Anthem: Hoffnung der Loot-Shooter abgestürzt – Test

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Anthem im Test: Überflieger oder Bruchpilot? Bildquelle: BioWare

Neben Destiny, Warframe und The Division ist im Loot-Shooter-Segment noch eine ganze Menge Platz für kreative Neuerungen. Anthem möchte im Sturzflug in diese Lücke stoßen und das Ganze mit einer Story garnieren, die BioWare zurück auf Erfolgskurs bringt. In unserem Test zeigt sich, ob der waghalsige Anflug auf die Krone des Genre gelingt oder der Iron Man-Simulator gnadenlos abstürzt.

[Bio, Wer?][Die Macht der Hymne][Fraktion, Reaktion][Tempo in der Krise][Göttliches Schweben]
[Bastion des Bombasts][Feuer frei für Ballerei][Viele Fragen, keine Antworten]
[Wiederholungsgähner][Absturz trotz Raketenanzug][Kreislauf des Ladens][Fazit]

Bio, wer?

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Ein würdiger Antagonist – Bildquelle: BioWare

Wer Spiele wie Mass Effect, Dragon Age oder Baldur’s Gate noch kennt, weiß welchen Stellenwert der Name BioWare bei vielen Fans bis heute hat. Das Studio ist bekannt für Rollenspiele mit Charaktertiefe, einer ausgefeilten Story und gut geschriebenen Dialogen. Dementsprechend überraschend kam die Nachricht, dass sich der Entwickler nun an einem Loot-Shooter der Marke Destiny versucht. Anthem soll alte BioWare Tugenden mit brandaktuellen Spielinhalten kombinieren. Aber kann die Mischung aus Geschichte und Grind überhaupt funktionieren?

Unsere Meinung: Sie kann, wenn auch nur in ganz seltenen Fällen. Die ersten Minuten des Spiels beweisen, dass BioWare nicht verlernt hat wie man epochale Ereignisse knackig in Szene setzt. Bevor ihr nämlich mit anderen Spielern die Welt von Bastion unsicher macht, erwartet euch ein rund 30-minütiges Tutorial, in dem ihr nicht nur die grundlegenden Spielmechaniken lernt, sondern auch eine ganze Menge über die Geschichte des Spiels in Erfahrung bringt. Schnell wird klar: Hier habt ihr es mit einem waschechten Sci-fi-Universum zu tun, das in der Theorie jede Menge Tiefgang bietet.

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Die Macht der Hymne

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Den Schöpfern auf der Spur – Bildquelle: BioWare

Ihr seid Teil der Freelancer, einer Art Eliteeinheit, die sich dem Schutz der Welt und ihrer Bürger verschrieben hat. Teil dieser Pflicht besteht darin, uralte Schöpferrelikte ausfindig zu machen und davor zu bewahren, in die falschen Hände zu gelangen. Die falschen Hände, das sind in Anthem die Dominion, eine machtgierige Rasse unter der Führung des Monitor. Der lila Zeitgenosse verfolgt einen teuflischen Plan, den ihr unbedingt vereiteln müsst. Er will die Macht der Schöpfer nutzen, um die Hymne, eine weltumspannende, mysteriöse Kraft für sich zu nutzen und Bastion ins Chaos zu stürzen.

Gemeinsam mit einem Operator (hier Krypter genannt), der wie in Matrix angestöpselt in einem Sessel sitzt und eure Vitalzeichen, die Karte und Waffensysteme im Auge behält, macht ihr euch auf die Suche nach berühmten Wissenschaftlern, mit deren Hilfe ihr die Dominion stoppen könnt. Im Verlauf der recht knappen, 20-stündigen Hauptgeschichte dreh sich alles darum, den eigenen Javelin, so heißen die massiven Kampfanzüge der Freelancer, für den Kampf gegen den Monitor fit zu machen. Dazu braucht ihr allerdings die Unterstützung der drei großen Fraktionen von Bastion. Nur wenn ihr sie alle auf eure Seite zieht, kann das riskante Himmelfahrtskommando Erfolg haben.

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Fraktion, Reaktion

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Alte Bekanntschaften – Bildquelle: BioWare

Anders als die Freelancer kümmern sich Sentinels ausschließlich um das Wohl der größten Stadt von Bastion, Fort Tarsis. Dementsprechend angespannt ist das Verhältnis zwischen den beiden kämpferischen Fraktionen, denn während die einen nach Heldenruhm streben, müssen die anderen eine eher undankbare Aufgabe übernehmen. Als dritte große Gruppe kommen die Arkanisten hinzu, die das Wissen rund um Technologie, Geschichte und die Hymne sichern und bewahren. Unabhängig von ihrer Fraktion sind fast alle Charaktere in Anthem eine echte Bereicherung für die Atmosphäre, auch wenn nur die wenigsten von ihnen die Geschichte voranbringen. Sie alle bevölkern Fort Taris, das große Hub der Spielwelt.

Ganz im Stil von BioWare gehören ausschweifende Gespräche mit zum Spielkonzept. Die meisten davon sind gut oder zumindest unterhaltsam geschrieben und machen Lust darauf, mehr in die Spielwelt von Anthem einzutauchen. In die gleiche Kerbe schlagen auch Entscheidungen, die ihr im Verlauf der Unterhaltungen trefft. Problem dabei: Einfluss auf den Verlauf der Geschichte haben weder die Dialogoptionen noch die vielen Nebencharaktere. Wenn uns eine junge Frau von ihrer Vorliebe für fangzähnige Bestienbabies erzählt, dann wollen wir aktiv dabei helfen, eines dieser putzigen Ungetüme als Haustier zu zähmen. Stattdessen müssen wir uns anhören wie sie gescheitert ist – keine Cutscene, keine epischen Bilder, nur endloses Gebrabbel.

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Tempo in der Krise

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Pacing mit Luft nach oben – Bildquelle: BioWare

Besonders schade ist das, weil BioWare die absurden Gesichtsgrätschen aus Mass Effect: Andromeda überwunden hat und uns Gestik und Mimik auf absolutem Top-Niveau präsentiert. Die Figuren dabei zu beobachten wie sich selbst kleinste emotionale Nuancen im Gesicht widerspiegeln, gehört zu den absoluten Highlights der Story-Kampagne – auch wenn letztlich kaum etwas von der stellenweise recht wirr erzählten Geschichte hängenbleibt. Auch die Vertonung, sowohl englisch als auch deutsch ist ein Genuss. Wie man Storytelling betreibt, weiß Anthem also genau. Es wirkt jedoch so als wüsste das Spiel nicht recht, was genau es eigentlich erzählen will. Und das nicht zuletzt deshalb, weil die Geschichte an massiven Pacing-Problemen leidet.

Anfang und Ende der Kampagne wecken einen Hauch des lang vermissten BioWare-Feelings in uns. Alles, was dazwischen liegt, entlockt uns allerdings nicht mehr als ein müdes Lächeln. Der langatmige Grind sollte bei Story-lastigen Shootern erst nach Abschluss der Geschichte einsetzen, nicht aber schon mittendrin. Trotzdem zwingt uns Anthem nach dem ersten Drittel eine Mission auf, in der wir knapp drei Stunden durch die offene Spielwelt irren, eine Schnitzeljagd nach Kisten anzetteln und Nahkampf-Kills aneinander reihen- Nicht weil wir das wollen, sondern das Spiel es von uns verlangt. Die einen nennen es hochtrabend Prüfung der Legionäre – für uns ist es schlichtweg faules Game-Design.

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Göttliches Schweben

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Ein luftiger Traum – Bildquelle: BioWare

Symptomatisch steht dieser Einschnitt in das Gameplay für all die Missionen, welche in Anthem dem immer gleichen Schema folgen. Vom nahtlosen Übergang der Welten – wie im ersten Trailer angepriesen – ist nicht mehr viel übrig geblieben und so beginnt jeder Einsatz mit brachialer Drei-Punkt-Landung auf einer Plattform irgendwo in Bastion. Anschließend folgt, was folgen muss: Allein oder mit bis zu drei Mitspielern fliegt ihr Markierung für Markierung ab und macht hier und da Halt, um gegen mechanische Skar, krabbelnde Skorpedone oder die Häscher der Dominion anzutreten. Mehr als „Sammle X von X, Halte Punkt X für Zeit X und töte X Gegner“ dürft ihr allerdings nicht erwarten. In Kombination mit der Flugmechanik von Anthem kann das durchaus Spaß machen, leider findet das akrobatische Luftballett aber viel zu wenig Anwendung im Verlauf der Missionen.

Genau hier verschenkt BioWare unserer Meinung nach sein kreatives Potenzial. Denn kein Shooter zuvor hat es geschafft, dass wir uns beim Durchqueren der Spielwelt so aufgepumpt und mächtig gefühlt haben. Das Gefühl, mit unserem Javelin prasselnde Wasserfälle herunterzurauschen, Zentimeter über den Köpfen unserer Feinde vorbeizuzischen und Gegnermassen von schwindeligen Höhen aus zu pulverisieren, ist einmalig in Anthem. Auch nach 40 Stunden Spielzeit bleibt der irre Geschwindigkeitsrausch im Anzug bestehen. Daran ändert auch die Third-Person-Perspektive nichts, die uns enorm waghalsige Manöver erlaubt, ohne dass wir mit Konsequenzen rechnen müssen. Selbst wenn der Anzug kurzfristig überhitzt, müssen wir nur kurz ins Wasser eintauchen und schon kann die Achterbahnfahrt á la Iron Man weitergehen.

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Bastion des Bombasts

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Anthem: Schön aber tückisch – Bildquelle: BioWare

Da fragt man sich natürlich: Warum nutzt BioWare dieses nahezu perfekt gelungene Feature nicht, um aus Anthem mehr zu machen als ein repetitives Lootfest? Unsere Vorschläge: Kurze Rennen gegen die Zeit oder andere Freelancer, Akrobatik-Missionen mit schnellem Wechsel zwischen Movement und Präzision oder Bosskämpfe, in denen wir Plattformen nutzen, Schalter betätigen oder unseren Javelin anderweitig nutzen müssen: Die Spielwelt bietet mehr als genug Möglichkeiten, derlei Nebenaufgaben und Missionen einzubauen. Denn auch hier lässt der Loot-Shooter einmalige Gelegenheiten liegen. Bastion ist ein Spielplatz für alle Sci-Fi-Fans, derzeit allerdings noch zu leer, um auch langfristig bei der Stange zu halten.

Grundsätzlich gehört nämlich auch die offene Spielwelt zu den Pluspunkten, die Anthem zu bieten hat. Grund dafür: Sie ist schlicht wunderschön. Bastion ist ein exotischer Ort, gefangen zwischen Gigantomanie und Zerfall. Wir stoßen auf riesige, futuristische Torbögen, die wie das Ende des Regenbogens im Nebel verschwinden. An anderer Stelle erzählen zerstörte Ruinen von einer Zeit vor den Freelancern. Besonderes Augenmerk gilt allerdings den Wasser und Lichteffekten, die der fremden Zivilisation ihren bombastischen Charakter verleihen. In Kombination mit der massiven Weitsicht, die uns das Spiel liefert, entstehen malerische Panoramen, die wir nur zu gern erkunden – wenn es denn etwas zu erkunden gäbe. Stattdessen beschränkt sich das Gameplay im freien Spiel auf zufällige Ereignisse nach dem oben benannten Schema. Zu selten stößt man auf Collectibles, ikonische Schauplätze oder nützliche Crafting-Items.

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Feuer frei für Ballerei

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Gameplay vom Allerfeinsten – Bildquelle: BioWare

Das Gegner- und Fähigkeiten-Design gehört dabei zu den großen Stärken des Spiels, denn auch wenn die Zahl der Typen begrenzt ist, verfügt jede Fraktion über einzigartige Stärken und Schwächen, sodass ihr recht schnell lernt, auf Sniper der Skar anders zu reagieren als beispielsweise ihre schwer gepanzerten Legionäre. Spätestens aber die Titanen, denen ihr im freien Spiel oder Missionen begegnet, entlocken euch garantiert ein erstauntes Jauchzen. Sie gehören zu den schwersten Gegnern im Spiel und werfen mit wechselnden Elementar-Angriffen um sich, die euch irres Movement und auf höheren Schwierigkeitsgraden viel Konzentration abverlangen. Warum also nicht Feuer mit Feuer bekämpfen?  Zu diesem Zweck verfügt jeder der vier Javelins (Ranger, Colossus, Storm, Interceptor) über ein flexibles Arsenal an Fähigkeiten.

In puncto Mobilität heißt das folgendes: Der Ranger nutzt einen Doppelsprung, der Interceptor sogar drei kleine Hüpfer, der Colossus kann sich per Rakete in die Luft schleudern, während der Storm sich über kurze Distanzen teleportiert. In Kombination mit den vielen verschiedenen Granaten, Raketen und ultimativen Skills jeder Klasse entsteht ein gut ausbalanciertes, aber vor allem richtig spaßiges Effektgeballer, in dem jeder den richtigen Spielstil findet. Anthem stellt seine wuchtigen Skills weit mehr in den Vordergrund als beispielsweise Destiny und kann den Genrekönig in dieser Hinsicht sogar überflügeln. Einziger Wermutstropfen: Dafür fehlt es den Waffen, selbst auf der höchsten Meisterstück-Seltenheit an Identität und Charakter. Für die Zukunft wünschen wir uns mehr Vielfalt in der Optik und neue, einzigartige Waffenklassen mit innovativen Feuermodi.

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Viele Fragen, keine Antworten

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Wie funktionieren Combos noch gleich? – Bildquelle: BioWare

Obwohl auf der Packung BioWare steht, bildet das Gameplay ganz klar die Speerspitze von Anthem. Auch nach der Kampagne haben die Kämpfe enorm viel Kraft, sodass wir über das einseitige Missionsdesign gern hinwegblicken. Ähnlich wie die Geschichte kranken aber auch die simplen und trotzdem fordernden Spielmechaniken an einem eklatanten Mangel an Information. Dafür, dass Anthem eine sehr breit gefächerte Spielerschaft ansprechen möchte, erklärt es enorm wenig. Das fängt bei wichtigen Elementen der Geschichte wie der Hymne an, von der wir immer noch nicht ganz genau wissen, was sie nun eigentlich kann. Aber auch die Tutorials beschränken sich auf das absolute Minimum bzw. sind so tief in den verschachtelten Menüs des Spiels versteckt, dass man meinen könnte, Anthem wolle gar nicht gespielt werden. Das essentielle Combo-System des Spiels wird z.B mit keiner Silbe erwähnt.

Kryptisch hält sich der Multiplayer auch in Sachen Kommunikation. Unterhaltungen über Push-to-talk oder Sprachaktivierung sind möglich, allerdings haben wir kaum Spieler getroffen, die sich auf Taktikbesprechungen einlassen wollten. Das ist nicht zuletzt auch dem recht laschen Schwierigkeitsgrad geschuldet, denn bis ihr später den Großmeister-Level freischaltet, stellt euch selbst die Option „Schwer“ selten vor wirkliche Herausforderungen. Trotzdem wären Pings oder zumindest ein Chat mit kurzen Befehlen mehr als wünschenswert. Es ist ja nicht so als hätte sich Publisher EA nicht die Kinderkrankheiten der Konkurrenz in Ruhe anschauen und im eigenen Spiel verbessern können.

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Wiederholungsgähner

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Eine der seltenen kreativen Missionen – Bildquelle: BioWare

Nach all den Höhen und Tiefen, die zwischen Gameplay und Geschichte lauern, könnte man nun ein Fazit ziehen und behaupten, Anthem sei ein spaßiger, wenn auch recht eintöniger Loot-Shooter. Doch wie bei allen anderen Spielen des Genres kommt es auch in unserem Test erst am Ende so richtig dicke. Ihr ahnt es vielleicht, wir spielen auf das Endgame an. Nach 20 Stunden in der Welt von Anthem und einem gelungenen Finale der Kampagne habt ihr ungefähr Level 20 erreicht, euch steht also noch ein weiter Weg bevor, um die Maximalstufe zu erreichen. Das Belohnungssystem gelingt Anthem dabei ganz gut, denn für jeden Stufenaufstieg müsst ihr nur ein bis zwei Missionen erledigen. Auch Items hagelt es zwischenzeitlich gewaltig, es bietet sich also an, bis Stufe 30 alle vier Javelins einmal auszuprobieren.

Was sich allerdings in der Kampagne bereits angedeutet hat, erwächst spätestens auf dem höchsten Level zu einem gewaltigen Problem, an dem man nicht vorbeikommt. Im Endgame von Anthem gibt es nämlich schlichtweg nichts zu tun, was langfristig motiviert. Mit Level 30 schaltet ihr drei neue Schwierigkeitsgrade frei, die endlich neue Herausforderungen bringen. Abseits von Gegnern die mehr einstecken und deutlich mehr austeilen, seid ihr allerdings weiterhin auf die immer gleichen Missionen festgenagelt, die schon während der Kampagne zu Ermüdungserscheinungen geführt haben. Besonders nervig: Nachdem ihr euch einen Auftrag vom Missionstisch in Fort Tarsis geholt und abgeschlossen habt, müsst ihr immer erst durch das halbe Lager watscheln, um euch einen neue holen zu können.

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Missionsdesign als Spielspaß-Blocker – Bildquelle: BioWare

Auch die Festungen versprechen im ersten Moment mehr als sie im zweiten halten könnten. Dabei handelt es sich um die schwersten Missionen in Anthem, welche am Ende in einem epischen Bosskampf münden. Zwei dieser drei Szenarien kennt ihr allerdings schon aus der Kampagne, denn sie wurden 1zu1 aus großen Story-Abschnitten herausgeschnitten und zu alleinstehenden Missionen umfunktioniert. Wir fassen zusammen: Um das Maximallevel zu erreichen, grindet ihr euch durch ewig gleiche Missionen und habt ihr die magische Zahl dann endlich erreicht, grindet ihr genau dort weiter, nur eben mit 3.100% stärkeren Gegnern.

Das einzig sinnvolle Ziel, das euch Anthem momentan wie eine symbolische Karotte vor die Nase hält, ist die vage Hoffnung auf mehr Content in der Zukunft – Ambitioniert, wenn man bedenkt, dass der Loot-Shooter gerade mal fünf Tage auf dem Buckel hat und Destiny und Co. zu Release mit genau den selben Problemen zu kämpfen hatten.

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Absturz trotz Raketenanzug

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Bombast-Optik zu einem hohen Preis – Bildquelle: BioWare

Damit hören die Probleme jedoch längst nicht auf. Auch technisch ist Anthem alles andere als eine Hymne moderner Spielkultur. Inzwischen haben wir drei Tage mit dem viel gepriesenen Day-one-Patch hinter uns, sind aber weiterhin maßlos enttäuscht von der katastrophalen Performance, die der Loot-Shooter in seiner Release-Woche abliefert. Mit entsprechender Hardware läuft Anthem auf dem PC größtenteils flüssig, fällt aber enorm hungrig aus, was die Leistung eurer Kiste anbelangt. Auf den Konsolen sieht das Ganze schon deutlich schlimmer aus. Clipping-Fehler häufen sich und auch Ruckler sind selbst auf der Pro keine Seltenheit. Hinzu kommen regelmäßige Aussetzer im Spielton, die sich nur per Neustart des Spiels beheben lassen. Die fabulöse Optik des Shooter hat ihren Preis, den Spieler aktuell noch viel zu teuer bezahlen.

Denn zu diesen Kleinigkeiten gesellen sich auch fatale Bugs, die unmissverständlichen Einfluss auf das Spielerlebnis nehmen. Abstürze aller Orten, Verbindungsabbrüche und Missionen, die ins Leere laufen, weil entsprechende Trigger-Szenen nicht ausgeführt werden: Für ein AAA-Projekt dieser Größenordnung nicht zu verzeihen.Besonders unerträglich sind allerdings die Ladezeiten des Spiels. Selbst mit einer verbauten SSD können zwischen Auswahl und Start der Mission gut und gerne 40 Sekunden vergehen. Bei einmaligen Ladezeiten kein Dealbreaker, allerdings schwimmt Anthem aktuell noch darin.

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Kreislauf des Ladens

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Vier Javelins gefangen im Ladescreen – Bildquelle: BioWare

Kleines Beispiel gefällig?

  1. Ihr wählt die Mission aus
  2. Ihr verändert euer Loadout in der Schmiede – Ladezeit
  3. Ihr startet die Mission – Ladezeit
  4. Ihr habt keine SSD, also ist euer Team bereits bei Missionsbeginn meilenweit vor euch – Ladezeit, weil Teleport zum Team
  5. Ihr beendet die Mission – Ladezeit
  6. Ihr checkt euren Loot und kehrt nach Fort Tarsis zurück – Ladezeit

Je nach Schwierigkeitsgrad dauert eine Mission rund acht bis 15 Minuten. Gehen wir vom Bestfall aus und rechnen mit durchschnittlich 25 Sekunden pro Ladebildschirm, dann verbringen wir rund 10% jeder Mission damit, dem wirklich gelungenen Logo beim ewigen Kreislauf des Ladens zuzuschauen – Der Inbegriff von Lootspirale. Anthem nimmt das „Games as a service“-Modell hier ein wenig zu sehr auf die leichte Schulter, denn vor dem Service sollte immer ein ansatzweise abgeschlossenes Spiel stehen. Aktuell ist BioWares neues Baby aber noch weit davon entfernt, ein fertiges Spiel zu sein. Der umfassende Day-one-Patch ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber selbst hier enttäuscht das Studio, denn einige elementare Probleme wie das Zurücksetzen auf die Position eurer Teammitglieder stoßen bislang auf taube Ohren.

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Großartiges Gefühl von Bewegung
Spaßige Gameplay-Mechaniken
Gelungenes Klassensystem (Javelins)
Wunderschöne und abwechslungsreiche Spielwelt
Pointierte Gesichtsanimationen
Solide Sprachausgabe und packendes Sounddesign
Katastrophale Performance
Massiver Mangel an Endgame Content
Unverhältnismäßig lange Ladezeiten
Repetitives Missionsdesign
Fehlende Erklärungen und Tutorials
Umständliche Menüführung
Story mit Pacing-Problemen

Christian Böttcher

Nachdem Destiny und The Division die Kinderkrankheiten des Genre über Jahre ausbessern mussten, startet Anthem mit einem riesigen Wissensvorsprung in das Rennen um die Krone der Loot-Shooter. Leider offenbart sich recht schnell, dass BioWare kaum aus den Fehlern der Konkurrenz gelernt hat. Dabei krankt das Bombast-Abenteuer rund um die Hymne der Schöpfung ganz besonders in zwei Bereichen: Content und Performance. Habt ihr die Story-Kampagne erst einmal hinter euch gelassen, wirft euch das Spiel in einen gnadenlos gleichförmigen Grind, der auch nach dem Maximallevel kein Ende findet. Zu wenig spielerische Abwechslung trifft auf einen massiven Mangel an Endgame-Inhalten - eine tödliche Mischung. Daran ändern auch die grandiose Optik und Vertonung des Spiels nichts, denn letztlich muss sich Anthem den Vorwurf gefallen lassen, schlichtweg nicht fertig zu sein. Ohne SSD und trotz Day-One-Patch entpuppen sich die Ladezeiten als absoluter Spielspaß-Killer, Abstürze sind keine Seltenheit und auch in puncto Story kann BioWare nicht ansatzweise an alte Stärken anknüpfen. Soll jedoch nicht bedeuten, dass der Loot-Shooter so gar keinen Spaß macht, denn gerade der Mix aus Shooter- und RPG-Elementen, gepaart mit dem unvergleichlich geilen Bewegungsgefühl sorgt für einen Hoffnungsschimmer. Mit einer Wagenladung Arbeit könnte das Spiel in Zukunft noch die Kurve kriegen, aktuell stürzt Anthem jedoch in freiem Fall gen Bedeutungslosigkeit.
Test: What Do You Meme? Test: L.A.M.A.
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