Lohnt sich Kino: Hereditary – Das Vermächtnis (Filmkritik)

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Wenn eine Familie dem Wahnsinn verfällt – Seitdem Anfang des Jahres die ersten Gerüchte zu Ari Asters Horrorfilm-Debüt durch die Medien gingen, gab es für Hereditary kein Halten mehr. Schon weit vor dem Kinostart galt der psychologische Schocker als größte Hoffnung des Genrekino und erntete über das Sundance Filmfestival hinaus einige Vorschusslorbeeren. Ob sich der Kinobesuch lohnt, haben wir für euch gecheckt.

Ein morscher Stammbaum

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Die Familie Graham ist in tiefer Trauer versunken, nachdem vor wenigen Wochen die Großmutter verstorben ist.  Ihre Tochter Annie (Toni Collette), eine begabte Künstlerin, die lebensechte Miniaturen und Dioramen entwirft, vergräbt sich in ihre Arbeit, während der Rest der Familie auf ihre ganz eigene Art und Weise um die nicht von allen geliebte Oma klagt. Schwiegersohn und Anwalt Steve (Gabriel Byrne) versucht verzweifelt, den Haussegen hoch zu halten und versammelt Frau und Kinder regelmäßig zum gemeinsamen Abendessen.

Auch die gut behüteten Küken der Familie reagieren ganz unterschiedlich auf den tragischen Verlust. Während der rebellische Teenager Peter (Alex Wolff) mehr mit seinem eigenen Schicksal hadert als den Tod seiner Oma zu betrauern, leidet die aufgeweckte Charlie (Milly Shapiro), Liebling der Verstorbenen, sichtlich unter der Situation. Alles scheint normal, doch die Großmutter wirft auch nach ihrem Tod einen dunklen Schatten über die Familie. Als eine übernatürliche Präsenz die Kontrolle über den Haushalt übernimmt, offenbart sich das finstere Vermächtnis der Graham Familie.

Zwei Stunden Kontrollverlust

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Nach etlichen Kurzfilm-Experimenten wie dem verstörenden Familienportrait The Strange Thing About the Johnsons liefert Ari Aster mit Hereditary seinen ersten Feature-Film, der sich, ähnlich wie zuvor It comes at night, ganz und gar im kleinen Kreis der Familie abspielt. Er beruft sich auf menschliche Abgründe und emotionale Verflechtungen, die sich in so verdichteter Form nur innerhalb eines gemeinsamen Haushalts abspielen und legt seine Marschroute somit klar fest: Es geht um psychologischen Horror, nicht um fiese, aber kurzweilige Jumpscares. Stück für Stück nimmt der Film seine Figuren auseinander, bis sie schließlich im Gleichschritt den Verstand verlieren und einer Katharsis entgegenirren, die euch mit offenem Mund im Kinosessel zurücklässt.

Mit einer Laufzeit von satten 127 Minuten lässt sich der Film genug Zeit, um jedes Familienmitglied in der Tiefe vorzustellen und den Figuren bis in die dunkelsten Winkel ihrer Seele zu folgen. Ihre Ängste, Probleme und verqueren Wesenszüge sind es, mit denen Hereditary spielt, um euch mehr als nur einen Schauer über den Rücken zu jagen. Stattdessen erwarten euch kurze, aber richtig fiese Schockmomente, die nicht nur auf der Bildebene verstören, sondern auch sprachlich gegen jede Gewohnheit gehen. Schade nur, dass der Film seine vielen perfiden Szenen kaum auskostet, sondern recht schnell zum ruhigen, aber gut getakteten Erzähltempo zurückkehrt, das den Streifen dominiert. Hereditary ist intensiv, unbequem und zieht zum Ende hin ordentlich an – mehr Gruselspektakel als Horrortrip.

Um den Verstand gespielt

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Essenziell für den Erfolg psychologischer Horrorfilme ist nicht zuletzt der Cast, an dem sich die übernatürlichen Kräfte des Films abrackern, um die heile Familienidylle ins Chaos zu stürzen. Ari Aster hat für sein Feature-Debüt ein Ensemble aus Charakterdarstellern zusammengesucht, die durch die Bank weg überzeugen – Allen voran Toni Colette, die sich buchstäblich um den Verstand spielt.

Mit unglaublichen Nuancen verwandelt sie sich binnen zwei Stunden von der geduldigen und liebenden Mutter zu einem nervlichen Wrack, zu Dingen fähig, die wir uns nicht im Traum hätten vorstellen können. Ihre Entwicklung bleibt dabei jederzeit nachvollziehbar, wodurch ihre verzweifelten Versuche, die Familie zu retten, noch unbequemer erscheinen. Aber auch Alex Wolff als lakonischer Spielball des Schicksals macht seine Sache enorm gut und bildet den perfekten Kontrast zur übereifrigen Mutter.

Grusel im Mikrokosmos

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Der Großteil der Handlung spielt sich innerhalb des Hauses ab, das in seinen Grundzügen einem Modell entspricht, an dem Annie gerade arbeitet. Die Kamera, koordiniert von Pawel Pogorzelski, greift diese Dopplung der Welt immer wieder auf und sorgt für atmosphärische Kamerabewegungen durch das Diorama, die ihr Ende im Haus der Graham Familie finden. Jederzeit wird deutlich, dass die Figuren nicht mehr sind als Miniaturen in einem Spiel, das weit größer ist als sie selbst es erahnen können. Gepaart mit der ansonsten ruhigen Kameraführung und statischen Einstellungen, die zeitweise sogar an Stilleben erinnern, entsteht kribbelnde Beklemmung, die das okkulte Grundthema perfekt in Szene setzt.

Unterstützung findet das Ganze im Sounddesign, das voll und ganz auf dissonante Klänge und handgemachte Geräusche setzt. Überall kratzt und schabt es, als die dunkle Präsenz sich im Haus breit macht, während in den schockierenden Momenten unangenehme Stille herrscht. Ari Aster hat es geschafft, Hereditary ohne viel Musik seinen ganz eigenen klanglichen Stempel aufzudrücken, der vor allem dank sphärischer Stücke die ersten Hinweise auf das Ende des Films verrät. Aber auch der Weg dahin ist ein musikalischer Albtraum (im positiven Sinne), der ganz besonders im Kino an euren Nerven zehren dürfte.

Fazit

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Hereditary verbindet psychologischen Horror mit einem okkulten Setting, das eine glückliche Familie Stück für Stück in den Wahnsinn treibt. Ari Aster liefert mit seinem ersten Feature-Film einen intensiven, unbequemen Schocker ab, der zum Ende hin richtig anzieht und euch mit offenem Mund im Kinosessel zurücklässt. Als verzweifelte Mutter spielt sich Toni Colette in einen wahren Rausch und macht aus dem Film zeitlos gruseliges Genrekino. Den Beruf ihrer Figur nimmt Hereditary zum Anlass, um einen Mikrokosmos des Horrors aus der Perspektive winziger Marionetten zu zeigen, die sich in einem Vermächtnis verstricken, weitaus größer als sie selbst. Kino lohnt sich, wenn ihr euch traut.

Hereditary startet am 14. Juni 2018 in die deutschen Kinos

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