Life is Strange 2 – Episode 3: Wastelands

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Kann Life is Strange 2 Episode 3 uns mit seiner Magie verzaubern?

Im Jahre 1863 schrieb ein deutscher Schriftsteller namens Gustav Freytag ein Buch mit dem Titel “Technik des Dramas”. Ihr fragt euch vielleicht berechtigterweise: Und was genau hat das mit Life is Strange 2 zu tun? Nun, besagter Herr Freytag fand heraus, dass viele Dramen, unter anderem die von Größen wie Shakespeare und Friedrich Schiller, oft aus fünf Akten aufgebaut sind. Fünf Akte, fünf Episoden? Erst kommt die Einleitung, in der Charaktere und der zentrale Konflikt eingeführt werden. Zum Beispiel zwei Brüder, die wegen der Superkräfte des Jüngeren auf der Flucht sind. Im zweiten Akt gibt es weitere Komplikationen, die auf den Höhepunkt zusteuern. Wie etwa, wenn die besagten zwei Brüder von der Polizei entdeckt werden würden und ein Unfall geschieht.

Und der dritte Akt? Im dritten Akt kommt es zum Klimax, zum ersten Höhepunkt der Handlung, in dem sich die aufgebaute Spannung entlädt. Wir haben das storylastige Adventure gespielt, um euch erzählen zu können, ob die neue Episode vom französischen Studio Dontnod diese erwartete Spannung erfüllen kann. Immerhin erwartet uns vielleicht ja ein Höhepunkt.

Story mit Starpotenzial?

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Die Episode beginnt mit einem gezeichneten Rückblick samt Zug aus der letzten Episode

Episode 3 setzt zwei Monate nach dem Ende von Episode 2 an. Sean und Daniel leben jetzt in einem Hippie-Camp und verdienen sich Geld, indem sie auf einer Marihuana-Plantage arbeiten. Doch die Beziehung zwischen den Brüdern scheint immer kritischer zu werden. Daniel hat Probleme mit seiner Wut und Sean weiß nicht wie er damit umgehen soll. Mehr Konkretes verraten wir euch an dieser Stelle nicht. Life is Strange 2 erzählt seine Geschichte wie gehabt oft in den kleinen Momenten – in Gesprächen am Lagerfeuer und emotional-intimen Momenten zwischen den einzelnen Figuren. In kurzen Verschnaufpausen und inneren Monologen.

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Die zwei Monate zwischen Episode 2 und 3 sieht man Sean an

Und diese Momente in sich selbst funktionieren auch sehr gut. Wir können uns in die Charaktere einfühlen und in all ihrer Menschlichkeit wirken sie, wenn alles aufgeht, zum Greifen nah. Die Art und Weise in der diese Geschichte jedoch erzählt wird, kommt uns leider etwas inkonsequent vor. Viele Momente wirken nämlich deplatziert. Der Eindruck entsteht, als hätten die Entwickler nicht genau gewusst, welche Identität sie Episode 3 geben wollen. So folgt in der Mitte der Story beispielsweise auf eine emotionale und tiefschürfende Szene eine komplett wirre Montage zu einem knalligen Pop-Song. Beide Szenen sind schön, aber zusammengefügt verlieren sie an Wirkung.

Der Weg ist das Ziel

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Cassidys Charakter hat uns gut gefallen: Wir würden gerne mehr über sie erfahren

Ähnlich verhält es sich mit den Charakteren: Genau wie Seans Großeltern aus der letzten Episode oder Lyla aus Episode 1 sind sie wunderbar geschrieben und eingesprochen. So finden sie schnell einen Platz in unserem Herzen. Sie fühlen sich real an, wie echte Menschen, und das trägt die Geschichte auch über ihre langsameren, nicht ganz so spektakulären Momente. Wir hoffen aber zutiefst, dass diese Figuren irgendwohin führen. Dass sie im weiteren Verlauf von Life is Strange 2 einen Zweck erfüllen und wieder auftauchen. Oder zumindest ihren Teil zum Ende beitragen und einen persönlichen Abschluss finden. Denn die Figuren können noch so wunderbar geschrieben sein, im Moment fühlt es sich an, als würden sie ins Nichts führen.

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Die Gang im Camp

Und damit kommen wir auch zu einem der Hauptkritikpunkte, den wir mit Life is Strange 2 hatten. Nichts wird recycelt. Das klingt im ersten Moment ja eigentlich gar nicht negativ. Denken wir aber mal zurück an den ersten Teil, dann war eine der großen Stärken, dass wir uns in Arcadia Bay immer zuhause gefühlt haben. Die Orte und die Figuren waren uns immer vertraut, weil sie immer wieder auftauchten. Und das fehlt im zweiten Teil bisher leider komplett. Natürlich ist es schwer darüber zu urteilen, bis wir auch die letzten beiden Episoden gespielt haben, aber Sean und Daniel allein reichen unserer Meinung nach leider nicht aus, um die Langzeitbindung an die Handlung zu gewährleisten.

Die Wahl der Qual

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Auch Episode 3 präsentiert uns die Entscheidungen wieder im typischen Auswahlscreen

Gemessen am Ende von Episode 2, die uns mit ihren verschiedenen Optionen und den Konsequenzen unserer Handlungen definitiv beeindruckt hat, fanden wir das, was uns Wastelands aufgetischt hat, eher mau. Bis zum Ende scheinen Entscheidungen nur marginale Änderungen zu bewirken und selbst das Finale der Episode hat uns in diesem Bereich nicht so gepackt, wie das der Vorgänger-Episode. Dabei sind die Entscheidungen durchaus knifflig und gerade gegen Ende gibt es eine Menge in kurzer Folge.

Life is Strange 2 gibt uns oft das Gefühl, jede Entscheidung würde gleichermaßen negative Auswirkungen haben. Man kann es einfach nicht richtig machen. Was im ersten Moment frustrierend klingt, hat uns jedoch sehr gut gefallen. Es gibt selten eine strikt richtige Entscheidung und eine strikt falsche, was dazu führt, dass sich die Entscheidungen umso realer anfühlen.

Arbeit, Arbeit…

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Das Gameplay von Life is Strange beschränkt sich typischerweise auf Laufen und Tasten drücken

Life is Strange 2 weicht nicht im großen Stil vom Schema der Reihe ab. Ab und zu wirft man ein Messer oder drückt im Quicktime-Stil einen Knopf, sonst passiert nicht viel. Das ist bewährt, der Fokus liegt natürlich auf der Story. Uns gefallen die vorsichtigen Änderungen im Vergleich zum Vorgänger gut, so gibt es beinahe immer Interaktions-Möglichkeiten mit Daniel und einige Dialogmöglichkeiten, die unter starkem Zeitdruck gewählt werden müssen. Damit gewinnt die Welt ein bisschen an Dynamik und der Spieler fühlt sich integriert.

Manchmal gleiten diese Momente jedoch zu sehr in eine Art anstrengendes Aufgaben-Abarbeiten ab. Natürlich ist das der Fall, da auch unser Hauptcharakter in diesem Moment ebensolche Aufgaben zu erledigen hat. In der auf ungefähr 2-3 Stunden begrenzten Zeit, die Episode 3 hat, um ihre Story zu erzählen, hätten wir diese Zeit aber lieber genutzt, um etwas mehr aktiv zu erleben.

Staubig-stilvoll, stimmig, souverän

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Die liebevoll aufgemachten Tagebuch-Beiträge klären uns über das Geschehen zwischen Episode 2 und 3 auf

Die Grafik ist, wie bereits bei den vorherigen Episoden, charmant, aber auch ein klein wenig angestaubt. Störend ist das allerdings überhaupt nicht, die Welt ist mit viel Sorgfalt gebaut und die Grafik passt gut zur Geschichte und baut genau die richtige Atmosphäre auf. Hin und wieder gab es nach Entscheidungen allerdings einen Schnitt, ohne dass die Einstellung gewechselt wurde, was die Immersion definitiv gestört hat.

Der Soundtrack präsentiert sich, wie gewohnt, absolut phänomenal. In den richtigen Momenten ist er ergreifend oder mitreißend und fängt wieder und wieder perfekt die Stimmung der Episode ein. Auch in Momenten, in denen er nicht im Mittelpunkt steht, untermalt er perfekt das Geschehen und trägt maßgeblich zum Gesamtfeeling von Wastelands bei.

Höhepunkt oder Hochstapelei?

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Schauplatz von großen Teilen der Episode: Die Plantage

Und, ist Wastelands jetzt die erwartete Klimax? Die eindeutige Antwort lautet wie so oft: Ja und Nein. Life is Strange 2 stellt seit Beginn bewusst die Beziehung der beiden Brüder Sean und Daniel in den Mittelpunkt. Sie sind die einzigen Konstanten, es ist ihre Geschichte. Und die Handlung auf dieser Beziehungsebene, die sich parallel zum tatsächlichen Geschehen der Episode entwickelt, brettert tatsächlich schlingernd auf einen explosiven Höhepunkt am Ende von Wastelands zu.

Die Haupthandlung endet zwar mit einem Knall, der Weg dorthin ist aber viel zu gemächlich, um von einem wirklichen Höhepunkt zu sprechen. Dafür werden zu viele neue Charaktere aufgebaut und der Abschluss kommt zu plötzlich. Wir hoffen, dass Life is Strange 2 in den kommenden Episoden nimmt, was es bisher so geschickt etabliert hat und daraus ein packendes Finale baut, statt wie bisher mit jeder Episode neu anzufangen.

Facettenreiche Charaktere
Großartiger Soundtrack
Starkes Ende
Liebevoll gestaltete Spielwelt
Entscheidungen wieder etwas konsequenzlos
Tempo und Erzählweise der Story verbesserungswürdig
Keine wirkliche Bindung an Orte und manche Charaktere
Belanglose Gameplayelemente

Tobias Hauser

Eins muss man ihnen lassen: Die Jungs und Mädels bei DontNod wissen wirklich wie sie den Spielern starke Enden präsentieren. Wir beenden Episode 3 mit offenem Mund und einem mulmigen Gefühl im Magen. Aber der Weg zu diesem Finale fühlte sich holprig an, als hätte die Episode nie wirklich ihre Stimme gefunden. Inmitten von Montagen und intimen Momenten scheint es, als wüssten die Entwickler nicht genau, wie sie ihr Ende erreichen wollen. Über weite Strecken werden Charaktere aufgebaut, die gefühlt ins Nichts führen und unsere Entscheidungen kommen uns bei dieser Episode eher belanglos vor. Aber trotz allem haben wir mitgefiebert und warten ungeduldig auf die nächste Folge. Denn wie man, während zu den letzten Klängen des großartigen Soundtracks die Credits vorbeiziehen, nicht eine Mischung aus Unglauben über das Geschehene und Vorfreude auf das Kommende empfinden kann, ist uns schleierhaft.
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