Adventure Games im Test: Point-and-Click-Adventure als Brettspiel

so kann eine Raumkarte des Adventure-Brettspiels aussehen

Mit den Exit-Spielen hat sich der Kosmos-Verlag bereits einmal an bekannten Elementen aus der Computerspielszene bedient. Das Erlebnis, einen Escape Room als Brettspiel zu bestreiten, schlug ein wie eine Bombe. Schon kurz nach der Veröffentlichung der ersten drei Exit-Spiele gingen die Verkaufszahlen in den sechsstelligen Bereich. Auch das Fachpublikum honorierte die spannenden Fälle der Serie. Die Exit-Reihe erhielt die Auszeichnung „Kennerspiel des Jahres 2017“. Nach dem riesigen Erfolg greift der Kosmos-Verlag nun abermals ein Computerspiel-Thema auf. Bei den frisch erschienenen Adventure Games handelt es sich um analoge Varianten von Point-and-Click-Adventures. Mit „Das Verlies“ und „Die Monochrome AG“ stehen gleich zwei Auskopplungen ab sofort im Handel.

Vollkommen neu ist die Idee eines analogen Adventures nicht. Bereits in den 80er Jahren waren Abenteuer-Bücher erhältlich, die dem Leser gewisse Entscheidungsmöglichkeiten ließen. An vielen Stellen des Buches teilte sich der Weg des Helden in verschiedene Pfade auf. Je nach Entscheidung musste der Leser das Abenteuer an einer anderen Stelle des Buches weiterführen. Ganz ähnlich funktionieren auch die beiden Adventure Games. Die Autoren haben das Grundkonzept allerdings mit einigen spannenden Elementen ordentlich aufgepeppt. Dadurch wird das Spielgefühl eines Point-and-Click-Adventures tatsächlich sehr gut transportiert.

Mehr Sierra als LucasArts

Sowohl „Die Monochrome AG“ als auch „Das Verlies“ beinhalten eher ernste Themen. Ulkige Einlagen im Stil eines Day of the Tentacle oder Monkey Island haben in den Adventure Games Seltenheitswert. Zwar gibt es auch hier ein paar lustige Szenen, im Großen und Ganzen vermitteln die beiden Spiele aber doch ein ziemlich düsteres Setting. Während sich die Lacher also in Grenzen halten, warten dafür ein paar ziemlich krasse, teils verstörende Szenen auf euch. Dies gilt insbesondere für die „Monochrome AG“, die folgerichtig mit einer Altersempfehlung ab 16 Jahren daherkommt.

Die Adventure Games könnt ihr, genau wie ein Point-and-Click-Adventure, alleine spielen. Am meisten Spaß machen sie allerdings in einer kleinen Runde mit bis zu drei Mitspielern. Beide Fälle bestreitet ihr vollkooperativ. Ein Spielleiter, der euch durch das Abenteuer führt, ist nicht nötig. Vielleicht solltet ihr aber einen Mitspieler bestimmen, der sich um das Vorlesen der Texte kümmert. Denn Text gibt es reichlich in den Adventure Games. Genau wie in den eingangs erwähnten Abenteuerbüchern hangelt ihr euch von Abschnitt zu Abschnitt und lest dabei die passenden Textpassagen für alle vor. Alternativ könnt ihr auch Kosmos-App bemühen, die euch die einzelnen Szenen sehr stimmungsvoll vorliest.

Point and Click

Trotzdem handelt es sich bei den beiden vorliegenden Titeln nicht um reine Textwüsten. In der Spielschachtel befinden sich jeweils knapp zwanzig übergroße Raumkarten. Mit diesen Karten werden die Örtlichkeiten dargestellt, die ihr mit euren Charakteren durchschreitet. Auf diesen Raumkarten findet ihr, das moderne Point-and-Click-Adventure lässt grüßen, einige Hotspots, mit denen ihr interagieren könnt. Sie werden durch dreistellige Zahlen dargestellt. Wollt ihr euch einen Hotspot näher ansehen, schlagt ihr im Abenteuerbuch die entsprechende Ziffer nach und lest den Text vor.

Beim Umsehen in den Räumlichkeiten könnt ihr euch prinzipiell Zeit lassen. Im Hintergrund tickt keine Uhr unerbittlich nach unten wie bei den Exit-Spielen. In eurem Zug sind eure Handlungsmöglichkeiten aber dennoch begrenzt. Mit eurem Charakter dürft ihr euch zunächst bewegen, bevor ihr genau eine Aktion durchführen könnt. Dann ist auch schon der nächste Spieler an der Reihe. Da ihr das Abenteuer aber ohnehin kooperativ spielt, sollte auch hier kein großer Konkurrenzdruck entstehen.

Benutze Seil mit Haken

In den Räumen findet ihr auch so manchen hilfreichen Gegenstand. Diese Gegenstände kommen über Karten ins Spiel. Im Text werdet ihr dazu angehalten, eine Karte mit einer bestimmten Nummer aus dem Stapel rauszusuchen. Diese Karte könnt ihr nun vor euch legen und so eurem Inventar hinzufügen. Alle Gegenstände sind mit einer zweistelligen Ziffer ausgestattet. Über diese Ziffer könnt ihr den Gegenstand mit anderen Gegenständen oder auch Hotspots in Verbindung bringen.

Spielmechanisch funktioniert das ganz einfach. Ihr kombiniert einfach immer die kleinere mit der größeren Zahl. Ein Beispiel: ihr habt eine Dose Katzenfutter (Karte 10) gefunden und ebenso einen Dosenöffner (Karte 15). Beide Gegenstände könnt ihr mit einander kombinieren, indem ihr im Abenteuerhandbuch den Eintrag 1015 nachschlagt. Der Eintrag gratuliert euch feierlich zu eurem Erfolg, ihr habt die Dose geöffnet und dürft nun die Karte mit der Nummer 15 aus dem Stapel herausholen. In den Händen haltet ihr nun eine offene Dose mit Katzenfutter.

Mit der Umwelt interagieren

Ganz genauso verfahrt ihr, wenn ihr einen Gegenstand auf eure Umgebung anwenden möchtet. Dazu müsst ihr nur die Zahl auf der Karte mit der Nummer des Hotspots kombinieren und den passenden Eintrag im Abenteuerbuch nachschlagen. Nicht zu allen Kombinationen findet ihr auch einen entsprechenden Eintrag. Wenn eine Kombination aus zwei Elementen keinen Sinn ergibt, fehlt auch der jeweilige Eintrag im Buch. Trotzdem könnt ihr in den Adventure Games eine Menge Dinge entdecken, wenn ihr die passenden Gegenstände zusammenbringt.

Regeltechnisch gibt es sonst auch gar nicht mehr viel zu beachten. Mit den eben genannten Grundlagen könnt ihr direkt ins Spiel und in die Geschichte eintauchen. Auf der Story liegt auch der Fokus der Adventure Games. Während dieser in den Exit-Spielen auf dem Lösen der oft ziemlich anspruchsvollen Rätsel lag, steht jetzt die Geschichte tatsächlich im Vordergrund. Zwar gibt es auch dieses Mal ein paar knackige Aufgaben zu lösen, allerdings längst nicht in der Schlagzahl wie bei den Exit-Spielen.

Abenteuer als Trilogie

Eine eher untergeordnete Rolle spielen die Charaktere in den beiden Adventure Games. Grundsätzlich starten alle Figuren mit den gleichen Voraussetzungen und ohne detaillierte Auflistung von Attributen oder Fähigkeiten. An einigen Stellen im Spiel spaltet sich der Handlungsstrang aber nochmal leicht auf, wenn ihr die Szene mit einem bestimmten Charakter betretet. Ansonsten hat die Wahl des Charakters aber keinen großen Einfluss auf die Entwicklung der Handlung.

Jedes Adventure Game besteht aus drei Abschnitten, die aufeinander aufbauen. Pro Episode benötigt ihr zwischen 60 und 90 Minuten. Ihr könnt das gesamte Abenteuer also auch durchaus an einem Abend durchspielen. Es empfiehlt sich aber auf jeden Fall, zwischen den einzelnen Abschnitten nicht zu viel Zeit verstreichen zu lassen, damit ihr die Geschichte noch einigermaßen präsent habt. Sollte euch aber doch einmal die Zeit davonlaufen, könnt ihr den Spielstand jederzeit abspeichern. Dazu reicht es aus, sich ein paar wenige Notizen zu machen oder aber den aktuellen Stand mit dem Smartphone zu fotografieren.

 

„Das Verlies“ und „Die Monochrome AG“ stehen ab sofort im Handel. Da sich das Spielmaterial in überschaubaren Grenzen hält, kommen die beiden Spiele in kleiner Verpackung daher. Das spiegelt sich auch im Preis wider. Eine Ausgabe der Adventure Game bekommt ihr schon für 12-15€. Im Gegensatz zu den Exit-Spielen wird auch kein Spielmaterial vernichtet. Nach dem Durchspielen könnt ihr die Adventure Games problemlos an eine andere Gruppe abtreten.

packende Geschichten
Gefühl eines Point-and-Click-Adventures wird gut vermittelt
kooperativ spielbar
funktioniert auch als Solo-Partie
düstere Atmosphäre
spielmechanisch simpel

Sebastian Hamers

Nach dem bombastischen Erfolg von Exit sind die Adventure Games die logische Konsequenz. Die beiden getesteten Spiele legen einen höheren Wert auf das Erzählen der Geschichte. Sowohl „Das Verlies“ als auch „Die Monochrome AG“ wissen in dieser Schlüsseldisziplin zu überzeugen. Die Handlung entblättert sich zunächst in kleinen bekömmlichen Häppchen und entwickelt sich dann rasch zum packenden Thriller. Gut transportiert wurde aber nicht nur die Geschichte, sondern auch das Spielgefühl des klassischen Point-and-Click-Adventures. Die Adventure Games vermitteln die Atmosphäre doch nochmal ein ganzes Stück besser als die alten Abenteuer-Schinken aus den 80er Jahren. Mechanisch solltet ihr natürlich kein Wunderwerk des modernen Brettspiel-Designs erwarten. Der Fokus liegt primär auf der Geschichte und sekundär auf den Rätseln. Wenn ihr mal wieder Lust auf ein spannendes Point-and-Click-Adventure haben solltet und dieses vielleicht sogar gerne kooperativ erleben möchtet, dann sind beide Ausgaben der Adventure Games auf jeden Fall eine echte Empfehlung.
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