Orbis im Test – Die Göttersimulation

Orbis-Götterplättchen

Orbis: Die analoge Göttersimulation im Test

Einmal Gott spielen? Das wäre doch mal wieder was. Es ist lange her seit Peter Molyneux uns mit der Göttersimulation Populous das Gefühl unendlicher Macht verschafft hat. Überhaupt scheint das Thema nicht allzu häufig von den Entwicklern angepackt zu werden. Mit Orbis, das bereits im letzten Herbst veröffentlicht wurde, steht nun eine Alternative aus der Brettspiel-Szene bereit. Das Spiel nimmt sich dem Thema „Göttersimulation“ an, fischt dabei allerdings nicht im Bereich der Expertenspiele. Orbis ist mit seinen eher einfachen Regeln sogar ziemlich zugänglich. So leicht war es lange nicht, ein Gott zu sein.

Eure Aufgabe als Schöpfer besteht darin, blühende Landschaften für eure Bevölkerung zu erschaffen. Kein Problem für einen echten Gott. Mit einem Fingerschnipp kreiert ihr Wälder und Meere, errichtet Dörfer und Bauernhöfe und verschafft euch durch den Bau von Vulkanen und Kultstätten den nötigen Respekt. Eigentlich müsst ihr euch nur an der reichlichen Auswahl bedienen und das Land frei nach eurem Willen formen. Wären da nicht ein paar göttliche Emporkömmlinge, die einen ganz ähnlichen Plan verfolgen.

Göttlicher Bauplan

Die göttlichen Gegenspieler bedienen sich in Orbis aus einer Auswahl an offen ausliegenden Landschaftsplättchen. In der Tischmitte befinden sich immer neun verschiedene Plättchen. In jeder Runde wählt ihr eines dieser Plättchen und legt es in eure schon bestehende Welt an. Jeder Gott bastelt an seiner eigenen Welt und wird im Verlauf des Spiels genau vierzehn Landschaftsteile in seiner eigenen Welt verbauen.

Sobald ein Landschaftsplättchen von einem Gott gewählt und in seine Welt angelegt wird, kommt ein neues Plättchen in die offene Auslage. Im Spielverlauf werden die Landschaftsplättchen immer mächtiger, aber auch teurer. Teurer? Ja, selbst die Götter lassen ihre Welten zumeist nicht aus Luft und Liebe entstehen. Während bei Spielbeginn einige Plättchen tatsächlich noch kostenfrei sind, müsst ihr später ein paar eurer Anhänger opfern. Nicht nett, aber so läuft das Spiel der Götter nun einmal.

Wachsende Landschaften

Die neu kreierte Welt wird indes pyramidenartig aufgebaut. Zuunterst liegt die Basis mit fünf Landschaftsteilen. Auf dieser Basis baut ihr eine Linie mit vier Plättchen, dann drei und zuletzt zwei Plättchen auf. In der Summe sind das die bereits erwähnten vierzehn Landschaftsteile, aus der sich eure Welt zusammensetzt. Die Erschaffung einer Welt ist nicht sonderlich kompliziert. Ihr müsst nur wenige Regeln beim Auslegen der Landschaften beachten.

In der unteren Reihe dürft ihr die Plättchen noch ganz nach euren Vorstellungen platzieren. Legt ihr ein Landschaftsplättchen in eine der oberen Reihen, müsst ihr zuvor zwei Plättchen unterhalb des neuen Teils ausgelegt haben. Es bedarf also zunächst einer stabilen Basis, bevor ihr eure Pyramide in die Höhe treibt. Weiterhin muss mindestens eins der bereits ausliegenden Plättchen, die sich unterhalb des neuen Teils befinden, die gleiche Farbe aufweisen wie das neu platzierte Plättchen. Das war es aber auch schon mit den Restriktionen. Sofern ihr die Kosten für die neu erworbene Landschaft entrichten könnt, dürft ihr eure Welt nun wie gewünscht erweitern.

 

Der Ruf der Wildnis

Manchmal könnt oder wollt ihr den Preis für eine Landschaft aber vielleicht nicht entrichten. In diesem Fall könnt ihr euch das gewünschte Plättchen aber trotzdem einverleiben. Ihr müsst es dazu allerdings auf die andere Seite drehen und es so in eine Wildnis verwandeln. Wildnis-Plättchen haben Vor- und Nachteile. Jede Wildnis bringt euch am Spielende leider den Abzug von einem Siegpunkt ein. Dafür sind wilde Ländereien aber auch sehr flexibel. Sie gelten als Joker, wenn es darum geht, weitere Plättchen oberhalb der Wildnis zu platzieren. Eine taktisch gut platzierte Wildnis kann also durchaus sehr hilfreich sein.

Vielleicht gelingt es erst euch mit Hilfe der Wildnis, ein besonders gut zu eurer Taktik passendes Plättchen in eure Welt zu legen. Gerade im späteren Spielverlauf bekommt ihr Zugriff auf besonders wertvolle Landschaften. Leider müsst ihr diese aber auch oft teuer mit vielen Bewohnern eurer Welt bezahlen. Doch wie gelangt ihr überhaupt an zusätzliche Bewohner?

Orbis im Baby-Boom

Zu Spielbeginn werdet ihr nicht mit einem Startkapital an Bewohnern ausgerüstet. Jedes Bewohnerklötzchen müsst ihr euch erarbeiten. Wenn ein Gott sich für ein Landschaftsplättchen entscheidet und es aus der offenen Auslage entfernt, werden neue Bewohner ins Spiel gebracht. Auf alle Plättchen in der Auslage, die sich benachbart zum entfernten Landschaftsplättchen befinden, wird ein neuer Bewohner gelegt. Bewohner gibt es in fünf verschiedenen Farben. Die neu verteilten Bewohner haben die gleiche Farbe wie das gewählte Plättchen.

Im späteren Spielverlauf landen so auf den Plättchen in der Auslage immer mehr Bewohner. Wählt ihr eine Landschaft, auf dem sich bereits Bewohner befinden, so dürft ihr diese in den eigenen Vorrat nehmen. So könnt ihr erhaltene Bewohner später wieder reinvestieren, um besonders hochwertige Landschaften zu erwerben. Auf diese Weise sammeln Landschaften, die lange in der Auslage verweilen, besonders viele Bewohnerklötzchen. Ein zunächst scheinbar unattraktives Plättchen kann so im Spielverlauf noch ziemlich wertvoll werden.

Strategischer Weltenbau

Wenn ihr gegen eure Götterkollegen bestehen wollt, müsst ihr euch beim Aufbau eurer Landschaftspyramide eine gute Strategie zurechtlegen. Viele Landschaften bringen euch einen Effekt, der entweder sofort oder am Ende des Spiels aktiviert wird. Werden bestimmte Bedingungen innerhalb eurer Pyramide erfüllt, hagelt es zusätzliche Siegpunkte. Einige Landschaften bringen euch etwa Siegpunkte ein, wenn ihr zuvor eine bestimmte Anzahl von Bewohnern einsetzt. Andere Gebiete sorgen für einen Siegpunkte-Boost, wenn Landschaften einer bestimmten Farbe unter ihr platziert wurden.

Auf einigen Plättchen befinden sich auch Kultstätten. Habt ihr am Spielende die meisten Kultstätten gesammelt, dürft ihr euch über eine besonders große Tempelanlage als Belohnung freuen. Diese bringt euch auch entsprechend viele Siegpunkte ein. Für die Spieler mit weniger Kultstätten werden am Ende des Spiels kleinere Tempel errichtet, die folglich auch mit weniger Siegpunkten belohnt werden.

Zehnfaltiges Pantheon

Weiterhin findet ihr in der Auslage auch Landschaften, die euch als Soforteffekt zusätzliche Bewohner einbringen. Die Vulkane hingegen fordern Bewohner als Tribut. Wählt ihr eine solche Vulkanlandschaft, müsst ihr zunächst eine bestimmte Zahl an Bewohnern vernichten, die in der offenen Auslage liegen. Durch die Eruption könnt ihr natürlich auch blendend eure Mitspieler ärgern, die vielleicht schon auf ein besonders bewohnerreiches Landschaftsplättchen spekuliert hatten.

Eine weitere taktische Komponente bringen die Gottheiten selbst ins Spiel. Bei Spielbeginn werden zunächst fünf verschiedene Gottheiten aus dem Orbis-Pantheon ausgelegt. Einmal im gesamten Spielverlauf müsst ihr auf das Aufnehmen eines neuen Landschaftsplättchens verzichten und euch stattdessen für eine der verfügbaren Gottheiten entscheiden. Der gewählte Gott bleibt euch bis zum Spielende erhalten und hat Einfluss auf eure weitere Strategie. Insgesamt liegen dem Spiel zehn Gottheiten bei, von denen aber immer nur fünf benötigt werden.

Mehr Siegpunkte dank göttlicher Fähigkeiten

Die meisten Götter bringen euch Siegpunkte ein, abhängig von bestimmten Umständen im Spiel. Die Göttin der Natur etwa beschert euch drei Siegpunkte, wenn ihr der Spieler mit den meisten Wäldern seid. Die Göttin der Liebe ist hingegen nur einen Siegpunkte wert, dafür segnet sie euch aber sofort mit fünf Bewohnern einer beliebigen Farbe. Je nachdem wie sich eure Landschaftspyramide gestaltet, ist es ratsam den einen oder den anderen Gott als seinen Avatar zu wählen.

Nach genau 15 Zügen ist die Partie dann beendet. Es findet noch die abschließende Wertung statt, bei der ihr eure gesammelten Siegpunkte auf den Plättchen addiert und etwaige Boni hinzufügt. Für eine Partie braucht ihr etwa eine dreiviertel Stunde. Orbis ist für zwei bis vier Spieler ab zehn Jahren ausgelegt. Das Spiel findet ihr bereits im Handel. Kostenpunkt: ca. 30€.

sehr zugänglich
erlaubt dennoch spannende taktische Überlegungen
schicke Grafik
spannendes Management der Bewohner-Ressource
ordentlicher Grad an Interaktion
keine komplexe Göttersimulation à la Populous

Sebastian Hamers

Es ist wirklich lange her, dass mir eine Göttersimulation in die Finger gekommen ist. Schade, denn das Thema gibt doch eigentlich eine Menge her. Orbis kann die klaffende Lücke, die seit dem Release von Populous nur unzureichend geschlossen wurde, auch nur zum Teilen füllen. Orbis hat nicht den Anspruch eine ausgewachsene Göttersimulation mit all ihren Facetten zu sein. Dennoch wurde das Götterthema gut umgesetzt, wenn auch auf eine familienfreundliche Art. Die Regeln sind nicht sonderlich komplex. Dennoch erlaubt das Spieldesign einige spannende taktische Winkelzüge. Dadurch werden auch erfahrene Spieler angesprochen. Der Aufbau der Welt will schon gut geplant sein, wenn ihr gegen eure Mitspieler bestehen wollt. Besonders spannend ist dabei, dass sich viele Plättchen aufeinander beziehen. So zieht das Einsetzen jeder Landschaft immer eine kleine Welle nach sich, die sich auf das weitere Spielgeschehen auswirkt. Interessant wurde zudem der Gewinn der Bewohner als Ressource gestaltet. Dem Management der Bewohner kommt eine spielentscheidende Bedeutung zu. Ordentlich fällt auch die Interaktion mit den anderen Spielern aus. Zwar erschafft jeder Spieler eine eigene Welt für sich, doch in der offenen Auslage pfuschen alle Götter gleichermaßen herum. So bedingen sich die Aktionen der Spieler auch untereinander. Zu guter Letzt muss auch die optische Gestaltung des Spiels gelobt werden, die cartoonartige Grafik des Spiels weiß zu gefallen. Orbis ist ein schnell zu erlernendes Spiel mit einem spannenden Thema, das erfahrene Spieler und Brettspiel-Neulinge gleichermaßen anspricht.
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