Lohnt sich Kino: Captain Marvel (Filmkritik)

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Captain Marvel: Unsere Kritik zur Origin-Story

Mit Captain Marvel bekommt das MCU seine erste weibliche Titelheldin – Keine Überraschung nach dem durchschlagenden Erfolg von Black Panther im vergangenen Jahr, der schwarze Kultur und Superhelden gekonnt in Einklang brachte. Brie Larson tritt in die Fußstapfen von Gal Gadot und finalisiert kurz vor Endgame das spektakuläre Lineup der Avengers. Soviel vorab: Im ersten Solo-Abenteuer der rot-blauen-Rächerin weicht das Regisseurs-Duo Anna Boden und Ryan Fleck von der altbekannten Marvel-Formel ab. Ob zum Guten oder Schlechten, erfahrt ihr in unserer Kritik zum Film.

Vom intergalaktischen Krieg in die Videothek

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Ein ungleiches Duo

Als erster Film des MCU schickt uns Captain Marvel zurück in die glorreichen 90er. Während Grunge gerade voll im Trend liegt und Videotheken noch nichts von ihrem qualvollen Aussterben ahnen, tobt in einer fernen Galaxie ein erbitterter Krieg. Seit Jahrhunderten erwehren sich die heroischen Kree einem uralten Feind: Den Gestaltwandlern der Skrull. An vorderster Front kämpft die Kree-Soldatin Vers (Brie Larson) für das Überleben ihrer Rasse. Während einer Rettungsmission gerät sie jedoch in Gefangenschaft und kann nur mit allerletzter Kraft und einer Fluchtkapsel der grünhäutigen Aliens entkommen.

Wie es der Zufall so will, schlägt ihr unfreiwilliges Taxi genau dort ein, wo es wirklich niemand vermutet hätte: In einer Videothek auf dem Planet Erde. Selbstverständlich bleibt ihre Anwesenheit nicht lange unbemerkt, was den S.H.I.E.L.D.-Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson) auf den Plan ruft. Anfänglich stehen sich die beiden skeptisch gegenüber. Als Vers allerdings herausfindet, dass ihr die Erde vertrauter ist als zunächst gedacht, schließt sie sich mit Fury zusammen, um ihrer mysteriösen Vergangenheit auf den Grund zu gehen. Was folgt ist die verzweifelte Suche nach der eigenen Identität, welche über zwei Stunden zwischen Buddy-Komödie und Sci-fi-Bombast hin und her pendelt.

Heldin mit Botschaft

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Captain Marvel: Die erste weibliche Protagonistin

Während der Krieg zwischen Kree und Skrull in der Comic Vorlage galaktische Ausmaße annimmt, nutzt das MCU einen der größten Marvel-Konflikte lediglich als Aufhänger, um die neue Heldin voll und ganz in den Vordergrund zu rücken. Viel von Brie Larson als Captain Marvel sehen wir nicht, denn natürlich haben wir es hier zunächst einmal mit einer Origin-Story zu tun. Die Entwicklung zur mächtigen Superfrau mit glühenden Augen muss sie also noch durchmachen, bevor wir schließlich einen Eindruck davon bekommen, wie viel Power tatsächlich unter dem Anzug der neuen Avengerin schlummert.

Die Evolution vom ewig belächelten Mädchen mit großen Träumen hin zur selbstbestimmten Heldin gelingt Larson dabei erstaunlich gut. Nicht zuletzt deshalb, weil der Film seine Hauptfigur ganz selbstverständlich als weiblich hinnimmt. Aber auch schauspielerisch muss sich die Oscar-Preisträgerin nicht verstecken. Mit ihrer frechen und gleichzeitig distanzierten Art schafft sie es, der Rolle, die bis 1982 noch als klassisch männlich galt, ihren eigenen Drive zu verleihen. Die Message des Films ist zweifelsohne eine gute, rückt aber nie so weit in den Vordergrund, dass sie Einfluss auf die Handlung nimmt. Das Ergebnis: Ein wichtiger und zugleich unterhaltsamer Ableger für das MCU in seiner Gänze. Besonders spaßig wird Captain Marvel immer dann, wenn Larson und Jackson aufeinander treffen.

Die 90er sind zurück

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Zwischen 90’s Groove und Endgame-Romantik

Ein urkomisches Wortgefecht jagt das nächste, denn nicht nur in puncto Setting schickt uns Captain Marvel zurück in die 90er Jahre. Auch Optik, Dialoge und Humor feiern das Jahrzehnt in all seinen Facetten – manchmal sogar etwas zu aufdringlich. Von Nirvana über Terminator 2 bis hin zu  Happy Days – Der Streifen ist vollgestopft mit Referenzen, die gelegentlich sogar dreist aus den 80ern geklaut wurden. Kinder der 90er werden sicher den ein oder anderen Nostalgie-Moment erleben.

Aber auch darüber hinaus zündet ein Großteil der Gags und wenn Nick Fury der völlig perplexen Vers die Funktionsweise eines Routers erklären muss, ertönt im Kinosaal sogar schallendes Gelächter aus der ein oder anderen Ecke. Als deutlich verjüngter S.H.I.E.L.D-Agent ist er für den Großteil der Lacher verantwortlich, die in dieser Installation deutlich mehr auf Situationskomik fußen als auf den immer gleichen Superhelden-Klischees der Vorgänger.

Verdrehte Marvel Welt

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Verdrehte Welt: Schwache Action – starke Charaktere?

Dementsprechend lässt sich Captain Marvel wohl als gemäßigter Thor: Tag der Entscheidung beschreiben. Humor ist essentieller Part des Films, albern wird es zum Glück nur selten. Schade nur, dass stattdessen die Geschichte des Films gelegentlich für Fremdschäm-Momente sorgt. Glaubwürdig ist hier einzig und allein das vorbildliche Handeln der Protagonistin. Die Skrull, Kree und ihre fadenscheinigen Motivationen, allen voran Kommandant Talos (Ben Mendelssohn) sind nicht mehr als Pappkameraden für eine Geschichte, die mehr an Filler-Folgen schlechter Sci-fi-Operetten erinnert  als den sonstigen Drehbuch- und Produktionsstandard von Marvel.

Captain Marvel macht auch deshalb einiges anders, weil es neue Prioritäten setzt. In der Vergangenheit hagelte es vor allem für den Bereich Charakterentwicklung Kritik. Die Selbstfindung der Heldin gehört hier jedoch zu den großen Stärken des Films. Stattdessen schwächelt der filmische Prolog zu Endgame in Bereichen, die ansonsten zu den Kernkompetenzen des MCU zählen: Action und Dramaturgie. Im letzten Drittel drückt die CGI-Crew nochmal ordentlich auf die Tube, leider verfehlen die computergenerierten Bilder ihre Wirkung mehr als nur einmal – hier hat man es mit dem abgerockten Charme der 90er etwas übertrieben.

Mit angezogener Handbremse

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Action: Alle Systeme auf Sparflamme

Ähnlich problematisch zeigen sich auch die Action-Sequenzen. Wenn Captain Marvel in ihrer finalen Form ganze Raumschiffe mit bloßer Faust durchbricht, schreit das förmlich nach einer amtlichen Gänsehaut. Leider schafft es der Film nicht, seine theoretisch packenden Szenen mit entsprechenden Bildern zu unterfüttern. Zu selten bricht der Film altmodische Lasergefechte mit handgemachter Martial-Arts-Kämpfe auf, zu oft lassen die Szenen im Cockpit längst verdrängte Erinnerungen an Star Wars: Episode 1 wieder hochkommen.

Letztlich können wir uns dem Eindruck nicht erwehren, dass Captain Marvel in puncto Action mit angezogener Handbremse fährt, um einen Monat vor dem großen Showdown mit Thanos keine unrealistischen Erwartungen zu schüren. Auch wenn Brie Larson zum Finale hin enorm stark aufspielt, bleibt der große Knall am Ende leider aus – und das sowohl emotional als auch technisch. Statt auf einen Höhepunkt zuzusteuern, verläuft die Dramaturgie in Richtung Credits langsam im wortwörtlichen Sande. Symptomatisch dafür steht der große Endkampf, der seine Auflösung kurzerhand in einem Comic Relief findet.

Captain Marvel läuft ab dem 07. März in den deutschen Kinos

Fazit

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Was kann Captain Marvel?

Captain Marvel stellt eine gelungene Ergänzung zum MCU dar – nicht zuletzt deshalb, weil mit Brie Larson eine glühende Heldin gefunden wurde, die dem neuesten Avenger richtig viel Leben einhaucht. Die großen Stärken des Films liegen dabei ganz klar in der bodenständigen Erzählweise und Charakterentwicklung, denn nicht jede Superhelden-Karriere beginnt ganz oben. Leider schafft es der Streifen nur selten, Figuren und Dramaturgie zu einem großen Ganzen zu verweben. Stattdessen müssen Humor und 90’s Setting den Karren aus dem Dreck ziehen. Gleichzeitig fährt die Action so kurz vor Avengers: Endgame lediglich auf Sparflamme, sodass am Ende ein Film steht, den das Universum braucht, aber keiner, der unserer Meinung nach ins Marvel Pantheon einziehen wird.

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