Test: New Angeles

In der Welt von Android haben die Großkonzerne immer mehr an Einfluss gewonnen. Längst kontrollieren sie weite Teile des menschlichen Lebens. So geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Die gilt ganz besonders für die Metropole New Angeles. Dort genießen die großen Unternehmen nicht nur steuerliche Freiheiten, sondern haben ihre Macht auch auf andere Bereiche der Stadt ausgeweitet. Die Regierung toleriert das Treiben der Konzerne zwar, beäugt die Situation aber mit Argusaugen. Innerhalb von New Angeles regt sich der Widerstand. Nur wenn die Konzerne zusammenarbeiten, kann es ihnen gelingen, die staatlichen Behörden weiterhin von ihrer Steueroase fernzuhalten.

Als Boss eines Megakonzerns versucht ihr mithilfe der anderen Konzerne eure Macht in New Angeles zu schützen. Doch könnt ihr euren Rivalen tatsächlich trauen? Jeder Konzern wird schließlich versuchen, einen eigenen Vorteil aus der verfahrenen Situation zu ziehen. Einige Unternehmen werden dabei mehr profitieren als andere. Ihr braucht überzeugende Argumente, um die anderen Konzernchefs auf eure Seite zu ziehen.

Falls das nicht klappt, hilft vielleicht auch mal der ein oder andere Dollar aus der Schmiergeldkasse. Das Ziel lautet, so viel Kapital wie möglich anzuhäufen. Verlieren die Konzerne jedoch die Kontrolle über die Stadt, so greift die Regierung ein und übernimmt wieder das Sagen in New Angeles. In diesem Fall haben alle Spieler verloren. Möglicherweise hat sich ein Konzernboss aber auch von der Regierung schmieren lassen und legt es auf eine Eskalation der Situation an. Der Verräter sitzt vielleicht direkt unter euch.

Die Macht der Konzerne

Damit alle Großkonzerne im Spiel vertreten sind, spielt ihr New Angeles am besten in der Vollbesetzung mit sechs Spielern. Jeder Konzern hat seine eigenen Stärken und Schwächen. Sie sorgen mit ihren individuellen Aktionen für eine Befriedigung der Nachfrage und stellen so den Fortbestand von New Angeles in seiner jetzigen Form sicher. Zu Beginn des Spiels zieht der aktive Spieler eine bestimmte Anzahl von Aktionskarten auf die Hand. Welche Karten das sind, seht ihr auf der Kon-Übersicht. Jeder Kon hantiert mit anderen Möglichkeiten.

Im Spiel gibt es insgesamt sechs verschiedene Aktionskarten. Mit Bau-Karten könnt ihr Ausfälle in den Stadtgebieten reparieren oder Entwicklungen bauen. Biotech-Konzerne mindern mit ihren Aktionen die Bedrohungen durch die Bürger, dämmen Krankheiten ein und manipulieren bestimmte Ereignisse. Konzerne mit vielen Arbeitskräften sorgen für die Verteilung von Androiden in der Stadt und können bestimmte Ressourcen schneller herstellen. Medien-Unternehmen können die Unruhe senken und generieren neue Karten. Mit Sicherheitsaktionen schickt ihr die Prisec-Wachpatrouille los. Sie schützt euch vor Aufständen durch Menschenrechtsorganisationen oder dem Organisierten Verbrechen.

Zum Wohle der Stadt

Nachdem der aktive Spieler seine Aktionskarten bezogen hat, geht es auch schon in die zweite Phase, dem Aushandeln einer Absprache. Als aktiver Spieler wählt ihr eine Aktionskarte von der Hand und spielt sie offen in der Tischmitte aus. Das Spielen dieser Aktionskarte ist der Vorschlag eures Konzerns, was die Gemeinschaft aller Großkonzerne als nächstes unternehmen sollte. Dazu seht ihr euch unter anderem an, welche Produkte in New Angeles gerade besonders gefragt sind. Die Konzerne sollten alles daransetzen, die Nachfrage zu erfüllen. Ansonsten erhöht sich die Bedrohung durch den Staat, der sich dann irgendwann zum Eingreifen gezwungen sieht.

Es gibt aber noch andere Probleme in der Stadt, die es zu beseitigen gilt. Eventuell hat sich in einem Stadtteil schon eine Unruhe unter der Bevölkerung gebildet oder sogar ein Streik. Im letzteren Fall werden in dem betroffenen Gebiet keine Ressourcen gebildet, was sich natürlich wiederum negativ auf das Erfüllen der Nachfrage auswirkt. Ebenso kann das Organisierte Verbrechen in die Bildung von Ressourcen eingreifen. Ziemlich lästig ist auch die Menschenrechtsorganisation „Menschen zuerst“. Sie wiegelt die Bevölkerung auf und sorgt für Unruhe und Streiks. Möglicherweise hilft hier eine Prisec-Einheit, um vorerst für Ruhe zu sorgen.

Am Verhandlungstisch

Überlegt euch also wie ihr New Angeles mit den eigenen Aktionen am besten weiterhelfen könnt. Versucht eure Mitstreiter in den Chefetagen der Konzerne davon zu überzeugen, dass dieser Schritt besonders wichtig für das Überleben der Stadt ist. Eure Gegenspieler können reihum allerdings auch noch einen Gegenvorschlag vorlegen. Je mehr Gegenvorschläge in den Raum geworfen werden, desto teuer wird die ganze Aktion jedoch. Der erste Gegenvorschlag kann noch ohne weitere Kosten vorgenommen werden. Um den ersten Gegenvorschlag zu verdrängen, muss der nächste Spieler in der Reihe eine weitere eigene Aktionskarte opfern. Die Kosten steigen nun mit jedem weiteren Vorschlag um eine zusätzliche Karte.

Letztlich liegen zwei Karten in der Tischmitte. Eure Aktionskarte als aktiver Spieler sowie ein Gegenvorschlag eines Mitspielers, sofern überhaupt ein Spieler einen solchen Gegenvorschlag eingereicht hat. Beide beteiligten Konzernbosse werden nun versuchen, die anderen Spieler auf ihre Seite zu ziehen. Für den Sieger dieser Auseinandersetzung winkt eine Vorteilskarte, die euch mächtige Boni einbringt. Am Verhandlungstisch dürft ihr jetzt tüchtig feilschen, es kann eine hitzige Debatte darüber entstehen, welche Aktion für die Stadt denn nun am besten wäre. Letztlich wird ganz basisdemokratisch abgestimmt. Es hält euch aber natürlich nichts davon ab, euren Mitspielern Versprechungen zu machen oder sie mit Geld zu bestechen.

Nach Abschluss der Verhandlungen wechselt der Aktive-Spieler-Marker an den nächsten Spieler in der Runde. Bis zu fünf Verhandlungen werden im Laufe einer Runde gespielt. So können sich gleich mehrere Konzernbosse ihre Vorteilskarte sichern. Nachdem alle Vorteilskarten verteilt und die Aktionen der Konzerne durchgeführt wurden, geht es in die Produktionsphase.

Konsum in New Angeles

New Angeles ist eine riesige Stadt, die aus insgesamt zehn Stadtteilen besteht. Jeder Stadtteil ist dabei einem von drei Gebieten zugeteilt. In jedem Stadtteil findet ihr eine oder mehrere Ressourcen, die dort produziert werden. Durch bestimmte Ereignisse kann die Produktion aber behindert werden. Dazu zählen Streiks, das Organisierte Verbrechen sowie ein Ausfall. Zählt alle produzierten Ressourcen in den Stadtteilen zusammen und haltet das Ergebnis auf der Übersichtstafel fest. In regelmäßigen Intervallen gilt es die Nachfrage der Einwohner in den fünf unterschiedlichen Produktgruppen auch zu befriedigen. Wird die Nachfrage auch nur in einer Gruppe nicht erfüllt, steigt das Bedrohungslevel an. Die Regierung hat New Angeles nun unter besonderer Beobachtung. Regelmäßig verändert sich die Nachfrage aber auch wieder. Durch bestimmte Events, wie zum Beispiel die Austragung einer Weltmeisterschaft in der Stadt, kann sich die Nachfrage plötzlich wieder ganz anders gestalten.

Während jeder Runde wird zudem ein Ereignis ausgelöst. In der Regel steigt dadurch die Bedrohung um einige Punkte. Weiterhin kommen einige Miniaturen oder Marker ins Spiel, die sich aber ebenfalls negativ auf das Ansehen der Konzerne auswirken. In bestimmten Stadteilen kommt es zum Ausbruch von Krankheiten, wird das Organisierte Verbrechen aktiv, kommt es zu einem Ausfall oder die Menschenrechtsorganisation hält mal wieder eine ihrer Demos ab. Brandherde gibt es genug für die Konzerne zu löschen.

Roboter als billige Arbeitskräfte

Stein des Anstoßes sind oftmals die Androiden, effektive Roboter, die schneller und billiger arbeiten als ihre menschlichen Pendants. Unter dem Strich sind die Androiden aber ein lohnendes Geschäft für die Konzerne. Im Spiel ist der Bau von Androiden sogar unerlässlich. Nur Stadtgebiete, in denen sich ein Android-Marker befindet, können überhaupt Ressourcen produzieren. Der Einsatz von Androiden lässt die Unruhe in den Stadtgebieten aber steigen und es kommt irgendwann zum Streik. Einen Streik solltet ihr möglichst verhindern, da im Streikgebiet ebenfalls keine Ressourcen hergestellt werden. Es ist also ein ständiges Taktieren der Konzerne.

Taktieren müsst ihr auch mit den individuellen Aufträgen auf eurer Kon-Übersicht. Jeder Konzern erhält Kapital für das Erfüllen eines bestimmten Auftrags. Ihr solltet eure Strategie also auch danach ausrichten, damit sich eure Konzernkasse schnell füllt. Je mehr Aufträge ihr erfüllt, desto besser steht euer Konzern am Ende da. Durch die unterschiedlichen Aufträge und Aktionskarten spielt sich jeder Konzern ein wenig anders. Eine weitere Individualisierung findet durch die einzigartigen Notfallkarten statt. Dabei handelt es sich um besonders mächtige Aktionskarten. Setzt ihr die Notfallkarten als Aktion ein, so werden sie nicht wie üblich abgelegt. Ihr könnt die Karte verdeckt vor euch ablegen und sie durch bestimmte Effekte wieder aktivieren und einsatzbereit machen.

Wer ist der Verräter?

New Angeles wird über sechs Runden gespielt, in deren Verlauf insgesamt dreimal die Nachfrage der Einwohner befriedigt werden muss. Am Ende des Spiels kommt es auf euer Kapital an, dass ihr im Spielverlauf gesammelt habt. Eure Mission: mehr Geld als der rivalisierende Konzern zu besitzen. Der Rivale wird vor Spielbeginn zufällig durch das Ziehen einer Karte ermittelt. Wer euer Rivale ist, bleibt bis zum Ende des Spiels jedoch geheim. Durch diesen Umstand kann es auch dazu kommen, dass es gleich mehrere Gewinner gibt. Erreicht die Bedrohung im Spielverlauf aber das Level 25, haben alle Spieler verloren.

Lediglich der Föderalist ist fein raus. Er hat sich auf die Seite der Regierung geschlagen und gewinnt das Spiel, wenn die Bedrohung das besagte Niveau erreicht hat. Trotzdem muss auch der Föderalist auf sein Kapital achten, mindestens 25 Kapital-Punkte muss er gesammelt haben, um das Spiel zu gewinnen. Als Föderalist solltet ihr auf jeden Fall eure Identität möglichst lange geheim halten. Eure Mitspieler werden dafür sorgen, dass ihr auf keinen grünen Zweig mehr kommt, sollten sie von der Sache Wind bekommen.

New Angeles ist ein Brettspiel für vier bis sechs Spieler ab vierzehn Jahren. Die Dauer der Partie hängt stark von eurer Diskutierfreudigkeit in den Verhandlungsrunden ab. Rechnet also lieber mit einem abendfüllenden Programm, zwischen zwei und vier Stunden wird euch das Spiel schon abverlangen. Preislich müsst ihr mit ungefähr 50€ rechnen.

für bis zu 6 Spieler geeignet
mit Verrätermechanik
semikooperative Spielweise
hochwertiges Material
dichte Atmosphäre
Konzerne spielen sich unterschiedlich
mindestens 4 Spieler werden benötigt
eine Partie kann sehr lange dauern

Sebastian Hamers

New Angeles hat mich mit seiner starken Atmosphäre schnell begeistert. Während des Spiels habe ich mich tatsächlich wie der Big Boss eines Megakonzerns gefühlt, der mit allen Mitteln agiert und versucht, andere für sich einzunehmen. Ob New Angeles bei euch auch so gut ankommt, hängt zu einem großen Teil von eurer Spielgruppe ab. Das Spiel lebt hauptsächlich von den hitzigen Diskussionen unter euch. Bündnisse werden genauso schnell wieder gebrochen wie sie eingegangen wurden und im Hintergrund werkelt möglicherweise auch noch ein Verräter, der alle in den Abgrund treiben möchte. Nicht jede Gruppe steht auf Lug, Trug und Verrat an einem Brettspielabend. Wenn ihr euch aber darauf einlassen könnt, dann erwartet euch ein exzellentes semi-kooperatives Spiel mit hoher taktischer Tiefe und einer dichten Atmosphäre. Lob gibt es für das hochwertige Spielmaterial, inklusive der 24 beigefügten Miniaturen. Gut gefallen hat mir auch die Individualität der Konzerne. Jedes Unternehmen hat ein eigenes Profil und spielt sich auch recht verschieden. Ich bin schon sehr gespannt, demnächst wieder mit einem anderen Konzern ins Rennen zu gehen. Mit diesen Trümpfen hat mich New Angeles begeistert und dafür gesorgt, dass ich es schon recht bald wieder gerne aus dem Regal holen würde.
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