Test: Carson City – The Card Game

Auf den persönlichen Hitlisten vieler Videospieler dürfte im vergangenen Jahr Rockstars Wild-West-Soap-Opera Red Dead Redemption 2 ganz weit oben gestanden haben. Auch wenn das Open-World-Spiel in 2018 ordentlich abgeräumt hat, gehört die Wild-West-Thematik nicht zu den beliebtesten Szenarien der Videospieler. Ganz ähnlich sieht die Situation bei den Brettspielen aus. Spiele, die sich den Wilden Westen als Thema auswählen, sind nach wie vor Mangelware. Carson City – The Card Game stellt einen dieser Vertreter dar, der Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde. Als einflussreicher Westmann versucht ihr die eigene Parzelle innerhalb der Stadt zum Prunkstück von Carson City zu machen.

Der Städteaufbau ist also das Subthema, das sich hinter der Wild-West-Fassade entfaltet. Die einzelnen Ortsbereiche erhaltet ihr über eine Auktion. Das beste Gebot erhält den Zuschlag, die restlichen Spieler picken die liegengelassenen Krümel und versuchen das Beste für ihren Stadtteil herauszuschlagen. Bei der Auktion werden neben den Ortsteilen auch noch besondere Personen angeworben. Sie erhöhen das Ansehen des eigenen Stadtteils und tragen so zum Ruhm des persönlichen Teils von Carson City bei.

3…2…1…meins?

Bei Carson City verfügt jeder Spieler über die gleichen finanziellen Ressourcen. Ihr müsst euer Kapital also klug investieren und die passenden Gebiete für euren Stadtteil über die Auktionen erwerben. Im Spiel müsst ihr allerdings nicht mit Dollar-Scheinen hantieren, sondern lediglich mit neun Auktionskarten unterschiedlicher Wertigkeit. Diese Auktionskarten setzt ihr in jeder Runde neu ein.

Bei Auktionsbeginn liegen, je nach Spielerzahl, zwischen vier und fünf Geländekarten in der offenen Auslage. Hinzu kommt noch eine Personenkarte, mit der dann die Auktion komplettiert wird. Nachdem ihr die Auslage gesichtet habt, kann es jetzt auch sofort in die Auktion gehen. Jeder Spieler legt zunächst verdeckt eine seiner Auktionskarten vor sich auf den Tisch. Haben sich alle Spieler für eine Karte entschieden, werden nun die Gebote aufgedeckt. Der Spieler mit der höchsten Auktionskarte gewinnt und kann sich zuerst für eine der Karten aus der Auslage entscheiden. Entsprechend folgen die Spieler mit ihren Geboten in absteigender Reihenfolge. Am Ende der Auktion hat sich jeder Spieler eine Geländekarte oder die Personenkarte gesichert.

Städtebau im Wilden Westen

Sofern ihr euch in der Auktion für eine Geländekarte entschieden habt, könnt ihr die neu erstandene Karte nun direkt in euren Stadtteil einbauen. Beim Ausbau der Stadt sind euch räumliche Grenzen gesetzt. Jeder Stadtteil darf sich bei Spielende auf maximal 8×8 Parzellen aufteilen. Dabei ist zu beachten, dass sich jede Geländekarte bereits in 2×2 Parzellen aufteilt. Dieses Ausdehnungsmaximum sollte der geschickte Städteplaner stets im Auge behalten.

Im Folgenden hält Carson City -The Card Game eine Menge Mathematik für euch bereit. Wofür es letztendlich Siegpunkte gibt, hängt von vielen Faktoren ab. Häufig gibt es Punkte für bestimmte Gebäude in der Stadt, abhängig von einem weiteren Faktor. Baut ihr etwa eine Mine in die Stadt, erhaltet ihr für sie nur Siegpunkte, wenn sich rund um die Mine auch ein paar Berge befinden. Für eine Ranch gibt es hingegen Siegpunkte für jede unbebaute Parzelle in der Nachbarschaft. Es reicht also nicht aus, möglichst wertvolle Gebäude in die Stadt zu pflanzen, sondern müsst auch für die passende Infrastruktur sorgen.

Wohnhäuser sind zum Beispiel ein wichtiger und flexibler Faktor im Spiel. Sie bringen euch Punkte ein, wenn ihr Banken, Drugstores, Saloons, General Stores oder auch ein Rathaus errichtet. Häufig ist eine unmittelbare Nachbarschaft zu einem Gebäude notwendig, um Siegpunkte zu kassieren. Es gibt aber auch Gebäude, die einen größeren Abstand erlauben. Um die optimale Punktausbeute aus eurer Stadt herauszuquetschen, werden also eher eure Köpfe zum Rauchen gebracht als eure Colts.

Ein neuer Sheriff ist in der Stadt

Die meisten Geländekarten enthalten positive Effekte für eure Stadt und bringen euch Siegpunkte ein. Mit den Outlaws kommt aber auch ein Element ins Spiel, das negative Konsequenzen für den Stadtteil mit sich bringt. Wer will schließlich schon eine Bande mit Banditen vor seiner Haustür haben? Sollten sich Outlaws in das eigene Gebiet von Carson City verschlagen haben, müsst ihr mit Punktabzug rechnen. Abhilfe kann hier lediglich ein Gefängnis schaffen oder aber der Sheriff, den ihr als Personenkarte über die Auktion anwerben könnt.

Die Gefahr durch die Banditen könnt ihr also notfalls noch umschiffen. Andere Baufehler lassen sich hingegen nur noch sehr schwer wieder geradebiegen. Es gibt zwar die Möglichkeit, bestehende Gebäude wieder zu überbauen, die Optionen sind jedoch sehr limitiert. Freie Flächen etwa stellen kein Problem dar. Einzelne Freiflächen könnt ihr mit jedem anderen Gebäude überbauen. Weiterhin dürft ihr identische Strukturen überbauen. Ihr könnt also problemlos ein Wohnhaus durch ein anderes Wohnhaus ersetzen. Auf diese Weise schließt ihr vielleicht so manche Lücke in eurer Stadtstruktur, die sonst möglicherweise offengeblieben wäre. Der Städtebau in Carson City kann so zu einer recht komplexen Angelegenheit werden.

Personenkult in Carson City

Noch ein Stück komplexer wird der Städtebau durch die Personen, die ihr für Carson City anwerben könnt. Dem Spiel liegen insgesamt 21 Personenkarten bei, jede Person verfügt über eine individuelle Fähigkeit. Manche Personen bringen euch einen einmaligen Effekt, andere Personen könnt ihr sogar mehrfach im Spielverlauf einsetzen. Viele Personen bringen euch Siegpunkte ein, abhängig von der Zahl bestimmter Gebäude in der Stadt. Wer zum Beispiel über zahlreiche Drugstores in seinem Stadtteil verfügt, sollte sich vielleicht die Dienste der Krämerin sichern. Eine Sängerin kann hingegen eine lohnende Investition für Saloon-Besitzer sein.

Einige Personen bringen euch keine Siegpunkte ein, helfen euch dafür jedoch bei den Auktionen, indem sie den Wert der gespielten Auktionskarte erhöhen. Auch diese Fähigkeit kann natürlich sehr hilfreich sein. Wenn ihr euch unbedingt den Besitz einer bestimmten Geländekarte sichern wollt, kann so eine Person ein wertvolles Ass im Ärmel darstellen.

Dummy-Bürgermeister

Die Auktionen sind ein zentrales Element von Carson City – The Card Game. Über die Versteigerungen sichert ihr euch die Karten, die am besten zu eurer Stadt passen. Im Kartenset sind allerdings nicht alle Karten gleich wertvoll. Es gibt beispielsweise auch Geländekarten, die nur aus freien Flächen bestehen. Sie sind potentiell deutlich weniger wert als etwa eine Geländekarte mit drei Gebäuden. Wenn ihr Carson City nur zu zweit spielt, würde also vermutlich oft jeder Spieler eine sehr wertvolle Karte bei der Auktion bekommen.

Eigentlich ist Carson City für vier oder mehr Spieler ausgelegt, damit die Auktionen immer spannend bleiben. Deshalb müsst ihr das Spiel mit virtuellen Spielern aufstocken, wenn ihr mit zwei oder drei Spielern antretet. Die Regeln für die Steuerung der Spieler sind aber zum Glück recht einfach. Im Grunde schmeißen die Dummy-Spieler nur jede Runde eine zufällige Auktionskarte ab und kaufen dabei stets die wertvollste Karte, die noch verfügbar ist. Eine eigene Stadt müsst ihr für die Dummys nicht erstellen.

Eine Partie Carson City – The Card Game verläuft über genau 18 Runden. Der Stapel mit den neun Auktionskarten wird dabei zweimal durchgespielt. Jeder Durchlauf des Stapels stellt dabei eine eigene Epoche im Spiel dar. In jeder Epoche greift ihr auch auf ein eigenes Set mit Geländekarten zurück. So stehen euch im zweiten Durchlauf nochmals andere Möglichkeiten des Städtebaus zur Verfügung. Eine Partie dauert zwischen 30 und 45 Minuten. Das Spiel ist ab sofort erhältlich und kostet ungefähr 20€.

Wild-West-Thema
kompaktes Regelwerk
lädt zum Tüfteln ein
für 1-6 Spieler geeignet
erfordert Dummy-Spieler bei kleinerer Spielerzahl
kompliziertes Zusammenzählen der Punkte

Sebastian Hamers

Der Wilde Westen wird als Szenario leider viel zu selten von den Spielemachern aufgegriffen. Dabei bietet das Thema doch eigentlich genug Stoff für viele spannende Geschichten. In Carson City – The Card Game wird das Thema mit einem Städtebauanstrich sowie einer Auktionsmechanik kombiniert. Das Spiel ist ziemlich kopflastig ausgefallen und spricht den Tüftler in euch an. Die Möglichkeiten der Optimierung sind zahlreich. Habt ihr ein paar echte Grübler in der Runde, kann Carson City zum Geduldsspiel werden. Wenn ihr aber Freude daran habt, das Optimum aus euren Möglichkeiten rauszuholen, dann ist Carson City – The Card Game euer Spiel. Auf dem Wertungsblock müsst ihr mehr als ein Dutzend Faktoren zusammenrechnen, um den Gesamtscore herauszufinden. Angesichts dieser Komplexität sind die Regeln dafür ziemlich kurz und leicht ausgefallen. Vieles erklärt sich in der Tat fast von alleine. Die Schwierigkeit von Carson City liegt mehr darin, in seinem Stadtteil die Übersicht zu behalten und die richtigen Schlüsse für die Auktion zu ziehen. Carson City -The Card Game ist ein leicht zu lernendes und dennoch anspruchsvolles Spiel, das sich an Tüftler und Optimierungskünstler richtet.
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