Test: Detroit Become Human

Test Detroit Become Human

Detroit Become Human kommt als Nachfolger von Fahrenheit, Heavy Rain und Beyond Two Souls. Sie alle waren Meilensteine in der Geschichte der Videospiele. Kein Spiel hatte je zuvor eine so gut inszenierte Story wie die großen Drei. Schon das Tutorial von Fahrenheit, welches die interaktive Steuerung erklärt, zeigte den filmischen Charakter der speziellen Reihe. Quantic Dream möchte Geschichten erzählen. Das wichtigste dabei sind Emotionen und Entscheidungsfreiheiten. Diesen Weg schlägt auch das neueste Projekt der Firma ein, doch dieses Mal haben sie sich wirklich selbst übertroffen.

Katharsis

Test Detroit Become Human

Detroit Become Human entführt uns in eine dystopische Zukunftsvision. Meldungen über den Klimawandel und steigende Arbeitslosigkeit dominieren die Nachrichten. Außerdem scheint ein Dritter Weltkrieg nicht weit entfernt. Trotzdem schwelgen die meisten Menschen im materialistischen Überfluss. Dies liegt nicht zuletzt an den Androiden, welche als kräftige, intelligente und schmerzfreie Sklaven die Drecksarbeit machen.

Vom reichen Künstler bis zum depressiven Junkie besitzt jeder einen. So wie das Smartphone feiert auch der Android seinen Siegeszug in den Alltag. Doch plötzlich scheint sich etwas zu verändern. Diese ersten Maschinen, welche mehr Rechenleistung haben als das menschliche Gehirn, beginnen sich ihrer Existenz bewusst zu werden. Der Spieler schlüpft in die Rolle von drei dieser Androiden. Durch sie kann er Einfluss auf den Verlauf der Geschichte nehmen.

Deshalb ist es sehr schwer, die Geschichte an sich zu bewerten. Bei einer Betrachtung der einzelnen zu spielenden Episoden wird jedoch klar, wie viel Mühe allein ins Storytelling gesteckt wurde. Beim Spielen fühlt ihr euch wie beim Schauen einer sehr guten Serie. Nur, dass ihr durch das Gameplay noch mehr in die Geschichte gesogen werdet und ihr etwas verändern könnt, wenn es euch nicht passt.

Natürlich gibt es einige typische David Cage Momente im Storyverlauf. Spieler von Vorgängern werden kleine Parallelen erkennen. Doch egal wie ihr spielt und welches Ende eine Episode nimmt, niemals habt ihr das Gefühl etwas zu verpassen oder dass die Geschichte abgehackt verläuft. Selbst die divergentesten Entscheidungen führen noch zu einem runden Spielerlebnis.

Ästhetik

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Auch wenn es sehr oberflächlich klingt, hat die Grafik hier einen großen Einfluss auf den Spielspaß. Weder die PS4, noch die PS4 Pro bieten die vollen 60fps. Jedoch verfügt die Pro über eine 4k-Auflösung und ein besseres Rendering des volumetrischen Lichts. Die vergleichsweise geringe Framerate tut dem Spielspaß aber keinen Abbruch. Detroit ist kein Action Spiel. Natürlich gibt es einige energiegeladene Situationen, in denen eine schnelle Entscheidung Vorteile bringt, jedoch müsst ihr beispielsweise nie selbst zielen, wenn ihr schießt.

Worauf es wirklich ankommt, sind die plastisch animierten Gesichter mit realistischen Augen- und Muskelbewegungen. Nicht anders als bei einem guten Schauspieler wird hier jedes kleinste Fünkchen Emotion so klar wie möglich rübergebracht. So bleibt ihr immer Teil des Geschehens und kann mit den Charakteren mitfühlen. Es gibt sogar eine Situation, bei der ihr nur anhand der Mimik den Schuldigen aus drei Verdächtigen herausfinden könnt.

Die Kritikpunkte in diesem Bereich beschränken sich auf die Framerate. Alle anderen Kategorien sind perfekt austariert. Der Soundtrack fügt sich ins Geschehen ein und passt sich der Situation an. Die Inszenierung bietet durch verschiedenste Kameraperspektiven und andere Stilmitteln immer einen nachvollziehbaren Überblick mit teilweise emotionaler Wirkung. Und das zuvor erwähnte volumetrische Rendering taucht jeden Level in ein einzigartiges Licht.

Autarkie

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Der entscheidende Unterschied zu Fahrenheit und Co. liegt in der nie zuvor dagewesenen Menge an Entscheidungsmöglichkeiten. Natürlich war die Freiheit schon immer das größte Verkaufsargument von Quantic Dream. Jedoch hatten sie diese Idee noch nie in einem solchen Ausmaße umgesetzt. Bei den vorigen Teilen hatte man manchmal das Gefühl, entweder genau zu wissen, was welche Entscheidung bringt, oder sowieso keinen Einfluss nehmen zu können. Bei Detroit ist dem nicht so.

Zu Beginn werden euch eigentlich nur die Charaktere vorgestellt und ihr werdet mit der Steuerung und der Umwelt vertraut gemacht. Es gibt kaum etwas zu tun, bei dem ihr selbst entscheiden könnt. Doch dieser Umstand sorgt dafür, dass ihr euch ein Bild von den drei Androiden macht. Ihr versucht euch vorzustellen, wie sie handeln würden und versucht dann, ihrem Vorbild zu folgen. Oder ihr schaut euch die Welt im Jahre 2038 an und versucht, sie irgendwie zu verändern.

Egal wofür ihr euch entscheidet, ihr werdet mit der Zeit mit immer mehr, immer schwierigeren Entscheidungen konfrontiert. Wie im echten Leben ist es kaum möglich, alle Folgen überblicken zu können. Außerdem lüften sich manchmal Geheimnisse, welche den zuvor verfolgten Plan plötzlich sinnlos erscheinen lassen.

Dazu kommt noch die Sterblichkeit der Charaktere. Wenn einer der Androiden aufgrund der eigenen Handlungen stirbt, dann ist er weg. Die Geschichte geht einfach ohne diesen Charakter weiter. Anders als bei den Vorgängern ist dieses Spielelement extrem ausgereizt. Das sorgt für eine permanente Angst in brenzligen Situationen und lässt euch manchmal unmoralische Entscheidungen dem eigenen Tod vorziehen. Das gilt jedoch nicht nur für Dialoge. Auch in actiongeladenen Sequenzen, wie einem Kampf oder einer Flucht, habt ihr häufig mehr als zwei Möglichkeiten, zwischen denen ihr wählen könnt.

Sympathie

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Jedoch gibt es auch viele Nebencharaktere, die einem über die Zeit ans Herz wachsen. Jeder der drei Androiden hat ein stetig größer werdendes Repertoire an Fraktionen und Charakteren, welche seine Taten bewerten. Welche Beziehungen ihr zu den verschiedenen Personen aufbaut, ist abhängig von den eigenen Taten. Sobald eine Entscheidung getroffen wird, zeigt eine kleine Nachricht rechts oben im Bild wie sich dadurch die Beziehungen verändern.

Der Status der Beziehung hat wiederum Einfluss auf die Story. Denn je nachdem wie sehr dich die anderen Figuren mögen, verhalten sie sich anders. Das ermöglicht, verschiedene Wege in der Story zu gehen. Gleichzeitig geraten auch die anderen Figuren immer wieder in lebensgefährliche Situationen, die schnelles Handeln erfordern.

Ihr müsst also ständig den Spagat zwischen Moral und Sicherheit finden. Dabei führen moralisch richtige Taten nicht immer zu einem guten Ausgang. Die Folgen jeder Entscheidung sind nachvollziehbar, wenn auch nicht voraussehbar. Ihr fühlt euch nie vom Spiel betrogen. Alle Fehler, die Ihr gemacht hat, kommen von euch selbst. Ihr werdet euch dem bewusst und verspürt Reue. Oder Ihr seid euch im Klaren, dass sie ein notwendiges Übel waren.

Transzendenz

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All diese großen Eigenschaften werden von den Kleinigkeiten unterstützt. So ist das Menü selbst eine KI, welche euch häufiger Fragen stellt oder euch etwas mitteilt. Auf die gestellten Fragen könnt ihr auch antworten. Ihr steht also tatsächlich in einer Beziehung zu dem Spiel, über die Ihr euch mit ihm austauschen könnt.

Weitere Beispiele sind kleine Entscheidungen mit einem erinnerungswürdigen Einfluss. So könnt ihr zu einem bestimmten Zeitpunkt die Kleidung für einen Freund auswählen. Diese trägt er dann den Rest der Geschichte. Das hat zwar keinen Einfluss auf das Spielgeschehen, erinnert aber trotzdem immer wieder daran, dass ihr einen stetigen Einfluss auf die Spielwelt habt.

All das wirkt zusammen in einem einzigartigen Spielerlebnis. Schade ist nur, dass man nach jeder Sequenz genau sieht, welche Entscheidungen, welche Folgen gebracht hat. Natürlich ist die Übersicht eine gute Idee, so könnt einfach in bestimmten Situationen wieder einsteigen und die Mission noch mal anders spielen, wenn ihr sehen wollt, was dann passiert. Doch nimmt es ein wenig die Illusion, wenn man direkt nach der Episode sieht, wie viele Möglichkeiten es gab.

Das sollte aber nicht falsch verstanden werden. Zum einen empfehlen die Entwickler, beim ersten Durchspielen nicht neu zu laden. Nur so könnt ihr euer einzigartiges Spielerlebnis bekommen. Zum anderen handelt es sich nicht wirklich um eine Illusion. Es gibt einfach sehr viele Möglichkeiten. Jedoch reicht einfach das Bild einer wohlstrukturierten Übersicht, um die Immersion des Spiels nach jeder Episode kurz abzuschwächen.

Grafik und Sound auf dem höchsten Niveau
Mitreißendes Storytelling und Dialoge
Extrem viele, einflussreiche Entscheidungen
Hoher Wiederspielwert
Überblick nach jedem Level
Typische David Cage Momente

Giacomo Wiesenberg

Detroit Become Human ist kein Spiel für jedermann, doch wer diese Form von Gameplay mag, findet hier die Krönung der Schöpfung. Wer sich als Neueinsteiger im narrativen Videospiel probieren möchte, sollte sich nicht vom etwas drögen Beginn abschrecken lassen. Kein so großes Spiel hatte je zuvor eine so stark veränderbare Story. Es geht nicht einfach nur um Ja-Nein-Entscheidungen. Jeder Schritt, den man durch das futuristische Detroit geht, kann Folgen haben. Alle Entscheidungen und Wege, die man einschlägt, ergeben ein Geflecht aus sich beeinflussenden Polen, welches kaum zu überblicken ist. So hat Quantic Dream mal wieder neue Maßstäbe für das Genre festgelegt.
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