Test: Alien Artifacts

Vertreter der Gattung 4X-Spiele finden sich sowohl im digitalen als auch im analogen Bereich wieder. Die Grundmechaniken dieser Strategiespiele bestehen aus den Elementen Explore, Expand, Exploit und Exterminate – Erkunden, Ausbreiten, Ausbeuten und Vernichten. Diese Spielprinzipien begleiten uns Gamer schon seit vielen Jahren. Einer der bekanntesten Vertreter dieses Genres ist der Klassiker Sid Meier’s Civilization. 4X-Spiele gibt es jedoch auch in der Brettspiel-Szene. Oftmals handelt es sich dabei um sperrige, regelintensive Titel, die aber auch unheimlich viel Spieltiefe mit sich bringen. Nicht selten sitzt man an einer Partie dann mal gerne drei, vier oder auch fünf Stunden. Das frisch erschienene Alien Artifacts fügt sich spielmechanisch ebenfalls in die Riege der 4X-Spiele ein. Spieldauer? Eine Stunde! Wir haben für euch gecheckt, ob dieses Experiment geglückt ist.

In einer Science-Fiction-Welt streiten sich bis zu fünf Sternenvölker darum, wer die mächtigste und fortschrittlichste Zivilisation in den Weiten des Alls darstellt. Als darüberstehende Bedrohung für die Sternenvölker steht eine seltsame Alien-Rasse, die sich im Besitz von mächtigen Artefakten befindet. Die namensgebenden Alien Artifacts stehen gleichzeitig im Visier der Raumfahrer, die mit gezielten Nadelstichen gegen die Aliens versuchen, das ein oder andere Artefakt zu entwenden und zu ihren eigenen Gunsten einzusetzen.

Neues Wissen erwerben

In Alien Artifacts habt ihr es im Wesentlichen auf drei unterschiedliche Fortschritte abgesehen. Ihr könnt in Technologien investieren, neue Planeten entdecken oder aber Raumschiffe bauen. Alle drei Kartentypen liegen in der Spielfeldmitte aus und können von euch erworben werden. Bezahlen könnt ihr die Karten mit Credits, der offiziellen Währung des Spiels. Gekaufte Karten bedeuten allerdings noch längst nicht, dass ihr sie bereits aktiv einsetzen dürft. Mit dem Kauf der Karte habt ihr lediglich das Wissen um eine Technik, einen Planeten oder einen Schiffstypen gewonnen.

Neu gekaufte Karten legt ihr deshalb zunächst auf der linken Seite eures Spieler-Tableaus an. Die Seite links des Tableaus stellt somit praktisch eure Bauvorhaben dar. Erst durch die Investition weiterer Ressourcen wandert die Karte auf die rechte Seite und wird somit zu einem aktiven Teil eures eigenen Imperiums.

Das Jonglieren mit den Ressourcen

Diese Ressourcen gewinnt ihr aus den Ressourcen-Karten, von denen ihr in jeder Runde drei auf der Hand haltet. Somit verfügt ihr über ein Grundeinkommen, das sich aber Runde für Runde immer ein wenig anders gestaltet. Mit grünen Ressourcen entdeckt ihr Planeten aus euren Bauvorhaben, mit blauen Ressource-Punkten entwickelt ihr eure neu entdeckten Technologien, während rote Ressourcen euch beim Bau eines neuen Schiffs nach vorne bringen.

Für die Entwicklung einer Karte werden zunächst fünf Ressourcen des jeweiligen Typs fällig. Im Spielverlauf werden die Preise für weitere Entwicklungen aber immer weiter ansteigen. Je mehr Planeten ihr erforscht habt, desto kostspieliger wird die Entdeckung weiterer Planeten im All. Gerade wenn die Preise immense Formen angenommen haben, müsst ihr einen Investitionsplan aufstellen und schon vorab Ressourcen in die Entwicklung von Planeten, Schiffen oder Technologien fließen lassen, ohne dass ihr sie in einem Zug fertigstellen könnt. Das Management der Ressourcen ist somit ein wichtiger Eckpfeiler in Alien Artifacts.

Logistik oder Operativ?

Habt ihr genügend Ressourcen zusammengekratzt, um eine Karte von den Bauvorhaben auf die rechte Seite eure Tableaus zu verschieben, dann steht ihr jetzt vor einer weiteren wichtigen Frage und der Ausrichtung eurer Strategie. Jede Planeten-, Technologie- oder Schiffskarte lässt sich auf zwei Arten in das eigene Imperium legen. Auf der Kartenvorderseite seht ihr die sogenannte Logistik-Variante der Karte. Diese Seite gibt euch einen dauerhaften Vorteil im Spiel. So können etwa die Produktionsmöglichkeiten erweitert, zusätzliche Siegpunkte im Zusammenhang mit bestimmten Ereignissen kreiert oder auch die Kosten für bestimmte Aktionen gesenkt werden. Die Möglichkeiten, eure Produktionsmaschinerie zu ölen und auf Touren zu bringen, sind riesig.

Der Logistikseite steht die Operativseite gegenüber. Planeten auf der operativen Seite könnt ihr ausbeuten, um so zusätzliche Ressourcen zu gewinnen.  Operative Technologien werden euch helfen, Siegpunkte einzufahren. Liegen in eurem Imperium Schiffe auf der operativen Seite, so können sie euch im Kampf unterschützen und beispielsweise den Angriffswert eurer Flotte steigern. Mit der Entscheidung für die Operativ- oder die Logistikseite könnt ihr nochmals wesentlichen Einfluss auf den Spielverlauf nehmen und eure Strategie in ihren Details verfeinern.

Operation Fortschritt

Sobald ihr eine Karte mit der operativen Seite nach oben in euer Imperium legt, dürft ihr sie direkt einmal werten. Die Planeten produzieren ihre Ressourcen, Technologien können Siegpunkte kreieren und die Schiffe dürfen ihren ersten Angriff auf einen Mitspieler oder die Aliens starten. Mit den Operativaktionen eures Sternenvolks könnt ihr eure operativen Planeten, Technologien oder Schiffe in ihrer Gesamtheit nochmals werten. Gerade im fortgeschrittenen Spiel können sich die Operativaktionen richtig auszahlen, wenn ihr euer Imperium schon richtig gut ausgebaut habt. So lassen sich schon im Spielverlauf kleine Zwischenwertungen auslösen, die sich lukrativ für euch gestalten können.

Mit etwas Glück könnt ihr so vielleicht auch einige der begehrten Alien-Artefakte erobern. Diese erhaltet ihr normalerweise über den Kampf mit den Aliens. Die Kämpfe in Alien Artifacts gestalten sich denkbar einfach. Zunächst zieht ihr einfach die oberste Karte vom Ressourcenstapel. Neben den Angaben zu den Ressourcen befindet sich auf der Karte auch eine Zahl zwischen eins und vier. Diese Zahl stellt euren Grundangriffswert dar. Dazu addiert ihr noch etwaige Boni, die ihr vielleicht durch eure erzielten Fortschritte gewonnen habt. Einige Schiffstypen geben euch sogar zusätzlich noch Stärkepunkte hinzu. Das erzielte Ergebnis eures Angriffs lest ihr nun von der Alien-Karte ab. Niedrige Ergebnisse führen in der Regel dazu, dass euer Schiff zerstört oder zumindest beschädigt wurde. Hohe Werte bringen euch dafür Siegpunkte ein oder auch eines der Alien-Artefakte. Die erbeuteten Artefakte könnt ihr dann jederzeit während eures Spielzugs einsetzen. Sie bringen euch mächtige Vorteile im Spiel, wie zum Beispiel gleich ein halbes Dutzend an Ressourcenkarten, die euch nun zusätzlich zur Verfügung stehen.

Konflikte im Weltraum

Statt der Aliens könnt ihr aber natürlich auch eure Mitspieler direkt angreifen. Mit einem Angriff macht ihr euren Gegnern das Leben schwer, indem ihr Karten in der feindlichen Auslage blockiert. Beschädigte Karte werden mit einem Blockadeplättchen belegt. Diese sorgen dafür, dass die darauf aufgeführten Aktionen nicht weiter verwendet werden können. Auf Kosten eines Credits lassen sich die Aktionen aber dennoch ausführen. Später gibt es dann auch die Möglichkeit, die Blockadeplättchen wieder ganz von einer Karte zu entfernen. Dazu müssen dann wiederum Ressourcen aufgewendet werden.

Seid ihr als Volk in der Verteidigung, steht euch zunächst ein Standard-Verteidigungsplan zur Verfügung. Dieser gibt darüber Auskunft, wie fragil euer Verteidigungssystem ist. Durch den Erwerb von bestimmten Schiffen, könnt ihr zusätzliche Verteidigungspläne gewinnen und so eure Defensive optimieren.

4X in einer Stunde

Der Spielablauf in Alien Artifacts geht ziemlich flüssig von der Hand. Jeder Spieler spielt eine Aktion und frischt seine Ressourcenkarten wieder auf, anschließend ist auch schon der nächste Spieler an der Reihe. Besonders lange Wartezeiten habt ihr somit selbst in der Vollbesetzung mit fünf Spielern nicht. Das Ende des Spiels wird eingeleitet, wenn der Stapel mit den Ressourcenkarten so oft aufgebraucht wurde, wie Spieler an Alien Artifacts teilnehmen. In der Regel wird die Spieldauer von einer Stunde auch nicht sonderlich weit überschritten.

Am Spielende findet nochmals eine Wertung statt. Jetzt gibt es nochmals Siegpunkte für eure Fortschritte. Gewertet werden Planeten, Technologien und Schiffe. Einige Operativ-Technologien bringen euch zusätzliche Siegpunkte am Spielende ein. Je nach gewähltem Sternenvolk gibt es für bestimmte Achievements weitere Bonuspunkte.

Die Wahl der Fraktion ist übrigens auch ganz interessant. Jedes Volk verfügt über eine individuelle Spezialfähigkeit, die sich möglicherweise auf euer strategisches Vorgehen auswirkt. Somit ist bereits die Fraktionswahl die erste strategische Aktion des Spiels. Wenn ihr alle fünf Völker ausprobieren wollt, kommt ihr mit einer Spieldauer von rund fünf Stunden immer noch besser weg als bei einer Partie vieler anderer 4X-Brettspiele.

4X-Brettspiel mit einer Stunde Spieldauer
für 2-5 Spieler geeignet
hohe Spieltiefe
geringe Wartezeiten
bleibt immer übersichtlich
Kämpfe sehr einfach gehalten

Sebastian Hamers

4X in einer Stunde? Was zunächst wie die Quadratur des Kreises erscheint, ist Portal Games mit Alien Artifacts tatsächlich gut gelungen. Sicher, in vielen Belangen müssen einige Abstriche in Kauf genommen werden. Etwa das Erkunden und auch das Kampfsystem sind längst nicht so komplex wie bei beispielsweise in einem Civilization. Gerade das Kampfgeschehen wurde doch ziemlich einfach gehalten. Das muss gar nicht unbedingt negativ ins Gewicht fallen. Sehr viel Ballast, den viele andere Genre-Vertreter mit sich herumschleppen, wurde bei Alien Artifacts elegant unter den Teppich gekehrt. Mit 16 Seiten kommt auch die Anleitung angenehm schlank daher, die zudem noch reichlich bebildert ist. Geht es um die strategische Tiefe muss sich Alien Artifacts ohnehin nicht verstecken. Auch wenn die Regeln angenehm geradlinig sind, so bietet das Spiel doch breite Möglichkeiten der strategischen Entfaltung. Gerade durch die Wahlmöglichkeit zwischen Logistik- und Operativseite stehen euch viele Wege des Fortschritts offen. Alien Artifacts hebt sich zudem durch seine Leichtgängigkeit angenehm von der Konkurrenz ab. Das Geschehen bleibt selbst im fortgeschrittenen Spiel-Stadium übersichtlich. Wenn euch der Regel-Dschungel und die epische Spieldauer von 4X-Spielen bislang von diesem Brettspiel-Genre abgehalten haben, dann ist Alien Artifacts ein toller Einstieg in diese Welt. Hartgesottene 4X-Spieler kommen aber dennoch auf ihre Kosten, genug Spieltiefe ist auf jeden Fall vorhanden. Empfehlen möchte ich Alien Artifacts auch Fans von Globalstrategie-Spielen, die sich sonst nur auf ihrem PC strategisch austoben. Ihr bekommt ein knackiges Strategiespiel mit einem tollen Multiplayer-Modus.
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