Test: Jump Force – Viele Helden, zu wenig Liebe

Jump Force: Das umfangreiche Beat’em up im Test

Videospiele, die auf Anime-Franchises aufbauen, können mitunter für zahllose Stunden an Spielspaß sorgen. Man denke nur zurück an die Ultimate Ninja Storm-Reihe zu Naruto oder an die rasanten und actiongeladenen Gefechte in Attack on Titan. Doch die traurige Wahrheit ist, dass solche Spiele oftmals nur eine Ausnahmeerscheinung darstellen. Häufig ruhen sich Entwickler auf den populären Marken der Anime aus, ähnlich wie es früher bei Videospielen zu Kinofilmen der Fall gewesen ist. Das Ergebnis fällt daher meist eher enttäuschend aus. Entsprechend gilt es umso genauer hinzuschauen, in welche Kategorie das neue Beat’em Up Jump Force fällt. Zumindest optisch erscheint der Titel auf den ersten Blick enorm vielversprechend.

Jump: Anime Helden der letzten 30 Jahre

Falls euch der Begriff Jump nichts sagen sollte, dann ist dies nicht tragisch. Immerhin handelt es sich hier um ein japanisches Magazin mit dem Namen Shūkan Shōnen Jump, welches erstmals im Jahr 1968 erschienen ist und im wöchentlichen Zyklus beim Verlagshaus Shueisha veröffentlicht wird. Das Manga-Magazin richtet sich insbesondere an männliche Teenager und zu den bekanntesten Werken der Serie gehören Dragon Ball Z, Naruto und One Piece.

Das nun veröffentlichte Spiel Jump Force fokussiert nicht nur einen einzigen Manga bzw. Anime, sondern bringt die Helden und Schurken aus insgesamt 16 unterschiedlichen Manga-Portfolios auf die Mattscheibe, die sich hier in 3 vs. 3 Tag team-Matches miteinander Prügeln können. Dies entspricht immerhin rund 40 spielbaren Charakteren, zu denen unter anderem Yugi Muto (Yu-Gi-Oh!), Rurouni Kenshin (Rurouni Kenshin) und auch Kurosaki Ichigo (Bleach) zählen.

Die Geburt eines neuen Helden

Die Charaktere von so vielen unterschiedlichen Manga-Universen zusammenzubringen, ist zumindest hinsichtlich einer glaubwürdigen Story kein leichtes Unterfangen. Das zeigt auch Jump Force eindrucksvoll, denn die Inszenierung dient hier mehr als obligatorischer Aufhänger, um die Kämpfe in Gang zu setzen.

So finden wir uns zum Start des Spiels mitten in New York wieder. Die amerikanische Metropole wird genau zu diesem Zeitpunkt durch Freeza und eine Armee von sogenannten Venoms angegriffen. Dies sind Kämpfer, die durch mysteriöse Kuben beeinflusst und einer Gehirnwäsche unterzogen worden sind. Auch eigentlich freundlich gesinnte Kämpfer können durch diese infiziert und umgedreht werden. Wer oder was die Charaktere aus all den unterschiedlichen Universen angreift und was das eigentliche Motiv dahinter ist, gilt es im Verlauf des Spiels herauszufinden.

Wir selbst schlüpfen in Jump Force in die Rolle eines normalen Erdenbürgers, der durch eine Attack von Freeza fast sein Leben verliert. Nur durch einen kleinen Roboter, der eine der genannten Kuben für gute Zwecke einsetzt, kann das Leben unseres Charakters gerettet werden. Der Charakter-Designer in Jump Force kommt dabei äußerst umfangreich daher, und bietet uns zahllose Möglichkeiten, uns auszutoben, sodass wir unseren ganz individuellen Helden kreieren können.

Hubwelt, Missionen, Kämpfe

Da nicht nur die Erde, sondern alle Jump-Universen in Gefahr sind, haben die Helden dieser Welten die Jump Force gegründet. Eine Gruppe die sich gegen die Bedrohung der Venoms auflehnt und verlorene Gebiete zurückerobern will. Die Basis der Jump Force stellt die Hub-Welt des Spiels dar, in der wir uns zwischen Missionen und Kämpfen immer wieder einfinden. Hier können wir auch mit zahlreichen weiteren Spielern agieren, die simultan in diesem Social-Hub unterwegs sind. Neben den Gesprächen mit NPCs können wir hier auch Verbrauchsgegenstände aber auch neue Kostüme, Attacken und andere Items kaufen.

Der Kauf von Attacken und anderen Fähigkeiten stellt einen essentiellen Bestandteil des Spiels dar. Denn im Gegensatz zu Son Goku, der mit seinem Kame-Hame-Ha für Furore sorgt, sind wir nur ein armer Mensch ohne charakteristische Moves. Stattdessen können wir die Fähigkeiten der anderen Helden erwerben und diese selbst nutzen. Abseits dessen ist es eine schöne Idee, seinen eigenen Charakter gegen seine Lieblings-Animefiguren in den Kampf zu schicken. Schade ist jedoch, dass unser stummer Held im Verlauf der Geschichte eher zu einem Augenzeugen und Laufburschen verkommt.  Ein glaubhaftes Einbeziehen unserer Figur in die folgenschweren Ereignisse versucht das Spiel zwar herüberzubringen, schafft dies jedoch nicht annähernd glaubhaft genug. Die Hubwelt selbst kommt zudem mit einem weiteren Problem daher: Sie ist quasi überflüssig. Der Social-Hub sorgt in keiner Weise dafür, das Socializing zu unterstützen, sodass man darauf auch gut hätte verzichten können. Ein paar Minispiele hätten hier schon eher geholfen.

Das Hauptaugenmerkt in Jump Force steckt natürlich in den Kämpfen selbst. Hier können wir entweder der Story folgen, in Online- und Offline-Matches zeigen, was wir draufhaben oder aber Missionen annehmen. Letztere sind relativ spannend, da diese uns bestimmte Sieg-Voraussetzungen angeben, aber auch Belohnungen zum Freispielen anpreisen. Zu diesen können sogar neue Kostüme zählen, was das Spektakel noch interessanter macht. Außerdem muss sehr viel gekämpft werden, denn nur so können wir uns die Ingame-Währung erspielen, die für weitere Ausgaben und Individualisierungs-Items notwendig ist. Leider verdienen wir uns allerdings nicht allzu viel durch solche Kämpfe, sodass der Spaß schnell zu einem langwierigen Grind verkommt.

Gameplay:  ein zweischneidiges Schwert

Die Entwickler-Schmiede Spike Chunsoft hat in den letzten Jahren zahlreiche Videospiele entwickelt, darunter auch einige Beat’em Ups wie J-Stars Victory VS+ oder One Piece: Burning Blood. Entsprechend kommt das Studio mit einer ordentlichen Erfahrung daher, die allerdings nicht an die von Konkurrenten wie bspw. dem berüchtigten Studio Arc System Works heranreicht. Dies zeigt sich auch sehr stark an Jump Force, denn obgleich die Inszenierung der Kämpfe bombastisch ist, so verkommt das Spielgefühl zu einem „Ich stunlocke dich, wenn du mich nicht zuerst kriegst“.

Das sogenannte Rush-System hinter Jump Force löst ihr durch leichte oder starke Attacken aus. Wurde eine solche Angriffsserie gestartet, hat der Gegner kaum eine Chance, sich aus dieser noch zu befreien. Die einzige Ausnahme ist ein Fluchtmanöver, das allerdings nur einmal in einem recht langen Zeitrahmen eingesetzt werden kann. Ähnlich verhält es sich auch mit verschiedenen Spezialattacken des Spiels. Wurden wir von diesen getroffen, fliegen wir quer durch die Luft, bekommen währenddessen eine Tracht Prügel nach der anderen verabreicht, ehe wir dann schwer verwundet am Boden liegen – mit 30 Prozent weniger Energie. Zugegeben, die Effekte sind atemberaubend und eindrucksvoll umgesetzt, doch durch die lange Wartezeit, in der wir gezwungen sind, tatenlos den Geschehnissen zuzusehen, schlägt der Spaß oft schnell in Frustration über.

Die Tag team-Mechanik des Spiels lässt uns jederzeit insgesamt drei Charaktere ins Spielgeschehen mitnehmen. Zwischen diesen können wir mit einem Knopfdruck wechseln. Jedoch gilt es hier zu beachten, dass alle drei dieselbe Energieleiste teilen. Die Gegner-KI scheint jedoch nicht in der Lage zu sein, die Vorteile von bestimmten Charakteren auszumachen und die eigene Taktik entsprechend anzupassen. Entsprechend fühlt sich die Tag-Team-Mechanik recht nutzlos an, zumindest solange wir nicht gegen menschliche Spieler antreten. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Kampfweisen der verschiedenen Charaktere – Yugi Muto kämpft bspw. mit seinem Kartendeck aus der Ferne und beschwört Monster – macht das Tag-System hier deutlich mehr Sinn.

Optisch bombastisch, aber auch plastisch

Das neue Artdesign, welche Spike Chunsoft uns mit Jump Force präsentiert, kann mit gemischten Gefühlen betrachtet werden. Wie es auch beim Gameplay der Fall ist, welches sich mehr an Gelegenheits-Beat’em Up-Spieler richtet, wird die Optik nicht jedem Spieler gefallen. Während das Charakterdesign sehr gut umgesetzt wurde, so sorgt hier gerade die Mischung aus realer Welt und Comic-Charakteren für ein gewisses Ungleichgewicht und erscheint stellenweise sehr plastisch.

Auch fallen in bestimmten Situationen gewisse Unstimmigkeiten auf. Der Charakter (Future) Trunks aus Dragon Ball Z wirkt so, als hätte er einen steifen Hals und die Bewegungsanimationen des eigenen Charakters kommen extrem stöckern daher. Dies fällt insbesondere in der Hub-Welt auf. Auch die Bewegungen der anderen Charaktere laufen keinen vollständigen und abgerundeten Zyklus ab. Entsprechend wenig flüssig fällt die Laufanimation aus.

Großer Push im Bereich der Grafik...
Bombastisches Effekt-Spektakel
Tolles Ensemble aus 42 Charakteren
Umfrangreicher Charakter-Editor
Hoher Grad an Individualisierungen
... die stellenweise sehr plastisch wirkt
Angriffsketten sorgen für Bruch im Spielfluss
"Stunlocking" sorgt für massiven Frust
Kampfmechaniken mit wenig taktischem Tiefgang
Tag team-Mechanik eher nutzlos
Schwache KI
Überflüssiger Social Hub

Daniel Meyer

Jump Force besticht vor allem durch das große und vielfältige Aufgebot an Kämpfern sowie im Bereich der Inszenierung von Angriffen – seien es normale Schlagabtausche oder Spezialangriffe. Gerade hier hat sich der Entwickler sehr viel Mühe gemacht, die Helden der unterschiedlichen Mangas und Anime bestmöglich zum Leben zu erwecken und das in all ihrer Größe. Allerdings sind dies auch die einzigen Bereiche, in denen der Entwickler brilliert. Während die optische Präsentation des Spiels eher Geschmackssache ist, so fallen alle anderen Aspekte fast schon lieblos aus. Die Story wirkt aufgezwungen, die Kampfmechaniken sind taktisch anspruchslos und sorgen zu oft für Unterbrechungen im Spielfluss. Selbst die Level- und Skillsysteme wirken mehr als Mittel zum Zweck, mit dem Versuch den Spieler möglichst langfristig ans Spiel zu binden – unabhängig davon ob dies sinnvoll ist. Problematisch sind leider auch Performance-Probleme bei Kämpfen gegen andere Spieler online - jedoch gilt es hier abzuwarten ob dies auch längerfristig zu beobachten ist. Entsprechend richtet sich Jump Star vor allem an Anime und Manga-Fans, die gut und gerne Lust haben gelegentlich eine Partie zu wagen. Hard-Core Beat'em Up-Spieler sollten hingegen die Augen nach runderen Prüglern offenhalten.
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