Test: Nosgoth (Beta)

Die Euphorie unter den Fans der Legacy of Kain-Reihe war groß, als sich der Publisher Square Enix die Domain nosgoth.com sicherte. Umso größer war die Ernüchterung, als klar wurde, dass es sich lediglich um ein PvP-Spiel im Nosgoth-Universum handelte, welches die Geschichte um Kains Vermächtnis wohl kaum vorantreibt. Trotzdem ist Nosgoth keine pure Franchise-Verwurstung. Der Entwickler Psyonix hat bereits am Multiplayer-Part des 2011 gecancelten Legacy of Kain: Dead Sun gearbeitet und wollte seine getane Arbeit schlicht und einfach nicht wegwerfen. Aus der Asche der toten Sonne wurde der Phönix Nosgoth geboren. Ob dieser Vogel fliegt, oder ob Kain ihm die Flügel stutzt, haben wir für euch herausgefunden.

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Im Flashpoint-Modus werden Leuchtfeuer (Mitte) eingenommen, bzw. verteidigt. Eine riesige Statue von Raziel erinnert an die Wurzeln des Spiels.

Mehr Handlung als Story

Wie bereits eingehend erwähnt ist Nosgoth kein verworrenes Storyspektakel, wie es manch einer von der ursprünglichen Reihe gewohnt sein mag. Dennoch geben sich die Entwickler Mühe, dem Franchise treu zu bleiben und die Ideen und Atmosphäre der Vorgänger einzufangen. Orts- und Clannamen, Runen und Fähigkeiten sind von den alten Spielen inspiriert. Zeitlich einzuordnen ist der Titel zwischen dem Intro und dem Gameplay des ersten Soul Reaver. Also in den Jahren, in denen Raziel im Seelenstrudel halbtot vor sich hin vegetiert. Das ist aber eigentlich schon mehr als man wissen muss. „Es herrscht eben Krieg zwischen Mensch und Vampir.“, lautet wohl die einfachste Erklärung. Wer Legacy of Kain kennt, dem wird das ein oder andere also bekannt vorkommen, alle anderen werden auch ohne Vorwissen ihren Spaß am Gemetzel haben.

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Der Sentinel gibt einer Alchemistin Flugstunden.

Mensch vs. Vampir

Der stärkste Part des Spieles ist wohl das Gameplay selbst. Derzeit gibt es drei Spielmodi in Nosgoth: New Recruit, Deathmatch und Flashpoint. Dabei ist New Recruit mit dem normalen Deathmatch nahezu identisch, aber nur für alle unter Level 15 zugänglich. Die momentan noch fünf Maps rotieren immer zufällig. Im Deathmatch spielen vier Sterbliche gegen vier Blutsauger, wobei ein Match aus zwei Runden besteht. Eine Runde wird beendet, sobald eines der Teams als erstes 30 Kills erreicht hat, oder 10 Minuten vorüber sind. Danach findet ein Teamwechsel statt. Ihr spielt also in jedem Match immer auf beiden Seiten, einmal als Mensch und nach der Halbzeit als Vampir (oder eben andersherum). Wer genug Freunde hat, kann auch private Matches mit verschiedenen Einstellungen anlegen. Im zweiten Spielmodus geht es hingegen nicht primär um Kills, sondern entweder darum als Menschen bestimmte Punkte einzunehmen, oder als Vampir die Einnahme der Menschen zu verhindern. Auch hier gibt es zwei Runden mit Teamwechsel.

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Ein Vanguard gibt seinen Teammates einen Buff. Moment. Sind das da fünf Menschen? Einer ist ein verwandelter Täuscher, nur welcher?

Shooter vs. Nahkampfaction

Dieser Seitentausch ist deswegen notwendig, weil sich beide Rassen sehr unterschiedlich spielen. Während wir als Menschen in Third-Person-Shooter-Manier den Fernkampf vom Boden aus bevorzugen, teilen Vampire ihren Schaden lieber im Nahkampf aus und können auch auf Gebäude klettern. Kleine Ausnahmen bilden da die beiden neusten Klassen: die Beschwörerin (Vampire) und der Vanguard (Menschen). Die, bisher einzige, Vampirdame beschwört Dämonen, die Menschen angreifen, wirft magische Geschosse mit Flächenschaden und kann sich mit einem Schild vor menschlichem Beschuss schützen. Der Vanguard, den wir zusammen mit den Entwicklern vorab testen durften, kämpft zwar auch mit Wurfäxten aus der Distanz, kann aber ebenso mit seinem Schild gut Nahkampfschaden austeilen und allen seinen Verbündeten einen kurzen Buff geben, um sie vor den Klauen der Vampire zumindest kurzzeitig zu schützen.

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Tank vs. Tank – Links der Vanguard (Menschen), rechts ein Tyrann (Vampire)

Diversität

Insgesamt gibt es in Nosgoth 10 Klassen, von denen euch vier zu Anfang des Spieles zur Verfügung stehen. Weitere müsst ihr erst freispielen, oder mit Echtgeld kaufen. Die Fähigkeiten der Charaktere sind dabei obendrein noch sehr unterschiedlich. Je nach ausgewählten Fähigkeiten, kann jede Klasse auch noch unterschiedliche Aufgaben unternehmen. Die Vampirklasse Täuscher kann sich beispielsweise kurzzeitig in einen Menschen verwandeln und mit etwas Geschick die Gruppe von innen heraus angreifen. Er kann aber stattdessen auch mit Hilfe der Gedankenkontrolle ein Individuum der Menschen aus der Gruppe lösen und zu seinen Mitstreitern lotsen. Die Alchemistin bei den Menschen kann sich zwischen Gift auf dem Boden, der Vampiren schadet, oder Heilnebel, der Verbündete heilt, entscheiden. Gibt es keinen Heiler im Team so müssen verwundete Menschen auf Heilstationen zurückgreifen, die überall auf der Map verteilt sind und obendrein noch die Munition aufstocken. Vampire können einen kleinen Teil ihrer Gesundheit regenerieren, müssen aber für eine volle Heilung die Leichen der gegnerischen Menschen exekutieren. Die Menschenleichen könnt ihr nicht nur aus der Schusslinie ziehen, sondern schwer verletzten Mitspielern auch vor die Füße legen.

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Ein Sentinel, die Flugklasse der Vampire, gönnt sich Vanguardblut

Zusammen seid ihr stark

Teamwork ist bei Nosgoth aber nicht nur beim Heilen wichtig. Spielt ihr als Menschen, so ist es elementar das Team nicht aufzulösen, aber auch nicht auf einem Haufen zu stehen. Als Vampire ist es ebenso wichtig zusammen anzugreifen, denn sind die Menschen in der Überzahl hat ein einzelner Vampir auch keine Chance. Leider sind die Kommunikationsmöglichkeiten im Spiel noch nicht sonderlich ausgereift. Der Voice-Chat im Spiel hat eher schlechte Qualität und zerstört dadurch die sonst so gelungene Atmosphäre, das Tippen im Chat dauert zu lange um im Gefecht nützlich zu sein.
Die Maps sind abwechslungsreich gestaltet und bieten viele Areale mit unterschiedlichen Höhenlagen. Derzeit gibt es vier menschliche Gebiete, und die Höhle des Vampirclans der Razielim. Mehr sollen aber folgen, so ist die nächste Map die Vulkanstadt der Turelim. Ebenso hübsch anzusehen sind die unterschiedlichen Klassen und deren unterschiedliche Skins. Störend ist nur, dass die Texturen oft nachladen und die Kollisionsabfrage nicht immer 100%ig autentisch wirkt. Beim Test des Vanguard ist uns aufgefallen, dass die Wurfäxte oft nicht in den Vampiren stecken, sondern neben ihm schweben.

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Laut Spiel steckt diese Wurfaxt im Kopf des Vampirs. Wir erheben Einspruch.

4 gegen 4?

Am Ende eines Matches erhaltet ihr dann Gold und Erfahrungspunkte für Kills, Assists, das Heilen von Menschen oder das Aussaugen von Menschen. Mit dem Level werdet ihr allerdings nicht stärker, sondern erhaltet mit dem Fortschritt lediglich neue Items oder Klassen, die euch wiederum aber auch nicht stärker machen. In Nosgoth macht Übung alleine den Meister, und deswegen richtet sich das Matchmaking auch nicht nach den Leveln der Spieler, sondern nach deren Können. Jeder neuer Spieler erhält einen Rang, der momentan nicht einsehbar ist. Je nachdem wie gut ihr in eurem Team seid, ob ihr gewonnen oder verloren habt, und wie lange ihr am Match teilgenommen habt, sinkt oder steigt dieser Wert.

Mit der Zeit werdet ihr mit Spielern zusammengelegt, die einen ähnlichen Rang haben. Das hört sich in der Theorie alles ganz toll an, funktioniert in der Praxis aber noch nicht ganz so gut. Die Änderungen im Rang werden nämlich erst nach dem Match vorgenommen. Wer das Spiel vorzeitig verlässt, weil er frustriert ist, wird nicht heruntergestuft und landet immer wieder in Matches mit besseren Spielern. Allzu oft mussten wir erleben, dass Mitspieler das Team im Stich lassen. Schnell wird aus dem 4vs4 ein 3vs4, wenn nicht sogar noch weniger. Eine Strafe für das Aussteigen gibt es nämlich noch nicht, sie soll aber noch kommen. Ebenso bleiben Cheater derzeit noch ungestraft.

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Teamwork: Eine Beschwörerin hetzt dem Vanguard ihre Minions auf den Hals und benutzt ihr Schutzschild. Den Vanguard wiederum umgibt ein Schutzschild einer Prophetin.

Reines Free-2-Play

Das Spiel ist vollkommen kostenlos, es gibt aber Möglichkeiten Geld zu investieren, das allerdings keine Auswirkung auf die Stärke des Spielers hat. Sämtliche Waffen und Fähigkeiten lassen sich ebenso mit Ingame-Gold erwerben und keine davon ist stärker als die andere. Eine Waffe, die mehr Schaden macht, schießt dafür dann eben langsamer. Außerdem gibt es nach jedem Match die unabhängige Chance ein Item zu erhalten. Diese haben dann (im Gegensatz zu denen im Shop) je nach Art immer Buffs und genausoviele Nerfs. Unheimliche Items haben eine positive und eine negative Eigenschaft, Geheime Items jeweils zwei.

Mysteriöse Gegenstände lassen sich leveln und offenbaren ihre Stats mit jeder Stufe, am Ende erhalten sie einen zufälligen visuellen Effekt, der aber sonst keine Auswirkungen hat. Eine Armbrust mit Feuereffekt bringt die Gegner beispielsweise nicht zum Brennen. Für echtes Geld gibt es neben den bereits erwähnten Skins noch Booster für Gold oder Erfahrungspunkte, die sich im Spiel dann aufs ganze Team auswirken. Das Mehr an XP macht euch aber, wie bereits erwähnt, nicht stärker. Außerdem gibt es natürlich noch die Option ganze Pakete für echtes Geld zu kaufen, mit denen ihr eine Klasse, deren Fähigkeiten, etwas Gold und außerdem noch ein exklusives Banner erhaltet. Für die Zukunft soll es außerdem noch ein Crafting- und Trading-Feature geben, sowie Daily Rewards. Wir sind gespannt wie sich Nosgoth noch entwickelt.

Keine Free-to-Play-Abzocke
Spaßige PvP-Action
Sehr unterschiedliche Klassen und Fähigkeiten
Schicke Optik und Atmosphäre
Noch recht wenige Maps und Spielmodi
Matchmaking noch nicht optimal
Teamkommunikation eingeschränkt

Manuel H.

Nosgoth ist natürlich keine Fortsetzung, die die Geschichte von Legacy of Kain vorantreibt, aber es ist ein richtig spaßiges, blutrünstiges und atmosphärisches PvP-Spiel. Klar gibt es aufgrund des Betastatus noch das ein oder andere Makel, bis jetzt wurde das Feedback der Community aber immer berücksichtigt. Was uns derzeit fehlt sind mehr Maps, mehr Spielmodi, mehr Ansporn zum Leveln, bessere Kommunikationsmöglichkeiten und Schutzmaßnahmen gegen Cheater und Leaver. Wenn man den Versprechen Glauben schenken darf, wird aber all das noch nachgeliefert. Jeder der Legacy of Kain gespielt hat, sollte Nosgoth eine Chance geben und alle anderen erstrecht. Wir haben jedenfalls Blut geleckt.
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