängig davon, um welchen geliebten Teil seines Körpers ihr den Gegner erleichtert, fällt nämlich auch der Loot aus, der am Ende dabei herausspringt. Köpft ihr euren Widersacher beispielsweise, ist die Chance groß, dass ihr schon bald um einen neuen Helm reicher seid – leichte bis mittelschwere Gebrauchsspuren inklusive.

Flucht nach vorn

Es geht also nicht ausschließlich darum, Gegner über den Jordan zu prügeln. Vielmehr steht im Mittelpunkt, wie ihr das Ganze bewerkstelligt. Nachdem der erste Teil Kritik einstecken musste, weil er vielen Spielern zu behäbig erschien, haben die Entwickler auch hier nachgebessert. The Surge 2 spielt sich schneller und flüssiger als sein Vorgänger. Nicht zuletzt deshalb, weil taktisches Warten offenbar keinen Platz im Vokabular von Deck13 findet. Während ihr im ersten Teil immer mit einer Mindestanzahl an Heiltränken in den Kampf gegangen seid, zieht euch der Neuling dieses Sicherheitsnetz kurzerhand unter dem rostigen Robo-Arsch weg. Stattdessen zwingt euch das Spiel in die Offensive, denn nur wenn ihr regelmäßige Angriffe startet, füllt sich eine unauffällige Leiste am unteren Bildschirmrand. Erst wenn die voll ist, könnt ihr euch einen kleinen Prozentsatz Leben zurückholen – ein kleine, aber wirkungsvolle Designentscheidung.

Für mehr Dynamik sorgt auch die überarbeitete Drohne, welche im ersten Teil nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Sie verfügt nun über deutlich mehr Funktionen als zuvor und lässt sich als mechanischer Begleiter auf vielfältige Art und Weise einsetzen. Sofern ihr über genügend Energie verfügt, schießt sie weiterhin auf arglose Gegner, kann nun aber auch als eine Art Tank genutzt werden, Gegner ablenken oder einen EMP abfeuern, der nahegelegene Waffen und Tools stört. Innerhalb von rund einer Stunde sind wir auf fünf verschiedene Module gestoßen. Als flexible Allzweckwaffe funktioniert die Drohne bislang hervorragend – nicht zuletzt, weil sie uns jederzeit zwischen drei ausgerüsteten Skills wechseln lässt. Einziges Problem: Sitzt ihr an einem der Bosse (von denen es übrigens deutlich mehr geben soll als noch im ersten Teil) doch einmal länger, kommt ihr um lästiges Grinden nicht herum, denn die Munition der Drohne ist schneller erschöpft als ein einbeiniger Hürdenläufer.

Taktisch, aber unbequem

The-Surge-2-Rüstung

Das Kampfsystem: Bewährt, aber nicht ohne Macken

So ganz verabschiedet sich The Surge 2 jedoch nicht von den kleinen spielerischen Macken des Vorgängers. Auch wenn die Kämpfe dank der riesigen Waffenauswahl und Quality-of-life-Funktionen mit mehr Dynamik und Geschwindigkeit auftrumpfen, erfordert das Meistern von Movesets enorm viel Einarbeitungszeit. Während in anderen Soulslike-Spielen ein Knopfdruck immer auch einen sofortigen Schlag bedeutet, bleibt das Sci-Fi-Abenteuer von Deck13 an einigen Stellen unbequem. Mit einem Druck auf die Schultertasten, ob vertikaler oder horizontaler Schlag, startet ihr nämlich umgehend in eine Kombo, die am Gegner zwar deutlich mehr Schaden macht als ein einzelner Hieb es je könnte, aber eine leichte Verzögerung beim anschließenden Blocken bzw. Ausweichen nach sich zieht.

Dementsprechend wichtig ist es, die Kombinationen der Gegner bereits in ihren Ansätzen vorherzusehen, was cleveres Taktieren fördert, blitzschnellen Reaktionen aber nicht selten einen Riegel vorschiebt – Eine fragwürdige Kombination angesichts der ansonsten deutlich beschleunigten Gefechte. Das mag für die einen lediglich Umgewöhnung bedeuten, für andere wiederum ein Grund sein, sich gegen The Surge 2 zu entscheiden. Wir bleiben für euch dran, ob sich bis zum Release in der zweiten Jahreshälfte noch etwas daran ändert.

Bosshafte Endgegner

The-Surge-2-Bosskampf

Gegnerdesign: Zwischen Tier und Maschine

Dafür macht das ohnehin schon großartige Gegner- und Bossdesign von The Surge mit Teil Zwei einen riesigen Schritt in Richtung Perfektion. Während zuvor das wilde Einprügeln auf bestimmte Körperteile lediglich neue Phasen eines Kampfes auslöste oder Schwachstellen offenbarte, nimmt das Bodypart-System nun sichtlich Einfluss auf die Spieltiefe der Bosskämpfe. Geht ein Endgegner beispielsweise mit Schild und Laserkanone zu Werke, obliegt euch die Wahl, welches Werkzeug des Verderbens ihr ihm zuerst abschlagt. Eure Entscheidung spiegelt sich nicht nur im Loot wider, sondern ändert auch Verhalten und Optik des Bosses.

Ohne Schild wird er seine nervtötende Kanone garantiert häufiger benutzen und euch somit ordentlich einheizen. Die Alternative: Völlig apathisch versteckt er sich hinter seiner letzten Bastion, dem Schild, und macht es euch schwerer, ihn wirkungsvoll zu treffen. Selten gibt es also genau einen perfekten Weg, um Bosse anzugehen. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch, dass ihr an Wartungsstationen kostenlos Werte zwischen Gesundheit, Ausdauer und Energie hin- und herschieben könnt und so ein Füllhorn an taktischen Möglichkeiten erhaltet, den eigenen Charakter zu gestalten – großartig! Spielerisch schraubt sich The Surge 2 letztlich in ganz neue Höhen.

The Surge 2 erscheint 2019 für PC, PlayStation 4 und Xbox One

Vielversprechend

Christian Böttcher

The Surge 2 hat ordentlich Kernenergie nachgetankt und verspricht in fast allen Punkten ein besseres Spiel als der Vorgänger zu werden. Das Kampfsystem bleibt dem Erstling grundsätzlich treu, schraubt jedoch an neuen Akzenten, sodass die Spielerfahrung sowohl flüssiger als auch schneller ausfällt. Eindimensionale Fabrikhallen machen Platz für vielfältige Umgebungen, die Leveldesign und Atmosphäre auf eine neue Stufe hieven. Seine Identität als wuchtiges Sci-Fi-Soulslike verteidigt der zweite Teil der Reihe dabei nichtsdestotrotz, auch wenn das ein gewisses Maß an Einarbeitung in einige der unbequemen Mechaniken erfordert. Wenn The Surge 2 optisch und spielerisch an das anknüpfen kann, was wir bis dato erlebt haben, dann steht dem Erfolg des sackschweren Robo-Schnetzlers nichts mehr im Weg.
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