Test: Hohokum

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Kennt ihr das? Ihr kommt nach einem harten Schul- oder Arbeitstag nach Hause, erschöpft und müde vom Tagewerk begebt ihr euch ins Wohnzimmer. Ihr greift instinktiv zur Fernbedienung und schaltet den Fernseher ein, wohlwissend, dass das heutige Programm in keinster Weise euren sonstigen Sehgewohnheiten entspricht. Alternativ stünde da natürlich noch eine Spielekonsole. Aber angesichts eurer Erschöpfung seid ihr weder in der Lage die erforderliche Reaktionsgeschwindigkeit für euren Liebblingsshooter aufzubringen, noch habt ihr Lust kurz vor dem Schlafengehen ein neues Rollenspiel anzufangen. Auch das knackige Rätselspiel  und der rasante Racer können euch nicht motivieren, die Konsole anzuschmeißen. Und plötzlich erinnert ihr euch, dass ihr ja gestern ein neues Spiel aus dem Onlinestore erworben und heruntergeladen habt. „Naja, mal sehen“, denkt ihr euch, startet das Spiel und fangt an, euch durch die bunten Welten von Hohokum zu bewegen.  Schon nach wenigen Minuten scheint die Erschöpfung wie weggeblasen. Ihr sitzt einfach entspannt, aber dennoch aufmerksam vor eurem Fernseher und genießt die wunderschöne Welt von Hohokum. Als ihr das erste Mal eure Augen vom Bildschirm lösen könnt, zeigt die Uhr bereits Mitternacht an.

Ein Wirrwar aus Farben und Formen

Zugegeben, dieses Szenario ist schon ziemlich konstruiert. Jedoch spiegelt es genau die Art von Gefühl wieder, die man zumindest beim erstmaligen Spielen von Hokokum empfindet. Es ist schwer zu beschreiben warum, aber man verliert sich in diesem Spiel. Die Atmosphäre, die Musik, die Levelarchitektur, alles wirkt wie ein einziger Rausch aus Farben und Klängen. In einem abgedunkelten Raum mit Surround-Sound zu spielen, intensiviert die Erfahrung. Doch was genau ist Hohokum nun eigentlich?

Es ist offensichtlich ein Spiel und will dennoch eigentlich gar keines sein. Es stellt euch Herausforderungen, fordert euch aber nicht dazu auf, diese zu bewältigen. Es ist ein wunderschönes Erlebnis und trotzdem lässt es einen nach dem Spielen mit Ernüchterung zurück. Doch zunächst werfen wir einen genaueren Blick auf Hokokum. Der Indietitel wurde von dem kleinen Studio Honeyslug entwickelt und in Zusammenarbeit mit den Sony Santa Monica Studios gepublished. Obwohl die Santa Monica Studios vielen wohl eher durch ihre „erwachseneren“ Titel bekannt sind (God of War, Twisted Metal), veröffentlichte das Studio auch diverse kleine Indietitel wie beispielsweise Journey, The Unfinished Swan und flOw. Mit letzterem Spiel lässt sich Hohokum am ehesten vergleichen.

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In der Dschungelwelt trefft ihr auf Affen und einen riesigen Elefanten

 Steuert den Wurm in Hohokum herum

Ihr schlüpft in die Rolle des sogenannten „Long Mover“. Eine Art länglicher fliegender Wurm, mit dem ihr euch anschließend durch verschiedene kleine 2D-Welten bewegt. Die Steuerung ist denkbar simpel. Ihr steuert euren Charakter mit dem rechten Analogstick, mit der X-Taste beschleunigt ihr eure Bewegungen, mit der Quadrat-Taste bremst ihr sie. Andere Steuerungsmöglichkeiten wie beispielsweise die stark beschleunigte Bewegung in gerader Linie oder die Möglichkeit, sich in Kreisform zu bewegen, sind zwar vorhanden, werden aber kaum benötigt. Ersatzweise lässt sich euer Wurmcharakter auf der PS4 mit dem Controller-Touchpad und auf der PS Vita mit dem Touchscreen steuern. Zumindest ersteres können wir aber nicht empfehlen, da die Steuerung auf dem Touchpad doch etwas zu hakelig ist.

Zu Beginn des Spiels erwartete euch weder ein Tutorial, noch dürft ihr euch über eine Einleitungssequenz freuen. In den ersten Minuten lernt ihr selbstständig, mit der simplen Steuerung umzugehen, bevor ihr schon nach kurzer Zeit ins Spiel geworfen werdet. Die gesamte Welt von Hohokum ist ab diesem Punkt frei erkundbar. Die einzelnen Welten, übrigens 17 an der Zahl, sind netzwerkartig miteinander verbunden. Per Pausenmenü könnt ihr in eure Heimatwelt zurückkehren. Von hier aus könnt ihr alle bereits entdeckten Welten direkt ansteuern.

Vorab sei gesagt, dass jede Welt einen anderen visuellen Stil und Look hat. Mal bereist ihr einen indisch angehauchten Dschungel, dann wieder eine Welt, die lediglich aus einer riesigen Hochzeitstorte besteht. In einer anderen Welt findet ihr euch in einem gigantischen leinwandartigen Gebilde wieder und ein anderes Mal bereist ihr einen riesigen Vergnügungspark. Jede Welt in Hohokum ist äußerst detailreich und farbenfroh dargestellt. Auch die Musik lässt uns ins Schwärmen geraten. In der Dschungelwelt ertönen Urwaldgeräusche aus unserem Lautsprecher, in der Leinwandwelt werden wir von akustischen Geigenklängen begleitet. Die Kombination aus Bild und Ton ist definitiv das Beste an Hohokum.

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Dieser Welt müsst ihr mittels eurer Bewegungen die Farbe widergeben

 Ohne Rast und ohne Ziel

Doch wie sieht es denn nun spielerisch aus? Ein wirkliches Ziel gibt euch das Spiel nicht vor. Die Entwickler entschieden sich nach eigener Aussage bewusst dazu, dem Spieler ein audiovisuelles Erlebnis zur freien Entfaltung zu geben. Trotzdem kann man durchaus zentrale Ziele im Spiel erkennen. Im Pausenbildschirm verrät euch eine Anzeige beispielsweise, wie viele Augensymbole ihr im Spiel gefunden habt. In jeder Welt ist eine Handvoll davon versteckt. Sobald ihr sie berührt, werden sie als entdeckt markiert. Da die Augen aber teilweise kaum zu erkennen oder durch bloßes Absuchen der gesamten Welt nur schwer zu finden sind, wird das Sammeln aller Symbole zur quälenden Sisyphusarbeit. Dazu belohnt euch das Spiel danach lediglich mit einer unspektakulären Cutscene.

Ein anderes Ziel hingegen ist die Befreiung eurer „Wurmkumpels“. In jeder Welt lässt sich einer eurer Kumpanen finden. Dafür müsst ihr jeweils eine Reihe kleiner Rätsel lösen und genau hier liegt leider auch das zentrale Problem von Hohokum. Ihr habt keinerlei Anhaltspunkte, was ihr in der jeweiligen Welt machen müsst, um die Rätselkette überhaupt in Gang zu setzen. Weder Anhaltspunkte noch sonstige Hinweise zeigen euch womit ihr überhaupt interagieren könnt oder müsst. Habt ihr nach langem Probieren aber endlich herausgefunden, was ihr tun müsst, so sind die Rätsel an sich kaum noch eine Herausforderung und lassen sich mit fast schon banaler Alltagslogik lösen. Man könnte es auch so formulieren: Die Herausforderung ist nicht, das Rätsel zu lösen, sondern es erst einmal zu finden.

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Manchmal müsst ihr “Passagiere” mitnehmen, um die Rätsel zu lösen

Mal was Neues

Andererseits können wir aber auch nicht von der Hand weisen, dass uns in der heutigen Zeit, in der uns in jedem Spiel haarklein jeder Schritt vorgegeben wird, uns notfalls noch eine Option gegeben wird, mit der wir direkt zu unserem nächsten Ziel geführt werden. Ein solches Spiel wie Hohokum wirft uns daher wieder in die Zeit der Videospielanfänge zurück, als wir uns noch selbst anstrengen mussten, um herauszufinden, wo wir hin müssen und was als nächstes zu tun ist. Sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber zumindest in diesem Punkt hebt Hohokum sich erfrischend von der Masse ab.

Eine richtige Story braucht ihr im Spiel übrigens nicht erwarten. Zwar existiert eine kleine Rahmenhandlung, die umfasst aber kaum mehr als zwei Sätze. Aus Spoilergründen wollen wir sie an dieser Stelle trotzdem nicht verraten. Dafür erzählt Hohokum seine Geschichte auf eine ganz eigene Art und Weise. Jedes Level erzählt durch sein Design und seine Atmosphäre eine ganz eigene kleine Story und das ohne auch nur ein gesprochenes Wort. Zusätzlich erzählen euch eure kleinen „Wurmfreunde“ nach ihrer Befreiung jeweils ihre kurze Lebensgeschichte in Form einer Bildcollage.

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Löst ihr das Rätsel in der Honigwelt, so erzählt euch Grublin seine Lebensgeschichte

 Ein Projekt mit Visionen

Es klingt etwas seltsam, aber all diese Elemente summieren sich zu einer ganz eigenen Spielerfahrung. Auch wenn uns während des Spielens das ein oder andere störende Element aufgefallen ist, wie beispielsweise das zu Anfang etwas unübersichtliche Verbindungsnetzwerk der einzelnen Welten oder die Inkonsequenz der Entwickler (angesichts der Tatsache, dass man ein Spiel ohne Ziel schaffen wollte, aber dennoch eine Reihe von Achievements implantierte), so laufen diese Kritikpunkte angesichts des träumerischen Gefühls, das man beim Spielen entwickelt, ins Leere. Wirklich problematisch ist lediglich der fehlende Motivationsfaktor. Für viele Spieler könnte das Fehlen richtiger Ziele oder Aufgaben im Spiel befremdlich und auf Dauer unattraktiv wirken. Andere Spiele wie Minecraft oder DayZ umgehen das Problem eines fehlenden Ziels, indem sie dem Spieler zumindest diverse Möglichkeiten zur freien Entfaltung bieten. In Hohokum seid ihr hingegen stets in euren Optionen beschränkt und habt auf Grund des simplen Spieleprinzips außer dem Erkunden und Genießen der Welten nicht viele Möglichkeiten.

Angesichts dieses Sachverhalts stellt sich die Frage, ob Hohokum eigentlich als richtiges Spiel bezeichnet werden kann. Wir verbinden Videospiele heutzutage schließlich mit dem Bewältigen von Herausforderungen, dem Erleben einer ausgefeilten Geschichte und der Entdeckung fremder Welten. Bis auf letzteres lässt Hohokum diese Dinge allesamt vermissen. Muss das jedoch etwas Schlechtes sein? Schließlich geben selbst die Entwickler zu, dass sie eher eine spielerische Erfahrung, als ein eigentliches Spiel kreieren wollten. Das der Fokus dabei hauptsächlich auf dem Erleben der eigentlichen virtuellen Welten liegt, lässt sich allein schon daran erkenn, wie viel Aufwand Honeyslug in Musik und Design des Spiels steckte. Für das Design holten die Entwickler sich Inspiration von den verschiedensten realen Orten (Museen, Landschaften, Naturparks) und für die Musik hat man bewusst eine Reihe träumerischer Soundtracks verwendet (künstlerische Stücke vom Independent Label Ghostly International). Doch kann man Hohokum dann überhaupt als Spiel bewerten?

Würde man das tun, so müsste man dem Spiel eine regelrecht miserable Wertung verpassen. Langzeitmotivation gibt es keine, eine übergreifende Story ist nicht mal in Ansätzen vorhanden und die Rätsel an sich sind keine Herausforderung, dafür aber unheimlich schwer zu entdecken. Maximal Grafik und Sound ließen sich positiv bewerten und würden am Ende vielleicht eine Wertung im Zweierbereich rechtfertigen. Da Hohokum aber nie mit der Intension, ein Videospiel zu schaffen, entwickelt wurde, wollen wir von einer Wertung absehen.

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Im Freizeitpark müsst ihr eine Reihe kleiner Mini-Rätsel lösen

Wunderschöne Optik
Musik zum Träumen
Erfrischend anderes Spielprinzip
Perfekt für zwischendurch
Fehlende Motivation
Fehlende Gameplay-Komponenten
Recht hoher Kaufpreis

Pascal W.

Hohokum ist ein Spiele, das aufgrund seiner Andersartigkeit aus der Masse heraussticht, das sich im Wust aus Bombast und Epik der heutigen AAA-Titel erfrischend ruhig und entspannt spielen lässt. Es eignet sich perfekt als kleine Erholungspause zwischen dem actiongeladenen Level eines Call of Duty und der hochgradig anspruchsvollen Story eines Metal Gear Solid-Kapitels. Bei Hohokum geht es nicht um die Qualität der einzelnen Spielelemente, sondern um das Gefühl, das man beim Spielen erlebt. Manch einer mag das, manch anderer nicht. Letztlich muss aber jeder für sich selbst entscheiden, ob solch eine Erfahrung den recht teuren Preis von 12,99 Euro rechtfertigt. Wir haben es auf jeden Fall nicht bereut, uns in die Welten von Hohokum begeben zu haben.

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