Test: Half-Pint Heroes

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Half-Pint Heroes könnte eines dieser tollen Kartenspiele sein, die als Pausenfüller Einzug in ein episches Rollenspiel gefunden haben, letztlich vielen aber sogar noch mehr Spaß machen als das Hauptspiel selbst. Schnell, thematisch, witzig, mit diesen Attributen wandelt Half-Pint Heroes auf den Pfaden von Gwint & Co., auch wenn es ein ganz anderes Genre bedient.

Das Kartenspiel besticht ad hoc mit seiner farbenfrohen Optik und den cartoonigen Illustrationen. Wäre Half-Pint Heroes tatsächlich ein Computerspiel-Anhängsel, so würdet ihr auf den Karten vielleicht Abbildungen von Geralt, Captain Shepard oder dem Masterchief wiederfinden. Hätte super gepasst, ohne offizielle Videospiellizenz bedient sich Half-Pint Heroes eben an der realen Welt. Im Spiel findet ihr dreizehn unterschiedliche Kartensets wieder, jedes Set besteht aus fünf Karten. Ein Quintett zeigt euch zum Beispiel die Mitglieder der Village People (YMCA), verstorbene Musik-Ikonen wie Prince, Amy Winehouse oder Lemmy von Motörhead und viele weitere witzige Fünfer-Zusammenstellungen. Thematisch ist das Spiel in ein Kneipen-Setting, dem Half-Pint Pub, eingebettet. Dort geht es nicht selten etwas rauer zur Sache. Gewinnt ein Spieler auffallend oft hintereinander, kommt es schon manchmal zu einer ordentlichen Kneipenschlägerei.

Stichspiel mit Extras

Unter der Haube von Half-Pint Heroes befindet sich ein einfaches Stichspiel, das dem Texas Hold’em Poker recht ähnlich ist. Allerdings variiert sowohl die Länge des Rivers in der Tischmitte als auch die Anzahl der Handkarten bei jeder Runde erneut.

Vor jeder Runde deckt ihr zunächst die oberste Karte des Nachziehstapels auf und legt sie in die Tischmitte. Auf der Karte findet ihr eine Angabe, wie viele Karten die allgemeine Kartenauslage diesmal enthalten soll. Als zweite Information erfahrt ihr noch, wie viele Karten ihr vom Nachziehstapel auf die Hand nehmen könnt. Ganz wie beim Poker-Vorbild lassen sich die Karten von der Tischmitte mit den Karten in der Hand zu Kombinationen zusammenschließen.

Im Regelfall stehen euch insgesamt mehr Karten als beim Poker zur Verfügung. Manchmal habt ihr einen sehr langen River, manchmal eine hohe Zahl von Handkarten. Deshalb müsst ihr auch am besten möglichst mehr als nur eine gute Kombination aus den verfügbaren Karten herauskitzeln. Der Startspieler beginnt mit dem Ausspielen seiner ersten Kombination, die weiteren Spieler schließen sich im Uhrzeigersinn an. Die höchste Karten-Kombination gewinnt den Stich und bringt Punkte ein. Der Gewinner des Stichs ist nun an der Reihe seine Karten für den nächsten Stich auszuspielen. Möglicherweise lässt sich an der Zahl der ausgespielten Karten ablesen, wie stark die Kombination eines Spielers ist… es sei denn er legt es auf einen Bluff an. Wie beim echten Poker, gehört das Bluffen zum guten Ton. Die Runde wird dann solange fortgeführt, bis kein Spieler mehr Karten auf der Hand hat.

Stechen, hauen, Stiche klauen

Genau dieser Umstand kann zum Ende einer Runde hin zu kuriosen Situationen führen. Hat nämlich am Rundenende nur noch ein Spieler Karten auf der Hand, kann dieser gemütlich seine verbleibenden Handkarten einzeln ausspielen und so ganz einfach gleich mehrere Stiche in Folge erzielen. Da alle anderen Spieler mangels Handkarten passen müssen, reicht schon eine Einzelkarte, um den Stich einzusacken. Damit dieses Szenario nicht andauernd auftritt, muss jeder Spieler bei jedem Stich immer mindestens eine Karte ausspielen. Ihr könnt also bei einem Stich nicht einfach pausieren und die Karten auf der Hand bunkern.

Bei den Stichen selbst greifen hingegen wieder altbewährte Poker-Mechaniken. Zwillinge, Drillinge und Vierlinge lassen sich ebenso einsetzen wie Straße, Full House oder Royal Flush. Statt mit Assen oder Königen zu hantieren, kommen bei Half-Pint Heroes lediglich Kartenwerte zwischen eins und dreizehn zum Einsatz. Das Prinzip bleibt aber im Wesentlichen erhalten.

Poker meets Wizard

In jeder Runde könnt ihr euch außerdem ein paar Bonuspunkte verdienen. Bevor um die Stiche gespielt wird, müsst ihr einen Tipp abgeben, wie viele Stiche ihr in dieser Runde denn wohl holen werdet. Anschließend dürft ihr sogar noch eine Wette platzieren. Gemeinerweise wettet ihr darauf, welcher Gegenspieler seine Vorhersage ordentlich versemmeln wird. Für eine gewonnene Wette gibt es ebenso wieder zusätzliche Punkte. Gerade bei fortgeschrittenen Spielern entsteht durch diese Verflechtung eine spannende Dynamik, da jeder natürlich seine Wette gewinnen möchte und seine Mitspieler so auch mal sabotiert. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, nicht nur auf die eigenen Stiche zu achten, sondern auch das Treiben der Gegenspieler im Blick zu behalten.

Keilerei in der Kneipe

Im Half-Pint Pub kann ein Spiel allerdings auch mal schnell völlig außer Kontrolle geraten. Die Kneipe steckt voller Hitzköpfe. Gewinnt ein Spieler drei Stiche in Folge, kommt es zu einer Kneipenschlägerei. Betrug! Hat hier jemand falsch gespielt? Diese Angelegenheit muss jetzt mit den Fäusten geregelt werden. Am Ende geht aber dann doch der Auslöser der Schlägerei als strahlender Sieger hervor. In der laufenden Runde bekommt nur er allein Punkte auf seinem Konto gutgeschrieben. Er kassiert nicht nur als einziger Spieler Punkte für seine bereits erzielten Stiche, sondern darf sich sogar noch über ein paar Extra-Punkte freuen. Alle anderen Spieler schließen die Runde mit null Punkten ab, die nach der Schlägerei sofort endet.

Eine drohende Kneipen-Schlägerei verändert dann auch meist ganz schnell die Strategie der Spieler. Um die Schlägerei zu vermeiden, werden nun möglicherweise die hohen Kombinationen rausgehauen, die in dieser Form so gar nicht geplant waren. Da ist die (Schadens-)Freude besonders groß, wenn sich die Spieler mit ihren Super-Combos gegenseitig ausstechen.

Bleihagel im Half-Pint Pub

Die Half-Pint Heroes treiben es manchmal sogar auf die Spitze. Gelingt einem Spieler das Kunststück, fünfmal nacheinander die korrekte Zahl der eigenen Stiche vorherzusagen, wird die Luft im Half-Pint Pub mit Blei gefüllt. Es kommt zur Schießerei. Der Spieler, der für den Kugelhagel verantwortlich ist, gewinnt das gesamte Spiel sofort. Im Normalfall läuft eine Partie sonst über zehn Runden. Die Schießerei kommt zwar nicht so häufig vor wie eine Schlägerei, dafür stellt sie den Spielverlauf jedoch ziemlich auf den Kopf. Plötzlich verbünden sich alle Spieler gegen das Pokerface, das kurz vor dem Gewinn des Spiels steht. Jedes Mittel ist Recht, solange der Spieler seine Vorhersage nicht erfüllt.

Es sind genau diese Momente, die Half-Pint Heroes die besondere Würze verleihen und es aus der Vielzahl an Stichspielen hervorhebt. Half-Pint Heroes ist für zwei bis sieben Spieler ab neun Jahren geeignet. Eine Partie dauert rund 30 Minuten, das Spiel kostet etwa 20€.

tolles Artwork
einfache Regeln
spannende Spielsituationen
richtig gut erst ab drei Spielern

Sebastian Hamers

Das Artwork mit seinen Cartoon-Promis hat mich sofort begeistert. Hinter der schicken Optik steckt aber auch ein tolles Spiel. Als Basis erfüllt eine recht simple Stichspiel-Mechanik seine Rolle ganz solide. Die kleinen Gimmicks wie das Abschließen der Wetten und natürlich die Schlägereien und Schießereien sorgen für den nötigen Pepp im Spiel, ohne es dabei zu überfrachten. Half-Pint Heroes hat eine niedrige Einstiegshürde, ist innerhalb kurzer Zeit erklärt. Außerdem bietet es eine ziemlich flexible Anzahl von Mitspielern und ist so vielseitig einsetzbar. Eigentlich eignet sich das Spiel recht gut als Quickie zwischendurch. In meinen Spielrunden ist es jedoch selten bei einer Partie geblieben. Trotz des simplen Spielkonzepts kann Half-Pint Heroes seine Spieler ziemlich lange bei Laune halten und lässt sich dadurch genauso gut als abendfüllendes Programm verwenden. Deshalb hat das Spiel auch das Potenzial zu einem Dauerbrenner auf dem Spieltisch.
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