Test: Fallout 4

Fallout 4 Review thumbMit letzter Kraft rette ich mich in den Fahrstuhl, der mich unter die Erdoberfläche bringt. Langsam beginnen wir nach unten zu sinken, während über unseren Köpfen ein Licht den Himmel erhellt. Der Mann neben mir (fein gekleidet mit Hut, Schlips und einem Lächeln) klopft mir auf die Schulter. „Na, ist das etwa ihre erste nukleare Apokalypse?“ Leicht beschämt meide ich den Augenkontakt, schaue unsicher auf den Boden und beginne zu stottern: „K-k-könnt schon sein… vielleicht.“ „Keine Sorge“, beruhigt er mich mit sanfter Stimme, „sie werden eine Menge Spaß haben.“

Uranium Fever has done and got me down

Zu meiner Schande ist es wirklich wahr, dass Fallout 4 der erste Teil der so unendlich beliebten Reihe ist, den ich selbst spielen durfte. Zwar habe ich in der Vergangenheit schon mal Hand an andere Bethesda-Rollenspiele gelegt, richtig gekickt haben mich diese allerdings nie. Skyrim lag beispielsweise nach guten 12 Stunden in der Ecke und wurde seitdem nicht mehr von mir berührt.

Dementsprechend nervös machte ich mich an den Test zum wohl meistgehyptesten Spiel des Jahres. Schon nach einigen Minuten war diese leichte Sorge aber schon verflogen. Spätestens nachdem ich mich in einer Power Rüstung wiederfand und zum treibenden Refrain von Uranium Fever eine Todeskralle das Zeitliche habe segnen lassen, hatte mich Fallout 4 voll und ganz gepackt.

Fallout 4 Test 4Aber beginnen wir am Anfang. In Fallout 4 spielt ihr einen Familienvater oder eine Mutter aus dem späten 21. Jahrhundert. Smarterweise habt ihr immer brav euer Geld an eure nukleare Versicherung Vault-Tech gelöhnt, was euch einen Platz im örtlichen Vault 111 sicherte. Als dann wirklich die nukleare Apokalypse auszubrechen droht, schafft ihr es noch mit letzter Kraft euch in den rettenden Bunker zu schleppen.

Danach geht es schnell in die nächste Kryo-Kapsel, in der ihr die nächsten 200 Jahre verbringt, nur um bei eurem Erwachen festzustellen, dass sich eure bessere Hälfte gerade von Unbekannten eine tödliche Kugel einfängt und euer Sohn entführt wird. Das ist nicht nur ziemlich blöd, sondern auch die Ausgangssituation der Hauptstory von Fallout 4.

Viel mehr wollen wir euch auch gar nicht über die eigentliche Story erzählen, wie es zu dem Unglück kam sollt ihr schon alles schön selbst herausfinden. Was wir allerdings festhalten sollten ist, dass die Story dann doch mehr Beschäftigungstherapie darstellt als eine wirklich spannende Geschichte, deren Auflösung man gar nicht mehr abwarten kann.Fallout 4 Test 10

Nur weil das Spiel möchte, dass wir traurig um den verlorenen Sohn sind, ist das noch lange nicht der Fall und neben der problematischen Empathie zu den Charakteren fehlt außerdem ein packendes Pacing. Zu oft dümpelt die Story einfach nur vor sich hin. Es kommt nicht selten vor, dass unser Sohn bei den ganzen anderen Aktivitäten in Fallout 4 einfach in Vergessenheit gerät, so dringend war es dann also doch nicht.

Das soll allerdings nicht bedeuten, dass die Geschichte von Fallout 4 keinen Spaß macht. Im Gegenteil, die vielen kreativen Ideen des Plots werden euch immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Allein das Schwanken der Hauptstory zwischen bitterem Film Noir, Einsiedlerdrama und klassischer Science Fiction ist schon mehr als cool und gelungen, nur an der Präsentation hapert es leider. Dialoge zwischen Charakteren beschränken sich beispielsweise auf einfachste Kameraeinstellungen, Schnitt/Gegenschnitt ist auf die Dauer von 40 oder gar 100 Stunden einfach nur langweilig, ermüdend und im Jahr 2015 fast schon nicht mehr vertretbar.Fallout 4 Test 2

Jeder Anfang ist schwer

Ähnliches gilt für den Einstieg in das eigentliche Spielgeschehen: Nach einem tollen Anfang, in dem der Spieler ganz organisch sein Aussehen und seine Charaktereigenschaften festlegen kann, wirft Bethesda den Spieler in seine gewaltige Welt und lässt ihn erst einmal auf sich allein gestellt. Zwar gibt es in der Ecke ab und an kleinere Tutorialmeldungen, wirklich gut eingeführt wird man in das Spiel allerdings nicht.

Das mag bei simplen Shootern kein Problem darstellen, Fallout 4 ist aber so gigantisch, dass gerade neue Spieler von den unendlichen Möglichkeiten nahezu erschlagen werden. Hier hätte ich mir gewünscht, dass Fallout mich mehr an die Hand nimmt und mir seine Mechaniken zeigt, denn auch Neueinsteiger der Serie wollen sich durch das zerbombte Boston schlagen.

 

Fallout 4_20151103155703

Hat man sich dann erst einmal einigermaßen in den Wastelands des Commonwealths zurechtgefunden, wird es Zeit seine eigene Basis aufzubauen. Fallout 4 gibt euch nämlich den Zugriff auf einen mächtigen Editor, mit dem ihr eine ganze Menge bauen könnt. Es ist eine Freude euer eigenes kleines Schlupfloch zu basteln und auch verteidigungstechnisch vor Plünderern abzusichern.

Nahezu alles was ihr im Spiel gesehen oder gefunden habt, könnt ihr nachbauen oder einfach zur Dekoration verwenden, um euch heimisch zu fühlen. Eine tolle Neuerung, in der einige Spieler wohl den Großteil ihrer Zeit versenken werden. Zusätzlich lassen sich eure Waffen nun auf jede erdenkliche Weise modifizieren, natürlich vorausgesetzt ihr seid richtig geskillt.

Andere machen sich da lieber auf, um das Ödland nach spannenden Geschichten und neuen Abenteuern zu durchstreifen. Und „Oh Boy“, gibt es da viel zu entdecken: An jeder Ecke passiert etwas, findet sich eine neue Quest oder versteckt sich ein legendärer Gegner, den ihr selbst nach 30 Stunden Spielzeit noch nicht zu Gesicht bekommen habt. Hier hat sich Bethesda wirklich selbst übertroffen, die offene Welt von Fallout 4 ist brillant. Es fühlt sich wirklich so an als wäre jeder Baum, jeder Strauch und jeder kleine Bach von Hand auf seinen Platz gesetzt worden, nie kam es mir so vor als wäre eine Umgebung zufallsgeneriert worden.

Befindet man sich eigentlich nur auf dem Weg zu einer Hauptquest, wird man schon nach einigen Schritten von irgendetwas Interessanterem abgelenkt werden und dann für unbestimmte Zeit einem anderen Mysterium auf den Grund gehen. Nebenbei lasst ihr vielleicht das Diamond City Radio laufen und die wunderbare Atmosphäre von Boston auf euch einwirken. Um wirklich alles in Fallout 4 zu erledigen, werdet ihr über Wochen, wenn nicht sogar Monate beschäftigt sein, der Umfang des Spiels ist einfach enorm.

Fallout 4 Test 7

Looten und Leveln

Trefft ihr auf eurem Weg auf Überlebende, Plünderer, Mutanten oder gar völlig andere Lebewesen ist es ratsam sich nicht nur auf eure Beine zu verlassen, sondern auch den offenen Kampf zu suchen. Fallout-typisch lassen sich Gegner mit dem V.A.T.S.-System eures Pip Boys genauer ins Visier nehmen, um so auf die einzelnen Körperteile der Widersacher zu zielen.

Anstatt wie in den Vorgängern die Zeit vollständig einzufrieren, wird im neuen V.A.T.S. die Zeit nur verlangsamt, was die Kämpfe sehr dynamisch und spannend macht. Wer nicht auf die taktische Komponente steht, kann Fallout 4 wie gehabt auch einfach als klassischen Shooter spielen. Wie immer lässt Bethesda euch hier alle Freiheiten. An dieser Stelle möchte ich besonders das wunderbare Treffer-Feedback hervorheben, die Schüsse eurer Waffen sind sehr wuchtig ausgefallen und vermitteln die richtige Schwere.

Fallout 4 Test 1Sind eure Feinde dann niedergestreckt, könnt ihr natürlich sofort mit dem Looten beginnen und die gefallenen Gegner ihrer Habseligkeiten erleichtern. Bethesda-typisch lässt sich in Fallout 4 einfach alles mitnehmen. Alles. Seht ihr etwas von Interesse könnt ihr sicher sein es auch mitnehmen zu können. Da es sich von nun an auch tatsächlich lohnt, alles einzustecken was man da draußen so finden kann (jeder Gegenstand lässt sich wiederverwerten), kommt es recht schnell vor, dass eure Taschen sich vollständig füllen und ihr entweder den ganzen Schrott, den ihr gesammelt habt loswerden oder aber über die Vergabe eines Skillpunkts nachdenken müsst, der eure Gesamtbelastung erhöht.

Seid ihr kein Sammler und eure Gesamtbelastung ist euch nun wirklich sowas von egal, dann legt ihr euren hart verdienten Skillpunkt einfach in eine der 69 anderen Fertigkeiten an, die ihr eurer netten Vault-Tec Broschüre entnehmen könnt. Diese reichen von einfachen Schadensboni oder besseren Fähigkeit beim Knacken von Schlössern, bis hin zu Skills wie dem des Ladykillers, der euch leichter Frauen verführen lässt oder etwa dem des Blutigen Tods, mit dem es wahrscheinlicher wird, dass Gegner einfach explodieren wenn ihr sie in die Mangel nehmt. Verskillen könnt ihr euch nicht, dass einzige was ihr falsch machen könnt, ist euch langweilige Fähigkeiten auszusuchen.Fallout 4 Test 5

It’s only the End of the World

Auch wenn, anders als in der Zeitrechnung von Fallout, in unser Welt der Transistor erfunden wurde, ist das Spiel technisch doch sehr durchwachsen ausgefallen. Auf der PlayStation 4 ruckelt das Spiel ab einer größeren Ansammlung von Gegnern enorm und auch sonst kommt es ständig zu kleineren Framerateeinbrüchen. Daran gewöhnt man sich zwar recht schnell,  passieren sollte sowas aber trotzdem nicht.

Ähnliches gilt für die eigentliche Grafik von Fallout 4: Mir ist es unverständlich wie manche Kritiker das Spiel als hübsch bezeichnen können, optisch bewegt man sich nämlich definitiv in der letzten Konsolengeneration. Klar hat das Spiel einen tollen Artstyle – Texturen, Objekte und Charaktere sind aber einfach nur matschig und oftmals unbeholfen animiert. Wer auf den grafischen Messias wartet, tut dies auch nach Fallout 4 noch.

Wo wir schon bei technischen Makeln sind, können wir auch gleich noch die Bugs und Glitches ansprechen, denen ihr definitiv begegnen werdet. Technisch sauber ist Fallout 4 leider nicht, so kann es immer mal vorkommen, dass euer Begleiter (vorzugsweise euer Hund Dogmeat) davon fliegt, die KI der Gegner streikt oder ihr irgendwo hängen bleibt und dann gezwungen seid den letzten Speicherstand zu laden. Aber ihr lernt damit zu Leben und verzeiht Fallout 4 seine wenigen Schwächen, denn im Grunde fühlt ihr euch in dieser völlig zerstörten und nicht glatt gebügelten Welt doch ein wenig zu Hause.Fallout 4 Test 8

 

 

Superber Soundtrack und Score,...
Grandiose Open-World
Es gibt immer was zu tun
Waffen-Crafting
Baumodus lässt euch eure eigene Basis bauen
Wiederverwertbare Gegenstände
Umfangreicher Skilltree
Tolles Waffensystem und dynamischeres V.A.T.S.
Englische Sprachausgabe vorhanden, deutsche Synchro ist gelungen
... der zu wenig neue Songs bietet
Lahme Story
Inszenierung nicht mehr zeitgemäß
Alles andere als einsteigerfreundlich
Veraltete Grafik
Framerate ist nicht stabil
Diverse Bugs und Glitches
Unübersichtliche Menüs

Jonas D.

Gehe ich im echten Leben durch die Straßen, halten meine Adleraugen automatisch Ausschau nach brauchbarem Loot oder verwertbarem Schrott für meine Basis, so sehr hat mich Fallout 4 verschlungen. Denn der große Star des Spiels ist nicht das taktische Kampfsystem, der fantastische Soundtrack oder die vielen kreativen Quests, denen ihr euch in Fallout 4 stellen könnt, vielmehr ist es die tote und zerbombte Region rund um Boston, die Bethesda mit so viel Leben gefüllt hat. Durch die genialen Setpieces und Locations aus Fallout 4 lassen sich ohne Probleme alle postapokalyptischen Filme der nächsten 10 Jahre versorgen. Schade ist dabei, dass die bindende Story hinter diesem Machwerk einfach nur lasch und belanglos erzählt wird, hier herrscht akuter Nachholbedarf seitens Bethesda. Ähnliches gilt für die technische Seite des Mammutspiels, die sich mit fader Grafik und immer wiederkehrenden Rucklern nicht in das beste Licht stellt. Nehmt ihr das alles in Kauf dürfte eurem nuklearen Winter nichts mehr im Wege stehen, auch ich werde mich jetzt erstmal wieder in den Bunker zurückziehen. Wir sehen uns im Frühling!
Test: Sword Art Online - Lost Song Test: Creative Sound BlasterX H5
Comments