Test: Neom

Neom: Das analoge Sim City im Test

Spätestens seit Spieldesigner-Legende Will Wright im Jahr 1989 das legendäre Sim City aus der Taufe gehoben hat, erfreuen sich Städtebauspiele einer treuen Fangemeinde. In der Brettspiel-Welt haben Spiele mit Stadtbau-Thema vermutlich sogar noch einen höheren Stellenwert. Die Liste mit Stadtbau-Spielen ist lang und voller Highlights. Im letzten Herbst wurde diese Liste um einen weiteren potentiellen Hochkaräter ergänzt. Der Lookout-Verlag hat in der Vergangenheit ein gutes Näschen bewiesen, wenn es darum geht, anspruchsvolle Strategiespiele zu realisieren. Entsprechend groß war die Neugierde der Brettspieler, als der Verlag das futuristische Städtebauspiel Neom im letzten Herbst veröffentlichte.

Die Zukunft von Neom liegt in euren Händen. Gemeinsam versucht ihr die Stadt zu neuen Höhen zu führen und den Bürgern ein Leben in Wohlstand zu ermöglichen. Jeder von euch ist in Neom für einen anderen Stadtbezirk zuständig und ihr seid natürlich bestrebt, das Glanzstück von Neom zu erbauen. Als Verantwortlicher für ein eigenes Viertel steht ihr also in direkter Konkurrenz zu einander. Ob da nicht dem ein oder anderen Städtebauer jedes Mittel Recht ist?

Stadtplanung über drei Generationen

Als urbaner Planer erhält jeder Spieler ein eigenes Tableau, das aus einem Raster von 5×5 Feldern besteht. Dies ist euer Terrain, für das ihr im Verlauf des Spiels verantwortlich seid. Ihr kommt euch baulich nicht in die Quere. Damit nicht jeder Spieler solitär-artig vor sich hinbaut, gibt es einige Elemente im Spiel, die euch miteinander interagieren lassen. Das fängt schon bei der Draft-Mechanik an, die ein wesentlicher Bestandteil des Spiels ist.

Neom wird über drei Generationen gespielt. Mit jeder Generation kommen wieder neue Plättchen ins Spiel, die ihr auf eurem Ablageplan platzieren könnt. Die verfügbaren Plättchen werden jedoch nicht rein zufällig verteilt, sondern müssen von euch gedraftet werden. Erfahrene Brettspieler kennen das Prinzip. Ihr erhaltet zunächst einen Stoß mit Plättchen auf die Hand, nehmt eines davon zu euch und gebt die restlichen Plättchen an den nächsten Spieler weiter. Auf diese Art und Weise könnt ihr eure Strategie ein wenig im Voraus planen und den Spielverlauf beeinflussen.

Fixpunkte der Stadt

Neben den Plättchen aus drei Generationen erhaltet ihr direkt zu Spielbeginn noch eine Auswahl ganz besonderer Gebäude. Dabei handelt es sich um die sogenannten Ankergebäude, die einen großen Einfluss auf eure Strategie haben. Je nachdem, welche Ankergebäude ihr bei Spielbeginn erhaltet, sind im Verlauf des Spiels bestimmte Plättchen wertvoller für euch, andere sind hingegen weniger reizvoll. Dennoch werdet ihr während des Städtebaus reichlich improvisieren und euch immer wieder auf neue Gegebenheiten einstellen müssen.

Zunächst sind eure Optionen noch ziemlich übersichtlich. Vor euch liegt eine Geisterstadt, die nur aus einem einzigem Abbaugebiet besteht, das euch zumindest einen von sechs verschiedenen Rohstoffen einbringt. Rings umher seht ihr nur Brachland. Viel freier Raum bietet jedoch auch viel Potenzial für die Entwicklung. Ihr werdet die Freiflächen nach und nach ausbauen und aus einem unbedeutsamen Drecklock eine Metropole der Zukunft machen. Dabei wird euch das Abbaugebiet im Zentrum eures Schaffens weiterhelfen. Es versorgt euch zuverlässig mit einem Rohstoff, der euch weitere Fortschritte erlaubt und euch Zugriff bietet auf weitere Rohstoffe und später auch auf Handelsgüter und sogar Luxuswaren.

Eine Stadt im Wachstum

Zuvor müsst ihr eure Stadt aber noch ein wenig erweitern. Dazu haltet ihr in jeder Runde eine Anzahl von Stadtplättchen auf die Hand. Eines dieser Plättchen könnt ihr nun aktivieren, von den restlichen Plättchen müsst ihr euch erst einmal verabschieden. Sie wandern für die neue Runde an den nächsten Spieler in der Reihe. Mit dem gewählten Plättchen könnt ihr nun eine von drei Optionen wählen.

In den meisten Fällen werdet ihr das Stadtplättchen in eurer Metropole verbauen. Alternativ könnt ihr es aber auch ungenutzt verwerfen und stattdessen eines der bei Spielbeginn erhaltenen Ankergebäude bauen. Als dritte Möglichkeit steht euch auch noch der Verkauf des Plättchens zur Wahl. Dies ist allerdings eher eine Notlösung, wenn euch mal das Geld ausgegangen ist. In der Regel seid ihr als Stadtplaner eher bestrebt, den Ausbau der Stadt voranzutreiben und das Plättchen auszulegen.

Kein Straßenpflaster ohne Zaster

In der Welt von Neom ist natürlich auch (fast) nichts umsonst. Die meisten Gebäude errichten sich nicht von alleine, sondern müssen bezahlt werden. Dazu liegen dem Spiel insgesamt 65 Münzen, die sogenannten L-Coins, bei. Einige Stadtplättchen müsst ihr mit klingender Münze bezahlen. Es gibt aber auch Stadtgebiete, die andere Voraussetzungen von euch fordern. Wollt ihr etwa ein Börsengebäude errichten, müssen sich in eurer Stadt schon mindestens drei andere Gebäude aus dem wirtschaftlichen Sektor befinden. Soll ein Antiquitätengeschäft gebaut werden, müsst ihr über die Gold-Ressource verfügen.

So müsst ihr also beim Städtebau schon ein wenig im Voraus planen. Eine hohe Bedeutung kommt dabei dem Ressourcenmanagement zu. Bevor ihr ein Gebäude in der Stadt errichten könnt, müsst ihr häufig erst eine andere Immobilie gebaut haben, die euch die nötige Ressource einbringt. Das Handling der Ressourcen fällt in Neom glücklicherweise ziemlich komfortabel aus.

Komfortables Ressourcenmanagement

Ressourcen müssen im Spiel nicht abgegeben werden, wenn ihr mit ihnen eine der Bau-Voraussetzungen erfüllt habt. Sie stehen euch weiterhin zur Verfügung. Habt ihr beispielsweise eine Diamantenfabrik errichtet, steht euch das Handelsgut Diamant ab sofort zur Verfügung. Die Fabrik sichert euch eine dauerhafte Lieferung mit diesem wertvollen Handelsgut. Damit ist auch der Weg frei zum Bau von weiteren Gebäuden. Ab sofort könnt ihr in eurer Stadt auch ein Kaufhaus bauen, wenn ihr das entsprechende Plättchen in die Hände bekommt. Für den Bau von Kaufhäusern werden Diamanten benötigt, die euch die Diamantenfabrik nun liefert.

Glücklicherweise müsst ihr eure Stadt nicht ständig danach absuchen, welche Ressourcen euch zur Verfügung stehen. Sobald ihr etwa die Diamantenfabrik gebaut habt, legt ihr einen Marker mit dem Diamanten-Symbol vor euch ab. So habt ihr eure Möglichkeiten stets gut im Blick. Außerdem könnt ihr auch gut einsehen, über welche Mittel eure Mitspieler verfügen. Notfalls könnt ihr euch auch über eure Stadtgrenzen hinauswagen und fehlende Güter oder Ressourcen bei euren Mitspielern erwerben.

Über die Stadtgrenzen hinaus

Prinzipiell könnt ihr fehlende Ressourcen bei euren Nachbarn einkaufen. Ihr übergebt einige L-Coins an den Mitspieler und schon dürft ihr das fehlende Gut einmalig einsetzen. Der Verkaufspreis steigt, je weiter sich der Verkäufer von euch entfernt befindet. Bei weiten Strecken fallen also Transportkosten an. Am günstigsten erwerbt ihr die Waren demnach bei den direkten Tischnachbarn. Gelingt es euch, ein durchgehendes Straßennetz zu den Außenbezirken eurer Stadt zu erschließen, könnt ihr den Preis ein wenig drücken.

Mit dem Warenaustausch habt ihr eine weitere Möglichkeit, mit den anderen Spielern zu interagieren. Während beim Handel noch alles ziemlich harmonisch abläuft, so kann sich dies rasch ändern, wenn die Katastrophen zum Einsatz kommen. In jeder Plättchen-Generation befindet sich eine solche Katastrophe. Überschwemmung, Großbrand und Gewaltwelle, das sind die Ereignisse mit denen ihr euch herumschlagen müsst.

Chaos in der Metropole

Habt ihr ein Katastrophen-Plättchen auf der Hand, könnt ihr es statt eines Stadtplättchens ausspielen. In dieser Runde verzichtet ihr dadurch auf den weiteren Ausbau eurer Stadt. Dafür könnt ihr euren Mitspielern gehörig in die Suppe spucken. Während ihr selbst der Katastrophe entkommt, müssen sich alle anderen Spieler mit ihren Folgen herumschlagen. Je nach Art der Katastrophe müsst ihr entweder schon errichtetes Gebäude demontieren oder aber sie durch den Aufwand von L-Coins retten.

Nach drei Generationen biegt das Spiel auf die Zielgerade ein. Jetzt müsst ihr nur noch die Siegpunkte zusammenzählen, um den Gewinner des Spiels zu ermitteln. Viele Punkte erhaltet ihr direkt durch die ausgelegten Plättchen. Weitere Siegpunkte könnt ihr euch durch das Errichten von großen Wohngebieten erarbeiten. Allerdings gibt es für diese auch wieder Punktabzug, wenn sie sich in der Nähe von Stadtteilen befinden, die umweltbelastend sind. Von Bedeutung sind ebenso die Waren, die ihr in eurer Stadt produzieren könnt sowie die nötige Stromversorgung. Habt ihr es versäumt, einen Stromproduzenten in die Stadt zu locken, müsst ihr einen Malus auf eure Siegpunkte hinnehmen.

Für eine Partie müsst ihr etwa eine Dreiviertelstunde einplanen. Damit fällt die Spieldauer angenehm überschaubar aus. Dies trifft selbst dann noch zu, wenn ihr in der Maximalbesetzung von fünf Spielern antritt. Neom verfügt übrigens auch über einen Solospieler-Modus, für den ein paar abgewandelte Regeln gelten. Neom steht ab sofort im Handel. Kostenpunkte: etwa 40€.

Sim-City-Flair
mit Solospieler-Modus
für bis zu 5 Spieler geeignet
hochwertiges Spielmaterial
fordert knifflige Entscheidungen
flüssiges Spielerlebnis
grafisch eher schlicht

Sebastian Hamers

Neom enthält tatsächlich viele Elemente, die schon den Computerspiel-Klassiker Sim City so beliebt gemacht haben, wenn auch in etwas reduzierter Form. Die geringere Komplexität kommt dem Spielfluss sehr zugute. Da ihr euch pro Runde immer für nur ein Plättchen entscheiden müsst, gibt es auch nur sehr geringe Wartezeiten. So spielt sich Neom immer flüssig. Trotz der recht einfachen Regeln trumpft Neom doch mit einer guten Spieltiefe auf. Das Spiel ringt euch einige knifflige Entscheidungen ab und fordert taktische (Voraus-)Planung von euch als Städteplaner. Viele Stadtbauspiele kommen mit dem Problem daher, dass die Interaktion unter den Spielern nicht ganz so groß ist. Dies trifft auf Neom nur zum Teil zu. Durch den Drafting-Mechanismus, die Möglichkeit des Handelns sowie die Katastrophen-Ereignisse gibt es schon einige Elemente, die euch miteinander interagieren lassen. Wenn ihr mit dem Gedanken an Neom herangeht, ein analoges Sim City zu erhalten, seid ihr schon auf einer ganz guten Spur. Freunde von Aufbau- und insbesondere Städtebauspiele finden mit Neom auf jeden Fall einen tollen Vertreter dieses Genres.
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