Test: Just Cause 4

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Im Test: Just Cause 4 – Bildquelle: Square Enix

Rico Rodriguez – Experte für Explosionen, rigorose Rampensau, Meister der Machosprüche. In Just Cause 4 feiert der Mexikaner mit der kurzen Lunte sein furioses Comeback und hat nicht nur schlechtes Wetter mit im Gepäck, sondern auch ein ganzes Arsenal neuer Spielzeuge. Wir haben uns in den schnittigen Wingsuit gequetscht und sind mit Vollgas durch die völlig übertriebene Open-World-Sandbox gebrettert. Dabei sind wir auf viel Altbekanntes, aber auch das wohl beste Spiel der Reihe gestoßen.

Von Wettergöttern und Echsenmenschen

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Mira und Rico sind nicht amused – Bildquelle: Square Enix

Lasst uns eine Sache gleich von vornherein aus dem Weg räumen. Wer Just Cause spielt, legt in der Regel keinen allzu großen Wert auf eine stringent erzählte oder auch nur ansatzweise tiefgründige Geschichte. Diesem Konzept bleibt natürlich auch der vierte Teil  treu und präsentiert euch völlig bekloppte Charaktere mit noch bekloppteren Ideen. Das Grundgerüst dahinter sieht in etwa folgendermaßen aus: Nachdem Rico der urbösen Agency ein weiteres Mal entwischt ist, verschlägt es den kernigen Burschen zurück nach Südamerika – genauer gesagt ins idyllische Solís. Gerüchten zufolge soll sein verstorbener Vater dort an einer geheimen Forschungsinitiative der globalen Verbrecherorganisation beteiligt gewesen sein. Als der Adrenalinjunkie eintrifft, erfährt er von den Einheimischen, dass die Region seit einiger Zeit von ungewöhnlichen Wetterphänomenen heimgesucht wird – ein Hinweis auf das ominöse Projekt Illapa?

Bevor der wortkarge Held jedoch Nachforschungen anstellen kann, stellt sich ihm Gabriella Morales in den Weg, Chefin der Schwarzen Hand, einer Privatarmee, die in Solís beheimatet ist. Bereits in der Vergangenheit hatte er mit dieser Elitetruppe zu tun und so setzt Rico alles daran, die Einheimischen zu mobilisieren, um mithilfe der Rebellion nicht nur die Söldner ein für allemal auszulöschen, sondern auch das Projekt Illapa zu stoppen, bevor die Agency den Planeten in Schutt und Asche legt. An seiner Seite: Ein schrulliges Mosaik verrückter Charaktere, die den Gringo in allerhand abstruse Situationen bringen. Sei es ein Verschwörungstheoretiker, der hinter jeder Ecke außerirdische Echsenmenschen vermutet oder eine sensationsgeile Regisseurin, die Rico für ihre B-Movies zum lebenden Crashtest-Dummy ernennt. Charaktere und Geschichte sind wieder einmal so überzeichnet, dass die rund 20-stündige Hauptstory schnell zur Nebensache verkommt.

Mehr als nur ein Shooter

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Was soll Rico als nächstes anstellen? – Bildquelle: Square Enix

Die großen Stärken von Just Cause 4 liegen stattdessen wie üblich im Gameplay. Am Grundkonzept der Reihe hat sich auch in 2018 nicht allzu viel verändert: Ihr durchstreift die offene Spielwelt, erledigt kurzweilige Story-Missionen, versucht euch an zahlreichen Nebenaufgaben wie Stunts, Geschicklichkeitspassagen oder explosiven Schusswechseln und habt dabei alle Freiheiten, die ihr euch nur vorstellen könnt. Obwohl JC eigentlich ein handelsüblicher Shooter ist, entwickelt sich das Spiel mit jeder Fortsetzung mehr und mehr zu einer Action-Sandbox für kreative Köpfe. Just Cause 4 setzt dem Ganzen die Krone auf, denn mit einem verbesserten Greifhaken und Nachschublieferungen haben es zwei Features nach Solís geschafft, mit denen eurem Ideenreichtum kaum Grenzen gesetzt sind. Nicht umsonst trägt Rico im neuen Teil den Spitznamen „Der Da Vinci der Gewalt“.

Multifunktionswerkzeug mit Spielspaßgarantie

Bereits im Vorgänger konntet ihr mit dem praktischen Greifhaken allerlei witzige Dinge anstellen. Zwei Objekte miteinander zu verbinden und aufeinanderkrachen zu lassen, funktioniert noch immer prima. Zusätzlich dazu habt ihr nun allerdings die Möglichkeit, den Haken individuell einzustellen. Habt ihr also keine Lust, die Schwarze Hand nur mit Maschinengewehr in die Knie zu zwingen, verschießt doch ein paar Ballons, befestigt sie an einer Handvoll Explosivfässern und lasst diese schwebend neben euch herflattern. Anschließend lasst ihr den ganzen Bums in Jedi-Manier über der gegnerischen Basis niedergehen und das Chaos ist perfekt – ein teuflischer Spaß.

Der Greifhaken ist also nicht mehr nur nützlich zur Fortbewegung, sondern avanciert zum verrückten Multifunktionswerkzeug. In Just Cause 4 steckt also enormes Spielspaß-Potenzial, vorausgesetzt, ihr seid experimentierfreudig. Schade nur, dass diese großartige Mechanik kaum Anwendung innerhalb der Missionen findet, wenn ihr euch nicht explizit dafür entscheidet, sie zu benutzen. Im Grunde lässt sich das Spiel auch komplett ohne den Greifhaken spielen, sodass viele wohl eher zum Raketenwerfer greifen, statt sich ausgefeilte Physik-Spielereien zu überlegen, mit denen man ganze Landstriche in Sekunden dem Erdboden gleich macht. Das Schöne ist: Die grenzenlosen Möglichkeiten sind da, ihr müsst sie nur entdecken.

Post für Rico

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Eine Lieferung für Rico Rodriguez – Bildquelle: Square Enix

Um JC dieses Mal wirklich zum König der Sandbox zu krönen, gibt euch das Spiel außerdem eine ganze Wagenladung kurioser Spielzeuge an die Hand, mit denen ihr frei Schnauze herumhantiert. Anfangs stehen euch nur ein paar Zivilfahrzeuge und ein gepanzerter Buggy zur Verfügung, im Laufe des Spiels schaltet ihr jedoch Unmengen von Waffen, Fahrzeugen und Items frei, die dank Nachschublieferung direkt zu euch geschickt werden – nicht per Postbote oder Drone, sondern im praktischen Container, der euch vor die Füße fällt. Bis zu fünf Piloten könnt ihr gleichzeitig aktiv haben, die euch alles bringen, was das Herz begehrt. Windturbine auf schwebendem Panzer? Kein Problem mit RICOZON PRIME!

Dass ihr neben all den Freiheiten auch genügend Motivation habt, die riesige Spielwelt zu erkunden, liegt am gelungenen Progression-System. Wie schon Medici ist auch Solís in viele verschiedene Zonen eingeteilt, die es Stück für Stück zu erobern gilt. Um eine Region für die Rebellen zugänglich zu machen, müsst ihr allerdings zunächst die örtliche Festung der Schwarzen Hand sabotieren. Das funktioniert nach Schema F, indem ihr Schalter umlegt, den General um die Ecke bringt oder mit Bomben bestückte Autos im Hafenbecken versenkt (???). Was ihr nun noch für ein erfolgreiches Fortschreiten der eigenen Truppen machen müsst, ist ordentlich Chaos anzurichten, indem ihr alles zerballert, was euch vor die Panzerfaust kommt.

Die Luft wird dünn

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Die Rebellion schreitet voran – Bildquelle: Square Enix

Das macht dank solider Shooter-Mechaniken ordentlich Laune, auch wenn wir uns gewünscht hätten, dass wirklich jedes Haus unserer Waffengewalt nachgibt und nicht nur die der Bösewichte – Ein Kritikpunkt, der schon beim Vorgänger für Abzüge sorgte. Habt ihr genug Schaden angerichtet, könnt ihr auf der Übersichtskarte in einer Art Meta-Game eure Grenzen erweitern und werdet mit einem neuen Item oder Piloten belohnt. Neben den vielen winzigen Nebentätigkeiten in der Spielwelt, die mal lächerlich einfach, mal knackschwer daherkommen, nimmt dieser Eroberungsfeldzug den größten Teil eurer Zeit in Just Cause 4 ein. Schätzungsweise 50-60 Stunden verbringt ihr in Solís, wenn ihr die 100% erreichen möchtet.

Obwohl es schön ist, dass euch das Spiel in den Haupt- und Nebenmissionen an die Hand nimmt und spielerische Freiheiten in die richtigen Bahn lenkt, hätten wir uns hier etwas mehr Abwechslung gewünscht. Zum zehnten Mal in Folge den Chaffeur für einen Spion zu spielen, um diesen mit einem spektakulären Stunt von der nächsten Klippe zu schicken – wie ein Unfall soll es aussehen – nagt mit der Zeit doch sehr am ansonsten spaßigen Gesamterlebnis. Auf lange Sicht geht Just Cause 4 ein wenig die Puste aus, nicht so arg wie bei den Vorgängern, aber deutlich spürbar. Abhilfe könnten wie üblich die Leaderboards schaffen, auf denen ihr gegen eure Freunde im Wingsuit-Gleiten, fehlerfreien Fahren und viel mehr antretet. Zum fünften Jubiläum würden wir uns aber endlich den langersehnten Multiplayer wünschen, der die Reihe auf das nächste Level hieven könnte.

Ein Sturm zieht auf

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Wetter: Nie netter – Bildquelle: Square Enix

Trotzdem erwartet euch mit Just Cause 4 der beste Teil der Reihe, denn neben den vielen spielerischen Upgrades hat besonders die Spielwelt richtig viele Liebe spendiert bekommen. Solís ist kein eindimensionales Tropenparadies, das beim gepflegten Ballern Urlaubsgefühle aufkommen lässt – zumindest nicht immer. Stattdessen stellt euch die Region selbst vor unbekannte Herausforderungen. Die vier großen Biome der Insel bieten nun extreme Wettereffekte, die sich nicht nur auf die Optik des Spiels auswirken, sondern auch mit Konsequenzen im Gameplay einhergehen. Ricos Reise beginnt im Regenwald, wo tropische Stürme verhindern, dass der Gringo hoch hinaus kommt. Immer wieder zucken Blitze über den Himmel und schlagen in hohe Gebäude oder unvorsichtige Wingsuit-Akrobaten ein. Hinzu kommen Regentropfen so groß wie Tennisbälle, welche euch die Sicht vernebeln.

Im Flachland hingegen tobt ein verheerender Tornado, der alles durch die Gegend schleudert, was nicht niet und nagelfest ist – und das meinen wir wirklich so. Die Entwickler haben ihre Physik-Engine dahingehend optimiert, dass der riesige Wirbelsturm wirklich jeden Gegenstand, der nicht fest mit dem Boden verbunden ist, aufsaugt und in Einzelteilen wieder ausspuckt – ein atemberaubendes Schauspiel. Auch Wingsuit und Fallschirm verhalten sich dementsprechend anders, wenn sie mit dem Tornado in Berührung geraten. In Verbindung mit der einzigartigen Weitsicht, die wir so noch in keinem Spiel bewundern durften, habt ihr so jederzeit den Eindruck, ihr würdet eine organische, lebensecht große Welt bereisen, selbst wenn dort eigentlich nicht allzu viel los ist. Auch die übrigen zwei klimatischen Besonderheiten, die wir euch an dieser Stelle nicht spoilern wollen, bringen mächtig frischen Wind in den vierten Teil – und das sowohl optisch als auch in punto Gameplay.

Besser aus der Ferne

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Nie war ein Tornado schöner – Bildquelle: Square Enix

Stattet ihr allerdings dem Boden einen Besuch ab, fällt schnell auf, dass viel kreative Energie in die Präsentation aus der Ferne geflossen ist, während kleine Details wie Texturen an Autos oder die Gesichter der Solísianer doch eher mau daherkommen. Lassen wir den Blick über die Berge und Täler der Spielwelt wandern, gehört Just Cause zu den schönsten Spielen, die derzeit auf dem Markt sind, betrachten wir die Region jedoch aus der Nähe, bleibt die Action-Sandbox nur mittelmäßig. Das ist allerdings gar nicht weiter schlimm, denn die meiste Zeit schwingen wir uns ohnehin quietschvergnügt durch die Welt und genießen den Ausblick.

Deutlich mehr haben wir uns hingegen an den Zwischensequenzen gestört. Nicht inhaltlich, denn wir wissen schließlich, was wir von Just Cause erwarten können, sondern vielmehr optisch. Die kurzen Story-Fetzen können nämlich nicht ansatzweise mit der Präsentation im Spiel mithalten. Woran genau dies liegt, konnten wir bis dato nicht herausfinden, denn in der Regel ist es ja eher andersherum. Fakt ist: Die Charaktere und ihre Animationen präsentieren sich in den Cutscenes verwaschen und schlecht aufgelöst, sodass wir letztlich noch weniger Lust hatten, der hanebüchenen Geschichte zu folgen. Ob sich daran mit etwaigen Patches noch etwas ändert, bleibt abzuwarten.

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Technisch sauber trotz Effekthagel – Bildquelle: Square Enix

In technischen Höhen

Bleibt abschließend die wichtige Frage nach der Performance von Just Cause 4. Der Vorgänger hatte zu Release mit enormen technischen Schwierigkeiten zu kämpfen, die den Action-Blockbuster fast unspielbar machten und harsche Kritik nach sich zogen. Daran hat sich mit den Nachfolger glücklicherweise einiges geändert. Wir haben JC4 auf dem PC getestet und waren überrascht, wie butterweich das Spiel läuft. In unseren rund 35 Stunden mit dem Spiel waren die 60 Bilder pro Sekunde nur selten in Gefahr und das trotz Tornado, Partikelmassaker und etlichen Gegnern auf dem Bildschirm. Auch von Abstürzen (abseits des Wingsuit) blieben wir verschont. Lediglich in einer Situation hat sich das Spiel unverhofft geschlossen und nur ein einziges Mal in der Test-Session ließ uns ein Glitch durch die Grafik fallen – Ein enormer Fortschritt im Vergleich zu Teil Drei.

Riesige Spielwelt mit tollen Wettereffekten
Enorm viel spielerische Freiheit
Bombastische Action-Sandbox
Großartige spielerische Neuerungen (Wingsuit, Nachschublieferung)
Gelungenes Fortschritts-System lädt zum Erkunden ein
Viel Raum für kreatives Experimentieren
Einzigartige Weitsicht mit atemberaubenden Panoramen
Butterweiche Performance
Mehr Karikaturen als Charaktere
Überzeichnete Story
Eintöniges Missionsdesign
Langfristig zu eindimensional

Christian Böttcher

Just Cause 4 ist albern vom Intro bis zu den Credits und platt wie Rico Rodriguez im Wingsuit. Juckt uns das? Nicht im Geringsten! Die Reihe war noch nie für ihre ausgefeilte Geschichte bekannt und so steckt auch der vierte Teil alle Energie in seine spielerischen Elemente. Die Action-Sandbox liefert so viele Freiheiten wie nie zuvor und entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Spielplatz für kreative Köpfe. Kaum ein anderer Titel lädt dermaßen zum Experimentieren ein und entwickelt einen solchen Sog, dem ihr euch kaum entziehen könnt. Nicht zuletzt, weil ihr in einem Tornado steckt, der durch die malerische Spielwelt tobt und zeigt, wie Wettereffekte in Spielen auszusehen haben und sich anfühlen müssen. Hinzu kommen gelungene Fortschritts-Systeme und eine butterweiche Performance, sodass uns am 04. Dezember mit Just Cause 4 der beste Teil der Reihe ins Haus steht.
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