Test: 8-Bit-Box

Lesezeit: 6 min

Als ich mich Ende der 80er Jahren für Heimcomputer und die dazu gehörigen Computerspiele zu interessieren begann, waren digitale Spiele ein Hobby für die Nische, eine Beschäftigung für verschrobene Nerds. Wie sehr sich die Zeiten doch geändert haben. Im letzten Jahr setzte die Games-Branche allein in Deutschland mehr als 3 Milliarden Euro um. Da verwundert es wenig, wenn sich Videospiel-Referenzen auch in „alten“ Medien wie Büchern oder Filmen wiederfinden. Selbst vor dem guten alten Brettspiel machen die Videospiele nicht halt. Der französische Verlag Iello treibt die Sache nun auf die Spitze und veröffentlicht mit der 8-Bit-Box die erste Konsole, die völlig ohne Netzstecker und Akku auskommt. Vor allem Videospieler der ersten Stunde kommen hier auf ihre Kosten, denn diese Spielepaket ist eine liebevolle Hommage an die gute alte Zeit, als Videospiele noch ein Hobby für… aber kommen wir doch lieber endlich zum Spiel. Vorhang auf für die 8-Bit-Box.

Schon vor dem Auspacken strahlt die 8-Bit-Box etwas Magisches aus. Es kommt nicht die übliche 0815-Spieleschachtel zum Einsatz, die in irgendeiner Form fast alle Brettspiele verpackt. Vor euch steht ein dickes Paket mit ordentlich Gewicht, ein richtiger Klotz, eben eine kleine Heimkonsole. Entfernt ihr die Umverpackung des Spielgeräts und öffnet den Deckel, gibt die 8-Bit-Box den Blick auf ihr Innenleben frei.

In die Herzen der 8-Bit-Fans

Augen auf und staunt. Im Inneren der 8-Bit-Box findet ihr gleich sechs Controller, die sich von ihrem Stil her irgendwo zwischen SNES-Gamepad und dem ersten DualShock für die PlayStation One bewegen. Schön aneinandergereiht findet jeder Controller seinen eigenen Steckplatz in der Box. Direkt dahinter folgenden die beigelegten Spiele. Jedes Spiel ist einzeln verpackt und erinnert an stark an die Gestaltung der SNES-Spiele mit ihren großen Umverpackungen aus Pappe.

Zum Launch der Konsole liegen der 8-Bit-Box gleich drei Spiele bei. Im Paket findet sich zudem noch Platz für ein viertes Spiel, das demnächst veröffentlicht werden soll. Mit dem Kauf der 8-Bit-Box bekommt ihr also direkt drei Brettspiele geliefert. In jedem Modul findet ihr spezielles Material, das ihr zum Spielen des Titels benötigt. Außerdem gibt es noch ein wenig allgemeines Spielmaterial, das in mehreren Spielen Verwendung findet. Dazu gehören insbesondere die schon erwähnten Controller, aber auch noch einige spezielle Würfel und Marker.

Das erinnert mich an…

Die optische Gestaltung der 8-Bit-Box ist über jeden Zweifel erhaben. Tolles Material, so viel Liebe zum Detail, hier stimmt einfach alles. Doch auch die 8-Bit-Box muss natürlich beweisen, was in ihr steckt. Software sells Hardware. Also gucken wir uns die drei inkludierten Spiele einmal genauer an. Vorab, das Spiel kommt ohne offizielle Videospiel-Lizenzen daher. Deshalb gibt es zwar Ähnlichkeiten zu bekannter Hardware, ein Nachbau eines NES oder einer anderen Konsole war aber natürlich nicht möglich. Gleiches gilt auch für die drei Spiele. Sie nehmen sich prominente Videospiele zum Vorbild, ohne sie gleich beim Namen zu nennen.

In ihrer Schwierigkeit und Komplexität bauen die drei Spiele aufeinander auf. Das einfachste Spiel der Box ist Pixoid, das bereits eine Altersempfehlung ab sechs Jahren bekommt. Hinter Pixoid verbirgt sich ein Urgestein der Videospiel-Szene: Pac-Man! Statt der Geister Pinky, Blinky, Inky und Clyde sind es diesmal namenlose Bugs, die es auf Pixoid abgesehen haben. Ein Spieler übernimmt die Rolle von Pac… von Pixoid und versucht möglichst viele Runden zu überleben. Vor euch liegt ein Labyrinth, in dem Pixoid durch die Gänge saust und nebenbei ein paar Bonus-Punkte sammelt. Die Spielzüge von Pixoid und auch den Bugs werden im Voraus programmiert, Runde für Runde. Mit dem Controller stellt ihr ein, in welche Richtung sich eure Figur bewegen soll und auch wie weit. Natürliche Barrieren wie Wände beenden eure Bewegung automatisch.

Sobald sich die Wege von Pixoid und einem Bug kreuzen, hat Pixoid sein Leben verwirkt. Im Optimalfall gelingt es ihm, zwölf Runden zu überleben. Je länger Pixoid auf dem Feld bleibt, desto mehr Punkte winken am Ende des Spiels. Die Punktzahl kann noch weiter gesteigert werden, wenn er das ein oder andere Bonusfeld überquert. Am besten spielt ihr so viele Runden, dass jeder Spieler einmal die Kontrolle über Pixoid übernehmen kann. Pixoid spielt sich ziemlich schnell, eine Partie dauet meist nicht viel länger als eine Viertelstunde. Damit ist Pixoid ein schönes Warm-up für die beiden anderen Spiele.

Action auf der 8-Bit-Box

Outspeed, das zweite Spiel im Bunde, zieht beim Schwierigkeitsgrad schon etwas an. Doch nicht nur in Sachen Anspruch, sondern auch in Bezug auf die Action wird hier eine ordentliche Schippe draufgelegt. Vermutlich hat hier wohl Sonys Wipeout Pate für das Spiel gestanden. Outspeed ist ein futuristischer Racer, der jedoch einige Anleihen bei Mario Kart genommen hat. Witzige Gimmicks wie Flammenwerfer-Strahlen oder Elektromagnet-Felder bringen erst die Würze ins Spiel.

 

Im Spiel gilt es rund 20 Zonen einer Rennstrecke als erster zu passieren oder zumindest zu überleben. Da es während des Rennens oftmals etwas rabiater zu Werke geht, kann es durchaus sein, dass mal der ein oder andere Fahrer auf der Strecke bleibt. Über olympische Fairness müsst ihr euch diesmal nicht zu viele Gedanken machen. Outspeed wird rundenweise gespielt. In jeder Runde liegt eine neue Streckenkarte vor euch aus, die gleich mehrere Optionen anbietet. Im Normalfall könnt ihr euch für eine von drei Routen entscheiden.

Wir brauchen mehr Waffen

Ob die gewählte Route eine gute Entscheidung für euch war, stellt sich oftmals erst im Nachhinein heraus, denn Interaktion wird in Outspeed großgeschrieben. Es schadet nicht, auch mal zu checken, wie sich eure Gegenspieler wohl verhalten könnten. Wird beispielsweise ein enger Routenabschnitt von zu vielen Spielern befahren, verstopft ihr die Straße und es kommt zu einem Stau. In einem Rennen ist das natürlich wenig hilfreich. In eure Erwägungen müsst ihr zudem eure Benzinreserve mit einfließen lassen.

Auf einigen Routen kommt ihr zwar vielleicht schneller voran, allerdings kostet das schwierige Gelände dann leider oft auch mehr Benzin. Auf anderen Abschnitten hingegen besteht wiederum die Gefahr eines Staus. Wählt ihr bestimmte Routen, könnt ihr manchmal auch ein wertvolles Bonusplättchen abgreifen. Mit diesem könnt ihr später eine Superwaffe aktivieren und euren Mitspielern so vielleicht das Leben zur Hölle machen. Wie schon in Pixoid werden eure Züge vorab im Geheimen mit dem Controller festgelegt. Erst wenn sich alle Spieler für eine Option entschieden haben, werden die Züge ausgeführt.

Richtig spaßig wird Outspeed, wenn etwaige Boni zum Einsatz kommen, die ihr vorher eingesammelt habt. Die 32 Bonusplättchen bieten euch ein reichhaltiges Arsenal mit fiesen Waffen, die es in Sachen Verschlagenheit mit den Mario-Kart-Gimmicks aufnehmen können. An dieser Stelle im Spiel kann das Geschehen auf der Strecke nochmal gründlich durcheinandergewirbelt werden. Wie auch bei Mario Kart müsst ihr ein wenig Konfrontation schon abkönnen, um Freude am Spiel zu haben. Zudem wird es im Spielverlauf auch schnell mal ziemlich chaotisch. Doch gerade dieses Chaos hatte doch auch schon in Mario Kart einen großen Anteil am Spielspaß. Outspeed lässt sich mit drei bis sechs Spielern spielen und bekommt eine Altersempfehlung ab acht Jahren. Für ein Rennen braucht ihr etwa eine halbe Stunde.

Ausverkauftes Stadion

Keine Videospiel-Sammlung ist komplett ohne Sportspiel. Folgerichtig findet ihr auch in der 8-Bit-Box einen Vertreter dieses Genres. Bei Stadium handelt es sich um eine analoge Version von Summer Games. In gleich zehn unterschiedlichen Disziplinen werdet ihr hier gefordert. Das besondere an Stadium: ihr tretet in zwei konkurrierenden Teams gegeneinander an. Es zählt nicht der Erfolg des Einzelnen, sondern könnt nur als Mannschaft den Sieg einfahren.

Stadium ist im Grunde eine Minispiel-Sammlung. Das Spiel bietet euch insgesamt eine Auswahl von 16 Disziplinen, von denen pro Partie aber immer nur zehn gespielt werden. Im Portfolio befinden sich klassische Disziplinen wie 4x100m Staffel, Stabhochsprung oder 100m Sprint. Einige Exoten wie etwa Taekwondo oder Beachvolleyball haben aber auch ihren Weg ins Spiel gefunden. Sogar ein kleines Doping-Minispiel ist dabei.

Ausdauer ist gefragt

So ein Zehnkampf dauert lange und erfordert neben dem sportlichen Können vor allem sehr viel Ausdauer. Diese spielt in Stadium eine ganz besondere Rolle. Bevor es in die einzelnen sportlichen Wettkämpfe geht, stellt ihr im Geheimen ein, wie viel Ausdauer ihr für die bevorstehende Disziplin verwenden möchtet. Je mehr Ausdauer ihr investiert, desto höher sind die Chancen auf die Goldmedaille.

Mechanisch betrachtet sind alle Wettkämpfe in Stadium sehr simpel gestaltet. Oft gilt es ein wenig einzuschätzen, wie viel Ausdauer wohl eure Mitspieler ausgeben werden. Schließlich möchte jeder Athlet so viel von seiner Ausdauer für die nächsten Wettbewerbe einsparen und vielleicht trotzdem eine Medaille stibitzen. Mit einem Pokerface könnt ihr euren Medaillenspiegel eher verbessern als mit taktischem Vorgehen. Eine Glückskomponente kommt hin und wieder in Form eines Würfelwurfs hinzu.

Damit steht Stadium tatsächlich tief in der Tradition von Summer Games & Co. Einzeln betrachtet waren die Disziplinen in diesen Spielen auch meist sehr einfach gestrickt. In ihrer Gesamtheit entfalten sie aber durchaus einen hohen Spielreiz. Genau das trifft auch auf Stadium zu. Es macht Spaß nach jedem Wettkampf den Medaillenspiegel wieder auf den neuen Stand zu bringen, so entsteht ein schönes Teamgefühl. Durch das Spielen in Mannschaften entstehen aber auch leider einige Einschränkungen hinsichtlich der Spielerzahl. Das Stadion öffnet sich nur für vier oder sechs Spieler, eine ungerade Spielerzahl ist nicht vorgesehen, da es die Balance ziemlich durcheinanderbringen würde.

Die 8-Bit-Box wurde erst kürzlich auf der SPIEL in Essen veröffentlicht und sollte nun auch langsam den Weg in den Handel finden. Das Spiel kostet ungefähr 40€.

Videospiele als Brettspiel
viel Liebe zum Detail
tolles Material
für bis zu 6 Spieler geeignet
Spielesammlung mit 3 Spielen
mindestens drei Spieler werden benötigt
Minispiele recht einfach gestrickt

Sebastian Hamers

Einzeln betrachtet stellen Pixoid, Outspeed und Stadium vielleicht nicht die Spitze des Brettspieltums dar. Mich fasziniert allerdings, wie bekannte Videospiel-Konzepte auf ein Brettspiel übertragen wurden. Jedes Modul für sich betrachtet ist eine liebevolle Umsetzung von digital zu analog. Spielerisch hat mich Outspeed am meisten überzeugt. Hier ist eigentlich immer was los. Auch wenn es einige unschöne Erscheinungen wie vorzeitiges Ausscheiden von Spielern beinhaltet, es ist alles halb so wild, da eine Runde ohnehin in einem Rutsch vorbei ist. Wer es gerne actionreich mag, kommt in Outspeed aber sicherlich auf seine Kosten. Pixoid macht als Familienspiel eine ganz gute Figur, dank einfacher Regeln und kurzer Spieldauer. Stadium hingegen ist eine Spielesammlung in der Spielesammlung. Ganze sechzehn Minispiele sorgen für Abwechslung, auch wenn jede Disziplin für sich betrachtet eher weniger spektakulär ausfällt. Einen dicken Pluspunkt erhält die 8-Bit-Box zudem natürlich für das ganze Drumherum. Die Box, die Controller und überhaupt das ganze Material, alles ist so wunderschön gestaltet, dass man die 8-Bit-Box immer wieder gerne aus dem Spieleregal nehmen möchte. Die 8-Bit-Box ist ein Brettspiel für Videospieler. Sie bringt nicht nur das nostalgische Gefühl wieder hervor, das beim Anblick von Pac-Man & Co. entsteht, sondern auch den Couch-Coop, der in Zeiten von Xbox Live und PSN immer weiter in den Hintergrund getreten ist. Ich freue mich schon auf das vierte Spiel für 8-Bit-Box.
Test: Roll Player Test: 11-11: Memories Retold
Comments