Lohnt sich Kino: Aufbruch zum Mond

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Der Held einer Generation – Bildquelle: Universal Pictures

Die Faszination, der Erste zu sein. Das Gefühl, etwas zu tun, zu erleben, was zuvor keinem Menschen zuteil wurde – Kaum ein globales Event des vergangenen Jahrhunderts trägt diesen Gedanken so sehr in sich wie die Mondlandung der Apollo 11. Am 20. Juli 1969 ist Neil Armstrong dort oben zum Helden einer ganzen Generation geworden. In Aufbruch zum Mond zerrt Damien Chazelle die Person hinter dem kleinsten größten Schritt der Menschheitsgeschichte ans Tageslicht.

Ein kühler Schritt ohne Fahne

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Zum Schneiden dicke Luft in der Kabine – Wir blicken auf einen jungen Piloten, der in stoischer Ruhe an Kippschaltern und Anzeigen herumhantiert, während jede Schraube des Cockpits zu bersten droht. Markerschütterndes Dröhnen und Rattern erfüllt die Maschine und wir fragen uns: Ist das überhaupt Neil Armstrong (Ryan Gosling), der hier in völliger Isolation dem Erdball entgegentrudelt? Sekunden später wissen wir mehr, als ein erster Funkspruch blechern ertönt und ihn als den zukünftigen Helden, den wir alle kennen, ausweist. Die Leere und Gefahr des Weltalls bringt Damien Chazelle in der Eröffnungssequenz von Aufbruch zum Mond so bildgewaltig und poetisch auf die Leinwand, dass die Grenzen zwischen Biopic und Gegen-Die-Uhr-Ästhetik für einen winzigen Moment verschwimmen – Eigentlich untypisch für den Film.

Stattdessen gibt Chazelle (La La Land) nämlich einen ruhigen Ton vor und beschreibt die Ereignisse – unweigerlich führen sie zur erfolgreichen Mondlandung – chronologisch, kühl und mit wenig Pathos. Die vermeintlich dankbare Aufgabe, die größte Errungenschaft der amerikanischen Raumfahrt zu inszenieren, kommt ohne großes Fahnenschwenken und Redenschwingen aus, was dem Film im Vorfeld einige Kritik von Seiten patriotischer Amerikaner einbrachte. Aufbruch zum Mond ist in seinem Aufbau ähnlich still und schnörkellos wie der verschlossene Armstrong und wandelt auf zwei Ebenen zwischen Privat- und Arbeitsleben des Astronauten hin und her. Mit harten Zügen hält Ryan Gosling diesen Zwiespalt aufrecht und nimmt sich in seinem Spiel sichtlich zurück, um Platz zu machen für das Drehbuch von Josh Singer (Spotlight), welches lose auf dem gleichnamigen Bestseller von James R. Hansen basiert.

Geschichte des Scheiterns

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Der Film begleitetet Neil Armstrong vom Testflug in einem X-15 Raketenflugzeug, der beinahe tödlich endet, über die Landung auf dem Mond, bis hin zu den ersten Schritten zurück auf der Erde. Immer an seiner Seite: Gattin Janet (Claire Foy), die in ständiger Angst leben muss, ihren Mann an die unendlichen Weiten des Weltalls zu verlieren. Nicht nur diese Tatsache belastet die Ehe der beiden, vor allem der Krebstod seiner zweijährigen Tochter Karen lässt den stoischen Ingenieur nicht mehr los. Er flüchtet sich kurzerhand in die Arbeit und landet schließlich im umstrittenen Raumfahrtprogramm der NASA. Unter der Leitung von Deke Slayton (Kyle Chandler) nimmt er zunächst am Projekt Gemini teil und bekommt die lauernde Gefahr, welche ständig über dem experimentellen Programm steht, am eigenen Leib zu spüren. Die Geschichte der ersten Mondmission ist eben auch eine Geschichte toter Astronauten – Das macht der Film in schockierend beiläufigen Szenen immer wieder deutlich.

All diesen Unwegbarkeiten zum Trotz trägt Armstrong sein Credo wie einen Schild vor sich her. Dabei geht es ihm nicht darum, mit aller Kraft vor den Sowjets das Weltall zu erobern. Das Politische hat keinen Platz in Chazelles Vision der Mondlandung. Er glaubt an den technologischen Fortschritt und nimmt die vielen Rückschläge mit einer Selbstverständlichkeit hin, dass man ihm schon fast eine Art Plot Armor unterstellen könnte. Natürlich wissen wir, dass sein Streben nach Vollkommenheit letztlich belohnt wird und trotzdem trifft uns jeder gefallene Astronautenfreund mit solcher Wucht, dass unwillkürlich auch die Angst um den Helden mitschwingt. Den Spagat zwischen bürgerlicher Familiengeschichte und dem schneckenhaften Fortschritt der Raumfahrt, gepflastert von Leichen, weiß das Biopic über die Laufzeit von 141 Minuten zu meistern.

Immersion und Stille

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Das liegt nicht zurecht an der technischen Finesse, mit der Damien Chazelle und sein Kamera-Spezi Linus Sandgren zu Werke gehen. Nach La La Land arbeiten die beiden erneut zusammen und liefern atemberaubende Bilder, die auf brutale Art und Weise deutlich machen, dass die Mondlandung 1969 im Grunde ein Dinge der Unmöglichkeit gewesen sein muss. Die Highlights der Inszenierung liegen dabei klar im Inneren der winzig anmutenden Kapseln, in denen Armstrong und Konsorten um ihr Leben bangen. Die IMAX-Kamera ist ständig in Bewegung, ruckartig simuliert sie G-Kräfte jenseits von Gut und Böse und fordert die Augen der Zuschauer bis zum Äußersten. Immersiv soll die Reise zum Mond sein, laut, schrill, grenzüberschreitend und nicht zuletzt unvorhersehbar.

Denn bereits im nächsten Moment herrscht drückende Stille, wenn Armstrongs Kapsel die hauchdünne Schicht der Erdatmosphäre durchbricht oder die Mondfähre sich unerbittlich der Oberfläche nähert, deren körniges Profil wir fast schmecken können. Die wohl größte Stärke des Films liegt im Kontrast zwischen ohrenbetäubender Geräuschkulisse und dem auditiven Nichts. Um eine Hommage an Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum kommt Chazelle nicht herum, die wirklich wichtigen Momente des Films, ja sogar der erste Schritt auf dem Mond, sprechen aber auch ohne musikalische Untermalung Bände. Der minimalistische Soundtrack von Justin Hurwitz, ebenfalls ein alter Bekannter aus La La Land, tut sein Übriges und rundet die bahnbrechende Visualität von Aufbruch zum Mond mit einem gut abgestimmtem Score ab.

Fazit

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In Aufbruch zum Mond blickt Ryan Gosling als Neil Armstrong durch kühle Augen in die Zukunft der amerikanischen Raumfahrt. Regisseur Damien Chazelle kontert ebenso kühl und erzählt die Ereignisse bis hin zum ersten Schritt auf dem Mond chronologisch, distanziert, aber immer echt und verbindet ein gelungenes Biopic mit maximal immersiven Bildern, die auch Stunden nach den Credits in eurem Kopf brennen. Sein Film zeigt den Spagat zwischen familiärer Tragödie und Fehltritten der amerikanischen Raumfahrt, die den Helden einer ganzen Generation nicht aufhalten können – und das ohne viel Pathos und patriotischen Schwanzvergleich. Ein technisches Meisterstück, das um einige Längen allerdings nicht herumkommt.

Aufbruch zum Mond startet am 08. November in die deutschen Kinos.

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