Lohnt sich Kino: It Comes at Night

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Überleben um jeden Preis: So lautet das Mantra der kleinen Familie, die sich einer mysteriösen Epidemie zu entziehen versucht, indem sie sich in völlige Einsamkeit zurückzieht. Mit dieser ruhigen Prämisse wagt sich Trey Edward Shults nach seinem schockierenden Regiedebüt Krisha erstmals ins Horror-Genre vor und lässt Kritiker mit offen stehenden Mündern zurück.

Die Marketing-Kampagne von It Comes at Night steht dabei im krassen Gegensatz zur Grundidee des Films. Seitdem Shults seinen neuen Streifen das erste Mal in der breiten Öffentlichkeit angekündigte, hagelt es Vorschusslorbeeren angesichts wirkungsvoller Plakate und Trailer, die klaustrophobische Schauerbilder grausam auf die Spitze treiben. Wir haben uns schon vor Kinostart in die Nacht gestürzt und gecheckt, ob die Prämisse hält, was sie verspricht.

Blut ist dicker als Wasser

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Travis (Kelvin Harrison Jr.) und seine Eltern leben in einer verlassenen Welt. Eine eigenartige Epidemie greift um sich und die drei Familienmitglieder scheinen zu einer winzigen Gruppe von Überlebenden zu gehören. Um der ominösen Seuche zu entgehen, hat sich das störrische Familienoberhaupt Paul (Joel Edgerton) gemeinsam mit seiner Frau Sarah (Carmen Ejogo) und dem Sohn in eine einsame Hütte mitten im Wald zurückgezogen. Dort leben sie fortan nach einer einzigen Regel: Verlasse niemals bei Nacht das Haus!

Als eines Tages ein Fremder auf ihrer Türschwelle erscheint und Proviant für sich, seine Ehefrau Kim (Riley Keough) und sein Baby einfordert, bricht Joel erstmals seine wichtigste Regel und nimmt die Familie rund um den charismatischen Will (Christopher Abbott) im abgeschiedenen Haus auf. Was als harmonische Allianz der beiden Parteien beginnt, entpuppt sich jedoch schnell als paranoider Konflikt, an dessen Ende nur ein Fazit stehen kann: Blut ist vor allem dann dicker als Wasser, wenn die eigene Angst Überhand nimmt.

Trey Edward Shults: Ihr Experte in Sachen Angst

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Wenn wir vollmundig ankündigen, dass euch in It Comes at Night personifizierte Angst erwartet, dann sprechen wir nicht von einem Horrorschocker, der euch 90 Minuten in den Kinosessel drückt und anschließend mit Getöse und Jumpscare-Festival aus den Kissen katapultiert. Trey Edward Shults geht in seinen Filmen deutlich subtiler mit dem Thema Angst um. Drehte sich in Krisha noch alles um Versagensängste und die Furcht davor, allein zu sterben, bekommen wir es in seinem neuen Film mit dem großen Thema Paranoia und der panischen Angst vor dem Unbekannten zu tun.

Die Vorgehensweise bleibt dabei aber relativ ähnlich. Auch It Comes at Night verfügt über einen sehr begrenzten Handlungsraum. Innerhalb der Laufzeit von 91 Minuten bleibt die Kamera hautnah am Geschehen, wenn sich die Lage im beengten Haus Minute für Minute zuspitzt. Aufgebrochen wird diese Art Kammerspiel nur gelegentlich, wenn die Familien ihre vermeintlich sichere Umgebung verlassen und den Schritt durch die provokativ rote Haustür wagen.

Doch die Ausflüge in den benachbarten Wald lassen euch keineswegs Luft zum Atmen. Stattdessen brechen sich die Konflikte im Inneren der Hütte erst dort Bahn, wo die alles verschlingende Krankheit lauert. Diesen atmosphärischen Spagat zwischen Innen und Außen, Enge und Weite beherrscht It Comes at Night wie kein zweiter Film und hält die Spannung somit bis zum Ende ganz weit oben.

Auf dicke Luft folgt dünne Luft

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Grund dafür ist nicht zuletzt auch die einzigartige Bildsprache, in der sich sowohl die Schauplätze als auch die Kameraarbeit widerspiegeln. Shults geht nämlich weit über das Konzept zweier Familien, die in einem winzigen Haus eingepfercht sind, hinaus. Denn auch die Zuflucht selbst treibt den Charakteren das letzte bisschen Furcht in die Glieder. Gnadenlos werden die Figuren auf Konfrontationskurs geschickt und das in einer Umgebung, die kein Ausweichen duldet.

Schier endlos lange Korridore, mit selbst für die kleinsten Figuren viel zu niedrigen Decken, wirken so als würden sie zur Kamera hin enger und enger werden. Die rote Tür, stets soll sie abgeschlossen bleiben, lugt als Symbol für Paranoia und einziger Schutz vor dem Fremden immer wieder ins Bild hinein. Unangenehme Einstellungen werden quälend in die Länge gezogen, bis man sich danach sehnt, sie mögen aufhören. Die Bildsprache von It Comes at Night bleibt durchgehend kraftvoll, intensiv und steigert sich gelegentlich sogar ins Perfide.

Übers Ziel hinaus

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Der größte Kritikpunkt des Films liegt für viele sicher in seiner Unzugänglichkeit. Die Geschichte, wird vom ganzen Ensemble unglaublich authentisch, emotional und mitreißend transportiert und funktioniert hervorragend als Psychothriller mit Tiefgang. Es fällt enorm leicht, sich in jede der Figuren hineinzuversetzen und getroffene Entscheidungen nachzuvollziehen. Ganz besonders Joel Edgerton und der Youngster Kelvin Harrison Jr. vermitteln auf beeindruckende Art und Weise ihre Wut auf die Welt und schiere Panik im gleichen Atemzug. Leider treibt es der Film etwas weit mit seiner verworrenen und undurchsichtigen Geschichte.

Die Handlung selbst erinnert dabei in Zügen an Yorgos Lanthimos Dogtooth. Eine Gruppe von Menschen wird fernab jeglicher Zivilisation, Regeln und ohne Informationen in den cineastischen Schwitzkasten genommen, bis die menschliche Natur sich in Zwietracht, Intrigen und Gewalt ungehemmt Bahn bricht. Wenn der Zuschauer aber gleichzeitig nach mehr Informationen zu den Hintergründen lechzt, wenn etliche Fragen unbeantwortet bleiben und kaum Anhaltspunkte für mögliche Interpretationen geliefert werden, bleibt auch beim besten Film ein schaler Nachgeschmack.

Diese Unwissenheit nach dem Gang ins Kino ist zugleich eine der großen Stärken des Films, könnte bei einigen aber auch ins Gegenteil umschlagen. Etwas mehr Stringenz hätte den Streifen noch besser gemacht. Damit wird It Comes at Night nicht zu einem schlechten Film, muss sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, den ungewöhnlichen Artstil zu sehr über die narrative Substanz zu stellen.

Fazit

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It Comes at Night ist ein Film, der euch ins eiskalte Wasser schmeißt, hundert verschiedene Fragen aufwirft, aber zum Schluss nur eine Handvoll beantwortet. Dabei steht ein Gedanke im Fokus: Wie weit bist du bereit zu gehen, um deine Familie zu beschützen? Trey Edward Shults versucht eine Antwort zu finden, indem er zwei Familien in einer einsamen Hütte aufeinander los lässt – eine tödliche Epidemie im Nacken. Was folgt sind zwei Stunden bohrender, psychologischer Horror, schauspielerisch brillant in Szene gesetzt und bis zum Ende klaustrophobisch und paranoid inszeniert. Für uns ist It Comes at Night schon jetzt ein Anwärter auf den besten Film des Jahres.

It Comes at Night seht ihr ab dem 18. Januar in den deutschen Kinos

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