Arkham Horror 3. Edition im Test – Der Cthulhu-Mythos als Brettspiel

Durch den modularen Spielplan von Arkham Horror ist jede Partie einzigartig

Cthulhu und kein Ende. Es ist schon erstaunlich, dass die Samen des Mythos‘ schon vor fast einhundert Jahren vom amerikanischen Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft gesät wurden. Seitdem ist viel passiert. Die Horror-Geschichten sind bis heute topmodern geblieben und erfreuen sich einer treuen Fangemeinde. Von den zahlreichen Büchern einmal abgesehen, hat die Cthulhu-Saga ihre Zähne in die verschiedensten Bereiche der Popkultur geschlagen. So existiert ein Pen-and-Paper-Rollenspiel schon seit geraumer Zeit genauso wie gleich mehrere Computerspiele mit Anleihen aus dem Lovecraft-Universum. In der Brettspiel-Welt ist der Cthulhu-Mythos ebenso fest verwurzelt. Ganz neu im Handel steht die bereits dritte Edition von Arkham Horror. Das Spiel reitet auf der Erfolgswelle des gleichnamigen Kartenspiels und ist gleichzeitig der inoffizielle Nachfolger des Superhits Eldritch Horror. Keine schlechten Referenzen, die Vorzeichen stehen gut für ein weiteres Spiel mit großen Qualitäten.

Die großen Stärken von Cthulhu lagen schon immer insbesondere in den narrativen Elementen. Genau hier setzt auch das Arkham-Horror-Brettspiel an. Der Fokus liegt weniger auf komplexen Mechaniken, sondern auf der düsteren Geschichte. Diese wird im Jahr 1926 erzählt. Schauplatz des Geschehens ist das kleine Städtchen Arkham, eine fiktive Stadt irgendwo im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts. Dort geschehen seltsame Dinge. Fremdartige Wesen, die „Großen Alten“, setzen finstre Kreaturen aus einer anderen Welt ins Freie. Während die anderen Bewohner Arkham’s noch gar nichts vom lauernden Schrecken erahnen, stellt sich eine Gruppe mutiger Ermittler dem Schrecken aus dem Jenseits.

Kooperativer Wahnsinn

In Arkham Horror agiert ihr gemeinsam gegen die Großen Alten. Gleich bis zu sechs Ermittler können sich im Spiel zusammenschließen. Jeder von euch übernimmt dabei die Rolle eines einzigartigen Charakters mit individuellen Werten, eigenen Stärken und Schwächen. Das Böse wird von einer recht einfachen Spielmechanik kontrolliert. So muss weder ein Spieler die Funktion des dunklen Lords übernehmen, noch müsst ihr dauernd irgendwelche Befehle in ein Tablet oder in ein Smartphone eintippen.

Tatsächlich spielt sich Arkham Horror auch gar nicht mal so furchtbar komplex. Am kompliziertesten gestaltet sich fast noch der Spielaufbau. Dieser umfasst doch einige Schritte, bei denen man auch einiges durcheinanderwerfen kann. Da wäre zunächst der Aufbau der Spielwelt selbst. Diese besteht nicht aus einem dicken Faltplan, sondern wird aus mehreren großen Teilen zusammengesteckt. Das hat vor allem den Vorteil, dass sich die Welt immer wieder ein wenig anders gestaltet.

In den Straßen von Arkham

Arkham besteht aus insgesamt fünf Stadtvierteln. Jedes Gebiet ist dabei weiterhin in drei Bereiche unterteilt. Zu jedem Stadtviertel gehört ein eigener Kartenstapel. Diese beinhalten Begegnungen, die in jeder Runde ausgelöst werden. Befindet sich euer Ermittler also im Hafenviertel, so zieht ihr eine Karte vom passenden Stapel und lest den Abschnitt des Bereichs vor, in dem sich euer Charakter gerade befindet. Die Möglichkeiten, die sich euch in den einzelnen Stadtteilen bieten, gestalten sich angenehm unterschiedlich. Im Warenhaus des Hafenviertels könnt ihr etwa häufig euer verdientes Geld in nützliche Gegenstände investieren. Stattet ihr dem Sanatorium hingegen einen Besuch ab, könnt ihr möglicherweise den Gesundheitszustand der eigenen Spielfigur wieder etwas aufbessern. Darauf verlassen solltet ihr euch aber besser nicht. In Arkham wartet so manche Überraschung auf euch.

Für etwas Verwirrung beim Spielaufbau sorgen möglicherweise die Ereigniskarten. Sie haben den gleichen Kartenrücken wie die Begegnungskarten. Im Spiel findet ihr Ereigniskarten für alle fünf Stadtviertel wieder. Ihr mischt sie jedoch nicht einfach zu einem Stapel zusammen, sondern bewahrt sie zunächst separat auf. An bestimmten Stellen im Spiel ploppen Hinweise auf, die für euer Fortkommen von hoher Bedeutung sind. Ihr werdet dann angewiesen, einen Hinweismarker auf ein bestimmtes Stadtgebiet zu platzieren. Gleichzeitig zieht ihr eine passende Ereigniskarte und mischt sie unter die obersten drei Karten des entsprechenden Begegnungsstapels.

Suche nach Hinweisen

Mit jeder erfolgreich absolvierten Ereigniskarte kommt ihr dem Spielziel einen Schritt näher. Ihr reist also mit eurem Ermittler in das Feld mit dem Hinweismarker, um dort am Ende der Runde eine Begegnung auszulösen. Spätestens mit der dritten Begegnung in diesem Feld habt ihr jetzt die Ereigniskarte in Händen. Der Weg bis dahin ist allerdings gar nicht so leicht. Die Großen Alten haben ihre Kreaturen entsandt. Sie versuchen eure Mission zu boykottieren und euch das Lebenslicht auszuknipsen.

Durch die Spielmechanik verfolgt jedes Monster ein eigenes Ziel. Einige Monster stellen gezielt bestimmten Ermittlern nach, andere patrouillieren umher und bewegen sich entlang einer festen Route. Allen gemein ist hingegen, dass sie euch direkt angreifen, wenn ihr euch im gleichen Feld aufhaltet. Ihr könnt also nicht einfach durch ein Feld mit einer Kreatur spazieren. Stattdessen werdet ihr sofort in einen Kampf verwickelt. Solange ihr euch im Kampf befindet, könnt ihr am Rundenende auch keine Begegnung abhandeln. So kommt ihr der Ereigniskarte auch nicht näher, selbst wenn ihr euch auf dem passenden Feld aufhaltet. Ihr müsst die Monster zunächst also ausschalten.

Die Kreaturen des Bösen

Kämpfe werden in Arkham Horror recht einfach abgehandelt. Jede Figur verfügt über eine körperliche und eine geistige Lebensenergie. Sobald eine dieser beiden erschöpft ist, scheidet sie aus dem Spiel aus. Das gilt für Ermittler und Kreaturen gleichermaßen. Ein Ermittler verfügt über fünf verschiedene Eigenschaften: Wissen, Einfluss, Wahrnehmung, Stärke und Willenskraft. Im Kampf kommt es voll und ganz auf die Stärke eures Charakters an. Sie zeigt an, wie viele Würfel ihr im Gefecht einsetzen dürft.

Entsprechend eurer Stärke werft ihr nun also eine bestimmte Anzahl an Würfeln. Jede fünf und sechs zählt als Erfolg und richtet einen Schadenspunkt an. Durch den Einsatz von Waffen oder anderen Hilfsmitteln könnt ihr eure Würfelzahl zudem steigern. Weiterhin gibt es einige Effekte, mit denen ihr bei Bedarf einzelne Würfel nochmals werfen dürft. Im Großen und Ganzen gestalten sich die Kämpfe aber ziemlich simpel. Stellt ihr fest, dass ein Gegner vielleicht doch zu stark ist, setzt ihr zur Flucht an. In diesem Fall kommt es auf eure Wahrnehmung an. Mit einem erfolgreichen Wurf dürft ihr euren Ermittler nun aus dem Kampf abziehen.

Auf die Probe gestellt

Natürlich spielen auch die anderen Attribute der Ermittler eine Rolle. Auf einigen Karten werdet ihr dazu angehalten, eine Probe abzulegen. Diese Proben funktionieren ganz nach dem oben beschriebenen Vorbild. Große Würfelorgien sind nicht zu befürchten. Am besten stellt ihr vor Beginn der Partie sicher, dass ihr eine ausgewogene Gruppe zusammenstellt.

Nachdem sowohl die Ermittler als auch die Monster agiert haben, werden nun noch ein paar Zufallselemente ausgelöst. Dazu zieht jeder Spieler zwei zufällige Marker. Jeder Marker löst einen bestimmten Effekt aus. In dieser Phase kommen neue Monster ins Spiel, aber auch neue Hinweise. Leider breitet sich auch oft das Verderben in der Stadt aus. Diese ist ein Anzeiger dafür, wie weit sich das Böse schon in Arkham ausgedehnt hat. Das Verderben solltet ihr im Spielverlauf immer gut im Auge behalten.

Verderben in Arkham

Das Verderben kommt über passende Marker ins Spiel und wird immer einem Stadtgebiet zugeteilt. Befinden sich zu viele Verderben-Marker in einer Region, wendet sich die Geschichte zu euren Ungunsten. Der Verlauf der Geschichte wird im Wesentlichen über die sogenannten Kodexkarten transportiert. Bei Spielbeginn werden bereits einige dieser Karten offengelegt. So werdet ihr in die Geschichte des Szenarios eingeführt.

Auf den Kodexkarten erhaltet ihr zudem Anweisungen, immer dann, wenn ihr ausreichend Hinweismarker gesammelt habt. In diesem Fall seid ihr auf einem guten Weg. Weniger aussichtsreich sind eure Chancen jedoch, wenn sich zu viel Verderben angesammelt hat. Auch für diese Situation halten die Kodex-Karten Anweisungen für euch parat. Deshalb ist es von Bedeutung, dem Bösen hin und wieder Einhalt zu gebieten.

Das Böse in Schach halten

Zu euren wichtigsten Aktionen zählt daher das Bannen. Dabei handelt es sich um eine Probe auf das Wissen-Attribut. Für jeden Erfolg dürft ihr einen Verderben-Marker aus dem Spiel entfernen. In Arkham Horror müsst ihr eine gute Balance finden. Auf der einen Seite solltet ihr möglichst schnell die nötigen Hinweise sammeln, auf der anderen Seite darf sich das Böse auch nicht zu rasch ausbreiten. Oft werden eure Aktionen zudem durch die Monster unterbunden, die ihr dann erst einmal aus dem Weg schaffen müsst.

Es besteht durchaus die Gefahr, dass ihr euch im Spiel ein wenig verfranzt. Schließlich gibt es viele Optionen, die eigene Spielfigur aufzumotzen. Mit mächtiger Ausrüstung spielt es sich ja auch gleich viel lockerer. An vielen Stellen warten Waffen, Verbündete, Zauber oder andere Gegenstände auf euch. Dabei solltet ihr aber das eigentliche Ziel nicht aus den Augen verlieren. Das Böse breitet sich indes weiter aus.

Im Spiel befinden sich gleich vier Szenarien. Jedes Szenario erzählt eine andere Geschichte. Änderungen gibt es beim Zusammenbau der Spielplanteile, ebenso bei der Auswahl der verwendeten Karten und Marker. Für ein Szenario solltet ihr schon etwa zwei bis drei Stunden Zeit einplanen. Arkham Horror steht in der dritten Edition mittlerweile flächendeckend im Handel bereit und kostet rund 60€.

erzählerisch packend
düstere Atmosphäre
hochwertiges Spielmaterial
vier Szenarien inklusive
kooperative Spielweise
zugänglicher als seine Artverwandten
zwölf verschiedene Charaktere wählbar
mit dem Charme von H.P. Lovecraft
spielmechanisch weniger innovativ als das gleichnamige Kartenspiel
Artworks teilweise aus dem Archiv

Sebastian Hamers

Was macht den Reiz von H.P. Lovecraft und seinem Cthulhu-Mythos denn nun aus? Viele Lovecraft-Jünger würden hier sicher vor allem die düstere Atmosphäre hervorheben und zudem auf die erzählerischen Qualitäten verweisen. In beiden Kategorien kann auch die dritte Edition des Arkham-Horror-Brettspiels trumpfen. Durch die Kodexkarten wird der Hauptplot der Geschichte stückweise vorangetrieben. Zudem bekommen wir in der Zwischenzeit immer wieder kleine Story-Happen serviert, die zwar nicht die Hauptgeschichte weitererzählen, aber doch ungemein zur dichten Atmosphäre des Spiels beitragen. Ob auch die grafische Gestaltung des Spiels dazu beiträgt, kann diskutiert werden. Die Illustrationen selbst sind sicherlich toll gezeichnet und fügen sich auch wunderbar in die Welt von Cthulhu ein. Kenner der anderen Arkham-Horror-Spiele mögen sich jedoch vielleicht über den Neuaufguss ärgern. Die meisten Artworks sind bereits aus anderen Spielen bekannt. Spielmechanisch ist der vorliegende Titel deutlich zugänglicher als beispielsweise das gleichnamige Living Card Game oder auch Eldritch Horror. Deshalb kommt Arkham Horror auch nicht ganz an die spielerischen Qualitäten seiner Verwandtschaft heran. Anderseits kann es durch sein leichteres Regelwerk sicher auch andere Zielgruppen erschließen. Für mich stellt das Arkham-Horror-Kartenspiel weiterhin die Speerspitze der Reihe dar. Dennoch ist das Brettspiel eine lohnende Alternative, da die erzählerischen und atmosphärischen Elemente ebenso überzeugend sind wie bei den anderen Spielen aus der Arkham-Horror-Familie.
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