Lohnt sich Kino: Zweite Chance – Filmkritik

Lohnt sich Kino: Zweite Chance – FilmkritikEs gibt eine Grenze, die wir nicht überschreiten dürfen. Eine Moral, die uns davon abhalten sollte, unrechte Dinge zu tun. Trotzdem gibt es den Moment, an dem Regeln nicht mehr zu gelten scheinen. Er schleicht sich an wie ein dunkler Schatten in der Nacht und niemand hätte je gedacht, dass er kommen würde. Wenn eine Situation so unbeschreiblich ist, dass die Konturen verwischen und wir nicht mehr wissen, was richtig und was falsch ist, dann stehen wir in völliger Schwerelosigkeit an der Schwelle zweier Welten, die eigentlich vereint gehören. Du fragst dich: Kann ich damit leben? Oder kann ich es nicht? Einen Kompromiss gibt es nicht mehr und der Mittelweg ist verschüttet. Die dänische Regisseurin Susanne Bier bietet uns mit „Zweite Chance“ ein Sozialdrama, das kein Blockbuster-Kino ist, dafür aber ehrlich, roh, direkt, hart, fragend und aufdringlich. Es wird nie ein Auge zugedrückt. Wir müssen hinsehen und mitfühlen, den Atem anhalten und schockiert sein. Die Geschichte mag fiktiv sein, aber am Ende zeigt sie nur, was täglich hinter verschlossenen Türen passiert. Eingebettet in eine fragliche Rahmenhandlung, die uns an die Grenzen unserer Moral führt. Zweite Chance ist eine tiefgründige und dunkle Geschichte, die vielschichtig, aufwühlend und absolut spannend erzählt ist.

Schreie in der Nacht

Nikolaj Coster-Waldau, besser bekannt als Jamie Lennister aus ‚Game of Thrones‘, spielt einen Polizisten und Familienvater. Mit seiner Frau Anna (Maria Bonnevie) hat er, Andreas, verspätet noch ein Kind bekommen. Der Kleine ist wie die meisten Babys nachts nicht unbedingt ein Traum von Schläfer und bringt beide Elternteile manchmal an ihre Belastungsgrenze. Wir können spüren, dass irgendetwas nicht ganz stimmt. Fassen können wir es allerdings nicht. Erst am Ende verstehen wir schockiert, was hinter dieser getrübten Idylle steht.

Auf der Arbeit ist Andreas mit seinem Kollegen Simon (Ulrich Thomsen) gerade in einen Fall verwickelt, der die beiden in einen Junkie-Haushalt führt. Bei ihrem Einsatz findet Andreas ein Baby im Schrank. Ebenfalls einen kleinen Jungen, der in seinem eignen Dreck liegt und von oben bis unten mit seinen Fäkalien beschmiert ist. Abgesehen diesen jämmerlichen Zustandes ist er körperlich allerdings gesund und muss deshalb später wieder in die Obhut der offensichtlich komplett ungeeigneten Eltern abgegeben werden. Wir wollen das Kind nicht in dieser Familie sehen, rein rechtlich können die Polizisten aber nichts daran ändern.Lohnt sich Kino: Zweite Chance - Filmkritik

Das Leben, eine  universale Herausforderung

Mit dem Tod eines der Kinder kommt es dann zur Tragödie und der absolute Super Gau an moralisch fragwürdigen Handlungen beginnt. Wir sind hin und her gerissen beim Anblick des Kampfes, den die Charaktere mit dem Leben führen. Es ist ein Kampf, bei dem es keine Gewinner gibt, weil alle gleichsam überfordert sind. An seine Grenzen zu gelangen, ist universal von der Situation unabhängig. Es ist egal, wieviel Geld du hast, wenn du nicht mit deinem Leben umgehen kannst. Du musst nicht erst ein Junkie werden, um überfordert zu sein. Genauso wenig, wie du ein großes Haus mit Massen an Spielzeug brauchst, um als Mutter zu funktionieren. Das alles werden wir verstehen. Zweite Chance öffnet uns die Augen für die Realität mit einem ganz einfachen Mittel.

Ungeschminkte Wahrheiten laufen in vollem Ausmaß vor uns ab. Wir bewegen uns durch Türen, die wir nur ungerne öffnen. Und wir spähen durch Fenster und beobachten Szenen, die sonst nur hinter verschlossenen Vorhängen stattfinden. In Zweite Chance wird eine ganz einfache Frage gestellt: Was ist richtig und was ist falsch?

Die Besetzung und der Soundtrack, Regie und schwedische sowie dänische Produzenten machen das Ganze zu einem vollkommenen Werk. Dass Skandinavische Dramen und Krimis es drauf haben, ist hiermit noch einmal klar bewiesen und zeigt, dass Filme nicht unbedingt aus Hollywood kommen müssen, um gut und unterhaltsam zu sein.

Es lohnt sich auf jeden Fall für Zweite Chance ein paar Euro auszugeben und sich in einen gemütlichen Kinosessel zu werfen. Meine persönliche Empfehlung für weniger hartgesottene Leser ist jedoch, den Film gemütlich in euren eigenen vier Wänden zu schauen. So harte Geschichten zieht sich manch einer lieber im privaten Rahmen zu Gemüte.

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