Test: Lovecraft Letter

Seit das Kartenspiel Love Letter im Jahr 2012 als kleine Auflage in Japan erschien, ist einiges passiert. Das minimalistische Spiel hat nicht nur seinen Weg über den großen Teich nach Amerika gefunden und ist in Europa veröffentlicht worden, sondern hat auch schon einige Ableger nach sich gezogen. Mittlerweile gibt es Love Letter in speziellen Batman-, Hobbit- oder auch Munchkin- Varianten. Im Vergleich zum Original boten die Nachfolger, abseits der thematischen Aufbereitung, aber höchstens marginale Veränderungen. Jetzt steht mit Lovecraft Letter wieder eine neue Version im Handel. Das Spiel bietet nicht nur ein stimmungsvolles Cthulhu-Szenario, sondern wartet auch spielmechanisch mit interessanten Neuerungen auf.

Es ist erstaunlich, wie viel Spiel in gerade einmal 16 Spielkarten stecken kann. Genau diese Kartenzahl weist das Love-Letter-Original auf. Das vorliegende Lovecraft Letter stockt die Kartenzahl auf immerhin schon 25 Karten auf. Diese Erhöhung ist wohl dem erweiterten Regelwerk zu verdanken. Im Cthulhu-Universum treiben uns die Dämonen wieder einmal in den Wahnsinn. Um diesen essentiellen Bestandteil des Lovecraft-Erbes standesgemäß im Spiel unterzubringen, wurden den 16 normalen Karten noch 9 besondere Wahnsinnkarten beigefügt.

Im Ägypten der 1920er Jahre

Lovecraft Letter ist in den 1920er Jahren angesiedelt. Euer Cousin hat in Ägypten eine seltsame Entdeckung gemacht. Es geht um mysteriöse Schatten, die zum Leben erwachen, um Schriftzeichen mit nicht erkennbaren Texten und um merkwürdige Symbole. Bevor die Ereignisse richtig untersucht werden können, verschwindet euer Cousin. Ihr macht euch also selbst ans Werk, um die ganze Angelegenheit zu untersuchen. Schnell wird jedoch deutlich, dass die Untersuchung nicht ganz ungefährlich ist. Ihr werdet mit großen Schrecken konfrontiert, die euch an den Rand des Wahnsinns treiben… und darüber hinaus.

Das Grundprinzip des Spiels lehnt sich natürlich an die Regeln von Love Letter an. Es ist verblüffend wie einfach das Regelwerk des Originals ist. Jeder Spieler erhält eine Handkarte. Seid ihr am Zug, zieht ihr eine Karte nach, spielt eine der beiden Handkarten aus und führt die Aktion der ausgespielten Karte durch. Zwischenzeitlich werden zunehmend Spieler aus dem Spiel ausscheiden, bis nur noch ein Spieler übrig ist und das Match gewinnt. Erschreckend einfach und spaßig zugleich.

Ein Durchgang kann unter Umständen ziemlich schnell vorbei sein, vor allem in kleineren Runden. Mit etwas Geschick habt ihr schnell alle Gegenspieler aus dem Rennen gekegelt und so das Spiel gewonnen. Eine Partie kann allerdings auch enden, wenn der gesamte Nachziehstapel abgearbeitet wurde. In diesem Fall gewinnt der Spieler mit der punktehöchsten Karte auf der Hand.

Zwischen Genie und Wahnsinn

Bis dahin ist es jedoch ein langer Weg, auf dem es euch die Mitspieler schwermachen, am Leben zu bleiben. Jede Karte kann euer Ende bedeuten. Besonders mächtig sind dabei die Wahnsinnskarten, die allerdings auch Gefahren bergen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Sobald ihr eine Wahnsinnskarte ausgespielt habt, wechselt euer Gesundheitszustand von normal zu wahnsinnig. Für alle weiteren Wahnsinnkarten stehen euch jetzt zwei Varianten zur Verfügung. Eine Wahnsinnskarte könnt ihr entweder mit der normalen Funktion spielen oder aber ihr setzt die Wahnsinnsfunktion der Karte ein, die in vielen Fällen wirkungsvoller ist. Mit jeder gespielten Wahnsinnskarte wächst jedoch die Gefahr völlig durchzudrehen.

Seid ihr einmal wahnsinnig geworden, müsst ihr in jedem weiteren Spielzug immer erst so viele Karten vom Nachziehstapel aufdecken, wie ihr bereits Wahnsinnskarten in eurem persönlichen Ablagestapel habt. Zieht ihr dabei eine weitere Wahnsinnskarte, scheidet ihr aus dem Spiel aus. Erst nach dieser sogenannten Wahnsinnskontrolle dürft ihr eine weitere Karte ziehen und diese auf die Hand nehmen. Mit jeder weiteren Wahnsinnskarte in eurer Ablage steigen somit die Chancen, frühzeitig aus dem Spiel auszuscheiden.

Der Cthulhu-Mythos

Im Spiel befinden sich allerdings einige Karten, die vor einem vorzeitigen Ableben schützen. Das Liber Ivonis ist ein mächtiges Buch der Magie. Es schützt euch vor vielen Gefahren, sogar vor dem mentalen Breakdown nach einer Wahnsinnskontrolle. Es gibt aber auch zahlreiche offensive Manöver, mit denen ihr direkt eure Konkurrenten attackieren könnt. Die häufigsten Vertreter sind die Investigatoren. Spielt ihr eine solche Karte aus, dürft ihr einen Mitspieler benennen und versuchen den Wert seiner Handkarte zu erraten. Gelingt euch dies, so scheidet euer Rivale aus dem Spiel aus. Bei der ganzen Aktion dürft ihr allerdings nicht den Wert „1“ tippen, von denen die meisten im Spiel kursieren.

Von den Investigatoren gibt es auch einen wahnsinnigen Ableger, die Tiefen Wesen. Sofern ihr schon wahnsinnig geworden seid, könnt ihr auch die mächtigere Funktion der Karte einsetzen. Hat der gewählte Mitspieler eine Handkarte mit dem Wert von „1“, scheidet dieser aus. Falls nicht, dürft ihr noch, wie bei den Investigatoren, einen Zahlenwert tippen. Dieses kleine Beispiel zeigt auf, dass die Wahnsinnskarten so viel machtvoller sind als die normalen Karten. Es kann sich also durchaus lohnen, ein Risiko einzugehen.

Im Kartenstapel befinden sich etliche Karten, die sich wunderbar miteinander kombinieren lassen. Ihr braucht also nicht nur Glück, sondern auch taktisches Geschick, um gegen die Mitspieler zu bestehen. Die Katzen von Ulthar etwa erlauben euch den Einblick in die Handkarte eines Gegners. Diese wertvolle Information lässt sich ganz gut nutzen, indem ihr ihn in der Folgerunde mit den Investigatoren konfrontiert. Vielleicht rechnet euer Mitspieler aber auch mit dieser Folgeaktion und spielt seine Karte schon vorher wieder aus. Damit schränkt er aber nicht nur seine Möglichkeiten ein, sondern riskiert möglicherweise auch ein Ausscheiden auf andere Art und Weise. Sollte es sich etwa um eine Karte mit niedrigem Kartenwert handeln, stellt die Große Rasse von Yith eine potentielle Gefahr dar. Wird diese Karte gespielt, so wird der Wert der Handkarten zweier Spieler verglichen. Der Spieler mit dem niedrigeren Kartenwert scheidet sofort aus. Gut geblufft, ist also schon halb gewonnen.

Thematisch stark

Ihr müsst mit dem Cthulhu-Universum nicht vertraut sein, um mit dem Spiel Spaß zu haben. Lovecraft-Kenner werden sich aber ganz bestimmt an der thematisch guten Umsetzung erfreuen. Ihr stolpert immer wieder über bekannte Personen und Objekte aus dem Cthulhu-Mythos. Die Art und Weise wie die Funktionen dieser Karten abgewickelt werden, passt perfekt zum Lovecraft-Stil. Nyarlathotep, der Gott der 999 Erscheinungsformen lässt euch zum Beispiel die Karten der Mitspieler vertauschen. Die Mi-Go stehlen menschliche Gehirne, indem sie die Karte eines Mitspielers einkassieren und diesen mit dem Gehirnzylinder, der schlechtesten Karte im Spiel, zurücklassen.

Im kleinen Regelheftchen findet ihr zudem zu jeder Karte eine kurze Beschreibung mit ihrer Bedeutung in der Welt von Cthulhu. Dadurch wird der Cthulhu-Flair noch greifbarer, auch wenn ihr bislang mit Lovecraft weniger in Berührung gekommen seid. Lovecraft Letter ist für zwei bis sechs Personen ab 10 Jahren ausgelegt. Erschienen ist das Spiel über Pegasus-Spiele und kostet rund 10€.

starke Umsetzung des Themas
hochwertige Karten
leicht erlernbar
schwankende Spieldauer

Sebastian Hamers

Mir hat schon das Originalspiel Love Letter seinerzeit sehr gut gefallen. Trotz des minimalen Materialeinsatzes von 16 Karten ist ein sehr schönes Spiel daraus geworden, das ich immer wieder gerne herauskrame, was bei der Größe meiner Spielesammlung an sich schon ein dickes Kompliment ist. Die Derivate mit Batman & Co. habe ich hingegen vernachlässigt, da sie abgesehen vom Thema nur einen geringen Mehrwert bieten. Lovecraft Letter behält das gute Grundkonzept von Love Lettter zwar ebenfalls bei, erweitert es aber mit den Wahnsinnskarten um ein packendes Element. Der drohende mentale Zusammenbruch bringt zusätzlichen Nervenkitzel ins Spiel. Ein Sonderlob hat sich Lovecraft Letter zudem für die schöne thematische Einbindung verdient. Gerade wenn ihr mit Cthulhu schon einige Erfahrungen gesammelt habt, werdet ihr dies zu schätzen wissen. Für mich ist Lovecraft Letter eine sehr schöne Ergänzung zu Love Letter. Ich traue dem Spiel auf jeden Fall zu, dass es ähnlich oft wie das Original bei mir auf dem Spieltisch landen wird.
Test: Doppel X Test: Kréus