Lohnt sich Kino: Searching (Filmkritik)

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SEARCHING: Bildschirme als Kunstgriff

Welches Bild von uns zeigt sich, sobald wir hinter unsere verspiegelten Bildschirme blicken? Schlummern in uns zwei Persönlichkeiten, analog und digital, zwischen denen wir tagtäglich balancieren? Das sind nur zwei der Fragen, die Regisseur Annesh Chaganty in seinem ersten Langfilm aufwirft. SEARCHING ist Teil der Screenlife Strömung und erzählt einen Entführungsthriller ganz und gar über Social Media, Facetime, Skype und Co. Die Zuschauer sind Post für Post mit dabei, während ein verzweifelter Vater die digitale Existenz seiner Tochter durchforstet, um ihr mysteriöses Verschwinden aufzuklären. Aber funktioniert das auch abseits des Second-Screen?

Detektiv im Social Web

Familie Kim schlägt sich durch. Nach einer Krebserkrankung der Mutter sind Tochter Margot (Michelle La) und Vater David (John Cho) auf sich allein gestellt und pflegen eine innige Beziehung. Wenn sie nicht gerade beim gemeinsamen Abendessen über die Klavierstunden der Tochter schwadronieren, stehen sie per Smartphone und Laptop in ständigem Kontakt. Als Margot jedoch eines Abends nicht nach Hause kommt, beginnt der stolze Vater, sich Sorgen um seine Tochter zu machen. Nach 37 Stunden ohne ein Lebenszeichen beschließt er, alle technischen Möglichkeiten auszuschöpfen, um sie schnellstmöglich zu finden. Gemeinsam mit der engagierten Polizistin Rosemary Vick (Debra Messing) macht er sich auf Spurensuche.

Sie geht den üblichen Gang über die Behörden und ermittelt analog, David hingegen klinkt sich Stück für Stück in das digitale Leben von Margot ein. Während er sich fiebrig durch die Social Media Profile seiner Tochter klickt, stößt er allerdings auf eine Margot, die im völlig fremd erscheint. Klavierstunden nimmt sie schon seit Monaten nicht mehr und auch ihre positive Art scheint sich im World Wide Web in ein negatives Selbstbild verwandelt zu haben. Ist das junge Mädchen vielleicht einfach von Zuhause weggelaufen oder steckt doch eine grausame Entführung hinter ihrem Verschwinden? Die Antworten stecken tief vergraben in ihrer digitalen Persönlichkeit und sie zu finden, fordert dem verzweifelten Vater alle Energiereserven ab.

Ein Leben auf dem Bildschirm

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Die Idee, in Spielfilmen soziale Kanäle zu benutzen, um persönliche und intime Geschichten zu erzählen, gibt es nicht erst seit einigen Monaten. Sei es die BBC-Kultserie Sherlock, die uns mithilfe von clever platzierten Tweets in die Gedankenwelt des Ermittlers eintauchen lässt oder aber der Teenie-Schocker Unknown User, vollgestopft mit verheißungsvollen Live-Chats: Bildschirme und alles, was wir tagtäglich auf ihnen verfolgen, sind nicht mehr aus dem gesellschaftlichen Miteinander wegzudenken. Ganz im Gegenteil: Ihre Vor- und Nachteile diffundieren immer mehr auch in den Bereich Popkultur und ziehen Filme nach sich, die – mal mehr, mal weniger – kritisch  unser Konsumverhalten aufgreifen.

Unter dem Motto Screen Life, ins Leben gerufen vom russischen Filmemacher Timur Bekmambetowfinden wir inzwischen eine ganze Reihe von Streifen, deren Erzählung sich vermehrt auf Chatverläufe, Webcam-Aufnahmen oder Online-Profile stützt – So auch SEARCHING. Als ehemaliger Mitarbeiter von Google, unter anderem verantwortlich für den Firmenspot Google Glass: Seeds, kennt sich Regisseur und Drehbuchautor Aneesh Chaganty bestens mit den Möglichkeiten der neuen Medien aus und geht sogar noch einen Schritt weiter als seine Kollegen. Die Geschichte der Familie Kim erzählt er nämlich über eine Laufzeit von 104 Minuten ausschließlich über das Medium Bildschirm – So sieht konsequentes Filmemachen aus!

Vom digitalen Regen in die analoge Traufe

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Besonders beeindruckend tritt diese Technik in den ersten Minuten des Films in Erscheinung. Als rührende Montage erleben wir eine Art sozialen Zeitraffer, der uns die Lebensgeschichte der Familie Kim, von der Geburt der kleinen Margot bis hin zum tragischen Tod ihrer Mutter, präsentiert. Seit Baby Driver (2016) haben wir keine so gelungene Exposition mehr erlebt, denn nicht nur setzt sie technische Maßstäbe, sondern legt auf mitreißende Art und Weise den emotionalen Grundton des Films fest. Schnell geschnittene Collagen aus kurzen Textschnipseln kontrastieren verwackelte Amateuraufnahmen und bringen eine Dynamik ins Bild, die aus SEARCHING viel mehr macht als nur einen simplen Entführungsthriller.

Das funktioniert zumindest so lange hervorragend, bis Drehbuch und Regie im letzten Drittel ein wenig die Puste ausgehen. Als stünde Uncle Sam höchstpersönlich hinter dem Regiestuhl, den Zeigefinger erhoben, driftet der Film zum Ende hin leider in Klischees ab und verpasst es, dem ansonsten gelungenen Twist eine richtige Bühne zu geben. Nicht jeder Film, in dem es um das Reizthema Kindesentführung geht, braucht ein Happy End, geschweige denn eins mit erzwungenen Aus-dem-Nichts-Momenten. Das ansonsten überzeugende Drehbuch verliert in den letzten Momenten von SEARCHING etwas an emotionaler Wucht und so hinterlässt das Langfilm-Debüt von Chaganty einen bitteren Nachgeschmack – wenn auch nur einen leichten.

Stirnrunzeln und Augenkontakt

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Ohne Fehl und Tadel hingegen sind die Charaktere aus der Feder von Sev Ohanian. Der Film belässt es bei wenigen Figuren, die allerdings allesamt nachvollziehbar handeln und trotzdem nicht an Menschlichkeit und Verletzbarkeit missen lassen. Glaubhaft zeigt sich jedoch nicht nur das, was sie allein auf den zahlreichen Bildschirmen tun, sondern auch wie sie miteinander agieren, sowohl im Gespräch als auch in schriftlicher Form. Kaum ein Film zuvor hat es nach geschafft, Chatsprache so authentisch und durchdacht darzustellen wie SEARCHING es tut. Keine gestelzten Dialoge oder lebensferne Nachrichten – die Illusion, durch die vierte Wand dem Alltag einer echten Familie beizuwohnen, gelingt fast perfekt.

Das nicht zuletzt dank einer denkwürdigen Performance von John Cho als verzweifelte Vaterfigur. Er wagt den Spagat zwischen maßlos besorgt und in die Ecke gedrängt und bringt eine Figur auf die Leinwand, die zu jeder Zeit ambivalent und somit glaubwürdig bleibt. Statt die Kamera zu ignorieren, hält er ständigen Augenkontakt zu dem, was er für die Lösung des Rätsels erachtet und runzelt die Stirn so ikonisch, dass wir ohne Kompromisse mitfiebern. Ohne sein Comic Relief im Stil von Harold & Kumar kommt er dabei nicht gänzlich aus, sein Charakter findet aber die Balance aus Humor und Tragik. Er bringt die emotionalen Töne des Films zum Klingen und trägt SEARCHING fast im Alleingang.

Konsumkritik im Individualstil

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In der Authentizität des Films steckt auch der kritische Ansatz, den der Thriller fährt. In einer digitalen Welt, die sich sukzessive unseren analogen Verhaltensweisen annähert, fällt es leicht, die eigene Persönlichkeit aktiv zu verschleiern oder passiven Einflüssen auszusetzen, bis sich am Ende ein Mensch im OLED-Display spiegelt, den wir selbst kaum wiedererkennen. Auch die mediale Aufmerksamkeitsspanne gerät in den Fokus des Films und kommt dabei nicht allzu gut weg, denn die nationale Suche nach Margot wandelt sich vom ehrlichen Massenaufruf innerhalb weniger Minuten zu einem Spießrutenlauf für alle Beteiligten und endet schließlich in einer reumütigen Orgie des Zurückruderns – Kritik, die nicht neu ist, aber weiterhin ihre Daseinsberechtigung behält und somit funktioniert.

SEARCHING flimmert ab dem 20. September über die deutschen Kinoleinwände.

Mit SEARCHING bringt Annesh Chaganty seinen ersten Langfilm in die Kinos, der das Prädikat „Senkrechtstarter“ absolut verdient. Der innovative Thriller gehört zu den ersten Filmen, die Social Media Kanäle als Erzählform wirklich glaubhaft und konsequent auf die Leinwand bringen – vor allem deshalb, weil der Streifen es schafft, seine Geschichte um die spurlos verschwundene Margot Kim ausschließlich über neue Medien zu erzählen – Dazu gehören authentische Chatverläufte, Anrufe über Facetime oder aber persönliche Vlogs. Zum Ende hin geht dem Film jedoch leider die Puste aus und er verliert sich etwas in abgestandenen Klischees. Trotzdem schafft es der Regisseur, eine packende Geschichte zu erzählen, die mutig inszeniert, nur nicht ganz zu Ende gedacht wurde. Wer Unknown User oder Profile gelikt, geteilt und gefeiert hat, kommt auch bei SEARCHING auf seine Kosten.

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