Test: Detective – Ein Krimi-Brettspiel

Detective: Die Brettspiel-Geschichte in Krimiform im Test

Ist das überhaupt noch ein Brettspiel? Viele moderne Vertreter des analogen Spiels haben alte Zöpfe abgeschnitten. Statt einer Spielmechanik steht für sie die Geschichte im Mittelpunkt des Geschehens. Der polnische Brettspiel-Verlag Portal Games hat sich diese Form des Spielens auf seine Fahnen geschrieben. „Board Games that tell stories“, so lautet das Motto des Verlags. In dieser Tradition steht auch ihr neues Werk Detective: Ein Krimi-Brettspiel. In einem modernen Detektiv-Abenteuer erfahrt ihr nicht nur, wie die Grenzen zwischen Brett- und Videospiel, sondern auch zwischen Realität und Fiktion zerfließen.

Als Schauplatz der Ereignisse hat sich Detective keine fantastische Welt ausgewählt, sondern siedelt sich im neuzeitlichen irdischen Geschehen an. Ihr seid Mitarbeiter von Antares, der technisch modernsten Ermittlungsbehörde des FBI. Im Paket enthalten sind fünf mysteriöse Fälle, die euch nacheinander aufgetischt werden. Die zunächst scheinbar zusammenhanglosen Verbrechen entpuppen sich im Spielverlauf als groß angelegter Plot. Um den Rätseln auf die Spur zu kommen, müsst ihr gut zusammenarbeiten und sämtliche Register ziehen, um die nötigen Informationen zu beschaffen.

Ein Team von Spezialisten

In Detective könnt ihr mit bis zu fünf Ermittlern gleichzeitig und kooperativ an einem Fall arbeiten. Dazu wählt sich jeder Spieler ein Alter Ego, von denen jeder ein eigenes Profil aufweist und über spezielle Sonderfähigkeiten verfügt. Jeder Charakter bringt neben seiner Spezialfähigkeit auch noch einige Marker mit ins Spiel, die ihr im Spielverlauf gegen bestimmte Boni einsetzen könnt. Wenn ihr mit weniger als fünf Detektiven agiert, erhaltet ihr ein paar externe Experten als Kontakte. Ihr könnt die Drähte zu euren Kontakten glühen lassen. Auf diesem Weg erhaltet ihr Marker zurück, die euch durch die geringe Zahl an Mitspielern verloren gehen.

 

Wie bereits einleitend erwähnt, ist Detective kein Brettspiel im ganz klassischen Sinn. Ein richtiges Spielbrett bringt Detective aber dennoch mit. Dort findet ihr die verschiedenen Schauplätze, die ihr während eurer Recherchen abklappert. Viele dieser Orte werdet ihr regelmäßig ansteuern, wie in einem guten ARD-Tatort. So findet ihr euch regelmäßig im Polizeirevier von Richmond wieder, genauso wie im Labor, im Gerichtsgebäude oder im Antares Hauptquartier.

Wir haben doch keine Zeit

Leider liegen die wichtigen Schauplätze in der Stadt ziemlich verstreut. Das bringt uns schon gleich zu einem großen Problem. Jeder Ortswechsel bedeutet einen Zeitverlust… und Zeit ist genau das, was wir nicht haben. Bei Antares sind die Dienstzeiten zwischen 08:00 und 16:00 zwar nicht in Stein gemeißelt, doch endlos Überstunden kloppen ist auch keine Option. Für jede Überstunde sammelt das Detektiv-Team Stressmarker, die sich am Spielende negativ auf das Gesamtergebnis auswirken.

 

Wenn ihr es mit der Mehrarbeit wirklich übertreibt, kann der Fall sogar noch vor Ablauf der eigentlichen Zeit verloren gehen. Zeit ist eine, wenn nicht sogar die, wichtigste Ressource im Spiel. Ihr benötigt sie nicht nur für das Reisen, sondern für fast jede andere Aktion. Wenn ihr also etwa einen nicht ganz glaubwürdigen Zeugen etwas näher auf den Zahn fühlen möchtet, müsst ihr schon etwas Zeit investieren.

Viele Wege führen zum Ziel

Gesteuert wird Detective hauptsächlich über einen Kartenstapel. Dieser enthält die wichtigen Hinweise und Spuren, die ihr zur Aufklärung des Falls benötigt. Macht euch aber am besten direkt davon frei, alle Karten des Stapels durchackern zu wollen. Dies ist schon allein aufgrund der begrenzten Spielzeit einfach nicht schaffbar. Folglich ist es entscheidend, welcher Spur ihr näher nachgeht und welchen Hinweis ihr als weniger bedeutsam erachtet und deshalb erst einmal liegen lasst.

Ein Problem beim Nachverfolgen einer Spur ist, dass ihr den zeitlichen Aufwand nicht genau abschätzen könnt. Vor dieser Schwierigkeit mögen auch Detektive in der echten Welt stehen, wenn sich der Rechercheaufwand am Ende höher erweist, als zunächst gedacht. Solltet ihr eine Spur tatsächlich verfolgen, müsst ihr zunächst die entsprechende Spurenkarte aus dem Kartenstapel heraussuchen und den Text dann allen Detektiven vorlesen. Dadurch werdet ihr in der Geschichte des Falls wieder ein Stück nach vorne gebracht.

Einsatz moderner Technik

Oft könnt ihr durch die neuen Informationen wieder auf neue Spuren treffen oder aber der Sache noch intensiver nachgehen. Vor euch baut sich so schnell ein ganzer Wald an Informationen auf, den es erstmal im Überblick zu behalten gilt. Wenn ihr die erhaltenen Hinweise nicht auf eine Art verwaltet, verliert ihr schnell den Faden und verirrt euch im Spuren-Dschungel.

Ihr könnt also ruhig schon einmal eure Whiteboards, Pinnwände und Flipcharts ins Spielezimmer rollen. Malt Mind Maps, zeichnet die Beziehungsstrukturen der handelnden Personen nach, macht euch umfangreiche Notizen… am Ende wird sich diese Arbeit sicher auszahlen, wenn es darum geht, den Fall zu lösen. Ja, das kann sich tatsächlich ein wenig wie Arbeit anfühlen, dafür erhöht es die Immersion enorm. Nicht viele Spiele, egal ob in der Video- oder in der Brettspielszene, geben auch dieses Gefühl, so unmittelbar an der Lösung eins Kriminalfalls beteiligt zu sein.

Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen

Dieses Gefühl wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass ihr während des Spiels auch noch Nachforschungen in der realen Welt anstellen müsst. Auf einigen Spurenkarten tauchen Schlagworte auf, etwa eine bestimmte chemische Substanz oder auch berühmte Persönlichkeiten, über die ihr im Internet nähere Details erfahren könnt. Prinzipiell dürft ihr alle Quellen einsetzen, die euch zur Verfügung stehen, um genauere Informationen über einen Einzelfakt herauszufinden. Ihr könnt einen Freund anrufen oder eure verstaubte Brockhaus-Enzyklopädie wieder aus dem Keller holen. Zumeist sind es aber sicher die üblichen Verdächtigen wie Google oder Wikipedia, über die ihr euch die nötigen Informationen beschafft.

Hinzu kommt auch noch die mächtige Antares-Datenbank. Dabei handelt es sich um eine eigens für Detective erstellte Website. Über das Web-Interface könnt ihr tief in den Archiven von Antares weitere Nachforschungen anstellen. Dort findet ihr alte Akten über Verdächtige, könnt Zeugenaussagen durchstöbern oder auch Verhörprotokolle. Aus der Antares-Datenbank lässt sich ziemlich viel rausholen. Sie ist ein weiteres wichtiges Puzzleteil, das ihr bei der Auflösung des Falls in jedem Fall benötigt.

Fünf Ermittler – ein Fall

Mit technischen Gimmicks allein werdet ihr den Fall aber natürlich nicht lösen. Die mächtigste Waffe im Kampf gegen das Verbrechen seid ihr selbst mit eurem scharfen Verstand. Dabei geht ihr stets gemeinsam vor. Alleingänge einzelner Akteure sind nicht vorgesehen, als Team bleibt ihr immer zusammen und tragt euren Teil zum Gelingen bei. Phasen der Inaktivität bleiben euch somit erspart.

Dennoch verfügt jeder Ermittler über ganz spezielle Fähigkeiten, die euch an bestimmten Stellen im Spiel weiterhelfen. Meist geht es dabei um das Management der verschiedenen Ressourcenmarker. Für bestimmte Aktionen müsst ihr passende Marker opfern, die dann für den Rest des Falls verloren sind. Recherche-Marker etwa erlauben das Durchstöbern von alten Archiven und Dokumenten, Vernehmung-Marker führen zu einer besonders effektiven Durchführung eines Verhörs, während ihr mit Technologie-Markern Zugriff auf moderne Technik erhaltet, um zusätzliche Informationen zu akquirieren.

Die Stunde der Wahrheit

Je nach Fall steht euch eine begrenzte Ermittlungszeit zur Verfügung. Am letzten Tag fällt um 16:00 endgültig der Vorhang. Jetzt müsst ihr euch einmal mehr in die Datenbank von Antares einloggen, um dort den Abschlussbericht zu verfassen. Euch liegt ein Fragebogen vor, den ihr nun beantworten müsst. Der Bogen ist dabei in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil werden euch Fragen gestellt, die direkt mit dem vorliegenden Fall verknüpft sind. Der zweite Teil zielt hingegen auf die Handlung der Gesamtkampagne ab. Im Verlauf eines Falles stolpert ihr immer mal wieder über Segmente, die mit dem aktuellen Vorfall scheinbar wenig gemein haben, aber für die Aufklärung des großen Ganzen von Bedeutung sind.

Habt ihr den Fragebogen komplett ausgefüllt, erhaltet ihr auch noch euren Punktestand. Je mehr Fragen ihr korrekt beantworten konntet, desto höher fällt der Score aus. Für falsch beantwortete Fragen gibt es ebenso Punktabzüge wie für gesammelte Stressplättchen. Für die Abwicklung eines Szenarios solltet ihr auf jeden Fall genügend Zeit einplanen. Schnell vergehen mal drei Stunden und mehr. So wird Detective zu einem abendfüllenden Programm.

Detective: Ein Krimi-Brettspiel lässt sich theoretisch auch als Solo-Ermittler spielen, am meisten Spaß macht das Spiel aber als Gruppenerlebnis. Bis zu fünf Ermittler können bei der Lösung des Falls mithelfen. Das Brettspiel steht ab sofort im Handel und kostet etwa 40€.

fünf Kriminalfälle
kooperative Spielweise
lässt Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen
lässt den Spieler tief in die Geschichte eintauchen
Geschichte steht im Vordergrund
geringer Wiederspielwert
sehr textlastig

Sebastian Hamers

Wenn ihr den Begriff „Brettspiel“ im Duden nachschlagt, dann findet ihr unter dem Schlagwort ganz sicher kein Bild von Detective. Das Spiel aus dem Hause Portal Games bricht mit vielen Traditionen und fühlt sich spielerisch ganz anders an. Es gibt nicht sonderlich viele Detailregeln und selbst spielmechanisch passiert im Spielverlauf nicht ganz so viel. Im Zentrum des Spiels steht tatsächlich der erzählerische Aspekt und die damit verbundene hohe Immersion. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität werden immer wieder durchbrochen. Wenn ihr in einem Fall dadurch auf die richtige Fährte gelangt, dass ihr im Internet Details über eine chemische Substanz herausfindet, dann ist das schon ein Erlebnis der besonderen Art. Ähnliche Erfolgsgefühle können beim Durchstöbern der Antares-Datenbank entstehen. Es sind dabei aber nicht nur die technischen Hilfsmittel, die bei der Aufklärung des Verbrechens hilfreich sind. Mindestens ebenso wichtig sind eure persönlichen Aufzeichnungen, Notizen und Mind Maps. Das Gesamtpaket lässt euch ganz tief in die Geschichte von Detective eintauchen. Selten war ich so tief in der Story eines Brettspiels gefangen. Allerdings müsst ihr euch auch darauf einlassen, in die Detektiv-Rolle einzutauchen. Es erfordert viel Konzentration und Aufmerksamkeit, um den Fall erfolgreich abzuschließen. Zudem steht ihr vor einer riesigen Wand aus Text und Informationen. Ständig erhaltet ihr neue Geschichten, die ihr erst einmal filtern müsst. Unwichtiges muss von Wesentlichem getrennt werden. Ebenso wird es euch nicht erspart bleiben, eure Fortschritte in irgendeiner Form zu dokumentieren. Sonst verliert ihr schon bald den Überblick in einem Dschungel aus Informationen. All dies gehört zum Leben eines Ermittlers dazu und ist Teil des Erlebnisses. Wenn ihr euch darauf einlassen könnt, erhaltet ihr mit Detective ein intensives Spielerlebnis, das in dieser Form bislang wohl einzigartig ist.
Test: 13 Tage - Die Kubakrise 1962 Test: A Fisherman's Tale
Comments