Test: A Tale of Pirates

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Wer Ende Oktober die Reise nach Essen auf sich genommen hat, um sich dort auf der SPIEL vollends den Brettspielen hinzugeben, wurde von der Vielzahl der Neuheiten förmlich erschlagen. Für die Verlage stellt sich da auch die Frage, wie das eigene Spiel bei den Massen an neuen Titeln überhaupt noch wahrgenommen wird. Ein Weg zu mehr Aufmerksamkeit kann über das Look-and-Feel eines Brettspiels führen. In dieser Disziplin sticht das kooperative A Tale of Pirates heraus. Das Spiel kommt nicht nur mit einer schicken App-Unterstützung daher, sondern macht vor allem mit einem großen 3D-Modells eines Piratenschiffs auf sich aufmerksam.

Puh, das war knapp. Nach langer Gefangenschaft durch die spanische Armada konnten wir so gerade eben noch aus Santa Cruz fliehen, unser Piratenschiff zurückerobern und wieder in See stechen. Jetzt klebt uns die spanische Flotte an den Hacken. Blöderweise ist unser Schiff auch noch schwer beschädigt und hat mehr Baustellen als die A45 zwischen Dortmund und Frankfurt. Jetzt gilt es die Aufgaben an Bord gut zu verteilen, um den spanischen Verfolgern nicht in die Hände zu geraten.

Nicht nur optisch ungewöhnlich

Um A Tale of Pirates spielen zu können, benötigt ihr zunächst die dazugehörige App, die ihr euch kostenlos für iOS- und Android-Geräte herunterladen könnt. Sie führt euch durch die insgesamt zehn Kapitel des Spiels und erzählt dabei die Geschichte eurer Piratencrew und eurem Schiff, der Ellen. Ihr selbst schlüpft in die Rolle der Besatzungsmitglieder, die durch Sanduhren dargestellt werden.

Auch an dieser Stelle geht A Tale of Pirates einen etwas ungewöhnlichen Weg. Mechanisch betrachtet könnte man es auch als Worker-Placement-Spiel bezeichnen, ein Spiel, bei dem ihr Figuren einsetzt, um damit bestimmte Aktionen durchzuführen. Die Aktionsfelder befinden sich zu einem großen Teil direkt auf der Ellen. Um eine Aktion durchzuführen, aktiviert ihr die Sanduhr und steckt sie in einer Ausbuchtung im Schiff. Sobald der Sand durchgerieselt ist, kann die gewählte Aktion durchgeführt werden. Alle Aktionen werden so mit einer Verzögerung von einer halben Minute durchgeführt. A Tale of Pirates wird in Echtzeit gespielt.

Echtzeit-Action auf hoher See

Euer Piratenschiff stellt ihr vor Spielbeginn auf ein Feld mit sechs Seesektoren. Jeder Sektor steht für eine Himmelsrichtung. Vor den Sektoren, rund um das Schiff herum, werden zusätzlich noch verdeckte Karten ausgelegt. Was sich dahinter verbirgt, erfahrt ihr erst, wenn ihr mit der Ellen in die entsprechende Richtung segelt. Das Spiel hat so einige Überraschungsmomente für euch parat.

Im ersten Kapitel des Spiels geht es ums blanke Überleben. Euer Schiff ist angeschlagen und die Spanier sind hinter euch her. Ihr müsst also alles auf eine Karte setzen und zwei enge Meerespassagen durchqueren, um die Verfolger abzuschütteln. Die Passagen liegen in Form von Karten um das Schiff herum, fragt sich nur an welcher Stelle. Ihr müsst also zunächst wohl erst einmal die Umgebung erkunden. Vernachlässigt dabei aber nicht eure Verfolger, denn die feuern gnadenlos aus allen Rohren auf das ohnehin schon angeschlagene Schiff.

Die Aktionen an Bord

Um diese Mission zu erfüllen, müsst ihr mit einander kooperieren und eure Aktionen gut absprechen. Es gibt keine bestimmte Zugreihenfolge, die ihr einhalten müsst. Ihr könnt die Aktionen gleichzeitig abwickeln. Dazu steckt ihr nur die Sanduhr in den gewünschten Slot im Schiff. Dann dauert es etwa dreißig Sekunden bis ihr die Aktion durchführen könnt. Mit eurem Piraten könnt ihr zum Beispiel die Position des Segels verändern. Das Segel kann in mehreren Stufen eingestellt werden. Der Stand des Segels bestimmt die Geschwindigkeit des Schiffs und legt fest, wie weit sich die Ellen um die eigene Achse drehen kann. Den Richtungswechsel nehmt ihr dann am Steuerrunder vor.

Wenn sich euer Schiff dreht, müsst ihr dann alle Karten aufdecken, die sich nun direkt am Bug des Schiffs befinden. Auf diese Weise deckt ihr nach und nach alle Karten auf und findet auch die gesuchten Passagen für eure Flucht. Manchmal tauchen aber auch unerwartete Hindernisse wie Felsen auf, die eurem Schiff Schaden zufügen. Es kann also durchaus hilfreich sein, sich schon vorab in den Ausguck zu stellen und Ausschau zu halten. Platziert ihr dort einen Piraten, dürft ihr eine beliebige verdeckte Karte aufdecken. So könnt ihr vielleicht die Kollision mit einem Felsen vermeiden.

Die Wartung der Ellen

Von hoher Bedeutung ist auch die Reparatur des Schiffs. Auf Kosten einer Aktion dürft ihr einen Teil der Ellen wieder instandsetzen. Das Schadensmodell in A Tale of Pirates ist nicht sonderlich komplex, bedarf aber dennoch etwas Planung. Das Schiff ist in verschiedene Sektoren unterteilt. Wenn die Ellen von einer Kanonenkugel erwischt wird, müsst ihr einen Korken in einen Aktionsslot des betroffenen Bereichs stecken. Der Korken blockiert ab sofort den Aktionsplatz. Die Aktion kann nicht mehr benutzt werden. Erst wenn ihr einen Piraten zur Reparatur abstellt, dürft ihr den Korken wieder entfernen.

Wenn ihr einen Korken in einen Bereich stellen müsst und dies nicht könnt, entweder weil es keinen Korken mehr im Vorrat gibt oder weil auf dem betroffenen Sektor schon alle Stellplätze belegt sind, erleidet die Ellen einen Schadenspunkt. Im vollkommen intakten Zustand verfügt euer Schiff über fünf Lebenspunkte. Je nach Kapitel kann der Zustand der Ellen jedoch variieren. Im ersten Kapitel startet eure Reise zum Beispiel nur mit drei Lebenspunkten.

Feuer frei!

Natürlich könnt ihr euch gegen die feindlichen Schiffe auch zur Wehr setzen. Ein Aktionsfeld dient dazu, um die Kanonen an den Flanken des Schiffs zu laden. Pro Kanone könnt ihr bis zu zwei Kanonenkugeln bereitmachen. Eine weitere Aktion braucht es dann, um zu feuern. Dazu nutzt ihr einen speziellen Würfel, der drei unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen kann. Ein bis zwei Schadenspunkte könnt ihr mit dem Kanonenfeuer bei den gegnerischen Schiffen anrichten. Es kann allerdings auch zu einem Schaden an der Kanone führen, in diesem Fall müsst ihr einen Korken in den Bereich stecken.

Während ihr mit euren Sanduhren hantiert und die Aktionen durchführt, läuft im Hintergrund die Zeit. Die App meldet sich sobald sich die Runde dem Ende entgegen neigt. Ist die Zeit abgelaufen, dürft ihr alle begonnenen Aktionen noch durchführen. Danach werden alle verbleibenden Karten aufgedeckt. Befinden sich jetzt noch feindliche Schiffe im Spiel, zieht den Kopf ein. Jetzt wird zurückgeschossen. Ihr würfelt nun für eure Gegner und müsst möglicherweise einige Schadenspunkte in Form von weiteren Korken einstecken. In den Kapiteln werden mehrere Runden abgehandelt und immer wieder neue Karten ausgelegt. Nach der letzten Runde folgt die Auswertung. Nun wird geprüft, ob ihr euer Ziel erfüllt habt. Je nachdem wie erfolgreich eure Mission gelaufen ist, erhaltet ihr von der App nun eine Bewertung. Sollte die Ellen vorzeitig alle Lebenspunkte verloren haben, ist die Mission natürlich schon vorab gescheitert.

Ein Hauch von Legacy

Um die Missionen möglichst spannend zu gestalten, wurden die zehn Kapitel einzeln verpackt. Mit jedem neuen Kapitel erhaltet ihr neues Spielmaterial. Oft gibt es zusätzliche Karten, manchmal aber auch neue Marker. Damit betritt A Tale of Pirates vorsichtig die Pfade, die schon das sehr erfolgreiche Pandemie Legacy eingeschlagen hat. Im Vordergrund steht die erzählte Geschichte, die durch immer neues Material gefüttert wird. Im Gegensatz zu Pandemie Legacy wird in A Tale of Pirates jedoch kein Material verändert oder gar zerstört. Auch der Wiederspielreiz ist deutlich höher. Ihr könnt die Kapitel immer wieder spielen und vielleicht versuchen, eine bessere Bewertung zu erhalten. Die freudige Überraschung über neue Spielelemente bleibt dann zwar aus, das Spiel macht aber auch beim wiederholten Durchlauf noch Spaß.

Neue Elemente kommen übrigens auch durch die App immer wieder ins Spiel. Hin und wieder blendet sie Ereignisse ein, die das Spiel beeinflussen. Eine Monsterwelle bringt etwa euer Schiff ins Schwanken und verändert dadurch seine Position. An dieser Stelle sei nicht zu viel verraten, aber A Tale of Pirates hält viele kleine Überraschungen für euch parat.

A Tale of Pirates wurde pünktlich zur Messe in Essen veröffentlicht und sollte mittlerweile auch im regulären Handel eingetroffen sein. Preislich müsst ihr mit etwa 45€ rechnen. Das Spiel ist für zwei bis vier Spieler ab zehn Jahren geeignet. Ein Kapitel habt ihr in einem Rutsch absolviert, oftmals braucht es nicht viel länger als zehn Minuten. Da könnt ihr auch problemlos mal ein paar Kapitel nacheinander spielen.

Piraten!!!!!!!
wird in Echtzeit gespielt
mit App-Unterstützung
mit Legacy-Anleihen
keine Veränderung oder Vernichtung des Materials
optisch grandios
zu zweit mitunter ziemlich hektisch
nicht ohne App spielbar

Sebastian Hamers

Keine Frage, optisch macht A Tale of Pirates eine Menge her. Doch auch hinter der schönen Maske verbirgt sich ein Spiel mit vielen spannenden Elementen, die man in dieser Kombination auch noch nicht so oft gesehen hat. A Tale of Pirates verbindet Worker-Placement, Legacy und Echtzeitspiel mit einer App, die auch noch eine kleine Geschichte in zehn Kapiteln erzählt. Mitunter wird es im Spiel ein wenig hektisch, vor allem im Zwei-Spieler-Modus, in dem jeder gleich die Kontrolle von zwei Piraten übernimmt. Die Hektik fällt nicht sonderlich negativ ins Gewicht, da ein Kapitel meist in zehn Minuten abgehandelt werden kann. A Tale of Pirates bringt zudem erfahrene und Gelegenheitsspieler zusammen. Letztere freuen sich über die hohe Zugänglichkeit, Vielspieler genießen die Verquickung vieler beliebter Spielmechaniken auf eine frische Art und Weise. So ist A Tale of Pirates ein ungewöhnliches Spiel, das sicher eine breite Spielerschaft unterhalten kann.
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