Test: Iris.Fall

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Iris.Fall: Das verquere Rätselspiel im Test – Bildquelle: NEXT Studios

Alice im Wunderland – nur mit Katze statt Kaninchen; Das vertrackte Puzzle Adventure Iris.Fall ist seit heute über Steam verfügbar und möchte mit einer Mischung aus verkopften Rätseln und monochromer Optik eure Herzen erobern. Ob die chinesischen Entwickler von NEXT Studios mit ihrem spielbaren Kunstprojekt ins Schwarze getroffen haben oder die Leinwand auf ewig weiß bleibt, haben wir in unserem Test herausgefunden.

Tiefer in den Kaninchenbau Katzentempel

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Auf den Spuren der schwarzen Katze – Bildquelle: NEXT Studios

Kontraste dominieren das Leben der kleinen Iris. Wie in einer Art Traum gefangen, stolpert sie durch ein schwarz-weißes Puppentheater, immer auf den Fersen einer mysteriösen schwarzen Katze. Warum der elegante Vierbeiner eine solche Anziehungskraft auf das junge Mädchen ausübt, wird bis zum Ende der rund 5-stündigen Hetzjagd nicht eindeutig klar. Aber soll es das überhaupt? Stattdessen steuern wir Iris durch ein Labyrinth vertrackter Räume, gespickt mit optischen Täuschungen, verqueren Statuen und zum Leben erwachten Maschinen. Der Weg führt nur in eine Richtung: Tiefer in den Kaninchenbau. Am Ende der Reise steht jedoch kein Wunderland, keine muntere Teeparty, sondern lediglich die Erkenntnis, dass Iris.Fall eine düstere, melancholische Geschichte erzählen möchte und dabei jederzeit die eigene Identität verschleiert.

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Puppentheater statt Wunderland – Bildquelle: NEXT Studios

Atmosphäre kommt dabei vor allem deshalb auf, weil über acht Kapitel hinweg kein Raum dem nächsten gleicht – und das trotz ewiger Monochromie. Bekommen wir es anfangs noch mit hektisch zuckenden Marionetten zu tun, die uns den Weg durch mehrstöckige Hallen mit sich bewegenden Treppen weisen, stehen wir schon bald riesigen mechanischen Wächtern gegenüber, auf deren kalten Handflächen wir zur nächsten Ebene gelangen. Das funktioniert allerdings nur, indem Iris zwischen den Welten wandelt. Per Default bewegt sich das Mädchen durch erleuchtete 3D-Umgebungen, kann aber an einigen Stellen in die Schatten schlüpfen und sich fortan in 2D Wege erschließen, die zuvor unmöglich schienen. Das Spiel mit Licht und Schatten ist ein Kernelement von Iris.Fall, nicht nur, um Atmosphäre zu schaffen, sondern auch in spielerischer Hinsicht.

Lateral genial!

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Nichts ist so wie es scheint – Bildquelle: NEXT Studios

Denn auch wenn ihre trostlose Reise als Adventure betitelt ist, handelt es sich bei Iris.Fall im Grunde um einen reiner Puzzler. Mit jedem Raum geht eine neue geistige Herausforderung einher, die den extrem linearen Charakter des Spiels aufzubrechen versucht, es aber nie ganz schafft. Die Rätsel selbst sind dafür allererste Sahne und bringen den Querdenker in euch zum Vorschein. Ob es sich dabei um klassische Schiebe-Passagen handelt, in denen ihr Licht und Schatten zu eurem Vorteil manipuliert oder um einen massiven Zauberwürfel, mit dem ihr bestimmte Bereiche des Raumes erleuchten müsst: Laterales Denken ist gefordert, denn bis zu den Credits warten einige Kopfnüsse auf euch. Einziges Problem dabei: Bei kaum einer Knobelei lässt sich auf Anhieb die richtige Vorgehensweise erkennen, was bei den Ungeduldigen unter euch zu Frustmomenten führen kann. Trial and Error ist an der Tagesordnung, vor allem, wenn ihr wie wir mit dem räumlichen Denken auf Kriegsfuß steht.

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Es werde Licht! – Bildquelle: NEXT Studios

Seid ihr dann allerdings einmal ganz von selbst auf die Lösung gekommen, ist das Glücksgefühl umso größer, auch wenn der Schwierigkeitsgrad von Rätsel zu Rätsel doch reichlich schwankt. Einige Level haben uns nur ein müdes Lächeln abgerungen, während andere uns buchstäblich Schweißperlen auf die Stirn getrieben haben – und das, obwohl Iris.Fall endlos viel Zeit für die Lösung bereitstellt. Repetitiv wird das Ganze zum Glück nie, denn die Vielfalt der Rätsel fällt für einen Indie-Titel mit recht kurzer Spielzeit enorm groß aus. Einziges Manko ist hier die teilweise recht fummelige Steuerung, denn die wenigen Objekte, mit denen ihr interagieren könnt, könnt ihr ausschließlich mit der Maus anklicken und auch nur dann, wenn Iris genau an der richtigen Stelle steht. Beim fieberhaften Herumprobieren kann es also dazu kommen, dass ihr aus Versehen den falschen Hebel betätigt und von vorn anfangen müsst.

Iris hinter den Spiegeln

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Geschichte im Kleinformat – Bildquelle: NEXT Studios

Optisch ist Iris.Fall über jeden Zweifel erhaben und lässt euch – wie ein gutes Gemälde – auch nach Stunden kleine Details erkennen, die euch zuvor entgangen sind. Texturen aus der Retorte sucht ihr hier vergebens, denn das chinesische Studio hat sichtlich Liebe in die Präsentation des Spiels gesteckt, sodass die vier bis sechs Stunden mit Iris wie im freien Fall vergehen. Schade nur, dass die toll gezeichneten und ausdrucksstark animierten Zwischensequenzen, welche sich zwischen die Rätselpassagen gesellen, nie den ganzen Bildschirm füllen, sondern lediglich als Fenster ihren Weg in Spiel finden – möglicherweise ist es aber auch ein Kunstgriff, dessen Bedeutung uns entgangen ist. Die Aufmachung bleibt bis zum Ende minimalistisch und gibt somit enorm viel Raum für die Interpretation der Geschichte.

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Es macht Klick, mehr aber auch nicht – Bildquelle: NEXT Studios

Dass sich hinter Kontrast-Ästhetik und morbider Geschichte kein perfektes, aber liebenswertes Spiel verbirgt, wird ebenfalls deutlich, wenn man die Ohren spitzt. Das Sounddesign bleibt nämlich ebenso spärlich wie die Farbgebung, dafür schickt der Soundtrack eure Nervenbahnen auf Talfahrt, wenn er in den Gänsehaut-Momenten des Spiels mit traumwandlerischer Sicherheit pointiert einsetzt. Iris.Fall weiß genau, wo seine Stärken liegen, nämlich in den Bereichen Atmosphäre und Rätsel. Um dort zu glänzen, nimmt das Spiel die ein oder andere Macke in anderen Bereichen billigend in Kauf, denn Iris zu kontrollieren, fällt nicht selten schwer und neben den fordernden Knobeleien haben die Schlauchlevel spielerisch kaum etwas zu bieten.

Düster, schaurige Atmosphäre
Knackige und vielseitige Rätsel fordern laterales Denken
Minimalistischer Look lässt viel Spielraum für Interpretation
Gut pointierter Soundtrack
Steuerung etwas fummelig
Nur rund 5 Stunden Spielzeit

Christian Böttcher

In rund fünf Spielstunden erlebt ihr ein wahnsinniges Puppentheater, vollgestopft mit knackigen Rätseln, die zum Querdenken einladen. Atmosphärisch oszilliert das künstlerische Puzzle-Abenteuer Iris.Fall dabei zwischen Alice im Wunderland und einer Überdosis Schlaftabletten, so düster und morbide präsentiert sich der Indie-Titel. Jeder der linearen Level steckt voller Details und das trotz der omnipräsenten Schwarz-Weiß-Ästhetik, die sich vom Intro bis in die Credits zieht. Wer sich gern an kreativen Knobeleien und Geschichten festknabbert, die sich dem bloßen Auge nicht sofort offenbaren, der bekommt für 13€ einen echten Geheimtipp.
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