Test: Android Netrunner

Der technologische Fortschritt ist unaufhaltsam. Mond und Mars wurden von der Menschheit kolonisiert. In Äquatornähe wurde ein Orbitallift installiert, der die Menschen direkt in den Weltraum befördert. Auf der Erde haben sich riesige Megakonzerne breitgemacht. Ihre Macht ist längst nicht mehr nur finanzieller, sondern auch politischer Natur. Dies gilt insbesondere für die Metropole New Angeles. Dort kontrollieren die Konzerne nahezu jeden Aspekt des menschlichen Lebens. Im Untergrund regt sich allerdings heftiger Widerstand. Die Konzerne sehen sich immer wieder Angriffen ausgesetzt, die über das allumspannende Netzwerk initiiert werden. Mächtige Hacker, auch Runner genannt, klinken sich mit ihren trickreichen Programmen gerne in das Netz der Konzerne ein und versuchen dort wertvolle Informationen zu stehlen. Android Netrunner ist ein erweiterbares Kartenspiel für zwei Spieler, das den Kampf zwischen den Konzernen und den Runnern darstellt.

Android Netrunner geht auf das Konto des Spieleautors Richard Garfield… Klingelt da was bei euch? Na klar, Garfields Schaffen hatte erheblichen Einfluss auf die Spielelandschaft. Mit dem Sammelkartenspiel Magic: The Gathering sorgte er in den 90er Jahren für einen regelrechten Hype. Bis heute wird sein Trading Card Game mit neuen Erweiterungen gefüttert. Das vorliegende Android Netrunner geht einen etwas anderen Weg. Es zählt zur Sparte der Living Card Games. Diese werden zwar durch neue Kartenpakete auch immer wieder erweitert, allerdings entfällt das kostspielige Nachkaufen von Booster-Paketen mit unbekanntem Inhalt. Jedes Kartenpaket hat einen festgelegten Inhalt, ihr wisst also bei jedem Kauf, welche Karten ihr erhaltet.

Willkommen in der Zukunft

In Android Netrunner übernimmt ein Spieler die Rolle des Megakonzerns, der andere Spieler übernimmt die Position des Runners, der es auf die Informationen im Netzwerk des Kons abgesehen hat. Im Grundspiel findet jede Seite über 100 Karten wieder, die zum Bau eines eigenen Kartendecks verwendet werden können. Damit habt ihr auf jeden Fall erst einmal genug Material für viele Runden. Wenn euch dann die Sucht gepackt hat, könnt ihr auf das große Angebot zurückgreifen, das ihr für Android Netrunner mittlerweile im Handel vorfindet.

Übernehmt ihr die Position des Megakonzerns, so ist es eure Aufgabe, die konzerninternen Informationen vor dem Zugriff des Runners zu schützen. In eurem Netzwerk befinden sich Pläne für bestimmte Projekte, sogenannte Agenden. Als Konzernchef müsst ihr eine bestimmte Zahl von Agenden fertigstellen. In jeder Runde stehen euch dazu drei Aktionen zur Verfügung. Außerdem dürft ihr in jeder Runde eine neue Karte von eurem Nachziehstapel auf die Hand nehmen.

Die Anzahl an Aktionen ist im Grunde noch recht übersichtlich. Die Schwierigkeit liegt darin, mit den begrenzten Ressourcen hauszuhalten. Gerade in der Beschränkung auf drei Aktionen pro Runde liegt eine der größten Herausforderungen. Aktionen könnt ihr auch dazu verwenden, um neue Karten auf die Hand zu holen oder weitere Credits, die Währung in Android Netrunner, zu generieren. Auf Kosten einer Aktion dürft ihr auch eine Operationskarte ausspielen. Dabei handelt es sich um einmalige Aktivitäten des Konzerns, der Effekt dieser Karte wird abgehandelt und landet dann auf dem Ablagestapel.

Das Netzwerk des Megakonzerns

Eine Hauptaufgabe besteht jedoch im Ausbau des eigenen Netzwerks. Zu diesem gehören schon zu Spielbeginn das Hauptquartier des Kons sowie der Nachzieh- und der Ablagestapel. Diese drei Bereiche werden als das zentrale System des Kons bezeichnet. Im Spielverlauf werdet ihr als Konzern noch einige ausgelagerte Systems erschaffen. Dort platziert ihr etwa die Agenden, deren Entwicklung euch später zum Sieg verhelfen soll. Zu den ausgelagerten Systemen gehören mit den Aktivposten aber auch noch eine andere Kartenkategorie. Aktivposten sind bleibende Karten, die euch unterschiedliche Vorteile gewähren.

Sowohl die Aktivposten als auch die Agenden kommen zunächst verdeckt ins Spiel. Der Runner weiß also nicht, welche Karte ihr als Kon gerade ausgelegt habt. Es ist jedoch ratsam, euer System gut nach außen abzusichern. Dazu installiert ihr diverse Schutzprogramme, die der Runner erst einmal ausschalten muss, um an die Informationen in eurem Netzwerk zu gelangen. Hoffentlich halten die Absicherungen im Netz solange den Angriffen stand, bis ihr die benötigten Agenden fertiggestellt habt. Je nach Komplexität und Wertigkeit der Agenda kann das eine ganze Weile dauern. Auch für die Entwicklung einer Agenda müsst ihr eine Aktion aufwenden und zusätzlich Credits in das Projekt pumpen.

Credits sind wichtige Ressourcen im Spiel, das gilt für die Kons wie für die Runner gleichermaßen. Damit ein Abwehrprogramm im System des Kons aktiv wird, muss es zunächst geladen werden. Dies ist wiederum mit weiteren Kosten in Form von Credits verbunden. Sobald eine Karte geladen wurde, wird sie offen in das System des Kons gelegt. Spätestens jetzt weiß auch der Runner, mit welchen Feinden er es zu schaffen hat. Einmal aktiviert bleibt das Programm im Kon-Netzwerk aktiv und muss nicht wieder bei jedem Eindringen des Runners erneuert werden. Als Kon lasst ihr die Abwehrprogramme allerdings möglichst verdeckt und aktiviert sie erst, wenn es eine akute Bedrohung auf das eigene Netzwerk gibt. So habt ihr für den Eindringling so manche Überraschung parat, jedenfalls solange ihr genügend Credits in eurem Vorrat gehortet habt.

Die Waffen des Runners

Als Runner stehen euch vier Aktionen pro Zug zur Verfügung, also eine Aktion mehr als dem Kon. Dafür müsst ihr allerdings jede neue Karte mit einer Aktion bezahlen. Credits könnt ihr, ebenso wie der Kon, auf Kosten einer Aktion generieren. Auch sonst gibt es beim Ablauf des Zugs einige Parallelen. Im Runner-Deck befinden sich Karten mit einem einmaligen Effekt, der sofort abgehandelt wird. Bleibende Karten findet ihr ebenso in unterschiedlichen Varianten wieder. Programme, Hardware und Ressourcen-Karten bleiben im Spielfeld des Runners liegen und bringen euch weitere Vorteile im Kampf gegen den Konzern. Eine zentrale Bedeutung nimmt der Beginn eines Runs ein, mit dieser Aktion wählt ihr euch in das System des Kons ein und versucht dort Informationen zu entwenden.

Dabei stehen euch verschiedene Angriffspunkte im Netzwerk zur Verfügung. Die benötigten Agenda-Karten können sich im Deck des Kons befinden, aber auch in seinem Ablagestapel, auf seiner Hand oder in einem der ausgelagerten Systeme. Der Kon wird aber natürlich versuchen, euch den Zugriff möglichst schwer zu machen.

Die Abwehrprogramme des Kons beinhalten eine oder gleich mehrere Subroutinen, die abgehandelt werden, um dem Angreifer zu schaden. Als Runner müsst ihr darauf mit euren eigenen Programmen reagieren und diese Subroutinen ausschalten. Häufig werdet ihr nicht in der Lage sein, alle Subroutinen zu eliminieren, sodass euch gewisse Nachteile während des Runs entstehen. Außerdem müssen die Programme auch eine gewisse Stärke aufweisen, um die Abwehrprogramme erfolgreich zu bekämpfen. Nicht selten müsst ihr dabei Credits aufwenden, um Subroutinen auszuschalten oder aber die Stärke des eigenen Programms zu erhöhen.

So schmilzt euer Vorrat an Credits schnell dahin. Doch auch der Kon muss möglicherweise während des Runs seinen Credit-Vorrat reduzieren. Nur geladene Abwehrprogramme sind auch aktiv und bieten einen gewissen Schutz. Das Laden dieser Programme ist aber nicht ganz billig. Um einen Run erfolgreich abzuschließen ist es auf jeden Fall von Vorteil, ein paar finanzielle Reserven in der Hinterhand zu haben.

Datenklau im Kon-Netzwerk

Auf dem Spieltisch hat der Kon seine Daten meist hinter einer ganzen Wand von Hindernissen verschanzt. Nicht selten liegen gleich mehrere, teils verdeckte, Karten vor einer Agenda oder einem Aktivposten. Als Runner müsst ihr das System von außen nach innen angreifen. Bevor ihr also an die benötigten Informationen im Netzwerk gelangt, müsst ihr euch erst einmal durch die ganzen Abwehrsysteme durchschlagen.

Das Attackieren des Netzwerks ist für den Runner aber auch nicht ganz ungefährlich. Einige Spieleffekte können dazu führen, dass der Runner Schaden erleidet. Im Spiel wird dabei zwischen Netz-, Körper- und Hirnschaden unterschieden. Der Hirnschaden ist für den Runner besonders fatal, da er das Handkartenlimit reduziert.

Doch auch der Runner hat einige Möglichkeiten, dem Kon das Leben schwer zu machen. Mit der Fähigkeit „Entladen“ etwa zwingt er den Kon, eine bereits geladene Karten wieder in den ungeladenen Zustand zu befördern, wodurch die Karte zunächst inaktiv wird. Der Runner profitiert zudem auch, wenn der Kon unter negativer Publicity leidet. Ein Angriff eines solchen Konzern wird mit zusätzlichen Credits belohnt. Offenbar hat der Runner einen potenten Geldgeber gefunden, der seine Aktivitäten unterstützt. Ebenso hilfreich kann ein Enthüllen verdeckter Karten sein. Bestimmte Aktionen erlaube es dem Runner, sich eine verdeckte Karte im System des Konz anzusehen.

Harte Bandagen im Kampf um die Macht

Beide Parteien kämpfen mit anderen Waffen, dennoch ist das Spiel gut ausbalanciert. So entscheidet die richtige Taktik, eine kluge Zusammenstellung des Decks und natürlich auch etwas Glück über den Ausgang einer Partie. Für ein Match braucht ihr zwischen 30 und 60 Minuten. Das Grundspiel schlägt euch für den Start eine bestimmte Zusammenstellung des Decks vor. Mit etwas Spielerfahrung könnt ihr dann aber natürlich auch eure eigenen Decks zusammenstellen. Das Startpaket kostet zwischen 35€ und 40€. Wenn ihr mögt, könnt ihr eure Kartensammlung fast nach Belieben erweitern. Im Handel findet ihr inzwischen etliche Erweiterungen, mit denen ihr das Spiel ergänzen könnt.

gut balanciert
tolle Optik
taktisch anspruchsvoll
Kon und Runner spielen sich sehr unterschiedlich
Erweiterbarkeit
easy to learn, hard to master
macht süchtig
einmal angefixt, kann es ins Geld gehen

Sebastian Hamers

Android Netrunner ist zwar nicht das erste Living Card Game, gab dem Genre jedoch einen mächtigen Schub. Nicht ohne Grund wird das mittlerweile fast sechs Jahre alte Spiel bis heute gepflegt und erweitert. Vorerst reicht die Grundbox aber völlig aus, um viele Stunden im Android-Universum zu verbringen. Die Gefahr durch das Basispaket angefixt zu werden, ist allerdings groß. Android Netrunner ist taktisch anspruchsvoll und lädt schon mit den rund 250 Karten des Grundspiels dazu ein, immer neue Deck-Varianten auszuprobieren. Außerdem spielen sich Kon und Runner ziemlich verschieden, durch den Tausch der Rollen bekommt ihr ein ganz neues Spielgefühl. Mit Android Netrunner bekommt ihr ein spannendes und taktisch forderndes Spiel für zwei Personen, das durch die Option auf viele Erweiterungen das Zeug zum Dauerbrenner hat. Nachdem ich nun einige Stunden in das Spiel gesteckt habe, bin ich jetzt neugierig auf das Zusatzmaterial geworden. Angesichts des breiten Angebots befürchte ich das Schlimmste für meinen Geldbeutel.
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