Test: For Honor – Marching Fire

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Ehrenhaft zurückgekämpft – Nachdem For Honor im vergangenen Jahr einen etwas holprigen Start hingelegt hat, kommt mit Marching Fire nun das erste große Update für Ubisofts anspruchsvolles Taktik-Geschnetzel. Neue Inhalte – teils kostenlos – sollen vor allem die alteingesessene Spielerschaft mit ordentlich Futter versorgen. Wir haben uns mit den neuen Helden der Wu Lin-Fraktion ausgetobt, in epischen Belagerungsschlachten Feuer über die Gegner regnen lassen und die langersehnten Singleplayer-Gefechte auf Herz und Nieren getestet.

For Honor – Ein gelungenes Service-Game

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Games as a service ist ein Begriff, der aus der Videospielszene aktuell nicht mehr wegzudenken ist. Und das nicht ohne Grund, denn das Konzept dahinter ist schlichtweg genial. Spiele selbst nach Marktreife weiterzuentwickeln und peu à peu zu perfektionieren, gibt den Entwicklern schließlich nicht nur die Möglichkeit, direkt auf Feedback der Community einzugehen, sondern zieht immer wieder neue Spieler an, selbst Monate oder gar Jahre nach der Veröffentlichung eines Spiels. Einziges Problem dabei: Gern wird das pfiffige Geschäftsmodell genutzt, um Videospiele im Rohzustand auf den Markt zu werfen und eigentliche Kernelemente kalkuliert zurückzuhalten. Ubisoft gehört zu den absoluten Vorreitern, wenn es darum geht, ihre Produkte im Nachhinein zu überarbeiten, große Updates zu implementieren und das Spiel am Leben zu halten.

Mit Marching Fire bringt der franko-kanadische Entwickler und Publisher jetzt das beste Beispiel für ein gelungenes Games as a service-Modell. For Honor selbst war zum Release am Valentinstag letzten Jahres bereits ein vollwertiger Titel, krankte jedoch an der enormen Einstiegshürde und fehlenden Spielmodi sowie Karten. Das komplexe, aber unübertroffene Kampfsystem bleibt auch in Marching Fire ein Grund, sich gar nicht erst auf die blutigen Gefechte einzulassen, dafür warten in vielen anderen Bereichen sinnvolle Neuerungen, die deutlich mehr Varianz ins Schlachtengetümmel bringen. Damit jedoch nicht genug, denn viele der Inhalte sind kostenlos verfügbar oder lediglich mit einer kurzen Wartezeit verbunden wie z.B die vier neuen Helden. Es gibt also einen Unterschied zwischen dem Marching Fire Update (kostenlos) und der Marching Fire Erweiterung (29,99€), die wir euch hier aufgelistet haben.

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Zwischen Grindfest und Beat’em Up-Nostalgie

Ein Feature, für das ihr zahlen müsst, ist der brandneue Arcade-Modus. Dahinter versteckt sich in der Theorie unendlicher PVE-Content, mit dem ihr neue Items erfarmen und jeden eurer Helden aufleveln könnt. Stellt euch das Ganze wie eine Art Ladder-System aus Beat’em ups vor. Ihr tretet in Duellen oder 2vs1-Situationen mit zufällig festgelegten Vor- und Nachteilen an. Um zu gewinnen und Belohnungen abzugreifen, die sich nach dem gewählten Schwierigkeitsgrad richten, müsst ihr fünf kleinere Herausforderungen meistern, die mal mehr, mal weniger anspruchsvoll daherkommen. Es kann also durchaus passieren, dass ihr mit dem lächerlichen Vorteil antretet, dass eure schweren Angriff den Gegner zurückstoßen, während der KI-Kontrahent mit einem flammenden Schwert und doppelter Lebensenergie an den Start geht – nicht fair, aber das Konzept dahinter geht einigermaßen gut auf. Der Arcade-Modus soll festgefahrene Taktiken ein wenig auflockern und damit auch für Solospieler interessant bleiben.

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Grundsätzlich funktioniert das hervorragend, mehr als eine kleine Abwechslung für Zwischendurch steckt allerdings nicht in den repetitiven, ewig gleichen Auseinandersetzungen. Nicht nur, weil die Zahl der Vor- und Nachteile, der Arenen und natürlich auch der Helden sich recht schnell erschöpft, sondern auch deshalb, weil der Modus aktuell noch arge Probleme mit dem Balancing hat. Während ihr durch etliche Quests – unter diesem Titel laufen die fünf Matches – durchmarschiert als wär‘ es der Wehrdienst, machen es euch viele Kombinationen, selbst auf niedrigen Schwierigkeitsgraden, beinahe unmöglich, auch nur in die Nähe eurer Kontrahenten zu kommen. Das ist eben das Problem mit dem Zufall, werden sicher einige argumentieren, aber ein tatsächliches Ladder-System mit festen Gegnerkombinationen und Perks hätte For Honor unserer Meinung nach deutlich besser gestanden. Großartig ist hingegen, dass ihr den Arcade-Mode gemeinsam mit einem Freund bestreiten könnt, selbst wenn dieser Marching Fire nicht besitzt.

Sturm auf die Herzen der Spieler

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Da der Singleplayer allerdings nur einen Bruchteil von Ubisofts Schlachtenepos ausmacht, kommen wir nun zum Kern von Marching Fire: Dem neuen Spielmodus. Und was für ein Modus das ist. In Sturm (engl. Breach) könnt ihr nämlich endlich das tun, worauf ihr seit der Veröffentlichung von For Honor gewartet habt: Festungen erobern – diesmal wirklich, versprochen! Während die etablierten Spielvarianten euch das Gefühl gegeben haben, ihr seid kleiner Teil einer Belagerung, fällt es nun tatsächlich in euren Aufgabenbereich, Wehranlagen zu verteidigen, mit Ballisten ahnungslose KI-Schergen aufs Korn zu nehmen und waschechte Belagerungswaffen ins Feld zu führen. Dabei seid ihr im 4vs4 als Angreifer oder Verteidiger unterwegs und habt dementsprechend unterschiedliche Siegbedingungen. Im Mittelpunkt des Spiels steht ein massiver Rammbock, mit dem das angreifende Team durch zwei Tore der Festung brechen muss, um anschließend den zuständigen Befehlshaber über die Wupper zu schicken.

Die belagernde Fraktion gewinnt also nur dann, wenn der gegnerische Lord im Staub liegt. Die wackeren Verteidiger hingegen haben mehrere Möglichkeiten, um das Match für sich zu entscheiden. Entweder sie schaffen es, den Rammbock zu zerstören, bevor er durch das zweite Tor bricht oder sie töten so viele angreifende Helden, bis deren Tickets (Wiederbelebungen) auf Null landen. Dementsprechend wichtig ist es in Sturm, die Kameraden, so inkompetent sie auch sein mögen, aufzukratzen und gemeinsam ins Getümmel zurückzukehren. Nicht zuletzt deshalb, weil der Rammbock sich nur dann fortbewegt, wenn das eigene Team im Umkreis mehr Kämpfer aktiv hat als der Gegner. Natürlich geht es auch in Sturm darum, strategische Punkte einzunehmen und zu halten, um Zugriff auf passiv agierende Bogenschützen zu erhalten oder die Ramme unter dem Tor mit flüssigem Pech übergießen zu können. Abgerundet wird das Ganze durch Abkürzungen in Form von Seilwinden und den Kampf um kurzfristige Buffs.

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In Sturm gibt es immer etwas zu tun und das ist auch gut so. Kaum einer der älteren Spielmodi hat es geschafft, uns so sehr ins Geschehen zu ziehen wie die neuen Belagerungsschlachten es tun. Natürlich weicht das Gefühl, Teil einer epischen, blutigen und verlustreichen Schlacht zu sein, nach Match 100 auch hier unweigerlich, aber aktuell haben wir in For Honor so viel Spaß wie selten zuvor – und das liegt zu großen Teilen am neuen Modus. Die drei Karten bieten zumindest optisch genügend Abwechslung, damit keine Langeweile aufkommt und das hervorragende Kampfsystem passt perfekt zu den Schlachten, die in Sturm deutlich mehr Taktik und Hirnschmalz von euch verlangen – auch wenn es dafür etwas gemächlicher zugeht und eine Belagerung gern mal 30-40 Minuten andauern kann. Dafür ist das Gefühl, wenn der brennende Rammbock zu Staub zerfällt oder der fordernde Endboss zu Boden geht, umso befriedigender. Für uns ist Sturm schon jetzt der beste Spielmodus in For Honor.

They see me Wu Lin

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Ein weiterer Kritikpunkt, der For Honor seit dem Release im vergangenen Jahr begleitet, ist die Anzahl der spielbaren Helden. Konnten wir zum Start lediglich drei Charaktere pro Fraktion spielen, hat sich diese Zahl innerhalb der vergangenen Monate bereits drastisch erhöht. Zu den 18 Helden gesellt sich mit Marching Fire nun eine komplett neue Fraktion: Die Wu Lin. Diese asiatischen Krieger sind inspiriert von der chinesischen Historie und gehen dementsprechend mit exotischen Kampfkünsten und Waffen an den Start. Merkwürdig ist jedoch, dass die Wu Lin zwar als separate Gruppe ins Menü der Helden aufgenommen wurde, aber im Metagame neben Wikingern, Samurai und Rittern keinerlei Rolle spielen. Wir hoffen darauf, dass wir unsere Truppen in Zukunft für die fernöstlichen Streiter in die Schlacht führen können, um den Krieg der Fraktionen etwas interessanter zu gestalten. Hier erst einmal eine Übersicht über die vier neuen Helden.

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Tiandi

Der Tiandi gesellt sich zur Klasse der Vanguard und geht erfahrungsgemäß etwas leichter von der Hand. Der Allrounder ist mit einem kurzen, aber breiten Falchion bewaffnet, das er mit einer oder zwei Händen führen kann. Außerdem nutzt er Martial Arts, um Gegner auf Distanz zu halten oder mit flacher Hand und Klinge tödliche Kombinationen vom Stapel zu lassen. Auch wenn er sich etwas komplexer spielt als seine Vanguard-Kollegen, gehört er zweifelsohne zu den Helden, die perfekt für Anfänger geeignet sind.

Jiang Jun

Auf den ersten Blick scheint er behäbig und leicht zu kontern: Der Jiang Jun. Der erfahrene General weiß jedoch, mit seiner enorm langen Hellebarde umzugehen und ist somit die perfekte Wahl für den Kampf gegen eine Vielzahl an Gegnern und um auf Distanz zuzuschlagen. Dabei spielt ihm seine einzigartige Kampfhaltung in die Karten, die ihn für kurze Zeit Stamina regenerieren lässt, während er mit einem lässigen Seitschritt Angriffen ausweicht. Ist der Feind erst einmal am ihm dran, sieht der langsame Krieger kein Land mehr, dafür kann er zögernde Gegner mit starken Zone-Angriffen zusetzen – Der Heavy ist ebenfalls für Anfänger geeignet, aber gegen erfahrene Spieler schwer unter Kontrolle zu bringen.

Nuxia

Auch die Reihen der Assassinen bekommen natürlich Verstärkung in Form der Nuxia. Schnelle Angriffe, noch schnellere Reflexe: Soweit nichts Neues an der Front. Womit sich die Nuxia allerdings von allen anderen Assassinen unterscheidet, sind ihre Hakenklingen. Mit diesen kann sie Gegner in die Falle locken, allerdings nur, wenn diese aktiv parieren, blocken oder deflecten. Wer also gern defensiv spielt, dürfte mit der schnellen Nuxia so seine Probleme bekommen. Umdenken ist angesagt, denn erwischt sie euch mit ihrer Falle, dann hagelt es Unmengen an Schaden – Weniger anspruchsvoll als beispielsweise der Shinobi, aber aufgrund mangelnder Defensive mit hoher Lernkurve.

Shaolin

Der wohl coolste Neuzuwachs erwartet euch allerdings beim Shaolin. Der fernöstliche Mönch ist alles andere als ausgeglichen und auf Konfrontation aus. Dazu vereint er extrem komplexe, aber effektive Mechaniken, mit denen ihr dem Gegner innerhalb weniger Sekunden das Lebenslicht auspustet. Das liegt vor allem an der einzigartigen Qi-Stance, einem Skill, der es euch erlaubt, eure Angriffstaste länger gedrückt zu halten, um seinen nächsten Angriff stärker zu machen. Das ist anfangs gewöhnungsbedürftig, mit ein wenig Übung deckt ihr eure Gegner allerdings schon bald mit ewig langen Combos ein, die in puncto Spielspaß kaum zu überbieten sind. Allerdings fordert der Shaolin perfektes Timing und seine erste Attacke kann relativ leicht gekontert werden. Das macht ihn zum wohl komplexesten Helden in For Honor, mit ausreichend Training belohnt er euch aber mit einem Sieg nach dem nächsten.

Perks und andere Ärgernisse

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Zu diesen drei großen neuen Features, die das Marching Fire Update bereit hält, gesellen sich auch noch ein paar kleinere Komfortfunktionen und grafische Neuerungen, die For Honor für das Jahr 2019 fit machen sollen. Da wären zunächst die optischen Verbesserungen. Vor allem im Bereich der Lichteffekte hat Ubisoft Montreal hier eine ordentliche Schippe draufgelegt, sodass die Kulissen nun nicht mehr ganz so farblos daherkommen wie noch zum Release. Auch die Texturen haben etwas mehr Liebe spendiert bekommen, auch wenn sich bereits jetzt die ersten Spieler im Netz beschweren, dass die opulente Präsentation sich auf die Spielbarkeit von For Honor auswirken. Animationen der Helden rücken, so die Vorwürfe, in den Hintergrund, wenn genau dort zu viel passiert. Uns hat das grafische Update wenig gestört und wir behaupten, mit etwas Eingewöhnungszeit dürften sich auch Skeptiker bald an den schicken Szenerien erfreuen. Lediglich die Zwischensequenzen sind ironischerweise nicht auf Top-Niveau.

Darüber hinaus hat auch das UI eine kleine Überarbeitung erfahren, die allerdings kaum ins Gewicht fällt, da sich das Ganze lediglich im Menü abspielt. Es ist nun leichter, zwischen den einzelnen Menüpunkten zu wechseln und möglichst schnell ein Match zu finden. Auch hier fruchtet das Games as a service-Modell, wenn auch nur marginal. Deutlich mehr Gegenwind hat hingegen das Rework der Ausrüstung bekommen. Vor Marching Fire hat man Ausrüstungsgegenstände gesammelt, die allesamt ein eigenes Level, eigene Fähigkeiten, Werte und optische Unterschiede besaßen.

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Für viele lag der langfristige Reiz an For Honor darin, sich den perfekten Charakter zusammenzustellen, um damit gegen andere Spieler anzutreten. Hier liegt unserer Meinung nach der größte Fehler, den Ubisoft mit Marching Fire begangen hat. Denn nun gibt es ein festgelegtes Set an Perks, die ihr nun auf allen möglichen Rüstungsteilen findet und aufleveln könnt. Problem dabei: Die Gegenstände verlieren ihre Eigenständigkeit und als Veteran hat man nun 30 Items im Inventar, die über die exakt gleichen Stats verfügen. Sicher ist es für die Entwickler nun leichter, sämtliche Spielmodi im Gleichgewicht zu halten, allerdings geht gleichzeitig eine Menge Individualität und spielerischer Tiefgang – wenn auch nur im Menü – verloren. Allerdings muss man auch erwähnen, dass neue Spieler nun vor einem etwas kleineren Berg an Inhalten stehen, die es in For Honor zu bewältigen gilt. Es ist also nicht alles schlecht am neuen Perk-System.

Arcade-Modus bringt viel Potenzial für den Singleplayer...
Kampfsystem weiterhin wegweisend
Gelungene Games as a service-Politik
Kostenlose Inhalte laden zum Reinschnuppern ein
Marching Fire leider kein Teil des Season Pass
Spielmodus Sturm bringt endlich echtes Belagerungsfeeling
Visuelle Updates und Komfortfunktionen
...ist aber nicht mehr als eine nette Abwechslung
Neues Perk-System nimmt Spieltiefe und Individualität
Preis der Expansion nur für Arcade-Modus zu hoch

Christian Böttcher

Mit Marching Fire bekommt For Honor sein erstes großes Update spendiert, das im Rahmen einer gelungenen Games as a service-Politik gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt. Jede Menge kostenlose Inhalte wie zum Beispiel atemberaubende Belagerungen im Modus Sturm finden ihren Weg ins Spiel, während einige Neuerungen wie z.B der Arcade-Modus, der mit endlosem PVE-Grind vor allem Solisten ansprechen soll, erst mit der recht teuren Expansion freigeschaltet werden. Es lohnt sich also nur bedingt, die knapp 30€ für sämtliche Features auszugeben. Allerdings erwartet euch mit Marching Fire trotzdem eine wirklich gelungene Ergänzung zum anspruchsvollen PVP-Brawler, denn alle vier Helden der Wu Lin Fraktion spielen sich herausragend und bringen endlich frischen Wind in die erbitterten Schlachten, während die Präsentation ein Revival feiert und durchdachte Komfortfunktionen den Weg für Anfänger ebnen. Es ist also der perfekte Zeitpunkt, um For Honor eine Chance zu geben: Ehrenhafter wird's nicht!
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