Lohnt sich Kino: The Commuter

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Schaut man sich die letzten zehn Jahre der Filmgeschichte an und legt dabei besonderes Augenmerk auf die Actionfilm-Szene, lassen sich gewisse Trends nicht übersehen. 2011 sorgte der indonesische Indie-Hit The Raid in den Reihen etablierter Blockbuster für mächtig Furore. Ein Grund für den Erfolg: Kampfszenen, die Gareth Evan nicht nur direkt am Mann drehte, sondern den Zuschauer zusätzlich in unbequem enge Schauplätze verfrachteten. Damit leitete der Film ein Revival von Actionfilmen ein, die ohne pompöse Kulissen oder weitläufige Locations auskommen.

Mit The Commuter springt Regisseur Jaume Collet-Serra wortwörtlich auf diesen Zug kammerspielartiger Inszenierungen auf und bringt die lebende Legende Liam Neeson als nichtsahnenden Pendler auf die große Leinwand. Ähnliches hat der spanische Filmemacher auch mit seinem Flugzeug-Thriller Non-Stop schon versucht und einen Kassenschlager in beengter Umgebung abgeliefert. Wir haben bereits vor Kinostart unser Ticket gestempelt und für euch herausgefunden, ob sich die Reise lohnt.

Liam Neeson in Zugzwang

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Michael MacCauley (Liam Neeson) arbeitet als mittelständischer Versicherungsvertreter im großen New York und kann sich und seine Familie finanziell gerade so über Wasser halten. Mit seiner Frau Karen (Elizabeth McGovern) und seinem Sohn Danny lebt er im beschaulichen Westchester, außerhalb der Weltmetropole. Jeden Tag nimmt der pflichtbewusste Familienvater den Zug und pendelt zwischen Vorstadtoase und dem Big Apple hin und her. Als Stammgast ist er per du mit vielen der anderen Passagiere und ein gern gesehener Gesprächspartner für den Klischee-New-Yorker Tony (Andy Nyman) oder das schroffe Arbeitstier Walt (Jonathan Banks).

Als er jedoch eines Tages ins Büro kommt und von seiner fristlosen Kündigung erfährt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Auf dem Weg nach Hause macht ihm eine Fremde, die sich als Joanna (Vera Farmiga) vorstellt, ein ungewöhnliches Angebot. Mit ihnen im Zug befindet sich eine Person, die dort nicht hingehört. Für eine stattliche Belohnung von 100.000 US-Dollar soll Michael diese ausfindig machen, wobei ihm seine Vergangenheit als Polizist zu Gute kommt. Natürlich lässt er sich, von Geldsorgen geplagt, auf den Deal ein, erfährt allerdings erst von den schrecklichen Konsequenzen, als es schon viel zu spät ist. Eine Verschwörung ist im Gange und Michael stolpert mitten hinein.

Die Geschichte – Überkonstruiert und mit Verspätung

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Wer Liam Neeson bestellt, bekommt in der Regel saftige Action, gepaart mit einem nachdenklichen Protagonisten, der eine unliebsame Entscheidung nach der anderen treffen muss, um Familie, Freunde oder gar Fremde zu retten. The Commuter liefert den irischen Actionstar wie er im Buche steht. Auch wenn die bildsprachlich einwandfreie Intro-Sequenz einen deutlich feineren Ansatz als bei 96 Hours oder etwa Non-Stop vermuten lässt, entgleist die Geschichte rund um eine schicksalhafte Zugfahrt relativ schnell und rattert anschließend auf typischen Action-Schienen dahin.

Zu Beginn schafft es der Film auf beeindruckende Art und Weise, Liam Neeson als gewöhnlichen Büromenschen der Mittelschicht, ohne heldenhafte Züge oder gar Pathos, zu etablieren. Das Fundament für einen fesselnden Thriller mit Whodunit-Charakter ist also durchaus gelegt. Leider zwängt das schwache Drehbuch von Byron Willinger und Philip de Blasi den Protagonisten bereits nach kurzer Zeit in das ewig gleiche Korsett des nachdenklichen Actionhelden.

Im Sekundentakt wird aus dem verständnisvollen Versicherungsvertreter ein kalkulierender, Faust-gewandter Übermensch – Die völlig überkonstruierte Vergangenheit bei der Polizist lässt grüßen. Für die Action mag diese Verwandlung gerade recht kommen, die Thriller-Aspekte des Films leiden allerdings sehr unter diesen künstlich erzeugten Zufällen, welche die Handlung unermüdlich voranpeitschen. The Commuter hätte in dieser Hinsicht gern etwas bodenständiger inszeniert werden dürfen, auf Elemente aus mittelmäßigen Katastrophenfilmen verzichten müssen und 20 Minuten kürzer ausfallen können. Anders als der lächerlich kurze Pendlerzug nach New York kommt der Film zum Ende hin nämlich nicht um einige Längen herum.

Das richtige Ziel – der falsche Weg

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Unermüdlich präsentiert sich auch Liam Neeson selbst. Er macht das Beste aus einem fragwürdigen Drehbuch und beweist wieder einmal, warum er zu den größten Stars am Actionhimmel gehört. Auch wenn wir befürchten, dass er und Ed Harris mit steigendem Alter zu ein und derselben Person verschmelzen, ist es immer wieder eine Freude, dem Iren dabei zuzuschauen wie er das ganze Gefühlsspektrum einer leidenden Figur durchexerziert. Nicht zuletzt deshalb konnte er unter der Regie von Martin Scorsese eine der begehrten Rollen in Silence ergattern.

Hinzu kommt, dass der 65-Jährige auch in Kampfsequenzen immer noch eine gute Figur macht. Man merkt dem Streifen deutlich an, dass die Macher sich eine gelungene Choreographie überlegt haben und sich Neeson den Großteil der Stunts selbst antrainiert hat. Das Ergebnis sind knallhart inszenierte und schnell geschnittene Kämpfe, die in Mark und Bein gehen. Gerade, weil sich Jaume Collet-Serra mit deren Frequenz etwas zurückgenommen hat, kommen die wenigen Konfrontationen so richtig zur Geltung und werden mithilfe der Kamera, die permanent im Geschehen umherwirbelt, wuchtig in Szene gesetzt.

Über weite Strecken des Films kann The Commuter auch mit seiner dichten Atmosphäre überzeugen. Wie zuletzt im koreanischen Zombie-Schocker Train to Busan greift bereits nach wenigen Momenten im voll besetzten Zug ein klaustrophobisches Gefühl um sich, das im Verlauf der 105 Minuten immer wieder aufwallt und abflacht. Wir sind hautnah mit am Start , wenn in Liam Neeson Stück für Stück die Paranoia anfängt Wirkung zu zeigen. Gelegentlich ertappten wir uns sogar dabei wie wir panisch auf die Geschehnisse im Hintergrund achteten, um noch vor dem Protagonisten zu wissen wie die seichten Thriller-Elemente sich entwickeln. Über die aus der Luft gegriffene Story können aber auch schicke Lichtstimmungen und die engen Abteile nicht hinwegtäuschen.

Fazit

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The Commuter versucht mehr zu sein als ein Action-Film im beengten Kammerspiel-Setting, schafft es aber nicht, eine Geschichte zu erzählen, die bis zum Ende das richtige Gleis findet. Dabei liefert Jaume Collet-Serra durchaus die richtigen Ansätze. Atmosphärische Sequenzen im Inneren eines vollbesetzten Zuges werden unterfüttert mit schmerzhafter Action, bei der die Kamera gnadenlos draufhält. Über die völlig überkonstruierte Geschichte und eine Hauptfigur, in die Liam Neeson immer mehr hineingezwängt wird, kann dies aber nicht hinwegtäuschen. So bleibt nicht viel mehr übrig als: Liam Neeson spielt Liam Neeson in einem Film, der mehr Non-Stop im Pendlerzug sein will als mit eigenen Ideen zu überzeugen.

The Commuter läuft ab dem 11.01.2018 in den deutschen Kinos

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