Test: 11-11: Memories Retold

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11-11: Memories Retold – Das Anti-Kriegsdrama im Test

Zum Gedenken des 100-jährigen Jubiläums des Waffenstillstandes am 11.11.1918 beschert uns das renommierte Animationsstudio Aardman Animations in Kooperation mit Bandai Namco ein Anti-Kriegsdrama der ganz besonderen Art. 11-11: Memories Retold ist zuallererst einmal eine mutige Produktion. Das Studio, welches sich für die geliebten Wallace & Gromit Stopmotion-Filme verantwortlich zeichnet, konfrontiert uns mit einer Videospiel-untypischen Parabel des Ersten Weltkriegs.

Ein spielbares Gemälde

Vorrangig an ein jüngeres Publikum gerichtet, lässt euch 11-11 das Grauen des Krieges hautnah miterleben und vermittelt so ein historisch stimmiges Bild des Krieges. Dabei kommt das Videospiel-Erstwerk des Studios zu keinem Zeitpunkt spröde oder trocken daher.

Vielmehr entführt euch das Spiel in eine wirbelnde Traumwelt aus Emotion und Impression, deren außergewöhnliche Präsentation die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit ein ums andere Mal verschwimmen lässt. Aardman Animation hat einen einschlägig, impressionistischen Ton gewählt, der an bekannte Künstler des living painting Effekts wie JWM Turner erinnert.

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Die Bilder der in retrospektive erzählten Geschichte wabern und zerfließen. Feuerbälle aus kräftigen gelb-rot Tönen brennen lichterloh, nur um im nächsten Moment mit dem fließenden, wohligen Blau des Himmels zu verschmelzen, und gemeinsam in die mäandernden Flüsse Frankreichs einzutauchen.

Zu jeder Zeit trifft die Bildsprache und Komposition den kontemplativen Ton der Erzählung und wirkt in der Tat wie eine zum Leben erweckte Erinnerung.

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So idyllisch sieht Sommer nur nach dem Angriff aus.

Ein Krieg ohne Soldaten

Ihr folgt der Geschichte von zwei Männern, die auf zwei unterschiedlichen Seiten des Krieges stehen: Der deutsche Fabrikarbeiter Kurt Waldner und der kanadische Fotograf Harry Lampert. Keiner von beiden befindet sich an der Front, als die Geschichte im November 1916 ihren Lauf nimmt.

Kurt, der von dem Emmy-nominierten Sebastian Koch gespielt und vertont wird, arbeitet zu Beginn des Abenteuers in einer deutschen Zeppelinfabrik. Gequält von dem spurlosen Verschwinden der Einheit seines Sohnes Max, beschließt er, sich freiwillig für den Frontdienst zu melden.

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Auf der anderen Seite des Ozeans arbeitet der Junge Harry (Elijah Wood) unterdessen als Gehilfe bei dem Fotografen Taylor –  in dessen Tochter Julia er hoffnungslos verliebt ist. Als eines Tages ein guter Freund und alter Bekannter des Inhabers, der Major M. Beckett, im Laden erscheint, unterbreitet er Harry einen tollkühnen Vorschlag. Um den Ruf der Truppen zu stärken und weitere Rekruten anzuwerben, soll Harry als Kriegsfotograf mit an die Front kommen.

Walkingsimulator oder Nervenkitzel an der Front?

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Harry muss mit aufs Schlachtfeld.

In zirka fünf Stunden Spielzeit, etwaige Collectibles rausgerechnet, erlebt ihr wie beide Protagonisten auf ihre Weise der kalten Realität des Krieges begegnen.

Die Geschichte entfaltet sich Monat für Monat und lässt euch immer wieder die Geschehnisse aus beiden Perspektiven erleben. Da keiner von beiden Soldat ist, spart das Spiel auch an der direkten Inszenierung von Gewalt.

So macht Harry vorrangig Fotos und Kurt repariert Radioempfänger, liefert in der Hitze des Gefechts Munition an seine Kameraden, oder belauscht den Feind aus einem unterirdischen Tunnel.

In einem Scharmützel um Vimy treffen die beiden schließlich aufeinander und sind gezwungen zusammenzuarbeiten. Zuviel wollen wir an dieser Stelle noch nicht verraten, allerdings kommt es auch gelegentlich zu spielerischen Einlagen, in denen ihr zwischen den Protagonisten wechseln müsst, um Rätsel zu lösen.

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Tief durchatmen. Hier müsst ihr zwischen Harry und Kurt wechseln, um dem Giftgas zu entkommen.

Dabei krankt 11-11: Memories Retold, ähnlich wie die Telltale Spiele oder Life Is Strange, an der Platzierung der Spielmechaniken. Die spielerischen Einlagen fühlen sich teilweise wie ein notwendiges Übel an, um die Geschichte voranzutreiben.

Die meiste Zeit verbringt ihr damit herumzulaufen und herauszufinden, was als nächstes zu tun ist.

Zwar habt ihr eine Art Questlog, jedoch keine Karte und nur spärliche Auskünfte über Interaktionsmöglichkeiten mit eurer Umwelt.

Die Stärke des Spiels liegt ­– wer hätte es gedacht – bei der Geschichte, allerdings trifft das auch auf die Spielmechaniken zu.

Immer wenn ihr inmitten eines Gefechts Fotos schießen sollt, unterstützt eure Kameralinse das alptraumhaft-bizarre Treiben um euch herum.

Müsst ihr allerdings auf einem Boot Fotos von einer Möwe machen, dann kommentiert das Spiel in der Antwort von Julia schon selbst-ironisch: Ob ihr euer Talent nicht besser anwenden könnt.

Briefe für Julia

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Ihr entscheidet, was für einen Eindruck von der Front ihr vermittelt.

Wie in verwandten Titeln habt ihr die Kontrolle über den Gesprächsverlauf und könnt darüber hinaus noch entscheiden, was für einen Eindruck ihr euren Verwandten daheim vermittelt. Als Kurt schreibt ihr regelmäßig Briefe an Frau und Tochter, während ihr als Harry entscheidet, ob ihr Bilder vom glorreichen Major Beckett oder doch lieber die graue Realität nach Hause sendet.

Eure Entscheidungen haben einen deutlichen Einfluss auf den Ton der Geschichte, unterstehen allerdings zu jedem Zeitpunkt streng der linearen Narrative – und das ist gut so.

11-11: Memories Retold gelingt es, eine pointierte und respektvolle Impression des ersten Weltkrieges zu zeichnen, die bisweilen zwischen Märchen und Alptraum schwankt.

Zwischen Epos und Kammerstück

Unterstützt wird die Inszenierung von einem Orchester, das überraschend epochale Klänge liefert. Der zeitgemäße Fokus auf Fanfaren, Pauken und Trompeten überzeugt von der ersten Minute an und könnte so auch in jedem Hollywoodstreifen beheimatet sein.

So bezaubernd und konsequent die Inszenierung jedoch umgesetzt ist, so mangelt es der Narrative hier und da an demselben Mut.

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Größer ist besser! Der Grafikstil überzeugt vor allem bei Großaufnahmen.

Angefangen bei der Wucht der musikalischen Untermalung und atemberaubenden Vertonung, über den exotischen Grafikstil schlägt das Spiel einen klaren und mutigen Ton an.

Allerdings kommt die Narrative etwas schleppend in Gang und das mittlere Drittel der Erzählung fühlt sich arg gezogen an. Hier lässt 11-11 gerade im Aufbau des finalen Aktes Potential liegen, das dem Titel emotionale Tragweite und Konsequenz nimmt. Das episodische Herumirren durch die Lage ohne Karte, nimmt besonders hier zusätzlich die Luft raus.

Trotzdem finden wir das Experiment von Aardman Animation und Namco Bandai gelungen, da es zweifelsohne eine unvergleichliche Erfahrung erzeugt.

Verankert in der Vergangenheit richtet 11-11 seine Stimme klar an die Zukunft. Es ist eine Erzählung vom Grauen und der Ohnmacht des Krieges, aber eben auch eine emotionale Reise, die von Missverständnis, Hoffnung und Verzweiflung berichtet. Sie endet so wie ihre Entstehung begann, in Gedenken an die Gefallen des Krieges und als Appell an den Frieden.

Brilliante Inszenierung
Herausragender Soundtrack
Tolle Vertonung
Sensibler und spannender Blick auf den Ersten Weltkrieg
Geschichte kommt nur langsam in Fahrt
Stil nicht für jeden etwas
Unnötige Laufwege nehmen die Luft raus

Vincent

11-11: Memories Retold ist eine, für ein Videospiel untypische, unorthodoxe und unvergleichliche Erzählung – die gelungen mit den narrativen Qualitäten des Mediums spielt. Zu keinem Zeitpunkt hat uns der Sog dieser außergewöhnlichen Erzählung aus seinem Bann gelassen, auch wenn das Spiel erst im letzten Drittel seine ganzen Stärken ausspielt und nicht vor der Epik der eigenen Erzählung zurückschreckt. Untermalt von einem orchestralen Soundtrack, der sich vor keiner Hollywood-Produktion verstecken braucht, inszenieren Aardmann Animations eine Geschichte von grauenhaft schönem Zauber.
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