Rage 2 im Test: Brachialer Shooter, ernüchternde Welt

Wenn Mad Max und Doom ein Kind hätten, wäre es Rage 2

Im neuen Ego-Shooter von Bethesda, id Software und den Avalanche Studios ballern wir uns durch ein verrücktes, knallbuntes Ödland und prügeln in bester Superheldenmanier post-apokalyptische Punks Richtung Horizont. Wie uns der Shooter gefallen hat und ob die Story mit dem Geballer mithalten kann, erfahrt ihr in unserer Review.

Post-Apokalypse nach Schema F

Öde Lande wie man sie kennt

Die Story von Rage 2 ist innovativ, voller Twists und mit unfassbar ausgefeilten und einzigartigen Charakteren gespickt. Kleiner Scherz. Wir befinden uns wieder mal in einem Ödland der Post-Apokalypse. Die Welt ist nach einer kolossalen, alles verändernden Katastrophe, in diesem Fall ein Meteorit, komplett im Arsch und dem Anarchismus verfallen.

Jetzt randalieren blutgierige Banden und Mutanten durchs Land und die letzten, halbwegs klar denkenden Menschen haben sich in verschiedenen Gruppierungen vereint, um zu überleben. Zu guter Letzt gibt es da auch noch das bösartige Möchtegern-Regime namens Obrigkeit. Die wurden in der Vergangenheit schon besiegt und in den Untergrund getrieben. Jetzt kommen sie, angeführt vom Cyborg-General Cross, zurück an die Oberfläche gekrochen, um sie einer Säuberung zu unterziehen – mit der neusten Technik und einer Mutanten-Armee im Schlepptau. So weit, so Klischee.

Hier kommt ihr ins Spiel, denn eure Siedlung wird von der Obrigkeit angegriffen. Im Eifer des Gefechts bekommt ihr, nach der Wahl eures Geschlechts, auch schon eine Second-Hand Ranger-Panzerung. Somit beginnt euer Kampf gegen Cross und seine Handlanger. Um damit Erfolg zu haben, braucht ihr allerdings die Hilfe von drei weiteren Ödländern, die alle Experten auf ihrem Gebiet sind und jeweils ihren Teil zur Mission beitragen. Nachdem ihr den alten Soldaten, den noch älteren, verrückten Wissenschaftler und die ehemalige Revolutionskämpferin gefunden habt, müsst ihr erstmal einige Missionen für sie erledigen, um zum Schluss gemeinsam die Obrigkeit zu stürzen.

Als Superheld durchs Ödland

Das Gunplay ist wirklich gelungen

Wer ein erfolgreicher Superheld werden möchte, braucht bekanntlich drei Dinge: wuchtige Superkräfte, ordentlich Feuerkraft und coole Sprüche. Da ihr letztere schon zu Genüge parat habt, gilt es, neue Schießeisen und Kräfte für eure Ranger-Panzerung zu sammeln und zu verbessern. Diese findet ihr in sogenannten Archen, die im gesamten Ödland verteilt sind. Hier könnt ihr neue Fähigkeiten wie Doppelsprung und Dash oder praktische Waffen finden. Denn je mehr Möglichkeiten ihr habt, Gegner über den Jordan zu schicken, desto mehr Spaß macht das Ganze.

Die Action ist das absolute Highlight von Rage 2. Man merkt, dass idSoftware am Werk war, denn es spielt sich genau so schnell und wuchtig wie Doom. So fühlt sich wirklich jede Waffe super an, vom Schussverhalten bis zum Sound. Dazu kommt auch noch, dass viele Schusswaffen unterschiedliche Feuermodi haben. Wenn ihr zum Beispiel die Standard Pistole aus der Hüfte abfeuert, schießt sie in Salven und bei Kimme und Korn wird sie halbautomatisch. Allerdings haben die Kämpfe deutlich mehr Tiefgang als Doom, da ihr durch eure Nanotrit-Superkräfte wesentlich kreativer Mutanten zerlegen könnt.

Außerdem dürft ihr auch so gut wie alles verbessern. Ob Fähigkeiten, Waffen oder Gadgets – wie beispielsweise den Wingstick:  alles lässt sich anpassen und aufwerten – und das sowohl optisch als auch in Sachen Gameplay. Dazu benötigt ihr spezielle Punkte, die ihr überall in der Welt findet, als Belohnung für bestimmte Missionen erhaltet oder bei Händlern kauft.

Wie Mad Max über die Straßen

Mad Max lässt grüßen

Um von einer Ödland-Ruine zur nächsten zu kommen, habt ihr eine große Auswahl an Fahrzeugen im Mad Max-Stil in der Garage stehen. Am Anfang steht euch das Standard-Ranger Fahrzeug zur Verfügung, das ihr auch mit Lenkraketen und anderen Upgrades ausstatten könnt. Doch in der ganzen Welt verteilt findet ihr verschiedene Fahrzeug-Typen. Von Buggy bis Bagger ist alles dabei. Habt ihr eine Karre gefunden, die euch zusagt, fahrt ihr sie einfach bis zur nächsten Handelsstadt und schaltet das Fahrzeug so dauerhaft frei. Für einen geringen Betrag könnt ihr dann jederzeit ein Vehikel aus eurer Sammlung herbeirufen, um damit Konvois zu überfallen oder Rennen zu fahren.

Schön aus der Distanz

Ähnlich wie die schmutzbedeckten Ödland-Vehikel kann leider auch die Optik  nicht immer glänzen. Die meisten Zwischensequenzen sind zwar recht gelungen, aber viele Animationen sind schlichtweg veraltet. Aus der Distanz sieht die Umgebung immer schön und detailreich aus, was vor allem im Ödland zur Atmosphäre beiträgt. Doch sobald man sich nähert, sieht man leider, dass es den einzelnen Objekten an Details und knackigen Texturen mangelt. Das ist bei einem Action-Shooter wie Rage 2 aber auch noch halbwegs vertretbar, da ihr sowieso meistens mit Ballern beschäftigt seid und nicht den Müll zu euren Füßen unter die Lupe nehmt. Außerdem sieht eben jenes Geballer dafür umso besser aus. Von explodierenden Autos bis hin zu zerfetzten Mutanten; die Action kann sich sehen lassen, denn an gelungenen Partikeleffekten hat idSoftware wirklich nicht gespart.

Viel Action, wenig Inhalt

Ein Action-Feuerwerk

Obwohl die Action mit ihren vielen Variationsmöglichkeiten die größte Stärke von Rage 2 ist, kommt man leider erst gegen Ende der Story in den Genuss der größeren Wummen und Fähigkeiten. Das ist zwar einerseits motivierend, da man sich die Waffen erarbeiten muss, andererseits aber auch etwas schade, da man sich erst am Ende richtig austoben kann. Außerdem ist das vor allem deswegen problematisch, weil dank flacher Story und leerer Welt die Action nur noch mehr in den Vordergrund rückt.

Interessante Orte wie diese Abfahrt findet man leider zu selten

Damit sind wir beim größten Problem von Rage 2: Die leere und leblose Spielwelt. Es gibt zwar in jedem Gebiet verschiedene Außenposten, die ihr einnehmen oder Tankstellen, die ihr hochjagen könnt, aber das wird auf Dauer einfach eintönig. Dazu kommt noch die immer belangloser werdende Story, die euch auch aufgrund simpler „Geh dahin und bring mir das Item“-Quests immer mehr in den Hintergrund rückt. Es gibt zwar auch durchaus interessante Charaktere, aber der Großteil der Welt wirkt leblos, vor allem die Siedlungen, in denen ihr nur vereinzelt auf Bewohner trefft, die zwar allesamt witzig-kreative Namen spendiert bekommen haben, aber Persönlichkeit schmerzlich vermissen lassen.

Erstklassiges Gunplay
Große Auwahl an unterschiedlichsten Fahrzeugen
Viele Kombinationsmöglichkeiten von Waffen und Fähigkeiten
Schönstes Ödland seit Langem
Selbstironischer Humor
Flache und belanglose Story
Monotones Missionsdesign
Leere und unbelebte Welt
Austauschbare Charaktere

Lukas

Rage 2 hat seine Höhen und Tiefen. Es gibt durchaus witzig geschriebene Datenpads und Steckbriefe, aber da Story und Charaktere leider sehr flach und austauschbar sind, rücken die Bewohner des ansonsten schönen Ödlandes immer mehr in den Hintergrund, auch wenn sich die Welt grundsätzlich herrlich albern gibt. Das Gameplay übernimmt daher eine viel größere Rolle. Zum Glück macht das wuchtige und schnelle Gunplay mit seinen vielen Kombinationsmöglichkeiten verdammt viel Spaß und kann auch längerfristig unterhalten. Für ein reines Singleplayer-Game ist das aber leider meist zu wenig, da die Welt interessanter sein müsste, um euch bei der Stange zu halten. Ich persönlich hätte mir zum Beispiel eine Multiplayer-Komponente gewünscht, um das volle Potenzial vom gelungenen Gunplay auszuschöpfen. Dementsprechend ist Rage 2 einer der besten Ego-Shooter seit langem aber leider nur ein durchschnittliches Open-World-Game.
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