Lohnt sich Kino: Isle of Dogs – Ataris Reise

Lohnt sich Kino: Isle of Dogs - Ataris Reise10

Bild für Bild zum Meisterwerk – Mit Isle of Dogs wagt sich Wes Anderson zum zweiten Mal an eine Filmtechnik, die ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Seine Liebeserklärung an den besten Freund des Menschen hat der Meister des Skurrilen komplett in Stop-Motion gedreht und mit handgemachten Puppen zum Leben erweckt. Hinter der kindlichen Fassade steckt jedoch viel mehr als nur ein Film über zottelige Vierbeiner. Was genau euch auf der Insel der Hunde erwartet und warum auch Katzenliebhaber garantiert nicht aus dem Grinsen herauskommen, haben wir für euch herausgefunden.

Hundsgemeiner Bürgermeister

Lohnt sich Kino: Isle of Dogs - Ataris Reise9

In der japanischen Metropole Megazaki herrscht der Ausnahmezustand. Bürgermeister Kobayashi (Kunichi Nomura) teilt der ratlosen Bevölkerung mit, dass ein schwerer Fall der Hundegrippe die Stadt heimsucht und alle betroffenen Tiere binnen weniger Tage einen grauenhaften Tod erleiden müssen. Als passionierter Hundehasser schlägt er vor, sämtliche Vierbeiner auf eine Müllinsel vor den Toren der Stadt zu deportieren: Die Isle of Dogs.

Der erste verbannte Hund ist Spots (Liev Schreiber), ironischerweise Haushund der Kobayashi Familie und der beste Freund des kleinen Atari (Koyu Rankin). Bei dem Jungen handelt es sich jedoch nicht nur um einen gewitzten Geist, sondern auch den Pflegesohn des Bürgermeisters. Voller Wut um seinen Verlust macht er sich auf zur Insel der Hunde, um sein geliebtes Haustier zu retten, und stellt sich damit entschlossen gegen die Pläne des machthungrigen Ziehvaters.

Lohnt sich Kino: Isle of Dogs - Ataris Reise8

Auf dem völlig verdreckten und lebensfeindliche Eiland angekommen, stößt der ramponierte Junge nicht auf seinen vierbeinigen Kompagnon, sondern stattdessen auf ein Rudel wilder Hunde, angeführt vom griesgrämigen Straßenköter Chief (Bryan Cranston). Die Truppe besteht aus ehemaligen Sportmaskottchen, Werbe-Wauwaus sowie Haushunden und stellt sich recht schnell als hilfsbereiter Haufen heraus. Gemeinsam planen sie eine Rettungsmission, um den verloren geglaubten Spots aus den Fängen einer kannibalistischen Meute räudiger Vierbeiner zu befreien. Kann die Odyssee quer über die Isle of Dogs gelingen? Und wer vereitelt die finsteren Pläne des Bürgermeisters?

Isle of Dogs = I love Dogs

Lohnt sich Kino: Isle of Dogs - Ataris Reise4

Als Katzenfan durch und durch war ich zunächst skeptisch, ob Wes Anderson es schafft, mich mit einer Ansammlung sabbernder Schoßhündchen über eine Laufzeit von 100 Minuten bei Laune zu halten. Bisher hat der gebürtige Texaner nie enttäuscht, sei es mit Rushmore, einer grundehrlichen College-Geschichte über das Erwachsenwerden oder Moonrise Kingdom, einem zeitlosen Meisterwerk des Storytelling, das auch nach sechs Jahren noch meine Liste der besten Filme aller Zeiten anführt.

Eins kann ich vorab verraten: Auch mit Isle of Dogs ist ihm und seinen Spezis Roman Coppola, Jason Schwartzman und Kunichi Nomura ein künstlerisches Meisterwerk gelungen. Selbst jemand, der in der Realität nicht allzu viel mit den zotteligen Vierbeinern anfangen kann, wird sich binnen Minuten in die eigens für den Film erstellten Puppen verlieben. Doch bei den Hunden macht Anderson noch lange nicht Halt. Sämtliche Figuren des Films, vom Bürgermeister bis hin zur aufsässigen amerikanischen Austauschstudentin sind in liebevoller Kleinarbeit zusammengeklöppelt und Bild für Bild abgefilmt worden, um eine Stop-Motion-Produktion zu inszenieren, die gekonnt zwischen alberner Amateurhaftigkeit und genialem World-Building balanciert.

Lohnt sich Kino: Isle of Dogs - Ataris Reise2

Präsentiert uns der Film in einem Moment Kampfszenen lediglich in Form einer lebhaften Staubwolke wie wir sie aus Roadrunner-Comics kennen, dürfen wir im nächsten in den Kopf des Regisseurs eintauchen, wenn er die Hintergründe kreativ mit den Bewegungen der Figuren in Beziehung setzt und das Ganze mit unvorhergesehenen Kamerafahrten, kreuz und quer, vertikal und horizontal, zu einem maßlos unterhaltsamen Ganzen verwebt. Kurzum: Es bereitet eine diebische Freude, dabei zuzusehen wie die Mikro-Welten von Isle of Dogs Bild für Bild entstehen und wieder verschwinden, um Platz für den nächsten detailverliebten Frame zu machen – Euch erwarten sensationelle Bilder, die dazu einladen, die Reise nach Trash Island gleich nochmal anzutreten, um wirklich jedes Detail zu entdecken.

Hund-ert Stimmen – eine Botschaft

Lohnt sich Kino: Isle of Dogs - Ataris Reise11

Dass Isle of Dogs abseits seines handgemachten Charmes auch noch eine Botschaft zu vermitteln weiß, wird klar, wenn man hinter die grundsätzlich recht kindisch erzählte Geschichte blickt. Ganz in seinem eigenen Stil arbeitet Anderson mit sprachlichem Humor, der dank eines Ensembles hochkarätiger Synchronstimmen über die gesamte Laufzeit funktioniert und euch ein permanentes Grinsen aufs Gesicht zaubert.

Mit dabei sind die üblichen Verdächtigen Bill Murray, Harvey Keitel und Edward Norton, mit Scarlett Johannsson, Greta Gerwig und Bryan Cranston haben es aber auch Anderson-Neulinge, aber deshalb nicht weniger eindrucksvolle Stimmen auf die Leinwand geschafft. Wir empfehlen deshalb, den Film im englischen Originalton zu genießen, wenn möglich. Doch nicht nur die Dialoge sprühen vor Witz und cleveren Anspielungen. Auch optisch fährt der Film ein wahres Feuerwerk gut getimter Schnittkomik auf, die schon fast an Edgar Wright erinnert.

Lohnt sich Kino: Isle of Dogs - Ataris Reise7

Hinter all dem Humor präsentiert uns Isle of Dogs jedoch eine düstere Weltanschauung, die sich ohne Probleme auch auf unseren Alltag anwenden lässt. Die hochaktuellen Themen Umweltverschmutzung, Propaganda und Machthunger schneidet Wes Anderson immer wieder an und verteilt saftige Seitenhiebe, sein Plädoyer für Toleranz, die Liebe zur Freiheit und den besten Freund des Menschen belässt den Zeigefinger jedoch in der Hosentasche. Auch wenn der narzisstische Bürgermeister uns stark an eine Figur aus dem gegenwärtigen Weltgeschehen erinnert. Mit seiner subtil geäußerten Kritik sorgt Anderson letztlich dafür, dass wir selbst, wenn wir die liebevolle Machart von Isle of Dogs vergessen haben sollten, uns immer an die Menschlichkeit zurückerinnern, die den verschrobenen Vierbeinern inne wohnt.

Fazit

Lohnt sich Kino: Isle of Dogs - Ataris Reise5

Mit Isle of Dogs hat Wes Anderson ein Meisterwerk in Stop-Motion geschaffen, das jedes Einzelbild auf ein Podest hebt und als detailverliebtes Kunstwerk feiert. Auch wenn die Liebeserklärung an den besten Freund des Menschen, die japanische Kultur und kreative Filmkunst in puncto Storytelling nicht ganz mit seinen Realverfilmungen mithalten kann, bleibt die Geschichte rund um den entschlossenen Atari und seine vierbeinigen Kameraden ein Pflichtfilm für jeden Liebhaber von Stop-Motion und Wes Anderson. Mit einem Potpourri aus Hollywood-Synchronstimmen, Dialogen zum Verlieben und Charakteren liebenswert bis in die Zotteln kann bei diesem Trip auf die ikonische Müllinsel nichts schiefgehen.

Test: Alles an Bord?! Test: Crisis on the Planet of the Apes VR